Dienstag, 8. Mai 2012

Gottes Geschichte umfasst alles!


Warum wir die Missionswissenschaft nicht mehr brauchen – und sie das wichtigste von allem ist!


Wenn man an einem theologischen Seminar studiert, an dem die unterschiedlichsten christlichen Traditionen gemeinsam versuchen, dem großen Mysterium auf die Spur zu kommen, die wir Christentum nennen, dann ergeben sich viele interessante Gespräche. Und wenn man selbst diskussionsfreudig ist und immer bereit, auch mal steile Thesen zu vertreten, kann man damit so manche Mittagspause füllen.
Gestern hatte ich wieder eine Gespräch, dass mich zum Nachdenken gebracht hat. „Ich finde, dass wir manchmal die Missionswissenschaft zu sehr aufbauschen.‟, klang es mir am Mittagstisch entgegen. Als einer von Chris Wrights ergebendsten Jüngern klingelte der Satz in meinen Ohren, dass es nicht um ein biblisches Fundament der Mission geht – sondern um ein missionales Fundament der Bibel!

Die Bibel ist Missional.
Nun, was meint Wright damit? Es geht darum, dass alles, worum es im Christentum geht, sich um die große Mission Gottes dreht. Aus allen Offenbarungshandlungen Gottes strahlt uns sein Wille entgegen, erkannt und bekannt zu werden. Es geht ihm um seine Verherrlichung. Dafür hat er die Welt geschaffen – und dafür wird er sie wieder in seinen Frieden zurückführen. Dafür hat er seinen Sohn geschickt, um die ganze Welt unter ihm als Haupt wieder mit sich zu versöhnen. Die Bibel – die ganze Geschichte, die Gott seit einer Ewigkeit schreibt – ist ein Zeugnis davon, dass Gott auf einer Mission ist und sich ein Volk erwählt, dem er das Privileg und die Verantwortung überträgt, an seiner Mission teilzuhaben.
Wenn wir also Mission so kurz es nur geht definieren wollen, dann kämen wir irgendwo hier an: Teilhaben an Gottes Geschichte! ‚Willkommen zur Geschichte Gottes‘.
Wenn das stimmt, dann ist Missionswissenschaft nichts anderes, als das erforschen und erkunden dieser Mission und unserer Teilhabe daran. Was ist die Mission, wie hat sie sich in den letzten 10.000 Jahren Menschheits- und 2000 Jahren Kirchengeschichte ausgewirkt? Wie haben andere diese Geschichte zusammengefasst und geordnet? Wie können wir effektiv helfen, anderen Menschen von dieser Mission zu erzählen und sie immer neu darauf ausrichten? Und vor allem: Was hat Gott selber über diese Mission gesagt? Mit anderen Worten: Historische Theologie. Systematische Theologie. Praktische Theologie. Biblische Theologie. Alle diese Fachbereiche haben der großen Geschichte Gottes zu dienen, weil sie dazu entwickelt wurden. Sie sind kein Selbstzweck – und das habe ich an dieser Stelle schon oftmals geschrieben. Sie sind die Werkzeuge, die wir Menschen entwickelt haben, um der großen Geschichte Gottes auf die Spur zu kommen. Und in dieser Aufgabe sind sie unverzichtbar. Vor allem das erforschen der Selbstentschlüsselung Gottes in der Bibel ist eine zentrale Aufgabe eines jeden Theologen. Aber als diese hat sie nur dem zu dienen, dass wir der Geschichte Gottes immer mehr auf die Spur kommen – denn die ganze Bibel ist ein Dokument von Gottes Mission.

Gott ist missional.
Manche von euch werden vielleicht stoppen und denken: Moment – die Summe der Theologie ist doch (wie es der alte Katholik Thomas von Aquin, der gute Mann, ausdrückte), dass die von Gott kommt, über Gott lehrt und zu Gott zurückführt. Ist in diesem Sinne dann nicht Gott das Zentrum der Theologie – und nicht die Mission Gottes? Ja und Nein, möchte ich sagen.
Ja. Alles nachdenken ist ein Nachdenken über Gott. Dazu sind wir geschaffen. Als Menschen können wir eigentlich nicht anders, als über Gott nachzudenken. Wenn unser Nachdenken zur Weisheit führen soll, dann muss sie bei Gott anfangen. In Sprüche 1,7 heißt es: Der Anfang der Erkenntnis ist Ehrfurcht vor Jahwe.‟ (NeÜ) Theologie muss also bei Gott anfangen und sich aus seinem Wesen speisen; sie muss ihn zum Zentrum haben; sie muss dazu dienen, in seine Anbetung zu führen. In diesem Sinne muss ich Ja sagen – Theologie hat Gott im Zentrum, und nicht die Mission der Gemeinde.
Nein. In welchem Sinne müsste dann noch Nein gesagt werden? Nein sage ich zu der Annahme, dass sich die Aussage, Theologie drehe sich um die Mission Gottes und Theologie drehe sich um Gott widersprechen. Vielmehr IST Gott ein Missionaler Gott. Was meine ich damit?
Alan Hirsch und Michael Frost schreiben in ihrem grandiosen Buch ‚Der Wilde Messias‘:

Wenn unsere Vorstellungskraft von Jesus in Besitz genommen wird,werden wir Gott anders sehen können. Anstatt in ihm nur den liebenden, aber völlig distanzierten Vater zu erkennen, der uns zu sich ruft und dabei die Geschicke der Weltgeschichte von oben herab lenkt, werden wir Gott in unserem Leben ganz nah am Werk sehen. Wir werden ihn als jemanden kennenlernen, der sich selbst zu uns sendet, anstatt auf unsere Rückkehr zu ihm zu warten. Der lateinische Ausdruck Missio Dei ist eigentlich mehr eine Beschreibung von Gottes ewigem Wesen als eine Bezeichnung christlicher Mission. Hat man das im Hinterkopf, so kann man diesen Begriff besser mit „Gott der Mission“ als „die Mission Gottes“ wiedergeben.‟ (Michael Frost/Alan Hirsch, Der Wilde Messias, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag 2010, S.30f; Unterstrichen durch mich)

Diese Aussage ist sehr wichtig, wenn wir sie richtig verstehen. Die Mission Gottes ist nicht etwas, das auf ihn geschrieben wird, sondern seinem Wesen entspricht – weil Gott ein sendender und gesendeter Gott ist, deswegen können wir erst Erlösung haben; deswegen können wir erst von ihm wissen. Dass er sich uns mitteilt und bekannt macht, verdanken wir seinem Willen, diese Welt wieder zu erneuern und dadurch seine Ehre groß zu machen. Gott abseits seiner Mission zu denken, wäre so fatal, wie Gott abseits seiner Heiligkeit oder Liebe zu denken. Der wichtige Missionswissenschaftler David Bosch schreibt sehr deutlich, dass „mission is not primarily an activity of the church, but an attribute of God.‟ (David Bosch, Transforming Mission, Maryknoll: Orbis 1991, S.390) Wir müssen Gottes Aktivitäten, die er uns in der Bibel offenbart, auf der Grundlage seines Wunsches zu seiner eigenen Verherrlichung verstehen – und seinem Ziel, das er mit dieser ganzen Schöpfung verfolgt. Wenn wir unsere Theologie und unser Reden über Gott also um die Mission Gottes drehen lassen, dann verschieben wir nicht die Prioritäten. Vielmehr wischen wir unsere Brillengläser sauber, dass wir noch besser sehen können.

Die Mauer muss weg.
Wenn ich im Untertitel dieses Posts schreibe, dass wir die Missionswissenschaft nicht mehr brauchen, ist das bewusst kontrovers gewählt. Was ich meine, ist nicht, dass wir das Fach abschaffen sollten (ungeachtet der Tatsache, dass sie an den meisten Universitäten in Deutschland sowieso nicht mehr unterrichtet wird). Ich meine, dass wir sie nicht länger als gesonderte Disziplin verstehen sollten. Kontextualisierung, Theologie der Religionen und solche Dinge sollten weiter unterrichtet werden. Doch wir sollten sie nicht mit ‚der Missionswissenschaft‘ gleichsetzen. Die Missionswissenschaft ist die Wissenschaft von Gottes Mission. Durch die Missionswissenschaft können wir unseren Blick dafür öffnen, dass Gott selbst ein Ziel mit dieser Welt verbindet – und im Licht dieser Erkenntnis all unser Bibel- und Faktenwissen durchleuchten. Wie bringt mich mein Verständnis von Gottes Ziel weiter im Blick auf mein Wissen über ihn – ihn, der ein Missionaler Gott ist.
Wenn ich schreibe, dass die Missionswissenschaft das wichtigste von allem ist, dann meine ich damit nicht, dass der Fachbereich Missionswissenschaft wichtiger wäre, als die Bibelwissenschaft. Aber als wir beim Mittagessen saßen, wurde ich gefrage: „Denk an den einfachen Missionar auf dem Missionsfeld [genau: Retro-Definition von diesen Worten!]. Was braucht der wohl mehr? Missionswissenschaft oder das Handwerkszeug zum Bibelauslegen?‟ Nach einigem nachdenken muss ich sagen: Wieso ‚oder‘? Nun will ich sicher nicht die Exgese und Bibelauslegung kleinreden. Gerade die ist mir wichtig genug, dass ich vielfach hitzige Diskussionen um die Vorrangstellung der Exegese vor der Systematik führe. Aber ich denke, dass die Missionswissenschaft – die Wissenschaft von der Mission Gottes – uns einen sehr zentralen Bestandteil zum Verstehen der Bibel an die Hand gibt! Wenn Chris Wright recht hat, und die Bibel ein in sich missionales Buch – ein Dokument von dem Missionshandeln Gottes – ist, dann sollten wir nicht trennen zwischen Bibelverständnis und Missionsverständnis. Es befruchtet und erweitert sich gegenseitig.

Soviele Gedanken zu diesem Thema. Ich freue mich über jeden Konstruktiven Diskussionsbeitrag!

Gods Bless,

Restless Evangelical