Sonntag, 13. November 2011

Des Sünders neue Kleider...

Die Geschenkte Gerechtigkeit Gottes

Seit der Reformation stand die evangelische Rechtfertigungslehre auf dem Grundsatz des 'simul justus et paecator'. Wir sind gleichzeitig Gerechte und Sünder. Obwohl Sünder in unseren täglichen Gedanken und Taten, sind wir doch gleichzeitig in Gottes Sicht gerecht.
Piper drückt es so aus:

„I cannot escape the exceding wonder, that not only does God look upon a guilty person in the court-room and exercises clemency and forgive him and say: 'You're guilty, I forgive you. Go and sin no more.' But he also, beyond all imagination, looks upon this guilty sinner and does not just say: 'You're guilty, I forgive you.' He says: 'Your not guilty!'“ (Predigtausschnitt in diesem Video bei Minute 4:37)

Der Grundsatz, der die evangelische Theologie seit Luther getragen hat, nennt sich 'imputed righteousness', oder 'übertragene Gerechtigkeit'. Luther nannte es den 'fröhlichen Wechsel'. Während unsere Sünde von uns genommen wird und auf ihn, den Messias, Gott selbst, gelegt wird, wird seine Gerechtigkeit – und damit die Gerechtigkeit Gottes selbst – auf uns gelegt. Wie ein Gewand legt er es uns um und sieht nicht mehr, wer wir sind, sondern wer Jesus in uns ist.

Gott liebt uns so wie wir sind?

Wenn man manche modernen Lieder oder auch gängige Phrasen in den evangelikalen Köpfen beobachtet, dann stößt man immer wieder auf eine: „Gott liebt mich(od. dich/ihn/sie/die Menschen) so, wie ich bin.“ Dieser Satz hat eine gewisse evangelistische Note. Immerhin wünschen sich die Menschen genau das. In unserer Welt, in der Profit und Geld mehr wert sind, als die Menschen, die ihn erwirtschaften, ist nur der Mensch geliebt, der etwas bringt; einer mit herausragenden Talenten oder der großen Idee. Einer, der sich von den anderen abhebt – und zwar so, dass ihm viele dabei folgen. Diejenigen, deren gaben nicht auf dem Silbertablett präsentierbar sind, bleiben dabei leider auf der Strecke. Nicht viele fühlen sich deswegen wertlos und unnütz und kurbeln dadurch den Kreislauf von Wertlosigkeit weil 'Silbertablettlosigkeit' weiter an. Aus diesem Strudel kann nur einer heraus helfen: Jesus. Soweit ist die Überlegung sehr biblisch und eine gute missionarische Möglichkeit. Wir sollten nur aufpassen, dass wir nicht einen Schritt zu weit gehen, und die Botschaft den Bedürfnissen der Menschen anpassen. Denn sagt uns die Bibel, dass Gott uns genau so liebt, wie wir als natürliche Menschen sind? Die Bibel sagt, dass wir von Natur aus 'Kinder des Zorns' (Epheser 2,3) sind. Die Sünde ist nämlich nicht wie kleine Dreckspritzer auf unserer weißen Weste. Sie ist zu unserer Natur geworden. Unsere Natur, das, was wir von unserem tiefsten Herzen aus wollen, ist also, dass, was Gott hasst. Worauf Gott zornig ist. Außerhalb von Christus hat nicht einmal ein kleines Kind etwas zu bringen, mit dem es vor Gott bestehen kann. Alles, was wir haben, ist die Sünde in uns. Und alles, was wir tun, ist Sünde. Denn jede Minute, die wir nicht zur Ehre Gottes leben, verfehlen wir das Ziel, für das wir geschaffen wurden. Und genau das ist die Bedeutung von Sünde: Zielverfehlung.
Kann ich also sagen, dass Gott uns genauso liebt, wie wir sind? Liebt er alles an mir? Nimmt er mich vorbehaltlos an? Allem dem kann man – biblisch betrachten – höchstens mit vorbehalt zustimmen.
Gott liebt uns nicht eigentlich genauso wie wir sind – er liebt uns obwohl wir so sind, wie wir sind.
Gott liebt nicht eigentlich alles an uns – er liebt eher uns als seine Geschöpfe.
Gott nimmt uns nicht eigentlich vorbehaltlos an – er nimmt sich die Freiheit raus, uns wieder in sein Ebenbild zu verändern!
Wir müssen diesen Paradigmenwechsel wieder vollziehen. In unseren Köpfen hat sich heimlich eine ziemliche Menschzentriertheit eingeschlichen. Es geht alles darum, sich selbst anzunehmen, seine Persönlichkeit auszubilden und 'you best life now' zu leben. Es klingt immer so, als würde sich Gott um uns drehen, als wären wir das Zentrum des Universums, die Sonne. Und Gott dreht sich um uns. Tut alles, damit wir glücklich sind und unsere Wunden geheilt werden und unsere Feinde niedergestreckt zu Boden gehen.
Die Bibel sagt aber nicht, dass Gott sich um die Menschen dreht. Er hat die Menschen dazu geschaffen, sich um ihn zu drehen. Der große Fehler, der den Graben zwischen Menschheit und Gott so tief gemacht hat, dass er unüberwindbar wird, ist erst dadurch entstanden, dass wir angefangen haben, uns um uns zu drehen. Das war der Anfang vom Ende – und wir haben ihn in unseren Gemeinden kultiviert.
Wir sind nicht Gottes Superstars – wir sind der Sternenstaub, der zum großen Superstar zeigt.

Einmal in weiß heiraten.

Und trotzdem nimmt Gott uns an. Und trotzdem sorgt er für uns. Trotzdem kümmert er sich sogar um unsere täglichen Bedürfnisse; so sehr, dass Jesus uns sogar auffordert, dass wir uns darum keine Sorgen machen sollten. Woran liegt das? Wenn wir doch eigentlich Feinde Gottes waren; von ihm getrennt und von Kindesbeinen an unter seinem Zorn standen für das, was wir jeden Tag tun und denken und sagen? Wieso kümmert er sich trotzdem um uns? Wieso sind wir hier – als Christen – und behaupten, nicht nur Vergebung erfahren zu haben; wir behaupten, gerechtfertigt zu sein. Das heißt, dass wir nicht nur einen Schuldenberg losgeworden sind, sondern dass es so ist, als hätten wir niemals einen gehabt?
Das ist die Frage, die sich auch Luther gestellt hat, und die zur Reformation geführt hat: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ War ist das Geheimnis des Universums, dass es schafft, schuldige Sünder vor dem gerechten Gott auftreten zu lassen und bei diesem Erfinder aller Gerechtigkeit eine so 'ungerechte' Reaktion hervorzurufen – du bist unschuldig?
Es ist das Kreuz, an dem Gott selbst stirbt und Gott selbst den ganzen Zorn über die Sünde des Menschen trägt. Er ist nicht ungerecht, wenn der Mensch als Schuldlos betrachtet wird; denn der Zorn wurde ausgegoßen. Ihm wurde genüge getan. Denn es gibt einen Stellvertreter. Den Herrn der Herren, den König der Könige selbst, der zum dienenden Fürsten wird, blutig und geschlagen am Kreuz hängt und ausruft: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“ In diesem Moment ist es volbracht worden, was Jesaja schon viele Jahrhunderte vorher vorhersagte:

Doch unsere Krankheit, / er hat sie getragen, / und unsere Schmerzen, / er lud sie auf sich. / Wir dachten, er wäre von Gott gestraft, / von ihm geschlagen und niedergebeugt. Doch man hat ihn durchbohrt wegen unserer Schuld, / ihn wegen unserer Sünden gequält. / Für unseren Frieden ertrug er den Schmerz, / und wir sind durch seine Striemen geheilt. Wie Schafe hatten wir uns alle verirrt; / jeder ging seinen eigenen Weg. / Doch ihm lud Jahwe unsere ganze Schuld auf. Er wurde misshandelt, / doch er, er beugte sich / und machte seinen Mund nicht auf. / Wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, / wie ein Schaf, das vor den Scherern verstummt, / so ertrug er alles ohne Widerspruch. Durch Bedrückung und Gericht wurde er dahingerafft, / doch wer von seinen Zeitgenossen dachte darüber nach? / Man hat sein Leben auf der Erde ausgelöscht. / Die Strafe für die Schuld meines Volkes traf ihn.“ (Jesaja 53,4-8 NeÜ)

Dieser Gottesknecht ist es, der seine weiße Weste auszieht, und sie uns anzieht. Sie komplett weiß, hatte niemand irgendwelche Flecken. Und er macht uns – die Gemeinde – zu seiner Braut. Es ist manchmal schwer für Männer, dieses Bild zu verstehen. Doch macht euch bewusst, was es bedeutet. Der König aller Zeiten und Schöpfer aller Dinge bindet sich so eng an uns, wie ein Ehemann an seine Ehefrau (und zwar ohne Ehevertrag! =)). Er hat uns genug geliebt, um selbst für uns zu bezahlen, alles zu erdulden, und am Ende sagen zu können: Du bist mein.
Das ist das Geheimnis des Universums. Der 'Tiefe Zaube', von dem in Narnia gesprochen wird. Es ist der fröhliche Wechsel unserer Schuld gegen seine Gerechtigkeit.
Paulus sagt das sehr deutlich:
Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2Kor 5,21 NeÜ)
Es ist seine Gerechtigkeit, wegen der wir Leben.
Es ist unsere Schuld, wegen der er stirbt.
Es ist seine Gerechtigkeit, die wir anziehen.
Es ist unsere Schuld, von der er uns befreit.
Es ist seine Gerechtigkeit, die uns die Flügel des Adlers gibt.
Es ist unsere Schuld, die uns nicht mehr länger niederdrückt.

Mark Driscoll schließt ein Kapitel in 'Death By Love' mit einer rührenden Geschichte ab, mit der ich auch abschließen will:

„Ich möchte zum Schluss kommen und dir noch eine Geschichte erzählen, die diese ganze Thematik gut auf den Punkt bringt. Einer meiner Freunde war mit einer Frau verheiratet, die er viele Jahre lang sehr geliebt hat. Aber sie waren sie nie so nah und intim, wie er es sich gewünscht hätte; doch er hatte keine Ahnung, woran das lag. Der Grund lag darin, dass seine Ehefrau – genau wie du – sich unheimlich geschämt hat. Als kleines Mädchen ist sie missbraucht worden, als Teenanger wurde sie vergewaltigt und später hat sie dann sehr häufig ihre Bettpartner gewechselt. Sie hat ihren Ehemann auch betrogen, als sie schon verlobt waren, und dann ihrem Ehemann niemals von diesem dunklen Geheimnis erzählt. Erst nach vielen Jahren erzählte sie ihrem Ehemann, wer sie wirklich war, was ihr wirklich angetan wurde und was in Wirklichkeit ihm angetan hatte.
Und diese Wahrheit zerschmetterte ihn. Er hätte sie niemals geheiratet, wenn er von ihrer Untreue während ihrer Verlobungszeit gewusst hätte. Und vielleicht hätte er sie auch schon vorher verlassen, wenn er von den vielen Malen gewusst hätte, an denen sie als kleines Mädchen missbraucht worden war; wenn er gewusst hätte, wie oft sie als Mädchen vergewaltigt wurde und als junge Frau ihre Bettpartner gewechselt hätte, dann hätte er sie wahrscheinlich mit einer schweren Delle in seiner Seele verlassen. Sie hatte natürlich schreckliche Angst, dass ihr Ehemann sie nun verlassen und nie wieder mit ihr reden würde. Und ihr Ehemann macht etwas undenkbares: Er verließ das gemeinsame Haus und ließ seine Frau im Unwissen darüber, wohin er ging und ob er jemals wieder zurückkommen würde.
Aber er kannte die Gute Nachricht von Jesus Christus! Und deswegen ging er in einen Laden und kaufte für seine Frau ein neues, vollkommen reines, weißes Nachthemd. Er ging wieder nach Hause und bat sie, sich vor ihm auszuziehen, damit sie sich in reines Weiß kleiden konnte. Und als sie das getan hatte, sagte er: „Ich habe mich entschieden, in dir nicht das zu sehen, was du getan hast oder war dir angetan wurde. Ich möchte in dir nur das sehen, was Jesus für dich getan hat, um deine Sünden zu vergeben und deinen Schmutz abzuwaschen!“
Dann umarmte er sie und betete für sie, während sie schluchzte und ihr Tränen das Gesicht hinunterliefen, die ihre Seele reinigten. Denn sie wusste, dass ihre Scham für nichts geachtet wurde durch die Liebe, die ihr Jesus schenkte und genauso ihr Ehemann, der vom Geist Gottes geleitet wurde.“ (Mark Driscoll, Death By Love, S.157f; Übersetzung von mir)

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