Samstag, 10. Dezember 2011

„Aus großer Kraft folgt große Verantwortung!“



- Ein Blick auf Möglichkeit und Verantwortung

In den letzten Wochen gab es nicht wenig Gesprächsstoff über die Mission der Gemeinde. Kevin DeYoung und Greg Gilbert – zwei wichtige Identifikationsfiguren in der Bewegung der New Calvinists – haben mit dem Buch „What ist he Mission oft the Church“ einigen Grund zu, nachdenken und debattieren gegeben. Zu gegebener Zeit wird es eine ausführlichere Rezension dieses Buches auf meinem Blog geben.
Heute möchte ich einen kurzen Absatz diskutieren, der im letzten Kapitel des Buches steht.
Dort heißt es:
„I’m just saying don’t confuse opportunities and responsibilities. Just because you can do something doesn’t mean we have to.”(S.259)
Der weite Kontext des Satzes liegt darin, ob wir uns schuldig fühlen sollten für die Armut und das Leid in der Welt. Die Frage, die der Satz also aufwirft, betrifft nicht die Möglichkeit zur aktiven Hilfe, die uns in der westlichen Welt schon beinahe in die Wiege gelegt wird. Diese Frage zu stellen wäre geradezu lächerlich. Die Frage ist vielmehr: Müssen wir dann auch etwas tun? Stimmt der Satz, den ich zur Überschrift dieses Artikels gewählt habe?
Davon bin ich überzeugt und wenn ihr mir einige Minuten gebt, dann werde ich versuchen, euch den Grund für diese Überzeugung darzulegen.

1.      Die Frage nach der Haushalterschaft

Wir sind Verwalter in einer Welt, in der uns so gut wie alles gegeben ist, aber so gut wie nichts gehört. Es ist uns alles anvertraut, damit wir das meiste daraus machen. Und das betrifft nicht nur unser Geld; es geht um unsere Zeit, unsere Gaben, unser Leben. Nichts von dem, was wir haben, gehört wirklich uns. Wir sind nur Verwalter eines Gutes, nicht Besitzer.
Manfred Siebald hat das in der ihm eigenen Art in einem Lied ausgedrückt:
„Was wir so fest in Händen halten, das ist uns alles nur von Gott geliehen.
Wir dürfen es verwalten und dürfen es gestalten und geben es zurück an ihn.
(Manfred Siebald, Das Leben sieht ganz anders aus, 1985, Hänssler)
Nun ist es aber – auch wenn es mir schwer fällt, das zu schreiben – nicht Manfred Siebalds Gitarre, die einen Satz zur Wahrheit macht. Doch er bewegt sich hier auf durchaus biblischem Boden.
Denken wir an den Reichen Bauern in Lukas 12 und wie Gott ihm die – in gewisser Weise schon ironische – Frage stellt: „Wem gehört dann [nach deinem Tod], was du dir angehäuft hast?“ (NeÜ) Die Antwort ist impliziert. Wem könnte denn das alles gehören, als dem, der das alles geschaffen hat?
Auch das sog. Gleichnis von den anvertrauten Talenten kommt in den Sinn. „Er rief zehn seiner Sklaven zu sich und gab jedem ein Pfund Silbergeld1. 'Arbeitet damit, bis ich wiederkomme!', sagte er.“(Lukas 19,13 NeÜ), steht es dort. Wir sollen mit dem Arbeiten, was uns anvertraut ist – und nicht denken, dass es uns gehört.
Wir sind nicht die Besitzer unserer Güter, sondern nur Verwalter – und das bedeutet, dass wir sie gut verwalten sollten. Der Maßstab für eine gute Verwalterschaft ist der, dem unsere Güter gehören. Wir sollen damit so umgehen, wie Gott es möchte. Wir sollen unsere Güter, unser Geld, unsere Zeit, unser ganzes Leben, so einsetzen, wie Gott es von uns möchte – und nicht so, wie wir uns fühlen.

2.      Gute Verwalter fragen nach dem Besitzer

Wir müssen uns also, wenn wir der Ausgangsfrage nachgehen, darüber klar werden, was der eigentliche Besitzer unserer Gaben damit möchte, was er von uns erwartet.
In Jesaja 58,6-7 kommen wir dem Wunsch Gottes mit unserem Geld sehr nahe. Dort steht:
Nein, ein Fasten, das mir gefällt, ist so: Löst die Fesseln der Ungerechtigkeit, knotet die Jochstricke auf, gebt Misshandelten die Freiheit, schafft jede Art von Unterdrückung ab! Ladet Hungernde an euren Tisch, nehmt Obdachlose bei euch auf! Wenn du jemand halbnackt und zerlumpt herumlaufen siehst, dann gib ihm etwas anzuziehen! Hilf dem in deinem Volk, der deine Hilfe braucht!“ (NeÜ)
Gott drückt es deutlich aus, was er mit seinen Gaben angefangen wissen möchte. Es ist Gerechtigkeit und es ist Gnade. Es ist Mitgefühl und es ist Anteilnahme. Es ist Selbstentsagung und es ist das Höcherachten des anderen. Nehmen wir eine andere, neutestamentliche Stelle.
„Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, dann lade nicht deine Freunde, deine Brüder oder deine Verwandten ein, auch nicht deine reichen Nachbarn. Denn sie würden dich wieder einladen, und das wäre dann deine Belohnung. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Behinderte, Gelähmte und Blinde ein! Dann wirst du dich freuen können, weil sie nichts haben, um sich zu revanchieren. Gott aber wird es dir bei der Auferstehung der Gerechten vergelten.“ (Lukas 14,12-14 NeÜ)
Tim Keller macht in seinem Buch „Generous Justice“ darauf aufmerksam, dass diese Stelle nicht nur bedeutet, was diese Stelle bedeutet. Denn reiche Nachbarn und Freunde einzuladen war im antiken Israel eine gängige Praxis, um sein Geschäft anzukurbeln. Es handelte sich also nicht nur um freundschaftliche Feiern, sondern um Geschäftstreffen, bei denen wichtige Kontakte geschlossen und Verhandlungen geführt wurden.
Wenn Jesus uns jetzt auffordert, in erster Linie die Armen, Schwachen, Randgruppen unserer Gesellschaft einzuladen, dann sagt er damit vor allem ein: „Mach es auch, wenn es dein eigener Nachteil ist!“ Denke nicht darüber nach, was es dir bringt – oder darüber, welche Möglichkeiten es dir nimmt, den andere zu helfen. Denke darüber nach, wie du durch ein solches Werk Gott verherrlichst. Denn du zeigst das Evangelium durch deine Taten.

3.      Wie das Evangelium unsere Sicht auf die Leidenden verändert
Du zeigst das Evangelium mit deinen Taten? Das Evangelium ist doch nicht soziale Gerechtigkeit, sondern Erlösung des Sünders, wirst du vielleicht einwerfen. Da hast du auch durch aus Recht – jedenfalls in einer sehr zentralen Stelle des Evangeliums geht es genau darum. Aber lasst uns reflektieren, was der Tod Jesu am Kreuz eigentlich bedeutet. Er bedeutet, dass sich ein reicher König erniedrigt hat und selbst zum Sklaven wurde – und nichts von seinem Besitz, selbst das eigene Leben – nicht einbehalten hat, um völlig unverdient auf die schlimmsten, sündigsten Kreaturen seine Gnade auszuschütten, sie in sein Königreich zu versetzen und sie zu einer neuen Schöpfung zu machen, in der sie ihrem ursprünglichen Zweck in dieser Welt wieder nachkommen können. Ist es nicht so?
Nun, dort sehe ich einige Parallelen zu unserer Frage, ob wir durch unsere guten Taten in der Welt nicht das Evangelium zeigen. Wenn wir uns bewusst werden, dass wir in uns selbst sündiger sind, als wir jemals geglaubt hätten, dann wird der Obdachlose auf der Straße, die Prostituierte am Straßenrand, die alleinerziehende Mutter, die nicht genug Geld hat, um ihre Familie zu ernähren, zu einem geistlichen Spiegelbild von uns selbst. Wir erkennen unseren eigenen geistlichen Status in ihnen, bevor Jesus uns seine Herrlichkeit offenbart hat! Wir erkennen, dass wir vielleicht nach außen hin ein ‚besseres‘ Leben geführt haben, aber nicht nach innen.
Und es ist da nicht eine natürliche – ja evangelistische – Reaktion, dass wir für diese Menschen ein Spiegelbild der bedingungslosen Gnade Gottes werden wollen?
Vor wenigen Tagen sagte ein Freund von mir, dass er sich folgendes Wünsche: Wenn sein Nachbarn, der nichts mit Jesus am Hut hat, mit dem er auch nicht wirklich oft redet, jemals von irgendwoher von Jesus hört, seine Reaktion sei: ‚Den kenn ich doch – der wohnt bei mir nebenan!‘
Ich denke, dass Tim Keller es in Generous Justice auf den Punkt bringt, wenn er schreibt:
„A lack of justice is a sign that the worshippers‘ hearts are not right with God at all, that their religious observance are just filled with self and pride“ (S.50)

4.      Zurück zu Möglichkeit und Verantwortung
Stellen wir uns einem vor, jemand würde folgendes zu dir sagen: “Wenn jemand zu dir kommt, uns unbedingt vom gekreuzigten Christus hören will, du aber eigentlich gerade zur Gemeindestunde aufbrechen wolltest – dann verwechsel nicht die Möglichkeit mit der Verantwortung. Nur weil du jemandem das Evangelium erzählen könntest heißt es nicht, dass du es auch musst.“ Würdet ihr im zustimmen? Natürlich nicht. Wer würde dem zustimmen. Lassen wir einmal die Bibelstunde ausfallen, um jemandem von Jesus zu erzählen!
Die gleiche Argumentation wird jetzt aber auch auf unsere Verantwortung für die Nöte in der Welt, den Hunger und die Armut, angewandt. Nur weil wir den Menschen helfen können, heißt das nicht, dass wir es müssen!
Nun, ich bin nicht überzeugt. Wenn es Jesu Auftrag war, den Randgruppen der Gesellschaft zu begegnen und ihnen nur nur seinen künftigen Tod zu predigen, sondern auch ihren Nöten zu begegnen (und das ist nicht nur im Lukasevangelium deutlich. Denken wir an Jesu Zitat aus Jesaja, das er auf sich anwendet à Lk 4,18f) und er dann sagt, dass er uns in die Welt sendet, genau wie er hineingesandt wurde (vgl. Joh 17,18), dann scheint unser Auftrag auch in beidem zu liegen.
Natürlich sollten wir niemals gute Taten, soziales Engagement und Einsatz für die Schwachen verwechseln mit der Verkündigung des gekreuzigten Christus. Die Lausanner Verpflichtung macht es deutlich:
„Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion ist nicht Evangelisation, politische Befreiung ist nicht Heil. Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation und soziale wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören. Denn beide sind notwendige Ausdrucksformen unserer Lehre von Gott und dem Menschen, unserer Liebe zum Nächsten und unserem Gehorsam gegenüber Jesus Christus.“ (Lausanner Verpflichtung, Punkt 5, http://www.lausannerbewegung.de/data/files/content.publikationen/55.pdf)
Das ist auch nicht der Punkt. Wir sollten weder das eine noch das andere über Bord werfen oder zu sehr ins Zentrum stellen. Wir haben eine Verantwortung für den ganzen Menschen, dem wir begegnen. Für sein leibliches Wohl, die Anerkennung seiner innewohnenden Würde, seinem Imago Dei, und gleichzeitig für seine geschundene Seele, die immer auf der Suche ist, bis sie Ruhe findet in Gott.  Wir sollen Versöhnung verkünden – mit Gott und mit dem Menschen. Wir sollen das Evangelium verkünden – mit Worten und mit Taten. Wir sollen unsere Güter gut Verwalten – zur Ehre und im Sinne Gottes, des Schöpfers.

5.      Schluss
Ich bin davon überzeugt, dass wir eine Verantwortung für unser Handeln haben; wie wir mit dem Umgeben, das uns geschenkt ist und wie wir den Menschen begegnen, die wir treffen und die in Nöten sind.
Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Louie Giglio:
„We want to essentially wedding this idea: That worship and justice are the same thing!

Gods Bless,

Restless Evangelical

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