Samstag, 28. Mai 2011

„Es ist dir gesagt, was gut ist...“

Ein Gespräch über Theologie zwischen John Piper und Rick Warren
 
Als John Piper bekannt machte, dass einer der Redner auf der Desiring God National Conference Rick Warren sein würde, glich es einem kleinen Skandal. Die Boulevardpresse der Neuzeit (Blogs, Facebook und Twitter) haben sich darauf gestürzt und hoch und runter diskutiert, ob das nun ein gutes Zeichen für Rick Warrens oder ein schlechtes Zeichen für John Pipers Geisteszustand ist.

John Piper hat damals in einem Videogesagt, dass man schon starke Argumente bräuchte, damit er sich wegen dieser Entscheidung schlecht fühlen sollte.
Schon damals kündigte Piper an, dass er Warren näher an der 'Reformierten Theologie'* verorten würde, als es von den meisten Theologen im Lager der 'New Calvinists' getan wurde. Piper wollte das falsifizieren, indem er ein Gespräch abhalten wollte zwischen ihm und Warren über einige Punkte 'Neu-Reformierter' Theologie wie die Fünf Punkte des Calvinismus', 'The Weight of Glory' und das Zentrum des Evangeliums.
Leider konnte dieses interessante Anliegen damals nicht durchgeführt werden, weil Warren durch einige familiäre Hindernisse nicht zur Konferenz kommen konnte und nur eine Videobotschaft abspielen ließ.
Umso glücklicher bin ich jetzt, dass dieses Gespräch im Rahmen der Local Conference von DG nachgeholt wurde und bei DG.com kostenlos zu sehen ist.
Ich hab es mir heute einmal angesehen und will an diesem Punkt mal meine Gedanken zum Ausdruck bringen. Dabei will ich auf Zitate Warrens während des Gespräches eingehen und sagen, was ich dazu denke.

  1. An einer Stelle sagt Warren, dass auch wenn Gott nichts weiter für uns getan hätte, als Jesus sterben zu lassen für unsere Sünden, das Kreuz immer noch Grund genug wäre, ihn in Ewigkeit anzubeten! Ich gebe zu, dass mich diese Aussage wirklich bewegt hat. Oft machen wir Jesus so klein; wir bekennen uns zu seiner Selbstzentriertheit, zum 'Christlichen Hedonismus'; wir verstehen, dass wir geschaffen sind zur Ehre Gottes und unser Leben diesem Ziel dient – aber wir leben es nicht, wenn niemand mehr zusieht, außer Jesus. Wenn ich mit ihm Rede in meiner Stillen Zeit, dann sind meine Wünsche an ihn immer größer, als mein Dank, als meine Anbetung. Die Gedanken, die mich dann oft treiben, sind nicht die Ehre Gottes, sondern mein Wohlbefinden, meine 'Mir würde es besser gehen, wenn ich jetzt das eine noch hätte'-Einstellung.
    Doch Warren (und Piper natürlich) stellen dem einen kreuz-zentrierten Lebensstil entgegen. Gott wird nicht dadurch anbetungswürdig, dass er uns gibt, was wir wollen. Gott ist deswegen anbetungswürdig, weil er ist, wie er ist. Sein innerstes Wesen hat das Kreuz möglich gemacht. Durch die drei Zentralen Eigenschaften seines Wesen – die Gottzentriertheit, die Heiligkeit und die Liebe zu den Menschen, steht das Kreuz auf Ewigkeit, sodass wir aufschauen können um Jesus zu sehen und immer wieder Jesus. Seine Gottzentriertheit ist der Ursprung seines Plans – denn seine Heiligkeit hat das Kreuz nötig gemacht, aber seine Liebe hat es möglich gemacht.
    Ich denke, dass es eine Lebensaufgabe ist, diese drei Dinge in die richtige Balance zu bekommen und zu verstehen, wie sie unser Leben schärfen sollten dahin, dass wir immer Gottzentrierter, Liebevoller und Heiliger werden, immer mehr wie er und immer dahin wachsen, dass er durch unser Leben verherrlicht wird zu unserer Freude. Dieser Gedanke ist so groß, dass wir ihn niemals ganz begreifen, ganz umgreifen können.
    So what? Das wissen wir ja, wenn wir Desiring God gelesen haben?! Wofür brauchen wir Warren?! Lasst mich eine praktische Anwendung dieses Gedankens geben: Wann hast du das letzte Mal dein Herz so gedemütigt in die gespürt und Jesus nur noch dafür gedankt, dass er für dich am Kreuz verblutet ist? Ich meine nicht die einstudierten Strophen eines Lobpreisliedes im Gottesdienst: I thank you for the cross, I thank you for the corss, my friend... Ich meine die innerste Dankbarkeit dafür, dass Jesus nichts in dir gesehen hat, was es würdig wäre zu retten und trotzdem hat er in den Schlamm gegriffen und dich herausgezogen. Nicht nur reingegriffen – er ist zum Schlamm geworden. Piper sagt das in einem Predigtausschnitt mal sehr beeindruckend: „Gott guckt nicht auf einem schuldigen Sünder im Gerichtssaal und ist ihm gnädig. Er sieht auf den schuldigen Sünder und sagt: Du bist unschuldig!“
  2. Piper und Warren reden auch über den PEACE Plan von Rick Warren. PEACE ist setzt sich aus den Anfangbuchstaben folgender Aufträge zusammen:
                     P – Promote Reconciliation (Versöhnung üben)
                     E – Equip Servant Leaders (Dienende Leiter ausrüsten)
                    A – Assist the Poor (Den Armen zur Seite stehen)
                    C – Care for the sick (Sich um die Kranken kümmern)
                    E – Educate the next generation (Die nächste Generation ausbilden)
    Für dieses Anliegen wurde Warren oft kritisiert. Piper und Warren gehen in ihrem Gespräch kurz darauf ein und bringen zu Sprache, dass dieser Plan den Glauben und das Dogma nicht auflösen, er wird davon gespeist. Was ich daraus verstehe ist folgendes: Dieser Plan dient nicht der Evangelisation, aber er hebelt sie auch nicht aus. Dadurch, dass wir Teil werden an der Missio Dei kommen wir in den Kontakt mit den Armen und den Kranken. Ein Herz, in dem der Jesus des Lukas-Evangeliums lebt, der seinen kurzen Dienst auf der Erde damit verbraucht hat, unter den Armen und Ausgestoßenen zu wirken, kann nicht über das Leid anderer hinwegsehen und mit kalter Genugtuung sagen, dass es nicht unser Auftrag ist, diese Welt zu verändern. Ich denke: Wenn das unser Auftrag wäre, dann wären wir zum scheitern verurteilt. Wenn wir die Welt verändern könnten, dann hätte Jesus nicht sterben müssen. Aber nun lebt der Auferstandenen Christus in uns und durch ihn – in dem er, der Vater und der Heilige Geist uns senden – nehmen wir Teil an seiner Mission der Gerechtigkeit. Gott liebt Gerechtigkeit – und wir sollten lieben, was er liebt. Dieser PEACE Plan ist niemals dazu erdacht worden, den Glauben abzuschaffen oder klein zu reden. Es geht nicht darum, dass es keine Missionare mehr braucht, die das Evangelium an alle Völker verkünden; es geht darum, dass wir nicht tatlos rumstehen dürfen, wenn Unrecht neben uns geschieht, weil wir die Gnade empfangen haben und sicher sind, dass sie unablehnbar ist. Oder weil wir in gönnerhafter Herablassung denken, dass die anderen doch nur die Entscheidung treffen müssen, die wir treffen – für Jesus und gegen die Sünde. Dann ginge es ihnen gut. Wir können nicht passiv bleiben, denn Gott ist ein aktiver Gott und er verändert unsere Passivität, zu der wir durch unsere Sünde verdammt waren, in heilige Aktivität.

  1. Warren lehnt in dem Video das Label 'Calvinist' ausdrücklich ab. Das tut er aber auf Nachfrage Pipers nicht, weil er mit der Lehre die dahinter steckt, nicht übereinstimmen würde. Er tut es, weil er die gedanklichen Verbindungen, die mit diesem Begriff verbunden werden, nicht mit sich identifizieren will. Vielleicht sollte man ihm mal das Buch 'Young, Restless, Reformed' in die Hand drücken und ihm die De-frozen Chosen zeigen. Was er aber sagt, ist sehr deutlich und für jeden, der an die Lehren der Gnade glaubt, ein wichtiger Fingerzeig: „I would wish, that those, who believe in the doctrines of grace would be more gracious.“ [Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die an die Lehren der Gnade glauben, gnädiger wären.]
    Als ich mich letztens mit einem Freund unterhalten habe, der selber Calvinist ist, ging es darum, dass Arminianer manchmal gerne schießen gegen das 'calvinistische' Gottesbild. 'Ich kann nicht in einen Gott glauben der...', 'Was für eine Liebe ist denn das?'; 'Das ist ja ein schreckliches, grauenhaftes Gottesbild!'. Als ich das erwähnte und ich im Begriff war, mich da hineinzusteigern, sagte mein guter Freund etwas sehr weises: „Oh ich bin sicher, dass die Calvinisten meistens nicht lange zögern, selbst zu schießen.“ Es steckt viel Selbstreflexion in diesem Satz.
    Mir ist noch immer der Satz von Al Mohler aus 'Young, Restless, Reformed' im Kopf: 'When I say that my agenda is not Calvinism, I say that with unfeigned honesty, with undiluted candor,' Mohler told me. 'My agenda is the gospel. And I refuse to limit that to a lable, but I am also very honest to say, yes, that means I am a five-point-Calvinist. If you're counting points, here I am.“ (S.74)
    Ich habe schon manche Diskussion über die Fünf Punkte gehabt, sowohl auf der Seite der Kritiker, als auch auf der Seite der Verteidiger. Und das ist auch gut, man sollte immer auch bereit sein, seinen (theologischen) Horizont zu erweitern. Aber hier ist, was ich an den 'Neuen Calvinisten' so schätze: Colin Hansen erzählt, dass keiner von den Calvinisten, die er für die Recherche seines Buches besucht hat, von sich aus über die Fünf Punkte geredet hat. Sie haben ihre Liebe für das Evangelium zum Ausdruck gebracht und ja – wenn man die Punkte zählen will, dann sind es Fünf. Aber auch ohne die Fünf kann man das biblische Evangelium klar und deutlich verstehen, ohne etwas zu vernachlässigen. Ohne etwas hinten runterfallen zu lassen – so denke ich, ob Mohler so denkt, weiß ich nicht.
    Wenn wir den anderen aber auch zugestehen, dass sie um die Wahrheit ringen, dass sie um Erkenntnis ringen und um die richtigen Wort, das auszudrücken, dann sind wir in der Diskussion schon einen großen Schritt weiter. Wenn wir uns beschweren, dass die andere Seite irgendwie unfair klingt, wenn sie meine Position darlegt, dann sollten wir uns auch Gedanken darüber machen, ob wir die Gegenposition gut darlegen. Dann sollten wir vielleicht gnädiger werden.

Jetzt gäbe es sicher noch einige zu sagen, aber im Anbetracht der Seitenanzahl werde ich hier Schluss machen. Ich finde dieses Gespräch eine große Bereicherung: für meine eigene Sicht auf viele Punkte einer gesunden Lehre, für unsere Sicht auf Rick Warren und John Piper, und für die Einheit der Christen untereinander.

Gods Bless,

Restless Evangelical

*Ich will keine Diskussion anstoßen, ob Piper überhaupt als Reformiert zu bezeichnen ist. Das ist lediglich, was Piper sagte!

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