Mittwoch, 6. Juni 2012

Die richtige Antwort auf 'Komm!'



Ein Beispiel für eine missionale Hermeneutik


Ich bin davon überzeugt, dass wir die Bibel unbedingt unter dem Aspekt lesen müssen, dass sie ein Zeugnis von der Mission Gottes darstellt. Sie ist nicht einfach nur ein Dokument von verschiedenen spirituellen Erfahrungen – wie es manche historisch-kritischen Theologen sagen würden. Aber wir sollten auch nicht den Fehler begehen, in ihr eine Art neutrales Geschichtswerk zu sehen, dass keinerlei theologischen Hintergedanken verfolgt.

Kennt die Bibel eine Mission Gottes?
Ein lieber Freund und beeindruckender Theologe hat vor kurzem gesagt, dass man in den alttestamentlichen Geschichtsbüchern sehr deutlich einen Blick auf das Exil sehen kann. Im ersten Moment musste ich schlucken – und fühlte mich an Theologen wie Martin Noth erinnert, die man nun nicht gerade als Evangelikale bezeichnen würde. Doch dann habe ich in meiner Bibellese einige Male darüber nachdenken müssen – und festgestellt, dass diese Aussage so schlecht gar nicht ist. Sie bedeutet ja an und für sich gar nicht, dass es sich um rein fiktionale Werke handelt. Aber sie sagt, dass das AT auf eine Spitze zuläuft – und diese im Exil und der Rückführung findet.
Und dann habe ich heute morgen eine interessante Stelle bei Paulus gelesen. Im 2Kor schreibt er:

Doch bis heute sind sie wie mit Blindheit geschlagen. Ihre Einstellung hat sich verhärtet, denn wenn die Schriften des Alten Testaments vorgelesen werden, liegt für sie eine Decke darüber, die nur durch eine Verbindung mit Christus weggenommen werden kann. Ja, bis heute liegt diese Decke auf ihrem Herzen, wenn aus den Schriften Moses gelesen wird.“ (2Kor 3, 14f; NeÜ)

An dieser Stelle spricht Paulus von seinen jüdischen Geschwistern – jenem Volk, für das er bereit gewesen wäre, sein eigenes Heil aufzugeben, wie er uns in Röm 9 eindrücklich mitteilt. Und er sagt, dass sie das AT gar nicht wirklich verstehen können, es sei denn, dass sie in Gemeinschaft mit Jesus Christus stehen. Ich finde, dass diese Stelle sehr eindrücklich darauf hinweist, dass man vielen im AT vom NT aus lesen muss (auch wenn mancher meiner, wirklich sehr geschätzten und wesentlich klügeren Dozenten, das wahrscheinlich anders sehen würden)! Wichtiger aber finde ich, dass diese Stelle beeindruckenderweise etwas anderes als die Spitze der Offenbarung Gottes ausdrückt – nämlich Jesus. Gottes Geschichte mit seinem Volk und mit den Menschen im Allgemeinen findet seinen Klimax in dem Leben des Zimmermanns aus Nazareth, der durch sein Leben, sein Sterben und sein Auferstehen nicht nur zum Erlöser aller Menschen, sondern auch zum guten König der ganzen Schöpfung wird.

Was ist die Mission Gottes?
Wir müssen also versuchen, dieses Verständnis, das wir vom NT her haben, in unsere Lektüre der Offenbarung Gottes mit einbeziehen. Gott verfolgt ein Ziel, eine Mission, und alles in der Bibel zeugt davon. Man könnte fast sagen, dass jede Stelle die Luft von Gottes Mission atmet und man es nur dann nicht riechen kann, wenn man sich bewusst die Nase davor zuhält!
Christopher Wright hat das unlängst in einem Artikel für die 'Mission of God' Studienbibel sehr treffend auf den Punkt gebracht. Er schreibt:

Missio Dei can have a broader sense drawn from the way the Bible paints a picture of the purposefulness of God.The mission of God is the commitment of God to make Himself known to His creation ultimately for the purpose of redeeming and restoring all creation to its right relationship with God.The story of God making Himself known is the grand narrative of the Bible. God's mighty acts make Him known to the peoples of the world and are predicted, proclaimed, explained, and celebrated throughout the biblical storyline.“ (Quelle: http://www.edstetzer.com/2012/05/the-metanarrative-of-gods-miss.html)


Das sagt Wright um etwas dagegen zu setzen, die Mission Gottes als reinen Akt des 'Sendens' zu sehen. Die Mission Gottes umfasst wesentlich mehr – wenn auch zu einem zentralen Bestandteil – den Akt des Sendens. Jesus, der in die Schöpfung gesandt wird. Der Heilige Geist, der in die Kirche gesandt wird. Die Kirche, die in die Welt gesandt wird. Aber Gottes Handlungen, die seinen eigenen Namen bekannt machen, sind viel weiter zu fassen.

Wie lese ich die Bibel im Licht der Mission Gottes?
Ich möchte in diesem Artikel auch eine Hilfestellung bieten, wie ich die Bibel im Lichte der Mission Gottes lesen kann. Für mein eigenes Bibelverständnis hat es einen großen Entwicklungsschub getan, als ich das erste Mal verstanden habe, dass das AT und das NT nicht nur eine Aneinanderreihung von geschichtlichen Ereignissen und ethischen Anweisungen sind – sondern, dass die Bibel von vorne bis hinten eine Geschichte von der Rettungsmission Gottes erzählt.
Ich möchte mein Verständnis von einem missionalen Lesen der Bibel an einer Stelle festmachen, die jeder von uns kennt. Unzählige Evangelisten haben sie schon rezitiert, als sie den Aufruf starteten, nach vorne zu kommen und ein Übergabegebet zu sprechen. Viele Calvinisten rufen gereizt 'Nein', wenn jemand die Stelle benutzen will, um die Willensfreiheit des Menschen zu betonen. Und ich glaube, dass wir einen zentralen Aspekt der Stelle nicht gesehen haben, wenn wir sie auf einen Aufruf zu Entscheidung herunterbrechen. Ich glaube, dass sie ein wichtiges Zeugnis von einer missionalen Dynamik darstellt, auf die uns Jesus aufmerksam machen will.
Es geht um den bekannten Vers aus Offb 22,17. Dort heißt es:

„Der Geist Gottes und die Braut rufen: "Komm!" Und wer es hört, soll in den Ruf mit einstimmen: "Komm!" Und wer Durst hat, der komme. Wer will, der trinke vom Wasser des Lebens! Er bekommt es umsonst.“ (NeÜ)

a. Gott regiert
Machen wir uns deutlich, was der erste Vers sagt. Der Geist Gottes ruft komm. Das ist jedem deutlich, der nicht ein viel zu charismatisches – oder viel zu uncharismatisches – Bild vom Wirken des Heiligen Geistes hat. Seine erste Aufgabe ist der Verherrlichung von Jesus Christus – und zu diesem Zweck überführt er die Menschen von Sünde und Gericht! Er ruft 'Komm' in dem Sinne, dass er den Menschen seine Sünde und seinen Status unter dem Gericht Gottes deutlich macht. Aber er lässt die Menschen eben auch nicht in ihrer Verzweiflung sitzen, sondern zeigt ihnen den Ausweg. Und nicht nur einen Ausweg aus den Sünden. Es geht nicht darum, dass der Mensch seine Sünden loswird und dann alles andere egal ist. Die 21 Kapitel, die diesem Vers vorausgehen, machen die Herrschaft Gottes über die Geschichte deutlich. Abseits von allen Spekulationen, welcher amerikanische Präsident der Antichrist sein wird – oder war – macht dieses Buch vor allem eines deutlich: Unser Gott beherrscht ALLES! Er lenkt die Geschichte zu dem Ende, das er mit der Welt haben will. Aber anders, als man es von manchen Seifenkistenpredigern in den Fußgängerzonen zu hören bekommt, endet dieses Buch nicht mit der Zerstörung der Welt und aller Ungläubiger. Und auch anders, als es uns mancher emergenter Nachwuchsgelehrter weiß machen will, endet dieses Buch nicht in einer Seifenblase der Glückseligkeit, in der er aktive Glaube keine Rolle mehr spielt. Das Buch endet mit einer Aufforderung Gottes an die Menschen. Du, der du dieses Buch gelesen hast und gesehen hast, was Gottes Plan für diese Welt ist. Du, der du erst vor wenigen Versen gelesen hast, dass Gott einmal alles wieder unter seinen Frieden und Shalom zurückführen willst – Du: Willst du Teil von dieser Rettungsaktion sein? Möchtest du nicht nur aus dem Gefängnis herauskommen, sondern auch in das ewige Königreich des einzigen Gerechten Königs eintreten? Komm! Das ist die Aufforderung.
Soweit, so gut.
Doch dann rufen dort noch zwei andere Parteien komm.

b. Die Kirche ruft
In einem Atemzug mit dem Heiligen Geist wird an dieser Stelle dann noch die Braucht genannt. Die Braut – das ist das beeindruckende Bild der Bibel für die Gemeinde Gottes. Jesus, der Bräutigam, der sich seine Gemeinde als seine Braut auswählt und heiligt. Diese Braut ruft 'Komm!' Achtet darauf, dass dies keine Aufforderung ist – ja gar nicht sein kann. Gleichfalls müsste dann der Heilige Geist auch den Auftrag bekommen: Rufe Komm! Aber dieses Rufen entspricht seinem Wesen. Und so entspricht es dem Wesen der Gemeinde, diesen Ruf zu teilen. Ich verstehe diese Stelle so, dass wirkliche Gemeinde nur dort stattfindet, wo auch von Gottes Herrschaft und rettender Gnade gesprochen wird. Dieser Ruf 'Komm!' mit den Implikationen, die ich oben ausgeführt habe, ist das Erkennungsmerkmal der Gemeinde (oder wenigstens eines davon). Diese Stelle macht deutlich, dass eine wirkliche Gemeinde Jesu – der Ort, der laut Paulus (1Kor 3,16-17) die Gegenwart Gottes trägt – in jedem Fall auch den Ruf in die Welt mittragen muss. Sie soll rufen 'Komm!', sonst handelt es sich nicht wirklich um eine Gemeinde Jesu!
In den letzten Jahren ist die Frage ganz neu aufgebrochen, was eigentlich Gemeinde ist. Und Toby Faix ist auf seinem Blog vor einigen Tagen auf diese Frage eingegangen. Ein wichtiger Begriff, der dabei geprägt wurde, ist der, der missionalen Gemeinde. Doch Chris Wright erzählt in seinem Buch 'The Mission of Gods People' von einem Freund, der einmal zu ihm sagte, dass er das ganze Gerede von der Missionalen Gemeinde nicht wirklich versteht. Es sei für ihn wie das Reden von einer weiblichen Frau. „If it's not missional“, sagt dieser Freund, „it's not a church!“
Recht hat er – jedenfalls sagt diese Stelle in Offb dies.
Wir sehen also, dass diese Stelle weniger etwas mit einer persönlichen Entscheidung zutun hat als mehr mit dem Wesen der Gemeinde an sich. Was muss eine Gemeinde zeigen, um wirklich der Ort der Gegenwart Gottes zu sein. Wenn unser Gott ein Gott ist, der seit Ewigkeiten auf einer Rettungsmission ist, dann muss die Gemeinde genau das repräsentieren. Das ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal wirklicher Gemeinde.

c. Jeder soll mit einstimmen!
Und dann ist da noch die dritte Partei. Während die anderen beiden Parteien wie von selbst den Ruf 'Komm!' tragen, ist es für die dritte Partei eine Aufforderung. Hörst du den Ruf?, ist die Frage, die dir gestellt wird. Ist deine Antwort 'Nein!', dann öffne deine Ohren, höre genau hin. Ist deine Antwort 'Ja!', dann lausche nicht nur der schönen Stimme und dem leisen Säuseln des Heiligen Geistes – sondern stimme in den Ruf mit ein! Rufe 'Komm!'
Es ist nicht zu leugnen, dass diese Stelle eine Aufforderung zu einer persönlichen Entscheidung beinhaltet – doch diese Aufforderung geht weit über ein Übergabegebet hinaus. Es geht nicht so sehr darum, gerettet zu werden als mehr darum, in den Ruf mit einzustimmen. Sei Teil von Gottes Rettungsmission – nimm daran teil. Und wie nehme ich daran teil? Wie werde ich dazu befähigt, in dieser Welt einen Unterschied für Gott zu machen? Wie kann ich sein Licht scheinen, wenn ich selber doch erstmal des Lichts bedarf, um überhaupt sehen zu können?
Es ist das Wasser des Lebens – ein Bild für den Heiligen Geist – der uns dazu befähigt. Immer wieder wurde diese Stelle zu verstanden, dass es sich hier um das 'Ewige Leben' dreht. Doch es ist interessant, dass die Bibel selber – vor allem die Apostel in der Apostelgeschichte – weniger Wert darauf legen, einmal gerettet zu werden, eine Linie zu übertreten und 'drinnen' zu sein. Der Blickpunkt liegt mehr darauf, in das Königreich Gottes hineinzukommen, in ihm zu leben, seine Regeln zu befolgen und so ein Segen für die Welt und geheiligt für Gott zu sein.
'Geh!' ruft es uns aus 1Mo 12,1-3 entgegen. Du, der du gehört hast, und der du dem Aufruf gefolgt bist, gekommen bist und den Heiligen Geist empfangen hast – bleib hier nicht stehen! Sondern fange an, geh und rufe selber 'Komm!', damit viele in diese unglaubliche Beziehung mit dem unglaublichen Gott hineinkommen. Geh! - ruft es uns entgegen. Geh, und sei ein Segen!

Gods Bless,

Restless Evangelical

Kommentare:

  1. If a church isn't being missional, she isn't being a church. Obwohl, ich das anders formulieren würde, - sie ist ihrer Identität nicht treu, fände ich eine hilfreichere Beschreibung, - hat diese Aussage eine gewisse Kraft, die wir allzu sehr oft brauchen. Unsere Identität und Ziel ist eine Psalm 67 Identität. "Segne uns, - damit die Nationen gesegnet werden"

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    1. Da hast du sehr recht. Der Satz ist natürlich bewusst provokant formuliert =) Aber ich denke, dass im Kern etwas drinsteht. Heute meinte ein Theologe im gespräch zu mir: Wenn alle Christen auf einma weg wären, und es niemanden stören würde - dann ist etwas falsch gelaufen.
      Ich denke, dass ist auch der sinn hinter dem Satz aus Wrights Buch. Eine Gemeinde ist in ihrer identität eine missionale Gemeinde. und wenn sie ihrer Identität nicht treu ist, und das über lange zeit - hört sie dann nicht auch auf, ihre Identität zu sein? =)
      Danke für deine sehr guten Denkanstöße, Larry.
      Wir freuen uns alle schon, wenn du zu uns an die FTH kommst =)

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  2. (NHC II,2,56) Jesus sagte: Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden. Und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.

    Wer das ganze Ausmaß der systemischen Ungerechtigkeit erkannt hat, in der wir (noch) existieren, kann mit "dieser Welt" nichts mehr anfangen und muss sprichwörtlich "über den Rand der Welt fallen". Darum fürchten sich die Allermeisten bis heute vor der Auferstehung, auch wenn das Wissen längst zur Verfügung steht und es seit dem Beginn der so genannten "Finanzkrise" (korrekt: beginnende globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon) auch keine andere Möglichkeit mehr gibt, als die absolute Gerechtigkeit und damit allgemeinen Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau, eine saubere Umwelt und den Weltfrieden zu verwirklichen. Die einzige "Alternative" wäre der Rückfall in die Steinzeit, denn je höher man auf der Stufenleiter der Arbeitsteilung nach oben kommt ohne eine stabile Makroökonomie, desto tiefer ist der Fall.

    http://www.juengstes-gericht.net

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    1. Die Frage ist halt, ob Gott mit dieser Welt noch etwas anfangen kann ;-) Und ich sehe nicht, dass Gott die Welt aufgegeben hat, sondern mehr, dass er die Schöpfung wieder in seinen Frieden führen will. Und dass wir als seine Botschafter sein Reich schon hier bauen sollen; soweit es in unserer Kraft steht ;-)
      Ein kompletter Rückzug aus der Welt wäre nicht sehr hilfreich =)

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