Montag, 19. September 2011

„Das sind doch die Jitterbugger, die fromm geworden sind?“

Eine Rezension so David Wilkersons „Das Kreuz und die Messerhelden“

Diese Rezension dreht sich nicht um ein aktuelles Buch; vielleicht haben es schon einige von euch gelesen. Ich habe es in den letzten Tagen zum zweiten Mal gelesen und einer der Pastoren in der Gemeinde, wo ich gerade Praktikum mache, sagte: „Ach, das habe ich vor vielen Jahren schon gelesen.“
David Wilkerson ist vor wenigen Monaten heimgegangen zu unserem Herrn und hat den Lauf beendet – und das habe ich mir zum Anlass genommen, dieses wunderbare Buch noch einmal zu lesen und von den Erfahrungen dieses wenig beeindruckenden, dafür sehr beeindruckten älteren Mannes zu lesen, der das Gottvertrauen vieler Leser (auf dem Buch steht, dass das Buch allein in Deutsch eine Auflage von über 550.000 Stück erfahren hat!) auf eine harte Probe gestellt, auf den Kopf gedreht und ins unermessliche gesteigert hat.

1. Was die Jungen brauchen – Arminianer in Aktion.
Das Buch handelt von den Anfängen von Teen Challenge, einer mittlerweile international tätigen Organisation, die drogenabhängigen, sich prostituierenden und gewaltätigen Jugendlichen (vor allem mit einem Gang-Hintergrund) den Ausstieg und einen Neuanfang gewähren will. Wilkerson verspürt in den späten 50ger Jahren des letzten Jahrhunderts einen Ruf in die große Stadt New York (was für einen kleinen Pfingstpastor aus einer Kleinstadt im us-amerikanischen Süden ein tatsächlich großer Glaubenssprung war). Seine Botschaft für die Jungen, die in Gangmachenschaften verstrickt, oftmals schwer drogenabhängig sind und tief in der Prostitution stecken (meist um ihre Sucht zu finanzieren) ist sehr einfach:

„Denn so hat Gott der Welt seine Liebe gezeigt: Er gab seinen einzigen Sohn dafür, dass jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh3,16 NeÜ)

Dabei betont er immer wieder, wie wichtig die Entscheidung für Jesus ist. Es ist erstaunlich und ermutigend zu sehen, wie er bei manch einem Jugendlichen 'durchdringt' und ein einfaches 'Übergabegebet' reicht, um den Jungen den Weg zu weisen und sie verändert werden durch das Werk des Heiligen Geistes.
Mit der unwiderstehlichen Frische eines jungen, dynamischen Predigers geht er ans Werk und zeigt dabei, durchaus gewollte, wie viel bei einer echten lebensverändernden Begegnung mit Jesus vom Geist Gottes abhängt, der von Sünden überführt und das Leben verändert.

2. Wie man den 'Adler' von den 'Venen' vertreibt – Pfingstler in Aktion
Was mich bei diesem Buch sehr beeindruckt und begeistert ist die Betonung Rev. Wilkersons darauf, dass der Heilige Geist sein Werk tun muss, damit die Jungen den Entzug und den Neuanfang wirklich schaffen. Er berichtet mit einer großen Offenheit und emotionaler Sensibilität von den Problemen, die ein Junge (oder ein Mädchen) beim (Heroin-)Entzug hat. Denn außer den Körperlichen Schmerzen, die bei einem abrupten Entzug von jetzt auf gleich (einem sogenannten Cold Turkey, was spätestens sei 'Wir Kinder vom Bahnhof Zoo' ein gängiger Begriff auch außerhalb der Drogenszene in Deutschland ist) eintreten, ist da vor allem die seelische Gebundenheit an die Droge, die den Jungen, selbst wenn sie wirklich aufhören wollen, zu schaffen macht. Die Jungen nennen diese Gebundenheit den Affen auf den Schultern oder den Adler auf den Venen.

„Aber die Gewohnheit der Sinne, Dave – das ist etwas Schreckliches. Da ist etwas in dir, das dich zurückzwingt, etwas Gespenstisches, das die ständig was einflüstert. Wir haben auch Namen für diesen Kerl: Es ist entweder ein Affe auf unserem Rücken oder ein Geier auf unseren Venen.
Wir können ihn nicht loswerden, Davie. Aber du bist Prediger. Vielleicht dieser Heilige Geist, von dem Du sprichst, vielleicht kann Er helfen.“ (S.143)

Einmal berichtet Wilkerson, wie er von einem Jungen um Hilfe gerufen wird; er soll seiner Freundin helfen, mit dem Heroin zu brechen. Doch als er in dem Unterschlupf der Gang ankommen, muss er mit ansehen, wie sich der Junge und seine Freundin eine Spritze setzen. Und dieser Junge, obwohl er noch wenige Minuten vorher um Hilfe gebettelt hat, beschreibt ihm darauf den Himmel als Berge vor weißglänzendem Heroin, frische Spritzen die es überall zu haben gibt und einem ewigen Feuer, wo man sich all das Heroin kochen (sprich zum Konsum zubereiten) kann. Auch seine Freundin schickt ihn weg, denn sie weiß (jetzt, da sie auf einem Trip ist) gar nicht, wovor sie gerettet werden sollte. Vielmehr müsste doch der Prediger gerettet werden, er wüsste gar nicht, was der Himmel ist – und sie befinde sich gerade darin. Es ist erschreckend, das zu lesen; und ermutigend zugleich: Das sind die Menschen, die zu Jesus gekommen sind, als er hier war! Das ist die 'Lukas-Klientel'. Wie viel offener sollten wir für solche Leute sein – und ihnen einen Weg heraus zeigen? Wilkerson bezeichnet diesen Weg, aus der seelischen Gebundenheit an die Droge als die 'Taufe im Heiligen Geist', die eine typische pfingstliche Lehre ist. Darüber kann man sicher diskutieren – aber dieses Buch will keine theologische Abhandlung sein. Wilkerson berichtet über seine Erfahrung – und er ist ein einfacher Mann, der seine Erfahrungen versucht, biblische zu reflektieren und dabei sicher auch von seiner Tradition geprägt ist. Ich halte es aber für eine Fehlentscheidung, dieses Buch aufgrund der theologischen Unterschiede zur Seite zu legen!

3. Der Erntehelfer sind viele – Christen in Aktion!
Was mich auch beeindruckt, ist die Verbindung, die Wilkerson sehr schnell mit anderen Denominationen hat. War Teen Challenge (oder 'Teen Age Evangelism', wie es zu Anfang hieß) zu Anfang noch eine reine Pfingstarbeit, getragen ausschließlich von einigen Assemblies of God, fanden sich schnell auch unterstützer aus anderen Gemeinden und Denominationen. Reformierte, Baptisten, Episcolpal-Kirche. Viele fanden die Arbeit Wilkersons so gut, dass sie sie auch unterstützen wollten, dabei sein wollten. Schnell waren sie auch im Vorstand des Werkes.

„An diesem Punkt unserer Erfahrungen erkannte ich, wieviel Gott daran lag, daß alle möglichen Leute an diesem Werk Anteil hatten. Wir hatten es so ziemlich als ein Programm der Assemblies of God begonnen, und ehe wir uns dessen versahen, hatten wir je ein Komiteemitglied von der Baptistengemeinschaft, von der episkopalischen, presbyterianischen und der holländisch-reformierten Kirche.“ (S. 109)

Das ist ein wichtiger Vorteil von Teen Challenge. Es geht nicht um denominationelle Grabenkämpfe, sondern darum, den Jugendlichen zu helfen. Und dabei sollten auch die unterschiedlichen Theologien (die auch nicht unwichtig sind) nicht im Wege stehen!

4. Du versuchst es zu sehr – der Heilige Geist in Aktion.
Was Wilkerson immer wieder betont, ist, dass er am wenigsten in den Momenten erreicht hat, wenn er aus eigener Kraft versucht hat, den Jungen die Liebe Gottes deutlich zu machen. Er sah sich Schmach und Spott ausgesetzt und kein einziger Junge wollte sein Leben Jesus übergeben. Doch in dem Moment, in dem er auf das leiste Wispern des Heiligen Geistes gehört hat, drang 'er' zu den Jungen durch und sie veränderten sich.
Besonders beeindruckend ist dabei sich die Geschichte von Nicky Cruz, einem Bandenchef, der Wilkerson nicht wenig Sympathie zeigte. Nachdem Wilkerson ihm einmal sagte: „Ich habe dich lieb, Nicky!“, antwortete dieser: „Wenn du mir noch einmal zu nahe kommst, bringe ich dich um!“ Und Wilkerson sagt, dass er keine Zweifel an dieser Drohung hatte. Doch an einem Abend, während einer großen Evangelisationsveranstaltung übertrug Wilkerson diesem Jungen die Aufgabe, die Kollekte einzusammeln und er sollte sie auf die Bühne tragen – gerade vorbei an einer sperangelweit offenstehenden Tür. Doch zur Verblüffung der versammelten Jugendlichen und nicht zuletzt David Wilkerson selbst, brachte er das Geld auf die Bühne und verschwand nicht durch die Tür. Nicky sagt:

„Und ich stand einfach da. Ich wusste nicht, was es war: Ich hatte ein seltsames Gefühl. Auf einmal wusste ich, was es war: Der Prediger da oben vertraute mir. Das hatte es in meinem Leben noch nicht gegeben, und nun stand ich da, und meine Jungs schauten mich an.
Da drinnen machten sie es ihm sauer. Sie johlten und stampften, und er mußte da vor ihnen stehen, und er vertraute mir.
'Gut denn, Jungs', sagte ich, 'geh`n wir hinauf auf die Bühne.'“ (S. 83)

Doch was war es, was er an diesem Abend anders gemacht hatte? Er hatte es nicht mehr von sich aus versucht.

'Nicht durch Heeresmacht und menschliche Gewalt wird es geschehen, sondern durch meinen Geist', spricht Jahwe, der allmächtige Gott.“ (Sacharja 4,6 NeÜ)

Diesen Vers zitiert Wilkerson immer wieder – und es ist sicher kein Zufall, dass er auch einer der Gründungsverse der Calvary Chapel Bewegung ist. Es geht nämlich in letzter Instanz nicht um unser Studium, unsere Ausbildung oder unsere Vorbereitung. Es geht auch nicht um unser Rethoriktalent. Nein, wenn der Heilige Geist wirkt, dann wirkt er, und dann kann er alles und jeden benutzten, um die Menschen zu Jesus zu führen. Francis Chan sagt es so:

„It's not my job, to convince them. It's not... I can't change their heart. It's like going to cementary and say: „Come on, get up! Get up! Get up?!“ It's just pointless. No speech is going to do that! God you have to do something. You got to show them your power. You know, as I present the Gospel to them, there needs to be a power in that, where they hear that massege and go: „Wow, that's like nothing I've ever heard.“ (aus der Predigt 'Prayer as a way of walking in love')

5. Schluss
Dieses Buch macht eines besonders deutlich: Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken. Wenig sagt Wilkerson über die Sündhaftigkeit der Menschen in diesem Buch, weil es seinen Zuhörern sehr deutlich ist. Es ist für sie überhaupt keine Frage. Doch gerade sie hören ihn, wollen zu Jesus kommen und Veränderung finden. Wir sollten uns lieber Fragen, wieso wir diese Menschen nicht mehr anziehen, als die Frage zu stellen, wieso Wilkersons Dienst so gesegnet ar, obwohl er kein Reformierter, kein Baptist, nicht unserer Denomination angehörte. Er hat ihnen den Jesus des Lukasevangeliums präsentiert – den Arzt für die Kranken.
Und Gott hat ihn benutzt. Wie sehr freue ich mich, einmal mit David Wilkerson zusammen anzubeten, weil wir den gleichen Jesus dienen.

Gods Bless,

Restless Evangelical

David Wilkerson, Das Kreuz und die Messerhelden
Erzhausen, Leuchter Edition, 2004
ISBN 10: 3874825000
ISBN 13:  978-3874825009

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