Freitag, 28. Oktober 2011

Gott unwiderstehlich machen...

Ein Auftrag der Gemeinde, den wir vergessen haben

Ich weiß, dass der Titel gewagt ist. Ich bin überzeugt davon, dass Gott an sich unwiderstehlich ist. Er ist der Inbegriff von Schönheit, Reinheit und Herrlichkeit. Wem er sich offenbart, der verliebt sich in ihn – er ist das Ziel, auf das wir hin erschaffen wurden.
Ich verstehe diesen Titel also nicht als grundsätzlich – so als könnten wir der Schönheit Gottes etwas hinzufügen.
Doch es bleibt, dass wir als Gottes Stellvertreter in diese Welt gesandt sind. Dieses Grundprinzip nennt man in der Missionstheologie die Missio Dei. Gott als sendender und gesandter Gott. Der Vater sendet den Sohn. Vater und Sohn senden den Geist und gemeinsam senden alle drei, als der eine Gott, die Kirche in die Welt.
Das Missional Manifesto bringt es auf die Formel:

Although it is frequently stated "God’s church has a mission," according to missional theology, a more accurate expression is "God’s mission has a church"“ (1)

Wir sind also nicht – in erster Linie – dazu hier, dass wir jede Diskussion gewinnen, sondern, dass wir die Mission Gottes repräsentieren. Diese fasst N.T. Wright wie folgt zusammen:

God has a single plan all along through which he intended to rescue the world and the human race, and that this single plan was centred upon the call of Israel, a call Paul saw coming to fruition in Israel's representative, the Messiah.“ (2)

Es ist durchaus wichtig, dass wir diese Mission Gottes richtig verstehen, damit wir unseren Anteil darin, unsere Gottgegebene Aufgabe darin erkennen und ihr nachkommen können. Gottes Ziel mit der Welt ist nicht – so sowohl N.T. Wright als auch Chris Wright – sie zu zerstören, sodass die Menschen an einem Ort irgendwo in einer anderen Sphäre glücklich leben können. Es ist die Wiedererrichtung seiner göttlichen Ordnung ist seiner wunderbaren Schöpfung, sodass sein Name in aller Ewigkeit verherrlicht werden kann. Dieser Plan hat eine erste Stufe der Erfüllung in der Berufung Israels zu einem königlichen und priesterlichen Volk gefunden – und seine letztliche Vollendung in der Ankunft, dem Leben, dem Tod, der Auferstehung und der Wiederkunft seines Sohnes, des Gott-Menschen, des Erlöser-Königs, des Messiahs Jesus Christus!
Durch den Tod Jesu am Kreuz ist die Gottesherrschaft schon angebrochen doch sie ist noch nicht zu vollen Entfaltung gekommen. Diese Zwischenzeit, die vom 'Schon-Jetzt' und 'Noch-Nicht' geprägt ist, ist die Zeit der Gemeinde; in der wir als Christen einen bestimmten Auftrag haben.

N.T. Wright fasst in wie folgt zusammen:

God made humans for a purpose: not simply for themselves, not simply so that they could be in relationship with him, but so that though them, as his image-bearers, he could bring his wise, glad, fruitful order to the world.“ (3)

Ein Teil dieser Mission bedeutet, dass wir durch das Vorleben von Gottes Heiligkeit einen Unterschied in der Welt machen, der immer wieder auf Ablehnung stoßen wird. Es ist das 'Anders-Sein', dass biblischen Heiligkeit charakterisiert.
Wir verbinden Heiligkeit oft mit Reinheit – aber das ist nur eine, nicht einmal die größte, Bedeutung von Heiligkeit.
R.C. Sproul schreibt:

Wir sagen, daß Gott Geist ist und Liebe, daß er allwissend ist, gerecht, barmherzig, gnädig, etc. Und wir tendieren dazu, dieser Liste auch das Kennzeichen heilig beizufügen, als ein Attribut unter vielen. Wenn aber die Bibel sagt, daß Gott heilig ist, so bezeichnet sie damit nicht eine göttliche Eigenschaft, sondenr sie sagt, dass Heiligkeit das Synonym für Göttlichkeit ist. Gott und Heiligkeit ist ein und dasselbe. Gottes Liebe ist eine heilige Liebe, seine Gerechtigkeit ist eine heilige Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit heilige Barmherzigkeit, seine Weisheit heilige Weisheit, sein Geist ein heiliger Geist.“ (4)

Es geht um das Anderssein, das uns in dieser Welt charakterisieren soll. Wie bestürzend ist es da, zu sehen, dass viele Christen meinen, dass das Evangelium eine rein innerweltliche Hoffnung bietet, die auf die 'Heilung zerbrochener Herzen', 'Ausgießung finanzieller Segensströme' oder 'Therapie unserer geschunden Seele' hofft, ohne die ewige Hoffnung des Evangeliums deutlich zu betonen.
Um es auf einen einfachen Satz zu bringen: Denn hier auf der Erde haben wir keine Heimat. Unsere Sehnsucht gilt jener künftigen Stadt, zu der wir unterwegs sind.“ (Hebräer 13,14 NeÜ).

Etwas anderes aber ist ebenso wichtig, und ist uns in unserem Verständnis von unserem Auftrag auf dieser Erde oftmals verloren gegangen. Wir sollen, durch unser Leben, durch unsere Hoffnung, durch unsere Freude, durch unsere Erlösung, der Welt die Schönheit Gottes vorleben. Wir sollen ein Beispiel, ein lebendiges Zeugnis davon sein, dass in Gott die tiefste Quelle aller Freude liegt.
Paulus schreibt:

Die Sklaven sollen ihren Herren in allem gehorchen und ihnen gefällig sein. Sie sollen nicht widersprechen und nichts unterschlagen, sondern ihnen treu und zuverlässig dienen, damit sie in allem der Lehre von unserem Gott und Retter Ehre machen.“ (Titus 2,9-10, NeÜ)

Die Motivation zu einem vorbildlichen Leben, dass für Sklaven jener Zeit wesentlich schwieriger zu bewältigen war als für uns in unserer Wohlstandsverwöhnten Welt, liegt nicht im Segen, der auf so einem Verhalten liegt. Er liegt darin, dass dadurch dem Evangelium Ehre gemacht wird! Das ist eine ganz neue Perspektive von einem missionalen – sprich evangelistischen – Lebensstil. Wir leben nicht vorbildlich, weil die Gemeinde es von uns fordert, oder die Bibel oder sonst jemand. Wir leben nicht vorbildlich, weil es uns nicht schwerfällt; sondern weil es Teil unserer Mission ist – weil es Teil der Verherrlichung Gottes ist – und damit unserer Bestimmung entspricht. Wir sind dazu geschaffen, Gott zu verherrlichen. Das ist das ganze Ziel unseres Seins. Deswegen finden wir auch nur darin wirklich Frieden und wirkliches Glück. Und ein Teil unserer Anbetung ist, dass wir Leben führen, die Gott für die Menschen attraktiv macht. Die Menschen sollen unser Leben sehen und sich angezogen fühlen von diesem Gott, der soviel Freude, Mut, Stärke, Durchhaltevermögen und Segen schenkt.

Petrus schreibt:

Früher wart ihr nicht sein Volk, aber jetzt seid ihr Gottes Volk, früher gab es für euch kein Erbarmen, aber jetzt habt ihr sein Erbarmen gefunden. Ihr wisst, liebe Geschwister, dass ihr in dieser Welt nur Ausländer und Fremde seid. Deshalb ermahne ich euch: Gebt den Leidenschaften eurer eigenen Natur nicht nach, denn sie kämpft gegen euch. Euer Leben muss gerade unter Menschen, die Gott nicht kennen, einwandfrei sein. Wenn sie euch als Böse verleumden, sollen sie eure guten Taten sehen, damit sie zur Einsicht kommen und Gott preisen, wenn er einmal in ihr Leben eingreift.“ (1Petrus 2,10-12; NeÜ)

Deutlicher konnte Petrus es gar nicht ausdrücken. Durch unser Heiliges Leben sollen die Menschen zu Erkenntnis Gottes und damit zum Lobpreis dieses Gottes geführt werden.

Christopher Wright, Alttestamentler und Vorsitzender des theologischen Arbeitskreises der Lausanner Bewegung paraphrasiert diese Stelle wie folgt:

„You've tasted God's grace and mercy. You are his precious, treasured possession, his very own people. Now then, live by that story. Live out that identity. And live with such attractive abedience of 'good lives', that people will be attracted to the God you worship, and whatever that say about you, they will come to glorify him.“ (5)

Für Petrus basiert unser vorbildlicher Lebensstil, zu dem er uns ermahnt, nicht auf unserem guten Willen oder unserer Ehrfurcht vor Gott – sondern aus der erfahrenen Gnade im Evangelium. Durch das Kreuz, an dem Jesus für unsere Sünden gestorben ist und wir – die wir in uns selbst sündiger sind als wir jemals geglaubt hätten – erfahren dürfen, dass wir in Jesus geliebter sind, als wir jemals zu hoffen gewagt hätten; durch dieses Kreuz haben wir mehr Gnade bekommen als wir jemals messen, beschreiben oder erahnen können. „I'll never know, how much it costs, to see my sin, upon that cross.“ (6) heißt es in einem bekannten Lobpreislied; und das bringt die Sache auf den Punkt.
Wir kennen nicht einmal die tiefen Ausmaße unserer eigenen Sünde – die durch Jesus nicht nur vergeben, sondern für immer weggewischt ist. Wir werden die Kosten, die Jesus getragen haben, niemals auch nur erahnen können. Und das sollte uns dazu führen, gnädiger zu sein, was unsere Mitmenschen angeht.

Vor einigen Tagen habe ich eine Dokumentation über die Westboro Baptist Church gesehen, jene religiöse Gemeinschaft in den USA, die durch ihre beleidigenden, verletzenden und hass-verbreitenden Plakate bekannt geworden sind, die sie mit diebischer Freude bei Beerdigungen (!) von Soldaten hochhalten, die im Krieg gefallen sind. Die Botschaft dieser Gemeinde, die gerade einmal etwa 70 Mitglieder umfasst und aus fast ausschließlich einer Großfamilie besteht, besteht aus Hass, Angst und Beleidigung. Ihr 'Evangelium' (und ich fühle mich schon schlecht, das überhaupt Evangelium zu nennen, denn es ist keine 'Gute Nachricht') besteht aus ihren Werken, ihrer eigenen Heiligkeit. Sie haben nichts von der Gnade Gottes verstanden. (7)
Genau das ist es nicht, wofür wir auf dieser Erde sind. Nun werden wahrscheinlich (hoffentlich!) alle von euch sagen, dass ihr euch ja niemals mit diesen Spinnern identifizieren würdet. Aber eine Überprüfung unserer eigenen Praxis sollten wir uns gefallen lassen. Denn wir sind in unserem Leben doch gerne ziemlich stolz auf das, was wir in unserem Leben erreicht haben – sei es Karriere, akademische Expertise, familiäre Verhältnisse, finanzielle Sicherheiten, moralische Reinheit usw. - und sehen von oben auf die herab, die wir eigentlich Lieben sollten und die in das Königreich Gottes hineinzubeten unser Auftrag ist.
Jesus sagt selber, dass er nicht für die Gesunden gekommen ist – nicht für die Religiösen, die Heiligen und Gerechten – sondern für die Kranken; und das sind die Randgruppen unserer Gesellschaft. Die Menschen, über die unsere Augen schnell hinweggleiten, weil wir sie nicht sehen wollen; weil sie uns die gute Laune verderben. Die Kranken, dass sind die gescheiterten Existenzen; dass sind die einsamen Alphatiere, die so alpha sind, dass sich kein Anderer mehr in ihre Nähe traut; das sind die Frauen (und Männer), die sich gesellschaftliche Akkzeptanz und Liebe erkaufen wollen, indem sie mit vielen Partnern schlafen; es sind die armen Gestalten, die ihre Freude im nächsten Schuss oder Joint suchen oder gerade von einem Trip runter sind und merken, dass die Freude, die Drogen versprechen, nur kurzzeitig anhalten. Es sind diese Menschen, denen wir mit der Gnade Gottes in den Augen, der Leidenschaft und Liebe Gottes in den Herzen und der Missio Dei im Rücken begegnen sollten.
Jesus ist König, Jesus ist Retter. Wir sollten wieder beginnen, diese Gute Nachricht zu verkünden – und nicht mehr nur die schlechte Nachricht, dass alle anderen weniger heilig sind, als wir. Die ist nicht nur schlecht – die ist auch noch falsch. Alles Heilige in uns, ist Christus in uns!

Gods Bless,

Restless Evangelical


(1) Zititert nach: http://www.missionalmanifesto.net/ Für weitere Gedanken zum Missional Manifesto, dem Begriff Missional und den Missio die siehe meinen Artikel: Missional – Reizwort undModewort

(2) Wright, N.T., Justification: God's Plan and Paul's Vision, London 2009, S.19; Ich bin mir bewusst, dass Wright's Neue Paulusperspektive einige Kritik (zu Recht oder Unrecht vermag ich noch nicht zu sagen) eingefangen hat. Nichts desto trotz scheint mir diese Zusammenfassung von Gottes Mission durchaus seine Berechtigung im gesamtbiblischen Kontext zu haben.

(3) a.a.O. S.7.

(4) Sproul, R.C., Die Heiligkeit Gottes, Marburg 1989, S.28

(5) Wright, Christopher J.H., The Mission of Gods People, Grand Rapids 2010, S.127; Dieses Buch war nach Michael Herbst „das Buch des Kongresses“ (Herbst TheoBeitr 11-2, S.75), gemeint ist der Lausanner Kongress für Weltmission in Kapstadt 2010; und bei aller berechtigter Kritik an manchen Verirrungen von 'Sozialer Gerechtigkeit' in evangelikaler Theologie, kann man dieses Buch wohl mit Recht als Repräsentant der aktuellen evangelikalen Missionstheologie verstehen.

(6) Hughes, Tim, Here I am to worship, Thankyou Music / kingswaysongs.com 2000

(7) Es gibt einen Unterschied zwischen Religion und Erlösung, den ich hier gerne machen will. Religion besteht auf Regeln, die zu befolgen dich in den Himmel befördern soll. Erlösung macht deutlich, dass du nichts tun kannst – sondern alles aus Gottes Gnade geschieht. In polemisch-humoristischer, ihm eigener Art, macht Mark Driscoll das in diesem Video deutlich: http://www.youtube.com/watch?v=WXKT8IPdvzA

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