Mittwoch, 22. Februar 2012

Tanzen und singen

Theologie und ihr wichtigster Auftrag

Gerade komme ich aus meiner NT-Einleitung und -Zeitgeschichte Klausur. Die letzten Zwei Wochen waren vollgestopft mit Lernskripten und verschiedensten Theorien über die Entstehung der neutestamentlichen Bücher, ihren Status als Kanon und ihre Einbettung in eine Geschichte, die voll ist von gewaltätigen Herrschern, betrunkenen Götzen und einem jüdischen Rabbi, der die Versöhnung der Welt am Kreuz bringt - er, der Messias Israels und König der Welt; er, der Erlöser und Herr meines Lebens.
In dieser Zeit, in der man sich mit diesen wissenschaftlichen Theorien auseinanders setzt und sich von so mancher liberalen These gefangen nehmen lässt und den eigenen Glauben herausfordert, kann man schnell vergessen, wofür man Theologie studiert. Und ich weiß, dass ich nicht selten kurz davor stehe, dieses Ziel aus den Augen zu verlieren.
Und das ist mit Sicherheit nicht nur um dritten Semester so; oder im Theolgiestudium. Als Christen müssen wir uns der Bedeutung und Aufgabe von Theologie immer wieder bewusst machen.
Denn ich beobachte zwei grundlegend falsche Reaktionen auf unser Wissen über Gott und seine Mission:

a) Arroganz
Vielleicht hat es mit dem Umfeld zutun, in dem ich mich bewege - und in der sich dieser Blog bewegt. Aber ich treffe immer wieder Menschen (und merke bei mir diese Tendenz), dass mich das Wissen über Gott Arrogant macht gegenüber solchen Christen, die nichts davon verstehen. Zwei-Quellen-Theorie nicht gehört? Griesbach-Hypothese? Oder wie sieht es mit der pneumatologischen Begrenzung des Kanons aus? Barthianische Offenbarungstheologie? Nie gehört? Und wie liest du dann deine Bibel morgens? Zeig mir dein Vokabular und ich sage dir, welche Brille du trägst.
Dabei Fokussieren wir uns zu sehr auf das, was man den 'offenbarten Gott' nennt und vergessen, uns unter den 'verborgenen Gott' zu demütigen. Manchmal fühle ich mich betrunken vom Wissen über Gott uns seine Welt und vergesse dabei die einfache Tatsache, dass die Ehrfurcht vor Gott der Anfang jeder Weisheit ist. Und die schlimmste Reaktion, die ich dann an mir feststelle, ist der Blick nach unten - als ob es unter mir Christen gibt. Der Blick auf andere herab, weil sie dieses Wissen nicht haben und ihr Wortschatz diese Worte nicht beinhaltet. Als ob es im Christentum darum geht, andere Menschen mit seinem Wissen auszustechen. Bei Jesus geht es nicht in erster Linie um Wissen - es geht um Beziehung. Man kann das Kreuz in den gelehrsamsten Worten beschreiben; die neutestamentliche Theologie über den Erlöserkönig in den beeindruckendsten Worten zusammenfassen - wenn es nicht 'vom Kopf ins Herz rutscht', dann hat diese Theologie nichts mit uns getan. Dann bleibt sie tot - auch wenn sie von der Quelle des Lebens spricht.

b) Feigheit
Manchmal beobachte ich aber auch genau das Gegenteil; es scheint, als würde es Christen geben, die jeder Form von 'Gottgelehrsamkeit' kritisch gegenüber stehen. Damit meine ich gar nicht so sehr die altbekannten Vorurteile, dass das Theologiestudium den Glauben zerstört oder die Bibel zerreist oder ein Pakt mit dem Staat ist. Es geht mehr um eine grundsätzliche Haltung, dass die persönliche Frömmigkeit, das Hören auf Gott in der Losung, mehr wiegt als jede Exegese. Dass Luther doch die Biben schon übersetzt hat und nach ihm viele andere - bis in Elberfeld oder dem Neuen Genf die endgültige Fassung vom Himmel fiel. Wieso brauchen wir diese alten Sprachen? Wieso müssen wir uns überhaupt Gedanken darum machen, welches Evangelium zuerst da war und von wo Paulus welchen Brief und ob überhaupt geschrieben hat? Lasst uns singen und fröhlich sein; ab und zu eine gute Predigt, die uns in der Lebenssituation anspricht, in der wir leben. Ich muss nichts wissen darüber, wie Paulus gelebt hat; ich muss meine Rechnungen bezahlen und will wissen, dass ich nie tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Punkt. Das reicht. Meine Dogmatik reicht von Seelsorge bis Seelsorge. Von Helfersyndrom bis Seelenklempner. Weiter muss ich nicht gehen - oder?

Ich denke, dass diese beiden Reaktionen die beiden grundsätzlichen Zielsetzungen von Theologie nicht verstanden haben. Denn Theologie (nicht unbedingt akademisch, aber nachvollziehbar und vernünftig) führt uns zu Gott und zu den Menschen in unserer Umgebung.

1. Theologie, die das Herz zum Singen bringt

Ich liebe diesen Satz, den Piper einmal gesagt hat über seine Teilnahme an den Passion-Konferenzen. Er sagte: "They will not embrace your theology unless it makes their hearts sing!"
Wie oft sehe ich Herzen, die durch Theologie kalt geworden sind. Kalt, weil es sie nicht interessiert. Oder kalt, weil sie nur Debatten gewinnen wollen. Dabei verstehen sie nicht, was schon Thomas von Aquin sagte, dass Theologie von Gott kommt, von Gott redet - und zu Gott führt! Theologie ist kein Selbstzweck für Streithammel, vonn von Zankäpfeln zum Schädeleinschlagen. Ich gebe zu, dass die Theologie viele Jahre von solchen Vertretern entführt gewesen zu sein scheint. Aber es gibt Hoffung - es gibt Lichtstrahlen, auch in der Vergangenheit. Wenn man sich die beeindruckenden Lieder von John Newton ansieht (Amazing Grace...) und sieht, wieviel Theologie sie enthalten: Wie kann das Herz nicht anfangen zu hüpfen vor Freude (und die Hand nicht ein wenig Richtung Himmel greifen - aber das nur am Rande)?
Als ich vor wenigen Wochen meine Predigt für Landau vorbereitete (die man sich hier ansehen kann), habe ich in einem wissenschaftlichen Kommentar über den Epheserbrief einen Satz gelesen, der mich innehalten lies und kurz beten; dankbar sein für die Treue und Güte unseres Gottes! Nicht vorstellbar sagt ihr - hier ist der Satz:

"This inheritance qualifies believers to live eternally in heaven in the presence of God. We have a little bit of heaven in us, namely, that Holy Spirit's Presence, and a guarantee of a lot more to come in the future." (Harold Hoehner, Ephesians: An Exegetical Commentary, Grand Rapids: Baker 2002, S.243)

Wir haben ein kleines bisschen Himmel in uns - ja, hallelujah!
Ich denke, dass Theologie uns immer zur Lobpreis anstiften soll, wenn wir sie richtig betreiben. Theologie ist keine Geisteswissenschaft - sondern eine Wissenschaft vom Geist; eine Wissenschaft, die davon handelt, wen wir anbeten - in Wahrheit und im Geist!
Wenn unsere Theologie uns nicht zur Anbetung führt, sondern zur Hartherzigkeit, Streit, Arroganz, Stolz, Verachtung, Kälte oder Gleichgültigkeit - dann ist es keine echte Theologie. Dann kommt sie jedenfalls nicht an ihrem Ziel an.
Matt Papa hat auf seiner Facebookseite vor wenigen Tagen folgendes gepostet:

"Greater knowledge of God is worthless if it is not for the greater worship of God"

2. Theologie, die dein Leben zum sprechen bringt

Piper schreibt in 'Let the nations be glad' ja folgenden bekannten Satz:

"Missions is not the ultimate goal of the church. Worship is. Missions exists because worship doesn't. Worship is ultimate, not missions, because God is ultimate, not man. When this age is over, and the countless millions of the redeemed fall on their faces before the throne of God, missions will be no more." (John Piper, Let the Nations be Glad, Grand Rapids: Baker 1993, S.11)

Deswegen war mein ester Punkt auf auf die Anbetung gerichtet. Sie ist das wichtigste Ziel vom Wissen über Gott - und keines ist größer. Und mein zweiter Punkt ist nur formal davon getrennt. Denn ich bin überzeugt, dass wachsendes Wissen über Gott - Theologie - uns auch dazu führt, dass wir immer mehr von diesem Gott erzählen. Und das ist Mission. Teilzuhaben an der Mission Gottes - das ist seinen Namen in der ganzen Welt zu verherrlichen und alles unter dem Haupt zu versöhnen, Christus - ist ein Akt von Anbetung; er kommt natürlich aus einem Gehorsamsschritt heraus. Aber wir sollten uns trennen von dem Gedanken, dass Mission bedeutet, dazu berufen zu sein, vollzeitlich zu dienen. Wir sollten anfangen, diesen Gedanken zu leben, dass Mission bedeutet, an Gottes Mission teilzuhaben. Das ist unser Auftrag von Gott; dazu hat er uns auf diese Welt gestellt, uns erlöst und abgesondert: Wir sollen die Verkörperung seiner Mission auf der Erde sein, bis er am Schluss seine Mission selbst beendet! Und Mission wird deswegen direkt von der Theologie befeuert - und dadurch am Ende die Mission.
Mir ist dieser Zusammenhang aufgefallen, als ich Chris Wrights Buch 'The Mission of Gods People' gelesen habe. Er bringt dabei die Theologie (und um den Sack vom Anfang zuzubrinden: Besonders die NT-Einleitungswissenschaft) in den Zusammenhang mit der Mission der Gemeinde, wenn er sagt, dass das hauptmotiv für Mission im Neuen Testament darin liegt, Zeuge zu sein. Immer wieder sagen die Apostel in der Apostelgeschichte, dass sie 'Zeuge sind' von der Auferstehung und dem Leben Jesu. Das war ihre Funktion; deswegen sollte ein Apostel auch von Anfang an bei ihnen gewesen sein. Sie müssen als Augenzeuge auftreten können und die Glaubwürdigkeit Gottes in sich tragen.
Aber wir sind keine Augenzeugen. Ich bin im ausgehenden 2. Jahrtausend geboren. Schlappe 1950 Jahre, nachdem Jesus gestorben und auferstanden ist. Und auch wenn ich von seiner Realität überzeugt bin - gesehen habe ich ihn noch nicht. Und auch wenn das meine Hoffnung auf die Zukunft ist - noch lebe ich im 'noch nicht', auch wenn das 'Schon Jetzt' schon angebrochen ist.
Und doch kann ich Zeuge sein: Dadurch, dass ich die Berichte der Augenzeugen zuverlässig in meiner Bibel lese. Ich lese von den Augenzeugen, weiß von ihrem Bericht. Und kann deswegen sagen: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Und deswegen ist gerade auch die NT-Einleitung wichtig. Wenn wir nicht wissen - oder unsicher sind - von wem das Buch geschrieben ist oder ob es vertrauenswürdig ist, dann sind wir keine Zeugen. Dann sind wir nichts weiter als Spekulanten.
Nach diesen letzten Zwei Wochen bin ich aber umso fester davon überzeugt, dass ich wissen kann: Jesus lebt und er regiert!

Ich wünsche mir, dass wir das erkennen. Dass unser Wissen von Gott und seiner Mission dazu führen soll, dass unser Herz singt, und dass unsere Leben von den großen Taten Gottes sprechen. Damit noch viele andere Menschen in den Genuß kommen, der darin liegt, Jesus zu kennen!

Gods Bless,

Restless Evangelical

Kommentare:

  1. Den Kampf kenne ich schon gut. :( Praying for you brother, dass Gott dir hilft in seinem Erkenntnis zu wachsen und dadurch ein Herz gibt, das mehr und mehr nach Ihm sehnt!

    Hier ein Lied als Ermutigung... http://mehrerekanonen.blogspot.com/2012/01/ich-ruhme-mich-in-gott.html

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  2. Hey ich danke dir. Das lied ist richtig gut! Ich mag die stelle: If jesus wasn't executed - there's no celebration.
    Ich muss dir nochmal ne mail schreiben - aber ich bin echt beschäftigt mit den Klausuren im moment. Hoffe, dass es anfang märz was wird.
    Bist du bei E21 dabei?

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  3. Klaro. Ich habe einige gute Freunde in der Arche Gemeinde und werde bei einem dort übernachten. Freu mich super viel darauf :) Wenn nicht vorher lass uns dort üben einen Kaffee quatschen! Hoffe, dass die Klausuren gut gehen!

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