Dienstag, 29. November 2011

Ihr helft niemandem!

Was mich in vielen christlichen Debatten stört.

Gestern abend war ich mit drei lieben Freunden zusammen und wir haben uns ausgetauscht über unser geistliches Leben und mancherlei anderes. Bei einer Gelegenheit kam die Sprache dann auf Rob Bell und sein skandalumwittertes Buch 'Love Wins'. „Und bei dir es die Allversöhnung darin, die dir zu schaffen macht?“, wurde ich dann gefragt.

1. Es gibt nichts Neues unter der Sonne
Das war Grund für mich, ein wenig darüber nachzudenken, was mich eigentlich daran stört – und was mich an dieser ganzen Zweifelsäherei stört, die manche 'christlichen Leiter' scheinbar kultiviert zu haben scheinen.
Denn es ist nicht in erster Linie die 'falsche Lehre', die mich darin mulmig stimmt. Das alles ist nicht neu. Spurgeon soll einmal gesagt haben: „Es gibt nichts Neues in der Theologie, außer das, was falsch ist.“ Klassischer Spurgeon-Populismus, den wir alle so lieben. Aber ich bin nicht sicher, ob der Predigerfürst darin recht hatte. Denn tatsächlich ist das meiste Falsche auch gar nicht neu. Manches Neues mag es geben – und über seine Richtigkeit kann man streiten. Aber wenn man die Theologie – und wir sprechen hier vor allem von populärwissenschaftlichen Werken – dann gibt es eigentlich wenig, was neu ist und was uns überrascht. Eigentlich ist über das, was Bell schreibt und was Brian Maclaren schreibt und was viele andere schreiben schon sehr viel geschrieben worden. Wenn man die Tinte aufwiegen würde, die in der Kirchengeschichte für theologische Litertur verbraucht würde, könnten wir unsere braunen, leergefischten Meere wieder ganz blau färben. Oder rot, wenn man die vielen Irrlehre-Korrekturen in manchen Kreisen auch mit einsaugen.
Warum also ist das Echo auf Bell so groß? Was stört mich – und da bin ich ja auch ofensichtlich nicht alleine – eigentlich an den Büchern, die uns durch die Hintertür den Zweifel an zentralen christlichen Lehren schmackhaft machen will?
Ich denke, dass es der Anspruch dieser Bücher ist, den Glauben in die Postmoderne hineinzuretten.
Denn, dieser Satz kam mir heute, als ich darüber nachdachte, ihr seid dabei nicht wirklich hilfreich! Das Christentum war immer radikal, war immer anders, war immer gegen die Kultur gewandt. Es war niemals einfach zu schlucken! Matt Chandler sagt einmal: „You can't contextualize the gospel to the point where it is no longer the gospel!“ Das blutige Kreuz, an dem der Erlöser-König für uns, an unserer Stelle stirbt, ist das Ende von jeder Anpassung.
Denn was viele Leiter heute machen, ist nicht den christlichen Glauben in die nächste Generation zu transportieren – sondern eine leere Hülle; es sind Worte, die sie mitnehmen, aber völlig anders füllen. Und das stört mich. Ihr helft dem einfachen Christen auf der Straße nicht wirklich dabei, den Glauben an andere Menschen weiterzugeben – und dadurch auch nicht, die Freude des Erlöser-Königs mit der ganzen Welt zu teilen und die Gnade auszugießen, die darin liegt.
Sondern ihr säht Zweifel an der Glaubwürdigkeit von dem, was wir Christentum genannt haben und was seit vielen Jahrhunderten Christentum genannt wurde. Und das stört mich.
Wie viel mehr würden wir erreichen, wenn wir gemeinsam darum kämpfen, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben – und damit meine ich den historisch nachweisbaren, christlichen Glauben, der in der Bibel bezeugt ist. Und nicht ein dynamisches Etwas, das kein historisches Gegenstück hat.
Ich denke, dass es das ist, was mich stört. Das es einfach nicht wirklich hilfreich ist, wenn man anderen Menschen von Jesus erzählen will. Denn welches Argument habe ich für Jesus – wenn die Bibel schon am Anfang über Jesus die Unwahrheit erzählt? Oder wie Bell es ausdrückt, „dass die Jungfrauengeburt nur ein bisschen Mythologisierung war, das die Evangelisten einstreuten, um die Anhänger des Mithras- und des Dionysos-Kultes anzusprechen.“ (Velvet Elvis, S. 22)

2. Womit ich keine Probleme habe! Oder: Es gibt hilfreiche Gedanken in der Emergent Church!
Für manchen mag der zweite Teil dieser Teilüberschrift schon anstößig sein. Aber ich meine es wirklich. Auch Bell hat wirklich biblische, hervorragende, herausfordernde Gedanken. Und auch nicht wenig! Wenn Christen die Bücher von ihm (oder Brian Maclaren – um mal einen anderen Namen zu schreiben; aber im Grunde kann man hier jedes Buch einfügen, dass es in den verschiedenen christlichen Buchläden zu kaufen gibt) lesen und dabei theologisch darüber reflektieren, was er sagt, dann können sie ein unheimlicher Segen sein. Ich bezweifel nur, dass es wirklich die meisten tun. Und in den Büchern, die ihnen im Katalog entgegenlachen, zwischen guten und schlechten Gedanken unterscheiden (selbiges gilt natürlich für jeden Blog und ich hoffe, dass manches hier den Ansprüchen auf 'Orthodox' anspricht). Ich bezweifel, dass wirklich viele Christen darüber nachdenken – weil den wenigsten vermittelt wird, dass sie es sollen! Was viele in den Büchern finden, ist ihr Wunschbild von Gott oder von der Kirche wiedergespiegelt; und deswegen übernehmen sie es kritiklos. Ohne darüber nachzudenken, ob das, was darin gesagt wird – und vor alles was von dem, was darin gesagt wird – den historischen und biblischen Messlatten für das Christentum entsprichen. Denn: Wir leben in einem freien Land, jeder darf seiner Religion nachgehen und ich bin sehr dafür. Es waren ja nicht umsonst die Evangelikalen (wie z.b. Baptisten), die als erstes für völlige Religionsfreiheit plädiert haben. Aber dann wäre es doch nur fair, dass wir deutlich sagen, was christlich ist und was nicht. Was evangelikal ist und was eben nicht mehr. Es sind ja nicht die Schubladen, die uns retten – sondern unser Erlöser, der durch alle Schubladen hindurchspaziert. Aber wir sollten fair und mutig genug sein, uns zu positionieren.
Und dann kann vieles anregende, gute und hilfreiche in den Büchern stehen, die jetzt in so manchem 'Irrlehre-Giftschrank' schmoren. Wenn wir bereit und willig sind, die Bücher danach zu untersuchen, ob sie falsches enthalten – und was von dem Guten wir übernehmen können.

3. Die vergessene Tugend – den eigenen Glauben herausfordern
Ich treffe viele Christen, die sehr stramm den Weg ihrer Denomination gehen und wenig Blick haben für das, was Links und Rechts des Weges liegt. Das gilt für konservative Evangelikale wir für liberale Evangelikale. Aber ich glaube, dass ein solche Glaube nicht wirklich wachsen kann. Dann die Strohmänner, die wir in unseren Köpfen, Büchern und Blogs gerne verbrennen, sind eben genau das: Strohmänner. Meist unsere eigene Kreation. Manchmal sind wir überrascht, wenn wir Christen treffen, die wir bis dahin immer nur als Strohmänner kannten – und merken, dass sie lebendig sind und, noch viel wichtiger, ihre Beziehung zu Jesus sehr lebendig ist.
Ich denke, es ist für einen Glauben, der wachsen will, unersetzlich, den eigenen Glauben auch immer wieder herauszufordern mit der Literatur oder den Vorträgen von Leuten, denen wir eigentlich gar nicht zustimmen wollen.
Tim Keller hat mal gesagt, dass man eine andere Meinung erst dann ablehnen darf, wenn man sie so wiedergeben kann, dass der Gegner einverstanden ist und nichts mehr hinzuzufügen hat.
Ich denke, dass in vielen Debatten und in vielen Christen diese Grundlage fehlt. Aber ich halte es für ein hohes – ein christliches – Ideal. Denn es hilft nicht nur darin, eine Debatte sachlich zu gestalten, sondern am Ende auch darin, den eigenen Glauben durch Prüfungen zu stärken.

4. Ein Wort zum Schluss
Dementsprechend: Lest Bell, lest Maclaren, lest Piper und lest Luther. Und schlagt nebenbei eure Bibel auf und fragt euch: Ist das wahr, was der und der mir hier verkaufen will. Wenn es das ist – und wenn es mit der Bibel übereinstimmt – dann nehmt es auf. Stimmt es nicht, dann sucht weiter, ob ihr nicht doch einen Gedanken findet, der euren Glauben stärkt. Ich bin sicher, dass wir dann in mehr büchern fündig werden, als wir das manchmal glauben.

Gods Bless,

Restless Evangelical

Kommentare:

  1. Ich finde es gut, dass du verschiedene Perspektiven einnimmst und die umstrittenen Autoren nicht über deine Klinge springen lässt. Ein Wort zu deinem Wort zum Schluss: Woran machst du fest, ob die Ausführungen z.B. von Rob Bell "wahr" sind? An deiner subjektiven Wahrnehmung von Wahrheit und den Vorgaben der Bibel? Oder an der subjektiven Erfahrung einer Glaubensstärkung?
    Natürlich sind wir gewohnt deduktiv zu denken, nach dem Motto: "so isses". Aber das kann ich nur mit einem großen Ego durchhalten!
    Fröhliches Studieren!!

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  2. Ich denke, dass der Begriff wahr sich nur an dem messen lassen kann, was die Bibel uns von Gott - dem Ursprung von Wahrheit - offenbart. Da gibt es bei manchen Fragen durchaus Spielraum in der Interpretation, in deren Grenzen Orthodoxie festgelegt ist. Aber es gibt eben auch so manche Frage, die sich nicht umdeuten oder anders deuten lässt. Wir müssen dann eben fragen, ob das was in dem Buch oder in dem Blog oder in der Predigt(mitschrift) steht auch dem entspricht, was gott von sich offenbart hat - und nicht nur dem, wie wir ihn gerne hätten.
    Ich denke, dass es ein Satz von unserem Rektor gut trifft im Plenum an Dienstag: "In Auswahl lässt jeder, der sich irgendwie Christ nennt, die Bibel gelten. Aber wie steht es mit christus-ähnlichem Gehorsam?"
    In diesem Sinne, liebe Grüße,

    Marcus

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