Freitag, 13. April 2012

Der Erlöser-König



Rezension zu Matt Chandlers ‚The Explicit Gospel‘

Vorbemerkung: Zum Zweck dieser Rezension hat mir Crossway ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich sehr herzlich!

Wichtige Woche für Matt Chandler. Erst hat er Anfang dieser Woche bei Together For The Gospel in Louisville gesprochen. Und dann erscheint heute sein erstes Buch – The Explicit Gospel – bei Crossway. Ich denke, dass es sich bei diesem Buch um eines der wichtigsten handelt, die in den letzten Monaten und Jahren geschrieben wurden. Im Folgenden will ich aufzeigen, warum. 

       1. Gerüchte über das Evangelium 
Ich erinnere mich daran, wie ich mit einem guten Freund in der Cafeteria an der FTH stand, und wir darüber gesprochen haben, was das Evangelium ist. „Dass wir Sünder sind, und Gott uns durch den Tod seines Sohnes rettet!‟, war eine Antwort. „Aber mit einer gewissen Berechtigung kann man auch die Wiederkunft Christi in die Definition des Evangelium einbeziehen, oder?‟ war die Gegenfrage. Dass solche Fragen an einer Theologischen Hochschule diskutiert werden, ist ein Zeichen dafür, dass es nicht so eindeutig ist, wie es sich manche gerne machen würden. Und es dauerte nicht lange, dass auch der Internationale Buchmarkt von dieser Frage befallen war. Die beiden wichtigsten Bücher zu diesem Thema bis heute waren wohl auf der einen Seite Greg Gilberts ‚Was ist das Evangelium‘, der das Evangelium fast ausschließlich als die Rettungshandlung Gottes definiert. Gott – Menschen – Christus – Reaktion. Wer gerettet ist, hat das Evangelium erlebt. Auf der anderen Seite regte sich einige Kritik, die in Scot McKnights ‚The King Jesus Gospel‘ sein Ventil fand. Scot vertritt darin die These, dass mit dem Begriff Evangelium in erster Linie die Herrschaft Christi über die ganze Welt gemeint ist – und Rechtfertigung zwar impliziert ist, aber nicht in seinem Zentrum steht. Die Frage, die sich viele jetzt stellten, war: Was ist denn nun das Evangelium? Und hier tritt Matt Chandler auf den Plan und sagt. Beides!

       2. New York vom Boden und als der Luft
    Beides‟ ist vielleicht das verachtetste Wort in der Theologie. Es scheint immer das Eine oder das Andere wahr zu sein – und niemals nur unterschiedliche Akzentuierungen zu geben. Chandler zeigt in seinem Buch, dass zumindest bei der Frage nach der Definition des Evangeliums das Wort 'Beides' eine wichtige Rolle spielt. Die Frage ist nicht, ob Jesus Retter oder König ist – sondern wie wir beides miteinander vereinen. Chandler schreibt: The Bible establishes two frames of reference for the same gospel. I call these vantage points the “ground” and the “air,” and in this book we’re going to see how together, they comprise the explicit gospel.‟ (S. 16). Was er das Evangelium auf dem Boden nennt, versteht McKnight als ‚Soterian Gospel‘, Billy Graham Evangelikale als ‚Vier Ewige Regeln‘ und reformatorische Theologen als den ‚fröhlichen Wechsel‘. Es geht um den Einstieg in das Christentum – die Möglichkeit, als Gerechte vor Gott zu stehen mit dem Bewusstsein, dass wir diesen Status niemals durch unsere religiösen Anstrengungen erreichen werden. Chandler zeigt in seinem ersten Teil sehr deutlich, dass das Evangelium eine zutiefst persönliche Dimension besitzt – sie ist gewissermaßen der Anfangspunkt; der Punkt, in dem wir mit dem Gott in Verbindung treten, der einmal alles in allem sein wird. Chandler teilt diesen Teil des Buches in die bekannten (und o. g.) Punkte ein: Gott (ist heilig und gerecht) – Menschen (sind Sünder und Feinde Gottes) – Christus (ist die passive Gerechtigkeit Gottes, die auf uns Menschen übertragen wird) – Reaktion (auf das stellvertretende Sühneopfer wird von den Menschen erwartet). Gleichzeitig sollte man aber den Begriff ‚Evangelium‘ nicht auf diese persönliche Dimension beschränken. Denn damit würde man dem biblischen Befund nicht gerecht. Chandler beschreibt die Filmtechnik ‚in media res‘, in der am Anfang des Filmes die zentrale Stelle der Story gezeigt wird, an der sich das Geschick von allem ändern wird und der Zuschauer sich fragt – wie ist es soweit gekommen? Dann fährt der Film zurück an den Anfang und zeigt, wie der Weg zu dieser Szene war. Matt schreibt:
    „In one sense, the gospel on the ground is in media res. The immediate gospel of God, man, Christ, response is certainly the thrust of the story, the thick of the action, so to speak. But what the gospel in the air allows us to do is zoom out from the up-close-and-personal viewpoint and still see the narrative of the Scriptures, but this time (to keep with the cinematic analogies) with a wide-angle lens.‟ (S.89)
    Wenn wir das Evangelium auf dem Boden verstanden haben, dann haben wir die persönliche Seite Gottes gesehen. Er – der sich um deine Sünde kümmert, weil er Gemeinschaft mit dir haben will. Er – der dir den Heiligen Geist schickt, damit du in der Heiligung wachsen kannst. Aus dem göttlichen Prinzip wird ein Du – ein Du mit (vollkommen reinen) Emotionen, der alles getan hat, damit unsere Beziehung zu ihm gereinigt sein kann. Doch wir sollten nicht dort stehen bleiben. Wenn wir weiter herauszoomen, sehen wir, dass aus dem Du auch ein Sie werden kann; denn er ist nicht nur der ‚Big Boy Upstairs‘. Er ist auch den König, der diese Erde souverän regiert und am Ende alles zusammensetzen wird. Matt Chandler zeigt hier einmal mehr, was für eine riesige Gabe er hat, biblische Zusammenhänge zu verstehen, auf den Punkt zu bringen und dabei nicht in eine zu extreme ‚Schwarz Weiß‘ Situation zu verfallen. In den Punkten Schöpfung (war von Anfang an Gut und dazu da, Gott zu verherrlichen) – Sündenfall (hat die ganze Schöpfung korrumpiert und zerstört und in Rebellion gegen Gott geführt) – Erlösung (geschieht am Kreuz nicht nur für die Menschen, die an Christus glauben, sondern für die ganze Schöpfung, die sehnsüchtig auf die Offenbarung der Gotteskinder wartet) – Vollendung (geschieht am Ende, wenn Gott alles wieder erneuert und in seinen guten Frieden, Shalom, führt und er alles in allem ist), zeigt Chandler, dass diese gegenwärtige Welt für Gott wichtig ist und er nicht nur auf die Erlösung der Menschen hinarbeitet, sondern diese Schöpfung wieder in seinen Frieden führen will. Er räumt auf mit den Vorstellungen von Christen, dass wir einmal ‚in den Himmel gehen‘ und diese Welt vergeht. Auf der diesjährigen Together for the Gospel Konferenz hat er gesagt, dass am Ende diese Welt nicht vom Todesstern aufgelöscht sein wird. Gott kommt auf die Erde, erneuert seine Schöpfung und ruft seine Herrschaft überall aus – Gott, der Herr, wohnt bei den Menschen und seiner ganzen Schöpfung! 

           3. Vorsicht vor den Gefahren
    Aber sowohl das Evangelium ‚in der Luft‘ als auch das Evangelium ‚auf dem Boden‘ bieten seine Gefahren, wenn wir zu fokusiert sind. Denn [t]he explicit gospel holds the gospel on the ground and the gospel in the air as complementary, two views of the same redemptive plan God has for the world in the work of his Son.‟ (S. 175) Beides behandelt Chandler in einem eigenen Teil in dem Buch und zeigt, dass unsere Sicht ausgewogen sein muss: Wer zu lange auf dem Boden bleibt, steht in der Gefahr, die große Storyline der Bibel – Gottes Mission – zu übersehen. (If we stay focused on the gospel on the ground, the first possibility that can become a probability, if not guarded against, is losing our understanding of God’s missional plan for every area of life.‟ S. 178). Außerdem stehen wir in der Gefahr, dass unser Glaube nur noch Wissen – und nicht mehr Anbetung – ist. Die Reformatoren kannten die Unterscheidung zwischen dem ‚Was des Glaubens‘ und des ‚Wie des Glaubens‘. Im Glauben liegt eine rationale Seite, die wir verstanden haben müssen. Der Zusammenhang von Gott/Christus/Menschen/Reaktion ist wichtig auf der kognitiven Seite. Aber es gibt auch ein ‚Wie‘ im Glauben, das die Reformatoren das ‚fröhliche Dafürhalten‘ nannten. Wir stehen auch in der Gefahr, selbstzentriert zu werden und uns nur noch über unsere eigene Erlösung zu freuen – ohne jemals die Not der anderen Menschen zu sehen (sowohl ihre geistliche als auch ihre körperliche Not). Alle diese Gefahren liegen in einem Evangelium, das zu lange auf dem Boden bleibt.
    Aber auch in der Luft liegen Fehler, die man vermeiden sollte. Viele davon kann man in der historischen Bewegung im ÖRK um das Konzept der ‚Missio Dei‘ - der Mission Gottes – sehen. So wahr das Konzept ist; Synkretismus folgte schnell auf dem Fuße und man versuchte, Christus in den anderen Religionen zu finden (ohne zu bedenken, dass Christus nie eine ‚Religion‘ gründen wollte, sondern das genau Gegenteil). Ein wichtigeres Problem bei vielen jungen Evangelikalen liegt im ‚Christless Christianity‘ - einem Christentum ohne Christus. Wer nur noch auf die Transformation der Welt, die Bekämpfung von Armut und Hunger und Bildungslosigkeit sieht, der vergisst, dass Christus gerufen hat ‚Es ist vollbracht‘. Chandler:
    When people stay in the air too long, they can begin to try to make the gospel more palatable, because they desperately want people to know and love Jesus. As they are feeding the poor, building homes for those without homes, and engaging in these systemic parts of the suffering of our world, they begin to water down the gospel message. They take the clear commands of Scripture and begin to tweak them in the hopes that some might believe and be saved. In essence, they try to save the gospel by changing the gospel.‟ (S. 192)
    Wer anfängt, ein Christentum zu verkünden, dass den gekreuzigten Christus nicht mehr im Mittelpunkt hat – den Ort, der unsere Sünde Groß und Gottes Gnade noch größer macht – der fängt bald an, die Kultur an sich zu verherrlichen. Es geht weniger darum, die Kultur zu verstehen, zu durchdringen und zu verändern, und in gewisser Weise auch eine Gegenkultur zu erschaffen, sondern darum, die Werte unserer Kultur auf unsere Vorstellung von Gott zu übertragen. Wir hören auf, den Menschen die Rettung zu predigen – und verwenden unsere Zeit darauf, Christus ‚anwendbar‘ zu machen - für alle Kulturen und alle Denkrichtungen. Das Evangelium in der Luft birgt die Gefahr, dass wir mit unseren Köpfen zu sehr in den Wolken sind und vergessen, dass Christus auf dieser Erde lebte, starb und auferstand, um Sünder zu retten uns seine Schöpfung wieder zusammenzusetzen. Es gibt Sünde, es gibt eine ewige Strafe. Aber es gibt auch Gnade – und es gibt Rettung!

           4. Zwei kritische Anfragen an das Buch
    Zwei Dinge in dem Buch haben mir weniger gut gefallen. Auf Ed Stetzers Blog habe ich kurz mit Matt darüber gesprochen – seine Antworten haben mich nicht wirklich zufrieden gestellt. Ich möchte an dieser Stelle kurz darauf aufmerksam machen.
    a. Chandler benutzt selber in dem Buch den Begriff ‚Evangelium‘ fast ausschließlich für das Evangelium auf dem Boden. Das fand ich überaus Schade. Er zeigt so deutlich, dass das Evangelium ‚mehr ist als persönliche Erlösung, aber nicht weniger‘ (O-Ton Chandler auf Ed Stetzers Blog). Und trotzdem verwendet er den Begriff beinahe ausschließlich dafür.
    b. In seinem Teil über Schöpfung gibt es einen sehr ausfühlichen Teil über Evolution. Darin schreibt Chandler: On a really basic level, macroevolution violates the second law of thermodynamics, which states that everything is running down, not up. The second law of thermodynamics chains creation to entropy and regress, not to evolutionary progress.‟ (S. 98) Dieser Teil war einer jeder evangelikalen Abhandlungen, bei denen ich dachte: ‚Schuster, bleib bei denen Leisten!‘. Es gibt durchaus sehr gute theologische Gründe, um an einen historischen Adam zu glauben. Diese darzustellen, hätte Chandler besser gestanden. Dadurch, dass er schreibt, die Evolutiontheorie an sich wäre nicht wissenschaftlich, bezeichnet er alle Wissenschaftler unserer Tage, die an diese Theorie glauben, als unehrlich – sich selbst und allen Menschen gegenüber. Er bezichtigt sie, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen – und einen solchen Generalverdacht sollten wir nicht einfach so aussprechen. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch gute wissenschaftliche Gründe gibt, an eine ‚Creatio ex Nihilo‘ zu glauben – und ich danke Herrn Junker und der Forschungsgemeinschaft Wort + Wissen für ihre hervorragende Arbeit in diesem Punkt. Aber man sollte nicht alle Wissenschaftler, auch unsere gläubigen Geschwister, die eher eine theistische Evolution vertreten, unter einen Generalverdacht stellen.

           5. Ein Fazit
    Mein Fazit ist allerdings ohne Einschränkung eine Empfehlung. Dieses Buch war so wichtig, um die Debatte um das Evangelium wieder auf einen biblischen Boden zu bringen. Jesus ist König, Ja! In sein Königreich versetzt er uns, indem er uns persönlich rettet, Ja! Es ist nicht entweder König oder Retter. Er ist der Erlöser-König. Er rettet uns und setzt die Welt wieder zusammen. Beides ist die tiefe Wahrheit des Evangeliums; und beides sollte jeder Christ immer wieder auf sein Leben anwenden. Ich schließe ab mit dem ‚Endorsement‘, dass Rick Warren ins Buch geschrieben hat:

    Wenn du nur ein einziges Buch in diesem Jahr lesen solltes – stell sicher, dass es dieses hier ist. Es ist wirklich so wichtig!‟

    Gods Bless,

    Restless Evangelical

    Matt Chandler (mit Jared Wilson): The Explicit Gospel
    Wheaton: Crossway, 2012
    ISBN: 978-1844745784


    Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
    http://www.ftabooks.de/

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