Mittwoch, 27. Juli 2011

Der Attentäter von Norwegen, die christliche Rechte, und warum wir uns beugen sollten!

Ein Kommentar


Es ist furchtbar, grauenhaft, nicht in Worte zu fassen, was in Norwegen passiert ist. Unsere Gebete und unser Mitleid gehört denen, die bei diesem Attentat Kind, Bruder, Schwester oder Freund verloren haben. Es ist grauenhaft, was Menschen anderen Menschen antun können, und daran gibt es sicher nicht schön zu reden oder Schuld klein zu reden.

Was ich hier schreiben will, ich aber kein Nachruf, nicht eine weitere Stimme die eine Tat bedauert, die grauenhaft war. Ich möchte einmal auf etwas aufmerksam machen, über das ich durch diese Tat nachdenken musste.
Zum ersten Mal ist es ein 'Christ', der eine solche Greueltat ausführt. Bis heute war der Feindbild klar: 'der Islamist'. Das eine solche Verallgemeinerung nicht annähernd den Tatsachen entspricht, war uns egal. Wir wähnten uns in einer Religion, die nicht falsch verstanden werden kann – nicht mehr nach dem Mittelalter. Wir haben gerne darauf verwiesen, dass es sich bei diesen Kreuzfahrern und Inquisitionären nicht wirklich um Christen handelte – nein das waren Machtspielchen. Da wollte Europa seine Vorrangstellung ausbauen oder verteidigen.
Immer mehr Zulauf bekamen Parteien wie 'Die Freiheit', auch von konservativen Evangelikalen. Die Islamkritik ist salonfähig geworden, weil wir uns in der 'nicht frauenverachtenden', 'nicht-terrorbeschwörenden', 'nicht-gewalttätigen' und 'nicht-menschenrechtsverachtenden' Seite der Spiritualität glaubten – und jetzt das.
Es dauerte natürlich nicht lange, bis Artikel geschrieben und auf Internetseiten publiziert wurden, die aus dem politischen Brand-Dokument des osloer Attentäters herausfiltern konnten, dass er eigentlich gar kein Christ war – und schon gar kein Protestant. Es waren wieder die anderen.
Ich will mich nicht dazu äußern, ob der Attentäter ein 'Christ' war. Was seine Glaubensüberzeugungen waren. Aber ich habe mich erinnert gefühlt an evangelikale Attentäter, die Abtreibungsärzte umgebracht haben und Abtreibungskliniken in die Luft gesprengt haben. Ich musste an amerikanische 'christliche Rechte' denken, die einer Moschee die Bauerlaubnis entziehen, weil die nicht den 'Grundsätzen der amerikanischen Gesellschaft' entspricht.
Ich musste auch daran denken, dass Abends auf so manchem evangelikalen Pseudopolitikertreffen im Wohnzimmer selbsternannter Weltverbesserer Thesen über den Islam zum besten gegeben werden, die bestenfalls als uninformiert gelten sollten.
Ich denke, dass wir uns zu beugen haben. Nicht, weil 'wir' dieses Attentat verübt haben. Aber wir haben auch wenig dafür getan, es zu verhindern. Wir haben wenig Verständnis zeigen wollen für andere Kulturen in unserem Land. Wir haben wenig verstehen wollen vom Islam und anderen ethischen Überzeugungen.
Um mich deutlich zu positionieren: Ich will nicht sagen, dass 'alle Religionen den selben Kern haben'. Aber wenn wir Religionsfreiheit fordern, sollten wir es für alle fordern. Wenn wir stöhnen, dass wieder ein 'Antidiskriminierungsgesetz' uns verbietet, Sünde beim Namen zu nennen, dann sollten wir vielleicht überlegen, ob wir dann noch hochnäsig über die muslimische Großfamilie in der Wohnung unter uns urteilen sollten – ohne sie wirklich zu kennen und ohne zu wissen, was ihre Kultur und ihre Religion eigentlich ist.
Natürlich wird so manch einer sagen, dass er immer dafür eingestanden hat. Na klar, die anderen sind genauso viel wert. Aber welcher konservative Evangelikale hat nicht ein wenig die Faust gehoben, als Sarrazin seine Thesen verbreitet hat; jetzt war es amtlich – die anderen waren schon genetisch gesehen nicht so klug wie wir.
Unsere Aufgabe ist es doch nicht, die andere Kultur zu verurteilen als rückständig. Wir sollten sie verstehen. Wir sollten bereit sein, in Kontakt zu treten mit 'den Anderen' und ihnen dabei helfen, unsere Kultur zu verstehen und die Vorteile vieler Teile der westlichen Welt deutlich machen; und das sind Werte wie Freiheit, wie Gleichberechtigung der Geschlechter (und wieder: ich meine nicht Gleichmachung; aber ja, auch als Evangelikaler bin ich froh und dankbar, dass Frauen sich in der westlichen Welt selbstbestimmen dürfen!). Es sind Werte wie die Menschenrechte.
Wir haben zu lange – zumindest in unseren Köpfen – ein Feindbild gehabt. Oslo ist vielleicht kein direkter Sprößling davon; aber durch viele unserer Gedanken, Artikel und Publikationen haben wir manchmal doch Düngemittel auf solchen Boden geworfen.
Und dafür haben wir uns zu beugen, uns zu entschuldigen und unser Bestes zutun, dass soetwas nicht noch einmal passiert.

Gods Bless,

Restless Evangelical

Kommentare:

  1. Zu Breivik's religiösen Ansichten hier mal ein interessanter Auszug aus seinem Manifest:
    "A majority of so called agnostics and atheists in Europe are cultural conservative Christians without even knowing it. So what is the difference between cultural Christians and religious Christians?

    If you have a personal relationship with Jesus Christ and God then you are a religious Christian. Myself and many more like me do not necessarily have a personal relationship with Jesus Christ and God. We do however believe in Christianity as a cultural, social, identity and moral platform. This makes us Christian." (p. 1307)

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  2. Respekt vor Deiner treffenden Analyse und vielen Dank für die guten Anregungen im Blick auf unsere evangelikale Arroganz!

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