Dienstag, 29. November 2011

Ihr helft niemandem!

Was mich in vielen christlichen Debatten stört.

Gestern abend war ich mit drei lieben Freunden zusammen und wir haben uns ausgetauscht über unser geistliches Leben und mancherlei anderes. Bei einer Gelegenheit kam die Sprache dann auf Rob Bell und sein skandalumwittertes Buch 'Love Wins'. „Und bei dir es die Allversöhnung darin, die dir zu schaffen macht?“, wurde ich dann gefragt.

1. Es gibt nichts Neues unter der Sonne
Das war Grund für mich, ein wenig darüber nachzudenken, was mich eigentlich daran stört – und was mich an dieser ganzen Zweifelsäherei stört, die manche 'christlichen Leiter' scheinbar kultiviert zu haben scheinen.
Denn es ist nicht in erster Linie die 'falsche Lehre', die mich darin mulmig stimmt. Das alles ist nicht neu. Spurgeon soll einmal gesagt haben: „Es gibt nichts Neues in der Theologie, außer das, was falsch ist.“ Klassischer Spurgeon-Populismus, den wir alle so lieben. Aber ich bin nicht sicher, ob der Predigerfürst darin recht hatte. Denn tatsächlich ist das meiste Falsche auch gar nicht neu. Manches Neues mag es geben – und über seine Richtigkeit kann man streiten. Aber wenn man die Theologie – und wir sprechen hier vor allem von populärwissenschaftlichen Werken – dann gibt es eigentlich wenig, was neu ist und was uns überrascht. Eigentlich ist über das, was Bell schreibt und was Brian Maclaren schreibt und was viele andere schreiben schon sehr viel geschrieben worden. Wenn man die Tinte aufwiegen würde, die in der Kirchengeschichte für theologische Litertur verbraucht würde, könnten wir unsere braunen, leergefischten Meere wieder ganz blau färben. Oder rot, wenn man die vielen Irrlehre-Korrekturen in manchen Kreisen auch mit einsaugen.
Warum also ist das Echo auf Bell so groß? Was stört mich – und da bin ich ja auch ofensichtlich nicht alleine – eigentlich an den Büchern, die uns durch die Hintertür den Zweifel an zentralen christlichen Lehren schmackhaft machen will?
Ich denke, dass es der Anspruch dieser Bücher ist, den Glauben in die Postmoderne hineinzuretten.
Denn, dieser Satz kam mir heute, als ich darüber nachdachte, ihr seid dabei nicht wirklich hilfreich! Das Christentum war immer radikal, war immer anders, war immer gegen die Kultur gewandt. Es war niemals einfach zu schlucken! Matt Chandler sagt einmal: „You can't contextualize the gospel to the point where it is no longer the gospel!“ Das blutige Kreuz, an dem der Erlöser-König für uns, an unserer Stelle stirbt, ist das Ende von jeder Anpassung.
Denn was viele Leiter heute machen, ist nicht den christlichen Glauben in die nächste Generation zu transportieren – sondern eine leere Hülle; es sind Worte, die sie mitnehmen, aber völlig anders füllen. Und das stört mich. Ihr helft dem einfachen Christen auf der Straße nicht wirklich dabei, den Glauben an andere Menschen weiterzugeben – und dadurch auch nicht, die Freude des Erlöser-Königs mit der ganzen Welt zu teilen und die Gnade auszugießen, die darin liegt.
Sondern ihr säht Zweifel an der Glaubwürdigkeit von dem, was wir Christentum genannt haben und was seit vielen Jahrhunderten Christentum genannt wurde. Und das stört mich.
Wie viel mehr würden wir erreichen, wenn wir gemeinsam darum kämpfen, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben – und damit meine ich den historisch nachweisbaren, christlichen Glauben, der in der Bibel bezeugt ist. Und nicht ein dynamisches Etwas, das kein historisches Gegenstück hat.
Ich denke, dass es das ist, was mich stört. Das es einfach nicht wirklich hilfreich ist, wenn man anderen Menschen von Jesus erzählen will. Denn welches Argument habe ich für Jesus – wenn die Bibel schon am Anfang über Jesus die Unwahrheit erzählt? Oder wie Bell es ausdrückt, „dass die Jungfrauengeburt nur ein bisschen Mythologisierung war, das die Evangelisten einstreuten, um die Anhänger des Mithras- und des Dionysos-Kultes anzusprechen.“ (Velvet Elvis, S. 22)

2. Womit ich keine Probleme habe! Oder: Es gibt hilfreiche Gedanken in der Emergent Church!
Für manchen mag der zweite Teil dieser Teilüberschrift schon anstößig sein. Aber ich meine es wirklich. Auch Bell hat wirklich biblische, hervorragende, herausfordernde Gedanken. Und auch nicht wenig! Wenn Christen die Bücher von ihm (oder Brian Maclaren – um mal einen anderen Namen zu schreiben; aber im Grunde kann man hier jedes Buch einfügen, dass es in den verschiedenen christlichen Buchläden zu kaufen gibt) lesen und dabei theologisch darüber reflektieren, was er sagt, dann können sie ein unheimlicher Segen sein. Ich bezweifel nur, dass es wirklich die meisten tun. Und in den Büchern, die ihnen im Katalog entgegenlachen, zwischen guten und schlechten Gedanken unterscheiden (selbiges gilt natürlich für jeden Blog und ich hoffe, dass manches hier den Ansprüchen auf 'Orthodox' anspricht). Ich bezweifel, dass wirklich viele Christen darüber nachdenken – weil den wenigsten vermittelt wird, dass sie es sollen! Was viele in den Büchern finden, ist ihr Wunschbild von Gott oder von der Kirche wiedergespiegelt; und deswegen übernehmen sie es kritiklos. Ohne darüber nachzudenken, ob das, was darin gesagt wird – und vor alles was von dem, was darin gesagt wird – den historischen und biblischen Messlatten für das Christentum entsprichen. Denn: Wir leben in einem freien Land, jeder darf seiner Religion nachgehen und ich bin sehr dafür. Es waren ja nicht umsonst die Evangelikalen (wie z.b. Baptisten), die als erstes für völlige Religionsfreiheit plädiert haben. Aber dann wäre es doch nur fair, dass wir deutlich sagen, was christlich ist und was nicht. Was evangelikal ist und was eben nicht mehr. Es sind ja nicht die Schubladen, die uns retten – sondern unser Erlöser, der durch alle Schubladen hindurchspaziert. Aber wir sollten fair und mutig genug sein, uns zu positionieren.
Und dann kann vieles anregende, gute und hilfreiche in den Büchern stehen, die jetzt in so manchem 'Irrlehre-Giftschrank' schmoren. Wenn wir bereit und willig sind, die Bücher danach zu untersuchen, ob sie falsches enthalten – und was von dem Guten wir übernehmen können.

3. Die vergessene Tugend – den eigenen Glauben herausfordern
Ich treffe viele Christen, die sehr stramm den Weg ihrer Denomination gehen und wenig Blick haben für das, was Links und Rechts des Weges liegt. Das gilt für konservative Evangelikale wir für liberale Evangelikale. Aber ich glaube, dass ein solche Glaube nicht wirklich wachsen kann. Dann die Strohmänner, die wir in unseren Köpfen, Büchern und Blogs gerne verbrennen, sind eben genau das: Strohmänner. Meist unsere eigene Kreation. Manchmal sind wir überrascht, wenn wir Christen treffen, die wir bis dahin immer nur als Strohmänner kannten – und merken, dass sie lebendig sind und, noch viel wichtiger, ihre Beziehung zu Jesus sehr lebendig ist.
Ich denke, es ist für einen Glauben, der wachsen will, unersetzlich, den eigenen Glauben auch immer wieder herauszufordern mit der Literatur oder den Vorträgen von Leuten, denen wir eigentlich gar nicht zustimmen wollen.
Tim Keller hat mal gesagt, dass man eine andere Meinung erst dann ablehnen darf, wenn man sie so wiedergeben kann, dass der Gegner einverstanden ist und nichts mehr hinzuzufügen hat.
Ich denke, dass in vielen Debatten und in vielen Christen diese Grundlage fehlt. Aber ich halte es für ein hohes – ein christliches – Ideal. Denn es hilft nicht nur darin, eine Debatte sachlich zu gestalten, sondern am Ende auch darin, den eigenen Glauben durch Prüfungen zu stärken.

4. Ein Wort zum Schluss
Dementsprechend: Lest Bell, lest Maclaren, lest Piper und lest Luther. Und schlagt nebenbei eure Bibel auf und fragt euch: Ist das wahr, was der und der mir hier verkaufen will. Wenn es das ist – und wenn es mit der Bibel übereinstimmt – dann nehmt es auf. Stimmt es nicht, dann sucht weiter, ob ihr nicht doch einen Gedanken findet, der euren Glauben stärkt. Ich bin sicher, dass wir dann in mehr büchern fündig werden, als wir das manchmal glauben.

Gods Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 15. November 2011

World of Pulpit Nr. 7 - ein Online Predigt Gathering


Nachdem mein letzter WOP schon wieder einige Zeit her ist, habe ich gestern mal wieder eine Predigt gehört, die ich wert finde, an dieser Stelle zu präsentieren.
Sie ist wieder – wie mein letzter WOP – von Andy Stanley und trägt den Titel 'Be Rich'.
Für alle, die jetzt erschreckt zurückschrecken und sich fragen, ob Joel Osteen in meiner Rangliste jetzt John Piper abgelöst hat, dem kann ich beruhigend zuraunen – wenn auch nicht laut aussprechen: John Piper ist noch immer mein größtes Vorbild.
Nein, nicht Joel Osteens Götzendienst ist gegenstand dieser Predigt, sondern der richtige Umgang mit Reichtum.

1. Vorbereitung auf kommenden Wohlstand

In einem Lang wie Amerika, noch mehr in einer Großstadt wie Atlanta, ist es nicht weit hergeholt, davon auszugehen, dass manche in einer Versammlung von 24.000 Leuten (plus diejenigen, die über Internet zuhören) in naher oder ferner Zukunft reich sein könnte.
Andy sagt, dass er will, dass seine Gemeindemitglieder vorbereitet sind, wenn sie eventuell reich werden. Das Problem wäre nämlich, so Andy, dass die meisten Reichen in Amerika (und hier kann man auch problemlos Deutschland einfügen) nicht wirklich gut darin sind, reich zu sein.
Reich sein, viel Geld zu besitzen, bedeutet immer auch, über eine große Macht zu verfügen. In dem ebenso dicken wie grandiosen Roman 'Eine Billionen Dollar' macht der Autor Andreas Eschbach auf die unglaubliche Macht aufmerksam, die hinter einer Menge Geld steckt.
Vor allem aber sollten wir unseren Blickwinkel wieder zurecht rücken. Vor wenigen Tagen stand ich mit einem lieben Freund an der FTH und wir haben uns überlegt, wie viel Geld man wohl so als Theologe verdient. Wieviel unsere Dozenten verdienen, und ob sie nach westlichen Maßstäben 'viel' verdienen. Das können wir natürlich nicht wissen und ich bin dankbar für den hervorragenden Job, den unsere Dozenten für uns tun.
Aber Andys Fragen in dieser Predigt haben mir die Situation noch einmal vor Augen geführt und mich fragen lassen, was ich mir dabei eigentlich denke?
Andy sagt, dass reich zu sein bedeutet, dass man nicht mehr genau weiß, wie viel Geld man hat; dass man genug Geld hat, dass man es irgendwo herumliegen lässt. Das ist die sprichwörtliche Portokasse. Dass nicht viele von uns davon einen 3er BMW bezahlen (ich hab mal meinen Aschenbecher im Auto geleert), ist klar. Aber alleine die Tatsache, dass ich immer mal fünf Centstücke aus versehen mit aufsauge, wenn ich mein Zimmer aufräume, sollte mir zu denken geben. Fünf Cent mögen bei uns nicht viel sein. Aber im relation dazu, dass eine ganze Menge Menschen auf dieser Erde mit weniger als 1 Euro pro Tag auskommen müssen, bekommen fünf Cent eine ganz andere Dimension.
Wer genug Geld hat, dass er nicht mehr auf die Stellen hinter dem Komma auf dem Kontoauszug achtet; wer genug Geld hat, dass er zu faul ist sich zu bücken, wenn ihm zwanzig Cents aus der Hosentasche fallen und sie einfach liegen lässt; wer genug Geld hat, soviel Brotbelag zu kaufen, dass er gar nicht alles essen kann (!) nur um der Auswahl wegen; der hat auch genug Geld, um es mit anderen Menschen zu teilen.

2. Die wichtigste evangelistische Methode

Was Andy in dieser Predigt über die Anfänge des Christentums sagt, ist natürlich verkürzt. Es gibt viele Faktoren, die dazu geführt haben, dass das Christentum zu dem geworden ist, was es ist; im positiven wie im negativen. Man sollte auch die geistliche Dimension dabei nicht außer acht lassen, dass Gott als souveräner Herrscher des Universums die Macht hat, sein geistliches Volk zu erhalten: auch und gerade durch schwere Zeiten hindurch.
Aber Andy trifft trotzdem bei einem wichtigen Punkt ins Schwarze. Das Christentum hat sich auch (!) so stark ausgebreitet, weil sich die ersten Christen um die Armen und Randgruppen der Gesellschaft gekümmert haben. Sie haben nicht in erster Linie die etablierten Geschäftleute, die gehobene Mittelschicht oder die Akademiker 'evangelisiert', sondern die, die am Rand der Gesellschaft standen. Vor allem aber haben sie bei diesen Leuten am meisten Einfluss bekommen; diese Menschen waren es, die nach Jesus geschrien haben – nach einem, der sie so sehr geliebt hat, dass er sich selber für sie geopfert hat; nach einem, der ihnen gleich geworden ist.
Jesus steht nicht in der Mitte der Akademiker und sagt zu uns: Geht dort hin zu den Armen und verwundeten. Jesus steht unter den Verwundeten und sagt: Kommt her, hier bin ich!
Wir werden nicht gerecht, wenn wir gute Taten tun; aber weil wir gerechtfertigt sind aus der Gnade Gottes heraus, deswegen entwickeln wir einen gnädigen Lebensstil. Das bedeutet, nicht die Nase zu rümpfen, wenn jemand stinkt, weil er sich seit Wochen nicht gewaschen hat.
Vor einigen Tagen war jemand bei uns im Plenum in der FTH, der von den 'Dimensionen eines gesellschafts-relevanten Gemeindebaus' berichtet hat. Er sagte dabei, dass wir durch unsere guten Taten vielleicht keine Evangelisation durchführen, aber die Atmosphäre schaffen, in der Evangelisation erst möglich wird.
Es mag sein, dass manche auf rein intellektuelle Art und Weise gerettet werden; sie verstehen das Konzept eines gerechten Gottes, erkennen ihre Schuld und glauben dem Evangelium. All das kann bei manchen eine rein rationale Sache sein.
Ich bezweifele aber, dass das bei den meisten Menschen so ist. Liebe Freunde, die meisten Menschen, die mit euch reden, haben kein Interesse an NT-Einleitungsfragen oder an einer genauen Entfaltung der 'übertragenen Gerechtigkeit'. Beides ist wichtig, das letzte sogar zentral.
Wenn wir aber den Menschen in erster Linie zuhören und eine Atmosphäre schaffen, in der sie erkennen: Hier bin ich sicher, hier bin ich angenommen, hier bin ich zuhause; dann ist es auch wesentlich einfacher, auf seelsorgerliche und einfühlsame Weise mit den Menschen über ihr Sündenproblem zu sprechen und ihnen den Ausweg zu zeigen. Wenn wir in den Menschen nicht in erster Linie ein Missionsobjekt sehen – oder schlimmer noch: ein Mitglied für unsere Gemeinde – sondern einen Menschen, der jenseits von Eden vollkommen verloren ist in dem Götzendienst, den er Selbstverwirklichung nennt.
Genau darum geht es, wenn wir und für Gerechtigkeit in der Welt, in unserer Stadt oder auch nur in unserem eigenen Kaufverhalten einsetzen!
Ich träume davon, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Menschen wieder auf die Christen sehen und sagen: Das Problem ist, dass sie sich nicht nur um ihre Armen kümmern – sondern auch um unsere!

3. Gegen Selbstverwirklichung

Am meisten gefällt mir Andys (und NorthPoints) Einstellung, keine eigenen Projekte zu gründen, sondern bestehende Projekte zu unterstützen. Mit Geld und Arbeitern. Es gibt viel gutes in eurer Stadt, macht nicht wieder euren eigenen Club auf. In manchen Punkten werden die Menschen nicht mit euch übereinstimmen (oder ihr nicht mit ihnen!), aber trotzdem habt ihr das gleiche Anliegen: Es ist Menschen zu helfen, die in Not sind.
Und dieses Prinzip würde ich – über die spezielle Predigt hinaus – nicht nur auf sozial-diakonische Arbeiten beziehen, sondern auch auf Gemeinden. Ihr werdet nicht immer, wahrscheinlich nie (es sei denn, ihr wohnt in Minneapolis oder Seattle) die perfekte Gemeinde finden; es wird immer Dinge geben, die euch Bauchschmerzen machen, mit denen ihr nicht mitziehen könnt, wo ihr Fragen habt, oder wo ihr vielleicht sogar gleich heraus andere Ansichten habt. Aber die Frage ist nicht, ob ihr die perfekte Gemeinde habt, sondern, ob ihr die Gemeinde habt, mit der ihr euch abfinden könnt. Alles weitere kann man versuchen, durch die eigenen Gaben, den eigenen Einfluss und viel Gebet zum besseren zu verändern. Und wer weiß – vielleicht lernt ihr auch noch etwas dabei darüber, dass der andere Jesus auch liebt und die Bibel auch liest!

Gods Bless,
Restless Evangelical

Sonntag, 13. November 2011

Des Sünders neue Kleider...

Die Geschenkte Gerechtigkeit Gottes

Seit der Reformation stand die evangelische Rechtfertigungslehre auf dem Grundsatz des 'simul justus et paecator'. Wir sind gleichzeitig Gerechte und Sünder. Obwohl Sünder in unseren täglichen Gedanken und Taten, sind wir doch gleichzeitig in Gottes Sicht gerecht.
Piper drückt es so aus:

„I cannot escape the exceding wonder, that not only does God look upon a guilty person in the court-room and exercises clemency and forgive him and say: 'You're guilty, I forgive you. Go and sin no more.' But he also, beyond all imagination, looks upon this guilty sinner and does not just say: 'You're guilty, I forgive you.' He says: 'Your not guilty!'“ (Predigtausschnitt in diesem Video bei Minute 4:37)

Der Grundsatz, der die evangelische Theologie seit Luther getragen hat, nennt sich 'imputed righteousness', oder 'übertragene Gerechtigkeit'. Luther nannte es den 'fröhlichen Wechsel'. Während unsere Sünde von uns genommen wird und auf ihn, den Messias, Gott selbst, gelegt wird, wird seine Gerechtigkeit – und damit die Gerechtigkeit Gottes selbst – auf uns gelegt. Wie ein Gewand legt er es uns um und sieht nicht mehr, wer wir sind, sondern wer Jesus in uns ist.

Gott liebt uns so wie wir sind?

Wenn man manche modernen Lieder oder auch gängige Phrasen in den evangelikalen Köpfen beobachtet, dann stößt man immer wieder auf eine: „Gott liebt mich(od. dich/ihn/sie/die Menschen) so, wie ich bin.“ Dieser Satz hat eine gewisse evangelistische Note. Immerhin wünschen sich die Menschen genau das. In unserer Welt, in der Profit und Geld mehr wert sind, als die Menschen, die ihn erwirtschaften, ist nur der Mensch geliebt, der etwas bringt; einer mit herausragenden Talenten oder der großen Idee. Einer, der sich von den anderen abhebt – und zwar so, dass ihm viele dabei folgen. Diejenigen, deren gaben nicht auf dem Silbertablett präsentierbar sind, bleiben dabei leider auf der Strecke. Nicht viele fühlen sich deswegen wertlos und unnütz und kurbeln dadurch den Kreislauf von Wertlosigkeit weil 'Silbertablettlosigkeit' weiter an. Aus diesem Strudel kann nur einer heraus helfen: Jesus. Soweit ist die Überlegung sehr biblisch und eine gute missionarische Möglichkeit. Wir sollten nur aufpassen, dass wir nicht einen Schritt zu weit gehen, und die Botschaft den Bedürfnissen der Menschen anpassen. Denn sagt uns die Bibel, dass Gott uns genau so liebt, wie wir als natürliche Menschen sind? Die Bibel sagt, dass wir von Natur aus 'Kinder des Zorns' (Epheser 2,3) sind. Die Sünde ist nämlich nicht wie kleine Dreckspritzer auf unserer weißen Weste. Sie ist zu unserer Natur geworden. Unsere Natur, das, was wir von unserem tiefsten Herzen aus wollen, ist also, dass, was Gott hasst. Worauf Gott zornig ist. Außerhalb von Christus hat nicht einmal ein kleines Kind etwas zu bringen, mit dem es vor Gott bestehen kann. Alles, was wir haben, ist die Sünde in uns. Und alles, was wir tun, ist Sünde. Denn jede Minute, die wir nicht zur Ehre Gottes leben, verfehlen wir das Ziel, für das wir geschaffen wurden. Und genau das ist die Bedeutung von Sünde: Zielverfehlung.
Kann ich also sagen, dass Gott uns genauso liebt, wie wir sind? Liebt er alles an mir? Nimmt er mich vorbehaltlos an? Allem dem kann man – biblisch betrachten – höchstens mit vorbehalt zustimmen.
Gott liebt uns nicht eigentlich genauso wie wir sind – er liebt uns obwohl wir so sind, wie wir sind.
Gott liebt nicht eigentlich alles an uns – er liebt eher uns als seine Geschöpfe.
Gott nimmt uns nicht eigentlich vorbehaltlos an – er nimmt sich die Freiheit raus, uns wieder in sein Ebenbild zu verändern!
Wir müssen diesen Paradigmenwechsel wieder vollziehen. In unseren Köpfen hat sich heimlich eine ziemliche Menschzentriertheit eingeschlichen. Es geht alles darum, sich selbst anzunehmen, seine Persönlichkeit auszubilden und 'you best life now' zu leben. Es klingt immer so, als würde sich Gott um uns drehen, als wären wir das Zentrum des Universums, die Sonne. Und Gott dreht sich um uns. Tut alles, damit wir glücklich sind und unsere Wunden geheilt werden und unsere Feinde niedergestreckt zu Boden gehen.
Die Bibel sagt aber nicht, dass Gott sich um die Menschen dreht. Er hat die Menschen dazu geschaffen, sich um ihn zu drehen. Der große Fehler, der den Graben zwischen Menschheit und Gott so tief gemacht hat, dass er unüberwindbar wird, ist erst dadurch entstanden, dass wir angefangen haben, uns um uns zu drehen. Das war der Anfang vom Ende – und wir haben ihn in unseren Gemeinden kultiviert.
Wir sind nicht Gottes Superstars – wir sind der Sternenstaub, der zum großen Superstar zeigt.

Einmal in weiß heiraten.

Und trotzdem nimmt Gott uns an. Und trotzdem sorgt er für uns. Trotzdem kümmert er sich sogar um unsere täglichen Bedürfnisse; so sehr, dass Jesus uns sogar auffordert, dass wir uns darum keine Sorgen machen sollten. Woran liegt das? Wenn wir doch eigentlich Feinde Gottes waren; von ihm getrennt und von Kindesbeinen an unter seinem Zorn standen für das, was wir jeden Tag tun und denken und sagen? Wieso kümmert er sich trotzdem um uns? Wieso sind wir hier – als Christen – und behaupten, nicht nur Vergebung erfahren zu haben; wir behaupten, gerechtfertigt zu sein. Das heißt, dass wir nicht nur einen Schuldenberg losgeworden sind, sondern dass es so ist, als hätten wir niemals einen gehabt?
Das ist die Frage, die sich auch Luther gestellt hat, und die zur Reformation geführt hat: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ War ist das Geheimnis des Universums, dass es schafft, schuldige Sünder vor dem gerechten Gott auftreten zu lassen und bei diesem Erfinder aller Gerechtigkeit eine so 'ungerechte' Reaktion hervorzurufen – du bist unschuldig?
Es ist das Kreuz, an dem Gott selbst stirbt und Gott selbst den ganzen Zorn über die Sünde des Menschen trägt. Er ist nicht ungerecht, wenn der Mensch als Schuldlos betrachtet wird; denn der Zorn wurde ausgegoßen. Ihm wurde genüge getan. Denn es gibt einen Stellvertreter. Den Herrn der Herren, den König der Könige selbst, der zum dienenden Fürsten wird, blutig und geschlagen am Kreuz hängt und ausruft: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ In diesem Moment ist es volbracht worden, was Jesaja schon viele Jahrhunderte vorher vorhersagte:

Doch unsere Krankheit, / er hat sie getragen, / und unsere Schmerzen, / er lud sie auf sich. / Wir dachten, er wäre von Gott gestraft, / von ihm geschlagen und niedergebeugt. Doch man hat ihn durchbohrt wegen unserer Schuld, / ihn wegen unserer Sünden gequält. / Für unseren Frieden ertrug er den Schmerz, / und wir sind durch seine Striemen geheilt. Wie Schafe hatten wir uns alle verirrt; / jeder ging seinen eigenen Weg. / Doch ihm lud Jahwe unsere ganze Schuld auf. Er wurde misshandelt, / doch er, er beugte sich / und machte seinen Mund nicht auf. / Wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, / wie ein Schaf, das vor den Scherern verstummt, / so ertrug er alles ohne Widerspruch. Durch Bedrückung und Gericht wurde er dahingerafft, / doch wer von seinen Zeitgenossen dachte darüber nach? / Man hat sein Leben auf der Erde ausgelöscht. / Die Strafe für die Schuld meines Volkes traf ihn.“ (Jesaja 53,4-8 NeÜ)

Dieser Gottesknecht ist es, der seine weiße Weste auszieht, und sie uns anzieht. Sie komplett weiß, hatte niemand irgendwelche Flecken. Und er macht uns – die Gemeinde – zu seiner Braut. Es ist manchmal schwer für Männer, dieses Bild zu verstehen. Doch macht euch bewusst, was es bedeutet. Der König aller Zeiten und Schöpfer aller Dinge bindet sich so eng an uns, wie ein Ehemann an seine Ehefrau (und zwar ohne Ehevertrag! =)). Er hat uns genug geliebt, um selbst für uns zu bezahlen, alles zu erdulden, und am Ende sagen zu können: Du bist mein.
Das ist das Geheimnis des Universums. Der 'Tiefe Zaube', von dem in Narnia gesprochen wird. Es ist der fröhliche Wechsel unserer Schuld gegen seine Gerechtigkeit.
Paulus sagt das sehr deutlich:
Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2Kor 5,21 NeÜ)
Es ist seine Gerechtigkeit, wegen der wir Leben.
Es ist unsere Schuld, wegen der er stirbt.
Es ist seine Gerechtigkeit, die wir anziehen.
Es ist unsere Schuld, von der er uns befreit.
Es ist seine Gerechtigkeit, die uns die Flügel des Adlers gibt.
Es ist unsere Schuld, die uns nicht mehr länger niederdrückt.

Mark Driscoll schließt ein Kapitel in 'Death By Love' mit einer rührenden Geschichte ab, mit der ich auch abschließen will:

„Ich möchte zum Schluss kommen und dir noch eine Geschichte erzählen, die diese ganze Thematik gut auf den Punkt bringt. Einer meiner Freunde war mit einer Frau verheiratet, die er viele Jahre lang sehr geliebt hat. Aber sie waren sie nie so nah und intim, wie er es sich gewünscht hätte; doch er hatte keine Ahnung, woran das lag. Der Grund lag darin, dass seine Ehefrau – genau wie du – sich unheimlich geschämt hat. Als kleines Mädchen ist sie missbraucht worden, als Teenanger wurde sie vergewaltigt und später hat sie dann sehr häufig ihre Bettpartner gewechselt. Sie hat ihren Ehemann auch betrogen, als sie schon verlobt waren, und dann ihrem Ehemann niemals von diesem dunklen Geheimnis erzählt. Erst nach vielen Jahren erzählte sie ihrem Ehemann, wer sie wirklich war, was ihr wirklich angetan wurde und was in Wirklichkeit ihm angetan hatte.
Und diese Wahrheit zerschmetterte ihn. Er hätte sie niemals geheiratet, wenn er von ihrer Untreue während ihrer Verlobungszeit gewusst hätte. Und vielleicht hätte er sie auch schon vorher verlassen, wenn er von den vielen Malen gewusst hätte, an denen sie als kleines Mädchen missbraucht worden war; wenn er gewusst hätte, wie oft sie als Mädchen vergewaltigt wurde und als junge Frau ihre Bettpartner gewechselt hätte, dann hätte er sie wahrscheinlich mit einer schweren Delle in seiner Seele verlassen. Sie hatte natürlich schreckliche Angst, dass ihr Ehemann sie nun verlassen und nie wieder mit ihr reden würde. Und ihr Ehemann macht etwas undenkbares: Er verließ das gemeinsame Haus und ließ seine Frau im Unwissen darüber, wohin er ging und ob er jemals wieder zurückkommen würde.
Aber er kannte die Gute Nachricht von Jesus Christus! Und deswegen ging er in einen Laden und kaufte für seine Frau ein neues, vollkommen reines, weißes Nachthemd. Er ging wieder nach Hause und bat sie, sich vor ihm auszuziehen, damit sie sich in reines Weiß kleiden konnte. Und als sie das getan hatte, sagte er: „Ich habe mich entschieden, in dir nicht das zu sehen, was du getan hast oder war dir angetan wurde. Ich möchte in dir nur das sehen, was Jesus für dich getan hat, um deine Sünden zu vergeben und deinen Schmutz abzuwaschen!“
Dann umarmte er sie und betete für sie, während sie schluchzte und ihr Tränen das Gesicht hinunterliefen, die ihre Seele reinigten. Denn sie wusste, dass ihre Scham für nichts geachtet wurde durch die Liebe, die ihr Jesus schenkte und genauso ihr Ehemann, der vom Geist Gottes geleitet wurde.“ (Mark Driscoll, Death By Love, S.157f; Übersetzung von mir)