Sonntag, 18. Dezember 2011

Herzlich Willkommen zur großen Geschichte Gottes!

Eine Rezension zu Louie Giglios „I am not but I know I AM”

Louie Giglio hat eine Passion, eine Leidenschaft im Leben. Er möchte die Menschen von der Wirklichkeit erzählen, dass es in dieser Welt nicht um sie geht. Unsere Geschichte ist sehr klein, wenn man sie in Beziehung setzt zu der welt(all)-umspannenden Geschichte, die Gott seit Ewigkeiten schreibt. Unsere Geschichte ist mickrig, und wir finden unsere Erfüllung erst dann, wenn wir uns bereit erklären, an Gottes unglaublicher Geschichte teilzuhaben. Dafür lebt nicht nur Louie, davon singen und sprechen nicht nur mehrere 10.000 Jugendliche auf den jährlichen Passion-Conferences in Atlanta. Davon handelt auch Louie’s 2005 erschienenes Buch ‚I am not, but I know I AM.“

1.      Wer bin ich?
Es ist eine der zentralen Fragen unseres Lebens; ob wir uns für religiös oder spirituell halten oder nicht. Wer bin ich? Louie Giglio stellt diese Frage in seinem Buch uns zeigt uns, dass wir unsere Persönlichkeit nicht aus uns selbst verstehen können. Wir können uns nur in Beziehung zu Gott verstehen. Wie es in dem Lied von der US-amerikanischen Band ‚Casting Crowns‘ heißt:
„You remind me, who I am – I am yours!”
Louie benutzt in seinem Buch etwas andere Worte, aber der Grundgedanke ist derselbe. Louie schreibt:

„[J]oining out small stories to His will give us what we all want most in life anyway: the assurance that our brief moments on earth count for something in a story that never ends.“ (S.15)

Unsere Geschichten sind kurz, bedeuten meistens nicht viel. Louie zeigt in seinem Buch aus, dass wir eine größere Bestimmung haben – wir sollen teilhaben an einer größeren Geschichte, der Geschichte Gottes. An einer Stelle in dem Buch redet Louie von einem kleinen Jungen, den er in einer großen Kapelle beobachtet. Man sieht dem kleinen Mann offensichtlich an, dass er sich der Aufmerksamkeit bewusst ist, die ihm sowohl von seinen Eltern, als auch seinen Geschwistern, also auch Fremden entgegenkommt. Kinder sind es gewohnt – so Louie – die Welt für etwas zu halten, dass sich um sie dreht. Oft genug sagen wir es ihnen ja auch. Darauf entgegnet Louie:

„But what they really need to hear at birth is, „We love you so much, and want you to know we are really excited you are here. Welcome to the story that is already in progress!” (S.24)

Und diesen Satz sollten wir nicht nur unseren Kindern immer wieder sagen – sondern auch uns selbst. Herzlich Willkommen zur großen Geschichte Gottes.

„Everywhere we go we walk into a story in motion. Before we ever arrive, God is on the scene carrying out His plan and causing all things to work for his fame. We arrive to join the regularly scheduled program in progress.“ (S.108)

Wer die Frage nach sich selbst und seiner Persönlichkeit wirklich beantworten will, muss anfangen, sich im Licht Gottes zu sehen. Er muss beginnen, zu verstehen, dass es nicht um ihn geht, sondern „that the story allready has a star, and the star is not you or me.“ Der Star ist Jesus!

2.      Was das Buch kann…
In dem Buch muss man bereit sein, sich auf eine andere Art von ‚theologischem Buch‘ einzulassen. Was man darin findet, ist weit entfernt von tiefer (oder wissenschaftlicher) Exegese eines Bibeltextes. Es geht mehr darum, eine wichtige Nachricht rüberzubringen: Es geht nicht um dich! Dazu benutzt Louie unheimlich viele eindrückliche Wortspiele und Beispiele aus seinem Leben, die sich einprägen. Es liest sich sehr anders als die Bücher, die sonst auf meinem Nachttisch liegen. Aber es ist eine Fundgrube von wunderbaren Zitaten.
Hier ein kurzer Rundumschlag meiner Lieblingszitate aus dem Buch: „Knowing I AM means celebrating your smallness in light of his greatness.“ „God is more massive that our wildest imagination, bigger than the biggest words we have to describe him. And he’s doing god today – sustaining galaxies, holding every star in place, stewarding the seemingly chaotic eventy of earth to His conclusion within His great story.” “Sabbath is not so much about a day off as it is a ‘day up’ – a day to remember that He is God and we are not.” und “When God made the universe, His goal was not to make a habitat for man, but rather to make a statement about Himself.”

3.      Schluss
Dieses Buch lässt sich einfach in einem Satz zusammenfassen: „Herzlich Willkommen zur großen Geschichte Gottes.“ Aber es wäre ein Fehler, dieses Buch nicht zu lesen, weil man glaubt, die Botschaft schon zu kennen. Ich empfehle: Taucht ein in die sprachgewaltigen Bilder, die Louie in jedem Kapitel malt, um deutlich zu machen, wie klein wir sind und wie groß unser Gott ist. Gott ist wirklich, wirklich groß. Und wir dürfen an seiner Geschichte teilhaben.
Das ist die Missio Dei.
Das ist unser Gott.
„God is on the move – so get the roads ready.“
(Christopher Wright, The Mission of Gods People, S. 183)

Gods Bless,

Restless Evangelical

Giglio, Louie: i am not but i know I AM - welcome to the story of God
Colorado Springs, Multnomah, 2005
ISBN: 978-1-59052-275-2

Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
http://www.ftabooks.de/

Giglio, Louie

Samstag, 10. Dezember 2011

„Aus großer Kraft folgt große Verantwortung!“



- Ein Blick auf Möglichkeit und Verantwortung

In den letzten Wochen gab es nicht wenig Gesprächsstoff über die Mission der Gemeinde. Kevin DeYoung und Greg Gilbert – zwei wichtige Identifikationsfiguren in der Bewegung der New Calvinists – haben mit dem Buch „What ist he Mission oft the Church“ einigen Grund zu, nachdenken und debattieren gegeben. Zu gegebener Zeit wird es eine ausführlichere Rezension dieses Buches auf meinem Blog geben.
Heute möchte ich einen kurzen Absatz diskutieren, der im letzten Kapitel des Buches steht.
Dort heißt es:
„I’m just saying don’t confuse opportunities and responsibilities. Just because you can do something doesn’t mean we have to.”(S.259)
Der weite Kontext des Satzes liegt darin, ob wir uns schuldig fühlen sollten für die Armut und das Leid in der Welt. Die Frage, die der Satz also aufwirft, betrifft nicht die Möglichkeit zur aktiven Hilfe, die uns in der westlichen Welt schon beinahe in die Wiege gelegt wird. Diese Frage zu stellen wäre geradezu lächerlich. Die Frage ist vielmehr: Müssen wir dann auch etwas tun? Stimmt der Satz, den ich zur Überschrift dieses Artikels gewählt habe?
Davon bin ich überzeugt und wenn ihr mir einige Minuten gebt, dann werde ich versuchen, euch den Grund für diese Überzeugung darzulegen.

1.      Die Frage nach der Haushalterschaft

Wir sind Verwalter in einer Welt, in der uns so gut wie alles gegeben ist, aber so gut wie nichts gehört. Es ist uns alles anvertraut, damit wir das meiste daraus machen. Und das betrifft nicht nur unser Geld; es geht um unsere Zeit, unsere Gaben, unser Leben. Nichts von dem, was wir haben, gehört wirklich uns. Wir sind nur Verwalter eines Gutes, nicht Besitzer.
Manfred Siebald hat das in der ihm eigenen Art in einem Lied ausgedrückt:
„Was wir so fest in Händen halten, das ist uns alles nur von Gott geliehen.
Wir dürfen es verwalten und dürfen es gestalten und geben es zurück an ihn.
(Manfred Siebald, Das Leben sieht ganz anders aus, 1985, Hänssler)
Nun ist es aber – auch wenn es mir schwer fällt, das zu schreiben – nicht Manfred Siebalds Gitarre, die einen Satz zur Wahrheit macht. Doch er bewegt sich hier auf durchaus biblischem Boden.
Denken wir an den Reichen Bauern in Lukas 12 und wie Gott ihm die – in gewisser Weise schon ironische – Frage stellt: „Wem gehört dann [nach deinem Tod], was du dir angehäuft hast?“ (NeÜ) Die Antwort ist impliziert. Wem könnte denn das alles gehören, als dem, der das alles geschaffen hat?
Auch das sog. Gleichnis von den anvertrauten Talenten kommt in den Sinn. „Er rief zehn seiner Sklaven zu sich und gab jedem ein Pfund Silbergeld1. 'Arbeitet damit, bis ich wiederkomme!', sagte er.“(Lukas 19,13 NeÜ), steht es dort. Wir sollen mit dem Arbeiten, was uns anvertraut ist – und nicht denken, dass es uns gehört.
Wir sind nicht die Besitzer unserer Güter, sondern nur Verwalter – und das bedeutet, dass wir sie gut verwalten sollten. Der Maßstab für eine gute Verwalterschaft ist der, dem unsere Güter gehören. Wir sollen damit so umgehen, wie Gott es möchte. Wir sollen unsere Güter, unser Geld, unsere Zeit, unser ganzes Leben, so einsetzen, wie Gott es von uns möchte – und nicht so, wie wir uns fühlen.

2.      Gute Verwalter fragen nach dem Besitzer

Wir müssen uns also, wenn wir der Ausgangsfrage nachgehen, darüber klar werden, was der eigentliche Besitzer unserer Gaben damit möchte, was er von uns erwartet.
In Jesaja 58,6-7 kommen wir dem Wunsch Gottes mit unserem Geld sehr nahe. Dort steht:
Nein, ein Fasten, das mir gefällt, ist so: Löst die Fesseln der Ungerechtigkeit, knotet die Jochstricke auf, gebt Misshandelten die Freiheit, schafft jede Art von Unterdrückung ab! Ladet Hungernde an euren Tisch, nehmt Obdachlose bei euch auf! Wenn du jemand halbnackt und zerlumpt herumlaufen siehst, dann gib ihm etwas anzuziehen! Hilf dem in deinem Volk, der deine Hilfe braucht!“ (NeÜ)
Gott drückt es deutlich aus, was er mit seinen Gaben angefangen wissen möchte. Es ist Gerechtigkeit und es ist Gnade. Es ist Mitgefühl und es ist Anteilnahme. Es ist Selbstentsagung und es ist das Höcherachten des anderen. Nehmen wir eine andere, neutestamentliche Stelle.
„Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, dann lade nicht deine Freunde, deine Brüder oder deine Verwandten ein, auch nicht deine reichen Nachbarn. Denn sie würden dich wieder einladen, und das wäre dann deine Belohnung. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Behinderte, Gelähmte und Blinde ein! Dann wirst du dich freuen können, weil sie nichts haben, um sich zu revanchieren. Gott aber wird es dir bei der Auferstehung der Gerechten vergelten.“ (Lukas 14,12-14 NeÜ)
Tim Keller macht in seinem Buch „Generous Justice“ darauf aufmerksam, dass diese Stelle nicht nur bedeutet, was diese Stelle bedeutet. Denn reiche Nachbarn und Freunde einzuladen war im antiken Israel eine gängige Praxis, um sein Geschäft anzukurbeln. Es handelte sich also nicht nur um freundschaftliche Feiern, sondern um Geschäftstreffen, bei denen wichtige Kontakte geschlossen und Verhandlungen geführt wurden.
Wenn Jesus uns jetzt auffordert, in erster Linie die Armen, Schwachen, Randgruppen unserer Gesellschaft einzuladen, dann sagt er damit vor allem ein: „Mach es auch, wenn es dein eigener Nachteil ist!“ Denke nicht darüber nach, was es dir bringt – oder darüber, welche Möglichkeiten es dir nimmt, den andere zu helfen. Denke darüber nach, wie du durch ein solches Werk Gott verherrlichst. Denn du zeigst das Evangelium durch deine Taten.

3.      Wie das Evangelium unsere Sicht auf die Leidenden verändert
Du zeigst das Evangelium mit deinen Taten? Das Evangelium ist doch nicht soziale Gerechtigkeit, sondern Erlösung des Sünders, wirst du vielleicht einwerfen. Da hast du auch durch aus Recht – jedenfalls in einer sehr zentralen Stelle des Evangeliums geht es genau darum. Aber lasst uns reflektieren, was der Tod Jesu am Kreuz eigentlich bedeutet. Er bedeutet, dass sich ein reicher König erniedrigt hat und selbst zum Sklaven wurde – und nichts von seinem Besitz, selbst das eigene Leben – nicht einbehalten hat, um völlig unverdient auf die schlimmsten, sündigsten Kreaturen seine Gnade auszuschütten, sie in sein Königreich zu versetzen und sie zu einer neuen Schöpfung zu machen, in der sie ihrem ursprünglichen Zweck in dieser Welt wieder nachkommen können. Ist es nicht so?
Nun, dort sehe ich einige Parallelen zu unserer Frage, ob wir durch unsere guten Taten in der Welt nicht das Evangelium zeigen. Wenn wir uns bewusst werden, dass wir in uns selbst sündiger sind, als wir jemals geglaubt hätten, dann wird der Obdachlose auf der Straße, die Prostituierte am Straßenrand, die alleinerziehende Mutter, die nicht genug Geld hat, um ihre Familie zu ernähren, zu einem geistlichen Spiegelbild von uns selbst. Wir erkennen unseren eigenen geistlichen Status in ihnen, bevor Jesus uns seine Herrlichkeit offenbart hat! Wir erkennen, dass wir vielleicht nach außen hin ein ‚besseres‘ Leben geführt haben, aber nicht nach innen.
Und es ist da nicht eine natürliche – ja evangelistische – Reaktion, dass wir für diese Menschen ein Spiegelbild der bedingungslosen Gnade Gottes werden wollen?
Vor wenigen Tagen sagte ein Freund von mir, dass er sich folgendes Wünsche: Wenn sein Nachbarn, der nichts mit Jesus am Hut hat, mit dem er auch nicht wirklich oft redet, jemals von irgendwoher von Jesus hört, seine Reaktion sei: ‚Den kenn ich doch – der wohnt bei mir nebenan!‘
Ich denke, dass Tim Keller es in Generous Justice auf den Punkt bringt, wenn er schreibt:
„A lack of justice is a sign that the worshippers‘ hearts are not right with God at all, that their religious observance are just filled with self and pride“ (S.50)

4.      Zurück zu Möglichkeit und Verantwortung
Stellen wir uns einem vor, jemand würde folgendes zu dir sagen: “Wenn jemand zu dir kommt, uns unbedingt vom gekreuzigten Christus hören will, du aber eigentlich gerade zur Gemeindestunde aufbrechen wolltest – dann verwechsel nicht die Möglichkeit mit der Verantwortung. Nur weil du jemandem das Evangelium erzählen könntest heißt es nicht, dass du es auch musst.“ Würdet ihr im zustimmen? Natürlich nicht. Wer würde dem zustimmen. Lassen wir einmal die Bibelstunde ausfallen, um jemandem von Jesus zu erzählen!
Die gleiche Argumentation wird jetzt aber auch auf unsere Verantwortung für die Nöte in der Welt, den Hunger und die Armut, angewandt. Nur weil wir den Menschen helfen können, heißt das nicht, dass wir es müssen!
Nun, ich bin nicht überzeugt. Wenn es Jesu Auftrag war, den Randgruppen der Gesellschaft zu begegnen und ihnen nur nur seinen künftigen Tod zu predigen, sondern auch ihren Nöten zu begegnen (und das ist nicht nur im Lukasevangelium deutlich. Denken wir an Jesu Zitat aus Jesaja, das er auf sich anwendet à Lk 4,18f) und er dann sagt, dass er uns in die Welt sendet, genau wie er hineingesandt wurde (vgl. Joh 17,18), dann scheint unser Auftrag auch in beidem zu liegen.
Natürlich sollten wir niemals gute Taten, soziales Engagement und Einsatz für die Schwachen verwechseln mit der Verkündigung des gekreuzigten Christus. Die Lausanner Verpflichtung macht es deutlich:
„Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion ist nicht Evangelisation, politische Befreiung ist nicht Heil. Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation und soziale wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören. Denn beide sind notwendige Ausdrucksformen unserer Lehre von Gott und dem Menschen, unserer Liebe zum Nächsten und unserem Gehorsam gegenüber Jesus Christus.“ (Lausanner Verpflichtung, Punkt 5, http://www.lausannerbewegung.de/data/files/content.publikationen/55.pdf)
Das ist auch nicht der Punkt. Wir sollten weder das eine noch das andere über Bord werfen oder zu sehr ins Zentrum stellen. Wir haben eine Verantwortung für den ganzen Menschen, dem wir begegnen. Für sein leibliches Wohl, die Anerkennung seiner innewohnenden Würde, seinem Imago Dei, und gleichzeitig für seine geschundene Seele, die immer auf der Suche ist, bis sie Ruhe findet in Gott.  Wir sollen Versöhnung verkünden – mit Gott und mit dem Menschen. Wir sollen das Evangelium verkünden – mit Worten und mit Taten. Wir sollen unsere Güter gut Verwalten – zur Ehre und im Sinne Gottes, des Schöpfers.

5.      Schluss
Ich bin davon überzeugt, dass wir eine Verantwortung für unser Handeln haben; wie wir mit dem Umgeben, das uns geschenkt ist und wie wir den Menschen begegnen, die wir treffen und die in Nöten sind.
Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Louie Giglio:
„We want to essentially wedding this idea: That worship and justice are the same thing!

Gods Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 29. November 2011

Ihr helft niemandem!

Was mich in vielen christlichen Debatten stört.

Gestern abend war ich mit drei lieben Freunden zusammen und wir haben uns ausgetauscht über unser geistliches Leben und mancherlei anderes. Bei einer Gelegenheit kam die Sprache dann auf Rob Bell und sein skandalumwittertes Buch 'Love Wins'. „Und bei dir es die Allversöhnung darin, die dir zu schaffen macht?“, wurde ich dann gefragt.

1. Es gibt nichts Neues unter der Sonne
Das war Grund für mich, ein wenig darüber nachzudenken, was mich eigentlich daran stört – und was mich an dieser ganzen Zweifelsäherei stört, die manche 'christlichen Leiter' scheinbar kultiviert zu haben scheinen.
Denn es ist nicht in erster Linie die 'falsche Lehre', die mich darin mulmig stimmt. Das alles ist nicht neu. Spurgeon soll einmal gesagt haben: „Es gibt nichts Neues in der Theologie, außer das, was falsch ist.“ Klassischer Spurgeon-Populismus, den wir alle so lieben. Aber ich bin nicht sicher, ob der Predigerfürst darin recht hatte. Denn tatsächlich ist das meiste Falsche auch gar nicht neu. Manches Neues mag es geben – und über seine Richtigkeit kann man streiten. Aber wenn man die Theologie – und wir sprechen hier vor allem von populärwissenschaftlichen Werken – dann gibt es eigentlich wenig, was neu ist und was uns überrascht. Eigentlich ist über das, was Bell schreibt und was Brian Maclaren schreibt und was viele andere schreiben schon sehr viel geschrieben worden. Wenn man die Tinte aufwiegen würde, die in der Kirchengeschichte für theologische Litertur verbraucht würde, könnten wir unsere braunen, leergefischten Meere wieder ganz blau färben. Oder rot, wenn man die vielen Irrlehre-Korrekturen in manchen Kreisen auch mit einsaugen.
Warum also ist das Echo auf Bell so groß? Was stört mich – und da bin ich ja auch ofensichtlich nicht alleine – eigentlich an den Büchern, die uns durch die Hintertür den Zweifel an zentralen christlichen Lehren schmackhaft machen will?
Ich denke, dass es der Anspruch dieser Bücher ist, den Glauben in die Postmoderne hineinzuretten.
Denn, dieser Satz kam mir heute, als ich darüber nachdachte, ihr seid dabei nicht wirklich hilfreich! Das Christentum war immer radikal, war immer anders, war immer gegen die Kultur gewandt. Es war niemals einfach zu schlucken! Matt Chandler sagt einmal: „You can't contextualize the gospel to the point where it is no longer the gospel!“ Das blutige Kreuz, an dem der Erlöser-König für uns, an unserer Stelle stirbt, ist das Ende von jeder Anpassung.
Denn was viele Leiter heute machen, ist nicht den christlichen Glauben in die nächste Generation zu transportieren – sondern eine leere Hülle; es sind Worte, die sie mitnehmen, aber völlig anders füllen. Und das stört mich. Ihr helft dem einfachen Christen auf der Straße nicht wirklich dabei, den Glauben an andere Menschen weiterzugeben – und dadurch auch nicht, die Freude des Erlöser-Königs mit der ganzen Welt zu teilen und die Gnade auszugießen, die darin liegt.
Sondern ihr säht Zweifel an der Glaubwürdigkeit von dem, was wir Christentum genannt haben und was seit vielen Jahrhunderten Christentum genannt wurde. Und das stört mich.
Wie viel mehr würden wir erreichen, wenn wir gemeinsam darum kämpfen, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben – und damit meine ich den historisch nachweisbaren, christlichen Glauben, der in der Bibel bezeugt ist. Und nicht ein dynamisches Etwas, das kein historisches Gegenstück hat.
Ich denke, dass es das ist, was mich stört. Das es einfach nicht wirklich hilfreich ist, wenn man anderen Menschen von Jesus erzählen will. Denn welches Argument habe ich für Jesus – wenn die Bibel schon am Anfang über Jesus die Unwahrheit erzählt? Oder wie Bell es ausdrückt, „dass die Jungfrauengeburt nur ein bisschen Mythologisierung war, das die Evangelisten einstreuten, um die Anhänger des Mithras- und des Dionysos-Kultes anzusprechen.“ (Velvet Elvis, S. 22)

2. Womit ich keine Probleme habe! Oder: Es gibt hilfreiche Gedanken in der Emergent Church!
Für manchen mag der zweite Teil dieser Teilüberschrift schon anstößig sein. Aber ich meine es wirklich. Auch Bell hat wirklich biblische, hervorragende, herausfordernde Gedanken. Und auch nicht wenig! Wenn Christen die Bücher von ihm (oder Brian Maclaren – um mal einen anderen Namen zu schreiben; aber im Grunde kann man hier jedes Buch einfügen, dass es in den verschiedenen christlichen Buchläden zu kaufen gibt) lesen und dabei theologisch darüber reflektieren, was er sagt, dann können sie ein unheimlicher Segen sein. Ich bezweifel nur, dass es wirklich die meisten tun. Und in den Büchern, die ihnen im Katalog entgegenlachen, zwischen guten und schlechten Gedanken unterscheiden (selbiges gilt natürlich für jeden Blog und ich hoffe, dass manches hier den Ansprüchen auf 'Orthodox' anspricht). Ich bezweifel, dass wirklich viele Christen darüber nachdenken – weil den wenigsten vermittelt wird, dass sie es sollen! Was viele in den Büchern finden, ist ihr Wunschbild von Gott oder von der Kirche wiedergespiegelt; und deswegen übernehmen sie es kritiklos. Ohne darüber nachzudenken, ob das, was darin gesagt wird – und vor alles was von dem, was darin gesagt wird – den historischen und biblischen Messlatten für das Christentum entsprichen. Denn: Wir leben in einem freien Land, jeder darf seiner Religion nachgehen und ich bin sehr dafür. Es waren ja nicht umsonst die Evangelikalen (wie z.b. Baptisten), die als erstes für völlige Religionsfreiheit plädiert haben. Aber dann wäre es doch nur fair, dass wir deutlich sagen, was christlich ist und was nicht. Was evangelikal ist und was eben nicht mehr. Es sind ja nicht die Schubladen, die uns retten – sondern unser Erlöser, der durch alle Schubladen hindurchspaziert. Aber wir sollten fair und mutig genug sein, uns zu positionieren.
Und dann kann vieles anregende, gute und hilfreiche in den Büchern stehen, die jetzt in so manchem 'Irrlehre-Giftschrank' schmoren. Wenn wir bereit und willig sind, die Bücher danach zu untersuchen, ob sie falsches enthalten – und was von dem Guten wir übernehmen können.

3. Die vergessene Tugend – den eigenen Glauben herausfordern
Ich treffe viele Christen, die sehr stramm den Weg ihrer Denomination gehen und wenig Blick haben für das, was Links und Rechts des Weges liegt. Das gilt für konservative Evangelikale wir für liberale Evangelikale. Aber ich glaube, dass ein solche Glaube nicht wirklich wachsen kann. Dann die Strohmänner, die wir in unseren Köpfen, Büchern und Blogs gerne verbrennen, sind eben genau das: Strohmänner. Meist unsere eigene Kreation. Manchmal sind wir überrascht, wenn wir Christen treffen, die wir bis dahin immer nur als Strohmänner kannten – und merken, dass sie lebendig sind und, noch viel wichtiger, ihre Beziehung zu Jesus sehr lebendig ist.
Ich denke, es ist für einen Glauben, der wachsen will, unersetzlich, den eigenen Glauben auch immer wieder herauszufordern mit der Literatur oder den Vorträgen von Leuten, denen wir eigentlich gar nicht zustimmen wollen.
Tim Keller hat mal gesagt, dass man eine andere Meinung erst dann ablehnen darf, wenn man sie so wiedergeben kann, dass der Gegner einverstanden ist und nichts mehr hinzuzufügen hat.
Ich denke, dass in vielen Debatten und in vielen Christen diese Grundlage fehlt. Aber ich halte es für ein hohes – ein christliches – Ideal. Denn es hilft nicht nur darin, eine Debatte sachlich zu gestalten, sondern am Ende auch darin, den eigenen Glauben durch Prüfungen zu stärken.

4. Ein Wort zum Schluss
Dementsprechend: Lest Bell, lest Maclaren, lest Piper und lest Luther. Und schlagt nebenbei eure Bibel auf und fragt euch: Ist das wahr, was der und der mir hier verkaufen will. Wenn es das ist – und wenn es mit der Bibel übereinstimmt – dann nehmt es auf. Stimmt es nicht, dann sucht weiter, ob ihr nicht doch einen Gedanken findet, der euren Glauben stärkt. Ich bin sicher, dass wir dann in mehr büchern fündig werden, als wir das manchmal glauben.

Gods Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 15. November 2011

World of Pulpit Nr. 7 - ein Online Predigt Gathering


Nachdem mein letzter WOP schon wieder einige Zeit her ist, habe ich gestern mal wieder eine Predigt gehört, die ich wert finde, an dieser Stelle zu präsentieren.
Sie ist wieder – wie mein letzter WOP – von Andy Stanley und trägt den Titel 'Be Rich'.
Für alle, die jetzt erschreckt zurückschrecken und sich fragen, ob Joel Osteen in meiner Rangliste jetzt John Piper abgelöst hat, dem kann ich beruhigend zuraunen – wenn auch nicht laut aussprechen: John Piper ist noch immer mein größtes Vorbild.
Nein, nicht Joel Osteens Götzendienst ist gegenstand dieser Predigt, sondern der richtige Umgang mit Reichtum.

1. Vorbereitung auf kommenden Wohlstand

In einem Lang wie Amerika, noch mehr in einer Großstadt wie Atlanta, ist es nicht weit hergeholt, davon auszugehen, dass manche in einer Versammlung von 24.000 Leuten (plus diejenigen, die über Internet zuhören) in naher oder ferner Zukunft reich sein könnte.
Andy sagt, dass er will, dass seine Gemeindemitglieder vorbereitet sind, wenn sie eventuell reich werden. Das Problem wäre nämlich, so Andy, dass die meisten Reichen in Amerika (und hier kann man auch problemlos Deutschland einfügen) nicht wirklich gut darin sind, reich zu sein.
Reich sein, viel Geld zu besitzen, bedeutet immer auch, über eine große Macht zu verfügen. In dem ebenso dicken wie grandiosen Roman 'Eine Billionen Dollar' macht der Autor Andreas Eschbach auf die unglaubliche Macht aufmerksam, die hinter einer Menge Geld steckt.
Vor allem aber sollten wir unseren Blickwinkel wieder zurecht rücken. Vor wenigen Tagen stand ich mit einem lieben Freund an der FTH und wir haben uns überlegt, wie viel Geld man wohl so als Theologe verdient. Wieviel unsere Dozenten verdienen, und ob sie nach westlichen Maßstäben 'viel' verdienen. Das können wir natürlich nicht wissen und ich bin dankbar für den hervorragenden Job, den unsere Dozenten für uns tun.
Aber Andys Fragen in dieser Predigt haben mir die Situation noch einmal vor Augen geführt und mich fragen lassen, was ich mir dabei eigentlich denke?
Andy sagt, dass reich zu sein bedeutet, dass man nicht mehr genau weiß, wie viel Geld man hat; dass man genug Geld hat, dass man es irgendwo herumliegen lässt. Das ist die sprichwörtliche Portokasse. Dass nicht viele von uns davon einen 3er BMW bezahlen (ich hab mal meinen Aschenbecher im Auto geleert), ist klar. Aber alleine die Tatsache, dass ich immer mal fünf Centstücke aus versehen mit aufsauge, wenn ich mein Zimmer aufräume, sollte mir zu denken geben. Fünf Cent mögen bei uns nicht viel sein. Aber im relation dazu, dass eine ganze Menge Menschen auf dieser Erde mit weniger als 1 Euro pro Tag auskommen müssen, bekommen fünf Cent eine ganz andere Dimension.
Wer genug Geld hat, dass er nicht mehr auf die Stellen hinter dem Komma auf dem Kontoauszug achtet; wer genug Geld hat, dass er zu faul ist sich zu bücken, wenn ihm zwanzig Cents aus der Hosentasche fallen und sie einfach liegen lässt; wer genug Geld hat, soviel Brotbelag zu kaufen, dass er gar nicht alles essen kann (!) nur um der Auswahl wegen; der hat auch genug Geld, um es mit anderen Menschen zu teilen.

2. Die wichtigste evangelistische Methode

Was Andy in dieser Predigt über die Anfänge des Christentums sagt, ist natürlich verkürzt. Es gibt viele Faktoren, die dazu geführt haben, dass das Christentum zu dem geworden ist, was es ist; im positiven wie im negativen. Man sollte auch die geistliche Dimension dabei nicht außer acht lassen, dass Gott als souveräner Herrscher des Universums die Macht hat, sein geistliches Volk zu erhalten: auch und gerade durch schwere Zeiten hindurch.
Aber Andy trifft trotzdem bei einem wichtigen Punkt ins Schwarze. Das Christentum hat sich auch (!) so stark ausgebreitet, weil sich die ersten Christen um die Armen und Randgruppen der Gesellschaft gekümmert haben. Sie haben nicht in erster Linie die etablierten Geschäftleute, die gehobene Mittelschicht oder die Akademiker 'evangelisiert', sondern die, die am Rand der Gesellschaft standen. Vor allem aber haben sie bei diesen Leuten am meisten Einfluss bekommen; diese Menschen waren es, die nach Jesus geschrien haben – nach einem, der sie so sehr geliebt hat, dass er sich selber für sie geopfert hat; nach einem, der ihnen gleich geworden ist.
Jesus steht nicht in der Mitte der Akademiker und sagt zu uns: Geht dort hin zu den Armen und verwundeten. Jesus steht unter den Verwundeten und sagt: Kommt her, hier bin ich!
Wir werden nicht gerecht, wenn wir gute Taten tun; aber weil wir gerechtfertigt sind aus der Gnade Gottes heraus, deswegen entwickeln wir einen gnädigen Lebensstil. Das bedeutet, nicht die Nase zu rümpfen, wenn jemand stinkt, weil er sich seit Wochen nicht gewaschen hat.
Vor einigen Tagen war jemand bei uns im Plenum in der FTH, der von den 'Dimensionen eines gesellschafts-relevanten Gemeindebaus' berichtet hat. Er sagte dabei, dass wir durch unsere guten Taten vielleicht keine Evangelisation durchführen, aber die Atmosphäre schaffen, in der Evangelisation erst möglich wird.
Es mag sein, dass manche auf rein intellektuelle Art und Weise gerettet werden; sie verstehen das Konzept eines gerechten Gottes, erkennen ihre Schuld und glauben dem Evangelium. All das kann bei manchen eine rein rationale Sache sein.
Ich bezweifele aber, dass das bei den meisten Menschen so ist. Liebe Freunde, die meisten Menschen, die mit euch reden, haben kein Interesse an NT-Einleitungsfragen oder an einer genauen Entfaltung der 'übertragenen Gerechtigkeit'. Beides ist wichtig, das letzte sogar zentral.
Wenn wir aber den Menschen in erster Linie zuhören und eine Atmosphäre schaffen, in der sie erkennen: Hier bin ich sicher, hier bin ich angenommen, hier bin ich zuhause; dann ist es auch wesentlich einfacher, auf seelsorgerliche und einfühlsame Weise mit den Menschen über ihr Sündenproblem zu sprechen und ihnen den Ausweg zu zeigen. Wenn wir in den Menschen nicht in erster Linie ein Missionsobjekt sehen – oder schlimmer noch: ein Mitglied für unsere Gemeinde – sondern einen Menschen, der jenseits von Eden vollkommen verloren ist in dem Götzendienst, den er Selbstverwirklichung nennt.
Genau darum geht es, wenn wir und für Gerechtigkeit in der Welt, in unserer Stadt oder auch nur in unserem eigenen Kaufverhalten einsetzen!
Ich träume davon, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Menschen wieder auf die Christen sehen und sagen: Das Problem ist, dass sie sich nicht nur um ihre Armen kümmern – sondern auch um unsere!

3. Gegen Selbstverwirklichung

Am meisten gefällt mir Andys (und NorthPoints) Einstellung, keine eigenen Projekte zu gründen, sondern bestehende Projekte zu unterstützen. Mit Geld und Arbeitern. Es gibt viel gutes in eurer Stadt, macht nicht wieder euren eigenen Club auf. In manchen Punkten werden die Menschen nicht mit euch übereinstimmen (oder ihr nicht mit ihnen!), aber trotzdem habt ihr das gleiche Anliegen: Es ist Menschen zu helfen, die in Not sind.
Und dieses Prinzip würde ich – über die spezielle Predigt hinaus – nicht nur auf sozial-diakonische Arbeiten beziehen, sondern auch auf Gemeinden. Ihr werdet nicht immer, wahrscheinlich nie (es sei denn, ihr wohnt in Minneapolis oder Seattle) die perfekte Gemeinde finden; es wird immer Dinge geben, die euch Bauchschmerzen machen, mit denen ihr nicht mitziehen könnt, wo ihr Fragen habt, oder wo ihr vielleicht sogar gleich heraus andere Ansichten habt. Aber die Frage ist nicht, ob ihr die perfekte Gemeinde habt, sondern, ob ihr die Gemeinde habt, mit der ihr euch abfinden könnt. Alles weitere kann man versuchen, durch die eigenen Gaben, den eigenen Einfluss und viel Gebet zum besseren zu verändern. Und wer weiß – vielleicht lernt ihr auch noch etwas dabei darüber, dass der andere Jesus auch liebt und die Bibel auch liest!

Gods Bless,
Restless Evangelical

Sonntag, 13. November 2011

Des Sünders neue Kleider...

Die Geschenkte Gerechtigkeit Gottes

Seit der Reformation stand die evangelische Rechtfertigungslehre auf dem Grundsatz des 'simul justus et paecator'. Wir sind gleichzeitig Gerechte und Sünder. Obwohl Sünder in unseren täglichen Gedanken und Taten, sind wir doch gleichzeitig in Gottes Sicht gerecht.
Piper drückt es so aus:

„I cannot escape the exceding wonder, that not only does God look upon a guilty person in the court-room and exercises clemency and forgive him and say: 'You're guilty, I forgive you. Go and sin no more.' But he also, beyond all imagination, looks upon this guilty sinner and does not just say: 'You're guilty, I forgive you.' He says: 'Your not guilty!'“ (Predigtausschnitt in diesem Video bei Minute 4:37)

Der Grundsatz, der die evangelische Theologie seit Luther getragen hat, nennt sich 'imputed righteousness', oder 'übertragene Gerechtigkeit'. Luther nannte es den 'fröhlichen Wechsel'. Während unsere Sünde von uns genommen wird und auf ihn, den Messias, Gott selbst, gelegt wird, wird seine Gerechtigkeit – und damit die Gerechtigkeit Gottes selbst – auf uns gelegt. Wie ein Gewand legt er es uns um und sieht nicht mehr, wer wir sind, sondern wer Jesus in uns ist.

Gott liebt uns so wie wir sind?

Wenn man manche modernen Lieder oder auch gängige Phrasen in den evangelikalen Köpfen beobachtet, dann stößt man immer wieder auf eine: „Gott liebt mich(od. dich/ihn/sie/die Menschen) so, wie ich bin.“ Dieser Satz hat eine gewisse evangelistische Note. Immerhin wünschen sich die Menschen genau das. In unserer Welt, in der Profit und Geld mehr wert sind, als die Menschen, die ihn erwirtschaften, ist nur der Mensch geliebt, der etwas bringt; einer mit herausragenden Talenten oder der großen Idee. Einer, der sich von den anderen abhebt – und zwar so, dass ihm viele dabei folgen. Diejenigen, deren gaben nicht auf dem Silbertablett präsentierbar sind, bleiben dabei leider auf der Strecke. Nicht viele fühlen sich deswegen wertlos und unnütz und kurbeln dadurch den Kreislauf von Wertlosigkeit weil 'Silbertablettlosigkeit' weiter an. Aus diesem Strudel kann nur einer heraus helfen: Jesus. Soweit ist die Überlegung sehr biblisch und eine gute missionarische Möglichkeit. Wir sollten nur aufpassen, dass wir nicht einen Schritt zu weit gehen, und die Botschaft den Bedürfnissen der Menschen anpassen. Denn sagt uns die Bibel, dass Gott uns genau so liebt, wie wir als natürliche Menschen sind? Die Bibel sagt, dass wir von Natur aus 'Kinder des Zorns' (Epheser 2,3) sind. Die Sünde ist nämlich nicht wie kleine Dreckspritzer auf unserer weißen Weste. Sie ist zu unserer Natur geworden. Unsere Natur, das, was wir von unserem tiefsten Herzen aus wollen, ist also, dass, was Gott hasst. Worauf Gott zornig ist. Außerhalb von Christus hat nicht einmal ein kleines Kind etwas zu bringen, mit dem es vor Gott bestehen kann. Alles, was wir haben, ist die Sünde in uns. Und alles, was wir tun, ist Sünde. Denn jede Minute, die wir nicht zur Ehre Gottes leben, verfehlen wir das Ziel, für das wir geschaffen wurden. Und genau das ist die Bedeutung von Sünde: Zielverfehlung.
Kann ich also sagen, dass Gott uns genauso liebt, wie wir sind? Liebt er alles an mir? Nimmt er mich vorbehaltlos an? Allem dem kann man – biblisch betrachten – höchstens mit vorbehalt zustimmen.
Gott liebt uns nicht eigentlich genauso wie wir sind – er liebt uns obwohl wir so sind, wie wir sind.
Gott liebt nicht eigentlich alles an uns – er liebt eher uns als seine Geschöpfe.
Gott nimmt uns nicht eigentlich vorbehaltlos an – er nimmt sich die Freiheit raus, uns wieder in sein Ebenbild zu verändern!
Wir müssen diesen Paradigmenwechsel wieder vollziehen. In unseren Köpfen hat sich heimlich eine ziemliche Menschzentriertheit eingeschlichen. Es geht alles darum, sich selbst anzunehmen, seine Persönlichkeit auszubilden und 'you best life now' zu leben. Es klingt immer so, als würde sich Gott um uns drehen, als wären wir das Zentrum des Universums, die Sonne. Und Gott dreht sich um uns. Tut alles, damit wir glücklich sind und unsere Wunden geheilt werden und unsere Feinde niedergestreckt zu Boden gehen.
Die Bibel sagt aber nicht, dass Gott sich um die Menschen dreht. Er hat die Menschen dazu geschaffen, sich um ihn zu drehen. Der große Fehler, der den Graben zwischen Menschheit und Gott so tief gemacht hat, dass er unüberwindbar wird, ist erst dadurch entstanden, dass wir angefangen haben, uns um uns zu drehen. Das war der Anfang vom Ende – und wir haben ihn in unseren Gemeinden kultiviert.
Wir sind nicht Gottes Superstars – wir sind der Sternenstaub, der zum großen Superstar zeigt.

Einmal in weiß heiraten.

Und trotzdem nimmt Gott uns an. Und trotzdem sorgt er für uns. Trotzdem kümmert er sich sogar um unsere täglichen Bedürfnisse; so sehr, dass Jesus uns sogar auffordert, dass wir uns darum keine Sorgen machen sollten. Woran liegt das? Wenn wir doch eigentlich Feinde Gottes waren; von ihm getrennt und von Kindesbeinen an unter seinem Zorn standen für das, was wir jeden Tag tun und denken und sagen? Wieso kümmert er sich trotzdem um uns? Wieso sind wir hier – als Christen – und behaupten, nicht nur Vergebung erfahren zu haben; wir behaupten, gerechtfertigt zu sein. Das heißt, dass wir nicht nur einen Schuldenberg losgeworden sind, sondern dass es so ist, als hätten wir niemals einen gehabt?
Das ist die Frage, die sich auch Luther gestellt hat, und die zur Reformation geführt hat: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ War ist das Geheimnis des Universums, dass es schafft, schuldige Sünder vor dem gerechten Gott auftreten zu lassen und bei diesem Erfinder aller Gerechtigkeit eine so 'ungerechte' Reaktion hervorzurufen – du bist unschuldig?
Es ist das Kreuz, an dem Gott selbst stirbt und Gott selbst den ganzen Zorn über die Sünde des Menschen trägt. Er ist nicht ungerecht, wenn der Mensch als Schuldlos betrachtet wird; denn der Zorn wurde ausgegoßen. Ihm wurde genüge getan. Denn es gibt einen Stellvertreter. Den Herrn der Herren, den König der Könige selbst, der zum dienenden Fürsten wird, blutig und geschlagen am Kreuz hängt und ausruft: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ In diesem Moment ist es volbracht worden, was Jesaja schon viele Jahrhunderte vorher vorhersagte:

Doch unsere Krankheit, / er hat sie getragen, / und unsere Schmerzen, / er lud sie auf sich. / Wir dachten, er wäre von Gott gestraft, / von ihm geschlagen und niedergebeugt. Doch man hat ihn durchbohrt wegen unserer Schuld, / ihn wegen unserer Sünden gequält. / Für unseren Frieden ertrug er den Schmerz, / und wir sind durch seine Striemen geheilt. Wie Schafe hatten wir uns alle verirrt; / jeder ging seinen eigenen Weg. / Doch ihm lud Jahwe unsere ganze Schuld auf. Er wurde misshandelt, / doch er, er beugte sich / und machte seinen Mund nicht auf. / Wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, / wie ein Schaf, das vor den Scherern verstummt, / so ertrug er alles ohne Widerspruch. Durch Bedrückung und Gericht wurde er dahingerafft, / doch wer von seinen Zeitgenossen dachte darüber nach? / Man hat sein Leben auf der Erde ausgelöscht. / Die Strafe für die Schuld meines Volkes traf ihn.“ (Jesaja 53,4-8 NeÜ)

Dieser Gottesknecht ist es, der seine weiße Weste auszieht, und sie uns anzieht. Sie komplett weiß, hatte niemand irgendwelche Flecken. Und er macht uns – die Gemeinde – zu seiner Braut. Es ist manchmal schwer für Männer, dieses Bild zu verstehen. Doch macht euch bewusst, was es bedeutet. Der König aller Zeiten und Schöpfer aller Dinge bindet sich so eng an uns, wie ein Ehemann an seine Ehefrau (und zwar ohne Ehevertrag! =)). Er hat uns genug geliebt, um selbst für uns zu bezahlen, alles zu erdulden, und am Ende sagen zu können: Du bist mein.
Das ist das Geheimnis des Universums. Der 'Tiefe Zaube', von dem in Narnia gesprochen wird. Es ist der fröhliche Wechsel unserer Schuld gegen seine Gerechtigkeit.
Paulus sagt das sehr deutlich:
Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2Kor 5,21 NeÜ)
Es ist seine Gerechtigkeit, wegen der wir Leben.
Es ist unsere Schuld, wegen der er stirbt.
Es ist seine Gerechtigkeit, die wir anziehen.
Es ist unsere Schuld, von der er uns befreit.
Es ist seine Gerechtigkeit, die uns die Flügel des Adlers gibt.
Es ist unsere Schuld, die uns nicht mehr länger niederdrückt.

Mark Driscoll schließt ein Kapitel in 'Death By Love' mit einer rührenden Geschichte ab, mit der ich auch abschließen will:

„Ich möchte zum Schluss kommen und dir noch eine Geschichte erzählen, die diese ganze Thematik gut auf den Punkt bringt. Einer meiner Freunde war mit einer Frau verheiratet, die er viele Jahre lang sehr geliebt hat. Aber sie waren sie nie so nah und intim, wie er es sich gewünscht hätte; doch er hatte keine Ahnung, woran das lag. Der Grund lag darin, dass seine Ehefrau – genau wie du – sich unheimlich geschämt hat. Als kleines Mädchen ist sie missbraucht worden, als Teenanger wurde sie vergewaltigt und später hat sie dann sehr häufig ihre Bettpartner gewechselt. Sie hat ihren Ehemann auch betrogen, als sie schon verlobt waren, und dann ihrem Ehemann niemals von diesem dunklen Geheimnis erzählt. Erst nach vielen Jahren erzählte sie ihrem Ehemann, wer sie wirklich war, was ihr wirklich angetan wurde und was in Wirklichkeit ihm angetan hatte.
Und diese Wahrheit zerschmetterte ihn. Er hätte sie niemals geheiratet, wenn er von ihrer Untreue während ihrer Verlobungszeit gewusst hätte. Und vielleicht hätte er sie auch schon vorher verlassen, wenn er von den vielen Malen gewusst hätte, an denen sie als kleines Mädchen missbraucht worden war; wenn er gewusst hätte, wie oft sie als Mädchen vergewaltigt wurde und als junge Frau ihre Bettpartner gewechselt hätte, dann hätte er sie wahrscheinlich mit einer schweren Delle in seiner Seele verlassen. Sie hatte natürlich schreckliche Angst, dass ihr Ehemann sie nun verlassen und nie wieder mit ihr reden würde. Und ihr Ehemann macht etwas undenkbares: Er verließ das gemeinsame Haus und ließ seine Frau im Unwissen darüber, wohin er ging und ob er jemals wieder zurückkommen würde.
Aber er kannte die Gute Nachricht von Jesus Christus! Und deswegen ging er in einen Laden und kaufte für seine Frau ein neues, vollkommen reines, weißes Nachthemd. Er ging wieder nach Hause und bat sie, sich vor ihm auszuziehen, damit sie sich in reines Weiß kleiden konnte. Und als sie das getan hatte, sagte er: „Ich habe mich entschieden, in dir nicht das zu sehen, was du getan hast oder war dir angetan wurde. Ich möchte in dir nur das sehen, was Jesus für dich getan hat, um deine Sünden zu vergeben und deinen Schmutz abzuwaschen!“
Dann umarmte er sie und betete für sie, während sie schluchzte und ihr Tränen das Gesicht hinunterliefen, die ihre Seele reinigten. Denn sie wusste, dass ihre Scham für nichts geachtet wurde durch die Liebe, die ihr Jesus schenkte und genauso ihr Ehemann, der vom Geist Gottes geleitet wurde.“ (Mark Driscoll, Death By Love, S.157f; Übersetzung von mir)

Freitag, 28. Oktober 2011

Gott unwiderstehlich machen...

Ein Auftrag der Gemeinde, den wir vergessen haben

Ich weiß, dass der Titel gewagt ist. Ich bin überzeugt davon, dass Gott an sich unwiderstehlich ist. Er ist der Inbegriff von Schönheit, Reinheit und Herrlichkeit. Wem er sich offenbart, der verliebt sich in ihn – er ist das Ziel, auf das wir hin erschaffen wurden.
Ich verstehe diesen Titel also nicht als grundsätzlich – so als könnten wir der Schönheit Gottes etwas hinzufügen.
Doch es bleibt, dass wir als Gottes Stellvertreter in diese Welt gesandt sind. Dieses Grundprinzip nennt man in der Missionstheologie die Missio Dei. Gott als sendender und gesandter Gott. Der Vater sendet den Sohn. Vater und Sohn senden den Geist und gemeinsam senden alle drei, als der eine Gott, die Kirche in die Welt.
Das Missional Manifesto bringt es auf die Formel:

Although it is frequently stated "God’s church has a mission," according to missional theology, a more accurate expression is "God’s mission has a church"“ (1)

Wir sind also nicht – in erster Linie – dazu hier, dass wir jede Diskussion gewinnen, sondern, dass wir die Mission Gottes repräsentieren. Diese fasst N.T. Wright wie folgt zusammen:

God has a single plan all along through which he intended to rescue the world and the human race, and that this single plan was centred upon the call of Israel, a call Paul saw coming to fruition in Israel's representative, the Messiah.“ (2)

Es ist durchaus wichtig, dass wir diese Mission Gottes richtig verstehen, damit wir unseren Anteil darin, unsere Gottgegebene Aufgabe darin erkennen und ihr nachkommen können. Gottes Ziel mit der Welt ist nicht – so sowohl N.T. Wright als auch Chris Wright – sie zu zerstören, sodass die Menschen an einem Ort irgendwo in einer anderen Sphäre glücklich leben können. Es ist die Wiedererrichtung seiner göttlichen Ordnung ist seiner wunderbaren Schöpfung, sodass sein Name in aller Ewigkeit verherrlicht werden kann. Dieser Plan hat eine erste Stufe der Erfüllung in der Berufung Israels zu einem königlichen und priesterlichen Volk gefunden – und seine letztliche Vollendung in der Ankunft, dem Leben, dem Tod, der Auferstehung und der Wiederkunft seines Sohnes, des Gott-Menschen, des Erlöser-Königs, des Messiahs Jesus Christus!
Durch den Tod Jesu am Kreuz ist die Gottesherrschaft schon angebrochen doch sie ist noch nicht zu vollen Entfaltung gekommen. Diese Zwischenzeit, die vom 'Schon-Jetzt' und 'Noch-Nicht' geprägt ist, ist die Zeit der Gemeinde; in der wir als Christen einen bestimmten Auftrag haben.

N.T. Wright fasst in wie folgt zusammen:

God made humans for a purpose: not simply for themselves, not simply so that they could be in relationship with him, but so that though them, as his image-bearers, he could bring his wise, glad, fruitful order to the world.“ (3)

Ein Teil dieser Mission bedeutet, dass wir durch das Vorleben von Gottes Heiligkeit einen Unterschied in der Welt machen, der immer wieder auf Ablehnung stoßen wird. Es ist das 'Anders-Sein', dass biblischen Heiligkeit charakterisiert.
Wir verbinden Heiligkeit oft mit Reinheit – aber das ist nur eine, nicht einmal die größte, Bedeutung von Heiligkeit.
R.C. Sproul schreibt:

Wir sagen, daß Gott Geist ist und Liebe, daß er allwissend ist, gerecht, barmherzig, gnädig, etc. Und wir tendieren dazu, dieser Liste auch das Kennzeichen heilig beizufügen, als ein Attribut unter vielen. Wenn aber die Bibel sagt, daß Gott heilig ist, so bezeichnet sie damit nicht eine göttliche Eigenschaft, sondenr sie sagt, dass Heiligkeit das Synonym für Göttlichkeit ist. Gott und Heiligkeit ist ein und dasselbe. Gottes Liebe ist eine heilige Liebe, seine Gerechtigkeit ist eine heilige Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit heilige Barmherzigkeit, seine Weisheit heilige Weisheit, sein Geist ein heiliger Geist.“ (4)

Es geht um das Anderssein, das uns in dieser Welt charakterisieren soll. Wie bestürzend ist es da, zu sehen, dass viele Christen meinen, dass das Evangelium eine rein innerweltliche Hoffnung bietet, die auf die 'Heilung zerbrochener Herzen', 'Ausgießung finanzieller Segensströme' oder 'Therapie unserer geschunden Seele' hofft, ohne die ewige Hoffnung des Evangeliums deutlich zu betonen.
Um es auf einen einfachen Satz zu bringen: Denn hier auf der Erde haben wir keine Heimat. Unsere Sehnsucht gilt jener künftigen Stadt, zu der wir unterwegs sind.“ (Hebräer 13,14 NeÜ).

Etwas anderes aber ist ebenso wichtig, und ist uns in unserem Verständnis von unserem Auftrag auf dieser Erde oftmals verloren gegangen. Wir sollen, durch unser Leben, durch unsere Hoffnung, durch unsere Freude, durch unsere Erlösung, der Welt die Schönheit Gottes vorleben. Wir sollen ein Beispiel, ein lebendiges Zeugnis davon sein, dass in Gott die tiefste Quelle aller Freude liegt.
Paulus schreibt:

Die Sklaven sollen ihren Herren in allem gehorchen und ihnen gefällig sein. Sie sollen nicht widersprechen und nichts unterschlagen, sondern ihnen treu und zuverlässig dienen, damit sie in allem der Lehre von unserem Gott und Retter Ehre machen.“ (Titus 2,9-10, NeÜ)

Die Motivation zu einem vorbildlichen Leben, dass für Sklaven jener Zeit wesentlich schwieriger zu bewältigen war als für uns in unserer Wohlstandsverwöhnten Welt, liegt nicht im Segen, der auf so einem Verhalten liegt. Er liegt darin, dass dadurch dem Evangelium Ehre gemacht wird! Das ist eine ganz neue Perspektive von einem missionalen – sprich evangelistischen – Lebensstil. Wir leben nicht vorbildlich, weil die Gemeinde es von uns fordert, oder die Bibel oder sonst jemand. Wir leben nicht vorbildlich, weil es uns nicht schwerfällt; sondern weil es Teil unserer Mission ist – weil es Teil der Verherrlichung Gottes ist – und damit unserer Bestimmung entspricht. Wir sind dazu geschaffen, Gott zu verherrlichen. Das ist das ganze Ziel unseres Seins. Deswegen finden wir auch nur darin wirklich Frieden und wirkliches Glück. Und ein Teil unserer Anbetung ist, dass wir Leben führen, die Gott für die Menschen attraktiv macht. Die Menschen sollen unser Leben sehen und sich angezogen fühlen von diesem Gott, der soviel Freude, Mut, Stärke, Durchhaltevermögen und Segen schenkt.

Petrus schreibt:

Früher wart ihr nicht sein Volk, aber jetzt seid ihr Gottes Volk, früher gab es für euch kein Erbarmen, aber jetzt habt ihr sein Erbarmen gefunden. Ihr wisst, liebe Geschwister, dass ihr in dieser Welt nur Ausländer und Fremde seid. Deshalb ermahne ich euch: Gebt den Leidenschaften eurer eigenen Natur nicht nach, denn sie kämpft gegen euch. Euer Leben muss gerade unter Menschen, die Gott nicht kennen, einwandfrei sein. Wenn sie euch als Böse verleumden, sollen sie eure guten Taten sehen, damit sie zur Einsicht kommen und Gott preisen, wenn er einmal in ihr Leben eingreift.“ (1Petrus 2,10-12; NeÜ)

Deutlicher konnte Petrus es gar nicht ausdrücken. Durch unser Heiliges Leben sollen die Menschen zu Erkenntnis Gottes und damit zum Lobpreis dieses Gottes geführt werden.

Christopher Wright, Alttestamentler und Vorsitzender des theologischen Arbeitskreises der Lausanner Bewegung paraphrasiert diese Stelle wie folgt:

„You've tasted God's grace and mercy. You are his precious, treasured possession, his very own people. Now then, live by that story. Live out that identity. And live with such attractive abedience of 'good lives', that people will be attracted to the God you worship, and whatever that say about you, they will come to glorify him.“ (5)

Für Petrus basiert unser vorbildlicher Lebensstil, zu dem er uns ermahnt, nicht auf unserem guten Willen oder unserer Ehrfurcht vor Gott – sondern aus der erfahrenen Gnade im Evangelium. Durch das Kreuz, an dem Jesus für unsere Sünden gestorben ist und wir – die wir in uns selbst sündiger sind als wir jemals geglaubt hätten – erfahren dürfen, dass wir in Jesus geliebter sind, als wir jemals zu hoffen gewagt hätten; durch dieses Kreuz haben wir mehr Gnade bekommen als wir jemals messen, beschreiben oder erahnen können. „I'll never know, how much it costs, to see my sin, upon that cross.“ (6) heißt es in einem bekannten Lobpreislied; und das bringt die Sache auf den Punkt.
Wir kennen nicht einmal die tiefen Ausmaße unserer eigenen Sünde – die durch Jesus nicht nur vergeben, sondern für immer weggewischt ist. Wir werden die Kosten, die Jesus getragen haben, niemals auch nur erahnen können. Und das sollte uns dazu führen, gnädiger zu sein, was unsere Mitmenschen angeht.

Vor einigen Tagen habe ich eine Dokumentation über die Westboro Baptist Church gesehen, jene religiöse Gemeinschaft in den USA, die durch ihre beleidigenden, verletzenden und hass-verbreitenden Plakate bekannt geworden sind, die sie mit diebischer Freude bei Beerdigungen (!) von Soldaten hochhalten, die im Krieg gefallen sind. Die Botschaft dieser Gemeinde, die gerade einmal etwa 70 Mitglieder umfasst und aus fast ausschließlich einer Großfamilie besteht, besteht aus Hass, Angst und Beleidigung. Ihr 'Evangelium' (und ich fühle mich schon schlecht, das überhaupt Evangelium zu nennen, denn es ist keine 'Gute Nachricht') besteht aus ihren Werken, ihrer eigenen Heiligkeit. Sie haben nichts von der Gnade Gottes verstanden. (7)
Genau das ist es nicht, wofür wir auf dieser Erde sind. Nun werden wahrscheinlich (hoffentlich!) alle von euch sagen, dass ihr euch ja niemals mit diesen Spinnern identifizieren würdet. Aber eine Überprüfung unserer eigenen Praxis sollten wir uns gefallen lassen. Denn wir sind in unserem Leben doch gerne ziemlich stolz auf das, was wir in unserem Leben erreicht haben – sei es Karriere, akademische Expertise, familiäre Verhältnisse, finanzielle Sicherheiten, moralische Reinheit usw. - und sehen von oben auf die herab, die wir eigentlich Lieben sollten und die in das Königreich Gottes hineinzubeten unser Auftrag ist.
Jesus sagt selber, dass er nicht für die Gesunden gekommen ist – nicht für die Religiösen, die Heiligen und Gerechten – sondern für die Kranken; und das sind die Randgruppen unserer Gesellschaft. Die Menschen, über die unsere Augen schnell hinweggleiten, weil wir sie nicht sehen wollen; weil sie uns die gute Laune verderben. Die Kranken, dass sind die gescheiterten Existenzen; dass sind die einsamen Alphatiere, die so alpha sind, dass sich kein Anderer mehr in ihre Nähe traut; das sind die Frauen (und Männer), die sich gesellschaftliche Akkzeptanz und Liebe erkaufen wollen, indem sie mit vielen Partnern schlafen; es sind die armen Gestalten, die ihre Freude im nächsten Schuss oder Joint suchen oder gerade von einem Trip runter sind und merken, dass die Freude, die Drogen versprechen, nur kurzzeitig anhalten. Es sind diese Menschen, denen wir mit der Gnade Gottes in den Augen, der Leidenschaft und Liebe Gottes in den Herzen und der Missio Dei im Rücken begegnen sollten.
Jesus ist König, Jesus ist Retter. Wir sollten wieder beginnen, diese Gute Nachricht zu verkünden – und nicht mehr nur die schlechte Nachricht, dass alle anderen weniger heilig sind, als wir. Die ist nicht nur schlecht – die ist auch noch falsch. Alles Heilige in uns, ist Christus in uns!

Gods Bless,

Restless Evangelical


(1) Zititert nach: http://www.missionalmanifesto.net/ Für weitere Gedanken zum Missional Manifesto, dem Begriff Missional und den Missio die siehe meinen Artikel: Missional – Reizwort undModewort

(2) Wright, N.T., Justification: God's Plan and Paul's Vision, London 2009, S.19; Ich bin mir bewusst, dass Wright's Neue Paulusperspektive einige Kritik (zu Recht oder Unrecht vermag ich noch nicht zu sagen) eingefangen hat. Nichts desto trotz scheint mir diese Zusammenfassung von Gottes Mission durchaus seine Berechtigung im gesamtbiblischen Kontext zu haben.

(3) a.a.O. S.7.

(4) Sproul, R.C., Die Heiligkeit Gottes, Marburg 1989, S.28

(5) Wright, Christopher J.H., The Mission of Gods People, Grand Rapids 2010, S.127; Dieses Buch war nach Michael Herbst „das Buch des Kongresses“ (Herbst TheoBeitr 11-2, S.75), gemeint ist der Lausanner Kongress für Weltmission in Kapstadt 2010; und bei aller berechtigter Kritik an manchen Verirrungen von 'Sozialer Gerechtigkeit' in evangelikaler Theologie, kann man dieses Buch wohl mit Recht als Repräsentant der aktuellen evangelikalen Missionstheologie verstehen.

(6) Hughes, Tim, Here I am to worship, Thankyou Music / kingswaysongs.com 2000

(7) Es gibt einen Unterschied zwischen Religion und Erlösung, den ich hier gerne machen will. Religion besteht auf Regeln, die zu befolgen dich in den Himmel befördern soll. Erlösung macht deutlich, dass du nichts tun kannst – sondern alles aus Gottes Gnade geschieht. In polemisch-humoristischer, ihm eigener Art, macht Mark Driscoll das in diesem Video deutlich: http://www.youtube.com/watch?v=WXKT8IPdvzA