Dienstag, 10. April 2012

Großzügige Gerechtigkeit

Eine Rezension zu Tim Kellers „Warum Gerechtigkeit? Gottes Großzügigkeit, soziales Handeln und was ich tun kann‟

Vorbemerkung: Zum Zweck dieser Rezension hat mit der Brunnen Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür möchte ich an dieser Stelle sehr herzlich danken!

„Es handelt sich um ein reines soziales Evangelium!‟, hat mit ein Freund gesagt, als ich mit ihm über das Buch ‚Generous Justice‘ von Tim Keller sprach. Wir sprachen darüber, weil ich kurz vorher gesagt hatte, dass es meinem Verständnis des Auftrags der Gemeinde entspricht, wenn man sich um die physische Not der Obdachlosen kümmert. Sprich: Wenn man ihnen etwas zu Essen kauft, dann betreibt man etwas, das man ‚Mission‘ nennen kann.
Natürlich ist das ein umstrittenes Thema – und es hat wesentlich mehr Facetten. Darauf will ich in dieser Rezension nicht genauer eingehen. Aber es trifft das zentrale Thema von Tim Kellers Buch ‚Warum Gerechtigkeit‘, der deutschen Übersetzung von ‚Generous Justice‘, die vor wenigen Wochen im Brunnen Verlag (Gießen) erschienen ist.
Wie verhält sich treue Verkündigung des biblischen Evangeliums zu dem Einsatz für Soziale Gerechtigkeit.

  1. Die Zwei Lager.
Tim Keller zeigt in dem Buch auf, dass keines der klassischen Lager zwischen links und rechts (oder original: konservativ und liberal) allein auf die Bibel stützen kann. Die Sicht der Bibel auf die Entwicklung von Armut und deren Lösung ist vielfältig und durchaus differenziert. Wenn wir hier also um eine Frage nach der Mission der Gemeinde – und des einzelnen Gläubigen – diskutieren, dann kann nicht die eine Seite sich als ‚biblisch‘ bezeichnen und der anderen Seite ihre biblische Grundlage absprechen. Es gilt, sorgfältig zu prüfen und zu überlegen und zu verstehen, in welche Richtung Gott dabei tendiert – und in welche Richtung er uns durch seine Selbstoffenbarung drängt.

  1. Das Evangelium
Dabei halte ich für den wichtigsten Ansatz Kellers den, dass sich eine Leidenschaft für soziales Handeln (od. Soziale Gerechtigkeit) nicht abseits vom Evangelium entwickelt – sondern gerade daraus. Er reißt die traurigen Entwicklungen an, die in der klassischen Bewegung um das Soziale Evangelium (und ihrer Führungsfigur, Walter Rauschenbusch) an; damals hatte man um des sozialen Engagements den Sühneopfergedanken des Kreuzes aufgeben und nur noch eine ‚Beispielhaftigkeit‘ an Jesus und seinem Tod gesehen. Keller geht mit einigem Einfühlungsvermögen auf diese Ängste ein, die manchmal herrschen; sie sind nicht aus der Luft gegriffen, soviel ist sicher. Keller schreibt:

„Stimmen wie Rauschenbusch haben dazu geführt, dass in den Köpfen vieler Christen, die an den klassischen christlichen Glaubensüberzeugungen festhalten wollen, das Stichwort „Gerechtigkeit üben‟ untrennbar verbunden ist mit dem Verlust gesunder Lehre und geistlicher Dynamik.‟ (S11f)

Viele Christen in unserer Zeit – besonders in den konservativen Lagern – wollen sich nicht für Gerechtigkeit in der Welt einsetzen (jedenfalls nicht im größeren, systematischeren Stil), weil sie darin die Gefahr sehen, dass unser Fokus vom Kreuz Christi wegführt und hin zu einer Haltung, die den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt, und nicht mehr Gott und seine Verherrlichung.
Doch Keller zeigt mit einem prominenten (reformierten) Beispiel, dass auch früher schon die Verbindung von Gerechtigkeit und Evangelium gesehen wurden. Er schreibt:

„Ganz anders sah das z.b. […] Jonathan Edwards, der […] wohl kaum als „Liberaler‟ bezeichnet werden kann. In seiner Schrift „The Duty of Charity to the Poor‟ [Warum ein Christ barmherzig zu den Armen sein muss] kommt er zu dem Schluss: „Wo gibt es in der ganzen Bibel ein Gebot, das eindrücklicher, kategorischer und dringlicher formuliert ist als das Gebot, den Armen zu geben?‟ (S.12; Unterstrichen durch mich)

Später verbindet Keller die Lehre von der bedingungslosen Gnade – die eines der Herzstücke der evangelischen Lehre ist – mit dem Dienst an den Armen und dem Dienst an den Ausgestoßenen. Keller schreibt (mit Bezug auf 5Mose 10,16-19):

„Wenn die Israeliten sich um die Waisen, Witwen und armen Einwanderer kümmerten, war dies ein Zeichen dafür, dass ihre Beziehung zu Gott nicht nur äußerlich und formell war, sondern von Herzen kam. Die Logik ist klar: Der Mensch, der in seinem Herzen begriffen hat, was Gottes Gnade für ihn bedeutet, wird Gerechtigkeit üben.‟ (S. 94)

und kommt dann zu der erstaunlichen Schlussfolgerung:

„Ein Christ, dem die Armen egal sind, dokumentiert damit im besten Fall, dass er Gottes erlösende Gnade nicht richtig begriffen hat, und im schlimmsten, dass er sie nicht gar nicht erfahren hat. Gottes Gnade sollte uns zu gerechten Menschen machen.‟ (S.94; Unterstrichen durch mich)

Die Verbindung von sozialen Engagement und dem Evangelium ist mit Sicherheit der stärkste und hervorstechendste Teil dieses Buches und alleine er macht es höchst lesens- und bedenkenswert!

  1. Keine falschen Extreme!
Tim Keller wäre aber nicht der begabte Theologe, der er ist, wenn er den Menschen ein Extrem als die einzige Alternative vor Augen malt. Er warnt sehr eindrücklich davor, dass wir nicht in falsche Extreme verfallen sollen. Er ergreift stark Partei für soziales Engagement in der Gesellschaft, aber er macht auch darauf aufmerksam, dass Jesusnachfolger in unterschiedlichen Traditionen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Bedenke auch, dass er (in dem oben zitierten Abschnitt) nicht schreibt, dass einer das Evangelium nicht verstanden hat, der ‚nichts an die Armen gibt‘. Er sagt, dass solche das Evangelium noch nicht in seiner Fülle verstanden haben, denen die Armen egal sind! Wir sollten also keine falschen Schuldgefühle haben. Aber dieses Buch ist ein bedeutender Aufruf, unsere eigenen Motive und Gedanken gegenüber anderen Menschen (die im Ebenbild Gottes geschaffen und deshalb von Wert sind und mit Würde ausgestattet sind) zu prüfen! Niemals aber sollten wir beginnen, andere wegen ihres „zu‟ starken oder zu schwachen Engagements anzugreifen und ihnen das rechte Verständnis absprechen, sondern ihre Motive und Argumente abwägen und prüfen.

  1. Ein Wort zur deutschen Ausgabe
Nachdem ich jetzt sowohl die englische als auch die deutsche Ausgabe gelesen habe, möchte ich ein paar Worte zur deutschen Ausgabe loswerden, die mir beim Lesen gekommen sind, und die ich euch nicht vorenthalten will. Tim Keller halte ich zwar für einen der begabtesten evangelikalen Denker unserer Zeit – seine Bücher gehören aber nicht zur Elite des Lesevergnügens. Das ist mir in der englischen Ausgabe schon aufgefallen; seine Gedanken sind so zahlreich und tief, dass dem Buch deswegen oft der Lesefluss fehlt (ein ähnliches Gefühl hatte ich schon bei ‚Der Verschwenderische Gott‘). Es ist trotzdem sehr lesenwert! Die deutsche Übersetzung macht es dem Leser allerdings eher schwerer als leichter, den Buchfluss zu erspüren. Durch lange, verschachtelte Sätze, die teilweise 1 zu 1 aus dem englischen übersetzt wurde, muss man viele Sätze doppelt oder auch mal dreifach lesen, um den Gedanken wirklich aufnehmen zu können. Das ist wirklich schade. Ich habe selber schon hobbymäßig an der Übersetzung eines Buches mitgearbeitet und erlebt, wieviel Arbeit, Mühe und Erfahrung es im Übertragen von Texten braucht, bis eine Übersetzung nicht nur den englischen Text wiedergibt, sondern auch im Deutschen schön zu lesen ist. Das hat mir bei diesem Buch manchmal gefehlt. Vielleicht hätte man hier noch etwas mehr Zeit investieren können? Natürlich sollen diese Worte in keiner Weise die enorme Arbeitsleistung in Frage oder Zweifel ziehen, die (laut Impressum) Friedemann Lux in dieses Buch investiert hat. Es ist gut und wichtig, das dieses Buch auf Deutsch erhältlich ist. Verstehen sie diese Anmerkungen mehr als einen wohlgemeinten Ratschlag eines begeisterten Lesers, nicht als Kritik!
Der zweite Gedanke betrifft die gewählte Bibelübersetzung. Nicht nur wurde für den Großteil der Bibelzitate die ‚Hoffnung für Alle‘ gewählt, sondern teilweise auch die gleichen Bibelstellen an zwei verschiedenen Stellen um Buch in verschiedenen Übersetzungen wiedergegeben (so. z.b. Jak 2,15-17: auf S.82 in HfA und auf S. 98 in der Luther84). Die Wahl der Hoffnung für Alle kann ich natürlich auf Grundlage der Tatsache verstehen, dass es relativ teuer ist, ein fremde Bibelübersetzung zu verwenden und die HfA ist bei Brunnen quasi Hausintern. Allerdings hätte ich mir trotzdem gewünscht, dass man das Geld investiert hätte, und eine etwas texttreuere Übersetzung gewählt hatte; denn gerade bei solchen Teilen des Buches, wo Keller sehr exegetisch und nah am Originaltext arbeitet, geht der Kontakt zum Leser dadurch etwas verloren. Das ist allerdings ein Problem, dass ich in der englischen Ausgabe (die die NIV als Textgrundlage hat) ebenso erlebt habe.

  1. Fazit
Trotz des teilweise etwas gehemmten Lesevergnügens und -flusses, ist dieses Buch mit Sicherheit ein Gedankenvergnügen! Wenige Bücher haben mich in den letzten Woche mehr versichert, dass die Gemeinde in dieser Welt einen Auftrag hat, der über systematische Theologie und Exgese hinausgeht und zu den Menschen führt, denen wir jeden Tag begegnen. Das Herz Gottes, das für die Unterdrückten aller Zeiten schlägt, wird von Keller nicht nur herausgearbeitet, sondern auf sehr persönliche Weise mit dem christlichen Leser verbunden, indem er ihm quasi zuruft: „Du warst nicht mehr als ein Häufchen Elend, als Christus für dich starb! Jetzt zeige den Menschen, dass du das auch im Herzen verstanden hast.‟ Das Buch ist eine Aufforderung, das Evangelium tiefer und eingehender zu studieren und gleichzeitig die Verküdigung nicht von der Kanzel zu verbannen; aber die Verkündigung des Evangeliums auf den Alltag auszuweiten – auf unseren Lebensstil, unser Verhalten und unsere Vorurteile gegenüber manchen Gesellschaftsschichten.
In diesem Sinne dient das Buch darin, die Christen mehr noch auf die große Geschichte Gottes aufmerksam zu machen, an deren Ende die perfekte Gerechtigkeit steht – der ewige Shalom Gottes!

Gods Bless,

Restless Evangelical


Keller, Timothy, Warum Gerechtigkeit?. Gottes Großzügigkeit, soziales Handeln und was ich tun kann, Gießen: Brunnen, 2012
ISBN: 978-3-7655-1179-0

Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
http://www.ftabooks.de/

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