Dienstag, 24. Juli 2012

Das Gebet des Verzweifelten


Ungeheuchelte Schönheit

Wir alle kennen diese Momente. Wir haben etwas getan, von dem wir wissen, dass es nicht zu einem geheiligten Leben passt – und unser Gewissen meldet sich. Es können kleine, fast schon 'normale' Dinge sein; einen Film im Internet gesehen, eine Notlüge aufgetischt, Stolz auf andere herabgesehen. Es können auch größere Dinge sein, die wir schon eine Weile treiben, aber für deren schreckliche Wirklichkeit erst gerade unsere Augen aufgegangen sind.

  1. Die schweren Situationen
Manchmal ist es schwer, nach einer solchen, in einer solchen Situation zu beten. Wir komme ich vor Jesus? Bis vor ein paar Minuten oder Stunden oder Tagen hatte ich noch das Gefühl, alles beieinander zuhaben. Ich dachte, dass Jesus eigentlich ziemlich Stolz auf mich sein muss, weil ich ihm immer Nachfolge und weil ich wirklich sein Jünger bin – ich trinke sogar nur Fair Trade Kaffee (und erzähle auch jedem, wie gut dieser FairTrade (!) Kaffee schmeckt – sodass es alle wissen: dieser FairTrade Kaffee schmeckt gut! Und ich trinke ihn, meistens.). Jesus ist Stolz auf mich; und dann das. Wieder enttäuscht, wieder gefallen. Wie komme ich vor ihn? Wie begebe ich mich wieder in die Gegenwart von wunderbarer Schönheit, wenn meine Kleidung so schmutzig ist und ich schlimmer stinke als die Eier, die seit ein paar Wochen in meinem Kühlschrank vor sich hin vegetieren? Ich passe auf einmal nicht mehr dort hin, wo ich mich eigentlich zuhause gefühlt habe. Ich habe den Anschluss verloren, stehe auf einmal nicht mehr in der Richtigen Position. Ich lese von dem Festmahl, das Jesus einmal geben will – und höre, wie meine Freunde sich darauf freuen. Und alles was ich höre, ist dieser eine junge Mann, der zum Fest kommt, und das falsche Kleid anhat. Er wird rausgestoßen, nicht wahr? Ich glaube, ich hatte mal den richtigen Anzug. Ganz in weiß, strahlend und wunderschön. Ich war in der Festgesellschaft und habe mich drauf gefreut; aber dann habe ich diesen riesigen Tomatenfleck mitten aufs Jackett geschmiert. Wo ist das Glücksgefühl hin, wenn ich Jesus treffe? Ich fühle mich eher beschämt, weil ich weiß, dass er weiß, was ich getan hat. Und ich habs ihm ja noch nicht gebeichtet. Und ich weiß vor allem, dass er ein sehr strenger Herr ist. Das habe ich bei John MacArthur gelesen – als ich noch mehr solche Bücher gelesen habe; als sie mich noch aufgebaut haben.
Wo ist das Tanzen hin, dass ich einmal selber in meiner Seele gefühlt habe, als der Lobpreis Gottes sich um mich herum erhob? Ich sehe meine Freunde auf einmal Tanzen – aber meine Beine bewegen sich nicht. Ich bin eher der Verlorene Sohn – und warte darauf, dass Jesus mir endlich ein paar von den Schweineschoten zuwirft, damit ich wieder sicher bin, dass er um meine Existenz weiß.
Wo ist die Hoffnung hin, die mich einmal alle meine Angst hat vergessen lassen? Ich habe den auferstandenen Jesus gesehen und mit Sicherheit gewusst: So werde ich auch einmal sein. Die Hoffnung hat mich überrascht, hat alles zugedeckt. Und auf einmal ist da vor allem Furcht; ich muss einmal vor Jesus stehen – habe ich dann wirklich alle meine Sünden, jede einzelne bekannt? Und was ist mit dem Bekenntnis, vielleicht nicht alle bekannt zu haben? Habe ich auch bekannt, dass ich nur bekannt habe, um des Bekenntnisses willen? Weil ich nicht in die Hölle will? Ist es eine Sünde, dass ich nicht in die Hölle will? Muss ich sie dann jede Sekunde bekennen oder reicht einmal die Stunde? Hoffnung ist das nicht mehr – es ist die Furcht, die mich rennen lässt. Aber ich bin schnell aus der Puste. Ich war einmal wie das Kind, das vor seinen Eltern spielt und nicht Müde wird. Jetzt renne ich, um scheine gar nicht mehr von der Stelle zu kommen.
Wo ist denn Jesus, wenn ich ihn brauch?
Wie geht du damit um, wenn du in solchen Situationen stehst?
Ich selber war in letzter Zeit mehrmals mit solchen Situationen in meinem eigenen Leben konfrontiert – und auch in den Leben lieber Freunde.
Und als ich da so drüber nachdachte, musste ich an eine Situation im Leben von Petrus denken. Er hatte Jesus verraten. Er, der eigentlich alles beisammen hatte. Er hatte sich das Schwert besorgt, von dem Jesus doch gesprochen hatte. Er hatte einem von der Meute, die Jesus gefangen nahmen, das Ohr abgeschlagen. Er war sogar Jesus gefolgt, wollte seinem Herrn auch in der schwierigen Situation der Verurteilung nahe sein. Bis zum Hoftor hatte er alles zusammen – oder? Also, jedenfalls mehr als die anderen, mag er gedacht haben. Vielleicht ist das der Hinweis, dass ich einmal an seiner rechten Seite stand? Geduckt und mit erhobener Brust – jener Haltung, die nur ängstliche Anbeter der eigenen Herrlichkeit einnehmen können – könnte er den Hof betreten habe. Stellt sich an das Feuer und wärmt sich. Immer wieder schielt er zu Jesus rüber. Und dann – er weiß gar nicht genau wie – entgleitet ihm die Situation. „Mein Gott nochmal, ich kenne diesen Kerl doch gar nicht! Lasst mich endlich in Ruhe!“ klingelt es ihm noch im Ohr. Und der Schrei des Hahns. Und der Blick von Jesus. Voller Liebe und gleichzeitig Enttäuschung war er.
Wie muss es Petrus gegangen sein in diesen ersten Tagen, nach der Auferstehung. Alles war durcheinander. Jesus erschien hier und dort und sie hatten erstmal die großen Sachen zu besprechen. Und dann kommt diese Situation, dass Petrus endlich wieder mit seinem Freund und Herrn allein ist. Und dreimal spielt sich die gleiche Situation ab:

Noch einmal fragte er ihn: "Simon Ben-Johannes, hast du mich lieb?" Petrus wurde traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal fragte, ob er ihn lieb habe, und sagte: "Herr, du weißt alles. Du weißt, dass ich dich lieb habe." - "Dann sorge für meine Schafe!", sagte Jesus.“ (Joh 21,17; NeÜ)

Und Petrus Antwort zeigt mehr über seine geistliche Einsicht als viele Stunden der Nachfolge vorher.

    2. Nicht '...ob...'
Denn achten wir einmal genau darauf, was Petrus antwortet. Das war mir ein so wichtiger Trost in den letzten Wochen. Er sagt nich: Herr, du weißt doch alles, du weiß auch ob ich dich liebe.“ Darin zeigt sich die erstaunliche Einsicht von Petrus, dass er in Jesus nicht einfach den großen Weltenherrscher sieht, den grimmigen Feindzerschmetterer, der uns in der Offenbarung vor Augen gemalt wird. Es ist nicht, dass Jesus nicht auch diese Seite hat. Er hat sich auch schon im Tempel gezeigt, als er hier auf der Erde ist. Aber Petrus ist sich dessen bewusst, dass er in Jesus auch einen Freund hat. Das ist so wunderbar, denn ich glaube, dass manche Christen manchmal in ihrer ganzen Theologie einen wichtigen Punkt vergessen. Sie betonen Gottes Heiligkeit, Gerechtigkeit und Zorn so sehr (weil sie einen Mangel an dieser Betonung in der Evangelikalen Welt zu vernehmen meinen), dass sie zu vergessen scheinen, dass Gott gut ist. Gott ist freundlich, liebevoll, langsam zum Zorn und von großer Güte. Er will etwas Gutes für uns – er ist kein Tyrann. Und das vergessen wir gerne manchmal.
Gott ist gut, er meint es gut mit uns. Manchmal ist es dieser kleine Satz, der für uns neu zur Offenbarung werden kann. Manchmal haben wir Gott so andersartig gemacht, dass wir vergessen haben, dass er uns in Jesus schon begegnet ist; er hat sich nicht nur verborgen – er hat sich auch greifbar gemacht. In seinem Wort – dem schriftlichen und dem menschlichen; in der Bibel und in Jesus. Und was wir dort sehen und lesen ist immer und immer wieder ein Gott, der die Menschen sucht und das Gute für sie will – und Menschen, die sich immer wieder dem Schlechten und der Feindschaft zuwenden. Aber es sich nicht die Sünder, die Jesus wegstößt und auspeitscht und anschreit. Sie werden von ihm hochgehoben und ihnen wird gesagt: Dein Glaube hat dich gerettet – jetzt geb dein Bestes, es nicht weiter so zu treiben!
Gott ist gut; und er meint es wirklich gut mit uns. Petrus wusste das. Und deswegen duckt er sich nicht unter einem Mantel von Furcht und stellt die schüchterne Frage, ob er überhaupt genug Glauben hat. „Jesus – sag du mir, ob ich noch geeignet für dein Reich bin. Ich bin doch nicht wert, das zu beantworten. Deine Gnade ist doch die mich rettet, sag du mir, ob ich sie habe.“ Diese Worte hören wir nicht von ihm. Er weiß, dass er Jesus liebt, und Jesus weiß, dass er von Petrus geliebt wird. Es ist ein offenes Geheimnis zwischen ihnen. Und Petrus bringt es auf den Punkt – etwas geknickt, dass Jesus dreimal fragt: Jesus – du weißt doch eh alles; auch wie ich dich verlassen habe; auch wie ich mich vor dir geschämt habe. Du weiß auch, dass ich dich wirklich liebe.“ „Na gut“, sagt Jesus, „wusste ich's doch. Dann weide meine Schafe!“

3. Nicht „Natürlich...“
Und dann ist da aber noch eine andere Antwort, die Petrus nicht gibt. Und diese sind wir manchmal auch zu leicht gedrängt, zu geben. Petrus sagt nicht: „Ach Jesus, klar lieb ich dich. Ich weiß, diese Sache da mit dem Feuer macht dir noch zu schaffen, hm? Ich bin halt Sünder, aber dafür bist du ja schon gestorben. Klar lieb ich dich, hab ich immer schon.“ Stellt euch vor, wie solche – oder ähnliche – Worte Jesus getroffen haben müssten. Petrus ist nicht hochmütig und sich den Kosten der Gnade durchaus bewusst.
Manchmal hört man unter Christen so eine unterschwellige Annahme, dass es ja Gottes Job ist, gnädig zu sein – er ist ja Liebe, ne?! Und dann hört man wenig von dem Preis, der dafür bezahlt werden musste. Dann wird die Beziehung zu Jesus zu etwas normales, einem Anhängsel. Ich meine nicht die Worte, die wir benutzen, wenn wir beten. Aber die Einstellung, mit der wir Sünde bekennen. Ist halt war normales, passiert mal dann und wann (eher öfter als selten), aber Jesus vergibt ja und am Ende bin ich im Himmel. So hab ichs in der Kinderstunde gelernt. Solange ich aber hier bin, werde ich nicht perfekt, also warum zuviel Anstrengung investieren? Gnade ist ja alles was ich brauche.
Petrus reagiert nicht so, weil er weiß, dass er Jesus mit dem, was er getan hat, noch ein Kilo mehr Last auf die Schultern gelegt hat. Und er ist gedemütigt, dass er das einem geliebten Menschen angetan hat. Jeder, der schon einmal unbeabsichtigt einen geliebten Menschen verletzt hat, weiß, wie sehr man selber darunter leidet – weil man sich selber immer wieder die Situation vor Augen hält und merkt, dass man keine Ausrede hat, als die, dass man Mist gebaut hat. Und dann bleibt nur der demütigende, oft schmerzhafte Gang zum anderen mit der Bitte, noch einmal Vergebung zu finden. Wie oft musste Petrus in seinem Leben noch diesen Weg gehen – zu Paulus, zu den anderen Aposteln, und nicht zuletzt zu Jesus. Aber an seiner Beziehung zu Jesus ändert es nichts. „Jesus“, sagt er, „ich liebe dich, und das weißt auch auch – obwohl ich manchmal so handel, as würde ich es nicht tun.“ Wie wunderbar ist es, dass Jesus mehr über unsere Gefühle weiß, als wir? Jesus, du weißt es doch – wieso fragst du noch?

4. Weide meine Schafe!
Es gibt einen Grund, warum dieser Jesus fragt: Weide meine Schafe, sagt er immer wieder. Zu dem Mann, der in seinen Antworten mehr geistliche Reife gezeigt hat als mit allem Schwertschlägen vorher zusammen. Ein Mann, der sich der Kosten der Gnade bewusst ist und gleichzeitig weiß: Jesus ist mein Freund. Diesem man vertraut er seine Gemeinde an – den Ort, wo er gegenwärtig sein will; den Ort, der seine Anwesenheit in dieser Welt repräsentieren soll; den Ort, der wie ein Vorposten seines Königreichs aussehen soll. Weil sein Königreich anders ist. Hier sind nicht die die Ritter und standhaften Helfen, die sich ihrer Stärke bewusst sind und damit angeben. Es sind die, die sich ihres Freundes und Herrn bewusst sind. Weide meine Schafe, ruft Jesus jedem zu, der sich unser seine Gnade beugen will, um dann einen Freund zu umarmen.
Dieses Gebet eines Verzweifelten ist teil der wunderbarsten Schönheit, die wir je sehen werden.

Gods Bless,

Restless Evangelical

Sonntag, 15. Juli 2012

Wegweiser im Nebel



Eine Rezension zu Tom Wrights „Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt“

Für diese Rezension hat mit der Aussaat Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt! Dafür möchte ich an dieser Stelle herzlich danken!

Ich erinnere mich an eine Situation vor einigen Jahren; es war kurz anch Ostern. Eine Freundin, mit der ich damals viel über Jesus redete fragte mich: „Ich weiß, dass Jesus auferstanden ist. Aber warum? Was bringt es mir?“
Ich erinnere mich auch daran, dass ich damals keine Antwort hatte. Warum ist es eigentlich wichtig, dass Jesus auferstanden ist, dass das Grab leer war. Was macht das denn mit mir? Ein weiteres Wunder auf der Liste von erstaunlichen Taten, die Jesus im Laufe seines Lebens – und dannach – getan hat? Als Christen, die das Kreuz für ein Stellvertretendes Sühneopfer Jesu (Big Words got simple: Dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist) halten, scheinen wir uns auf das Kreuz als wirkliches Zentrum des Christentums zu beschränken. Die Auferstehung ist etwas danach. Etwas, das dem wirklich Lebenswunder angehängt wird. Jedenfalls ging es mir oft so.
Ich kam eine Antwort auf die o.g. Frage näher, als ich Mark Driscolls wunderbares Buch 'Death By Love' gelesen habe. Darin schreibt er: „As you read, we would like you to note that we consider both the death and resurrection as intimately related truth that are, in fact, a singular event.“ Ein anderer Autor schreibt über die beiden Ereignisse:
„Es kann keine Rettung von der Sünde geben, wenn es keinen lebendigen Retter gibt: Dies erklärt die Betonung, die der Apostel [Paulus] auf die Auferstehung legt. Doch der Lebendige kann nur deshalb Retter sein, weil er gestorben ist: Dies erklärt die Betonung, die auf das Kreuz gelegt wird. Ein Christ glaubt an einen lebendigen Herrn.‟ (James Denney, Death of Christ, S: 73)
Wenn wir vom Tod Jesu reden, dann reden wir auch von seiner Auferstehung. Das hatte ich verstanden. Und dann stolperte ich über Tom Wright majestätisches Werk 'Von Hoffnung überrascht' und ich habe verstanden, wir die Neue Schöpfung, die in Jesus schon Realität ist, zum zentrales Verständnisobjekt des Neuen Testaments werden kann!

  1. Wenn Hoffnung fehlt...
Als erstes ist mir in diesem Buch das Wort Hoffnung aufgefallen. Natürlich, es steht schon aufd em Titel. Natürlich, jeder Christ hat eine Hoffnung. Aber mir ist bei der Lektüre des Buches aufgefallen, wie abgenutzt dieses Wort in meinem Mund geschmeckt hat. Nachdem ich durch mein Studium bedingt mein kindliches Verständnis von den Letzten Dingen, vom Antichristen und der siebenjährigen Trübsalszeit abgelegt habe (womit ich nicht vermitteln will, dass es nicht auch eine erwachsene, durchdachte Form dessen gibt – ich hatte sie trotzdem nicht!), war mir das Wort Hoffnung auf die Zukunft abhanden gekommen. Ich konzentrierte mich auf die Vergangenheit; versuchte tiefer einzudringen in die Wirklichkeit des in der Bibel Geschriebenen und die historischen Fakten zu lernen und zu verinnerlichen. Ich sage nicht, dass das nicht wichtig ist – würde ich nie tun! Ich sage aber, dass man dadurch den Kontakt zur lebendigen Hoffnung verlieren kann, die in uns leben sollte; diese Hoffnung, die Jesus in der Auferstehung und in seinem Tod am kreuz schon ist und die die ganzen Autoren des NT dahin treibt, ihr Leben und ihre Ehre aufzugeben, um in Gottes Reich zu dienen. Christentum kann – selbst wenn das richtige geglaubt wird; selbst wenn wir 'drin' sind – etwas kaltes, rationales werden. Und ich glaube, dass dieses Buch einen guten Teil dazu beträgt, diese Hoffnung wiederzugewinnen. Jesus ist auferstanden, unsere Hoffnung ist real. Das Christentum hat sich zu lange in einer pessimistischen Sicht auf die Zukunft abgegeben und selbst versucht, diese Welt zu zerstören. Was wir wieder gewinnen müssen, ist die Hoffnung, dass Jesus diese Welt transfomiert, bis sie wieder ist, was sie einmal war! Gereinigt, heilig, wunderschön. So wie Jesus schon jetzt ist, in seinem neuen Körper, so werden wir einmal sein; ja so wird die ganze Welt einmal sein. Nun, klingt das noch kalt und Rational?

  1. Wenn Wissen fehlt...
Tim Wrights Stärke ist das Judentum des 1. Jahrhunderts. Es hat für ihn dazu gefüht, Paulus ganz neu zu lesen und an anderer Stelle auch offen zu sagen, dass er der Überzeugung ist, die Kirchengeschichte ist in den letzten 500 Jahre in eine falsche Richtung gegangen. Was über seine Lesart von Paulus zu sagen ist, wurde an anderer Stelle, auf anderen Blogs, zu genüge getan. Hier beschäftigt sich Wright nun nicht ausschließlich mit Paulus (und speziell seiner Rechtfertigungslehre), sondern mit der biblischen Sicht auf das, was nach dem Tod – und in der Ewigkeit – sein wird. Dabei geht er in einem frühen Teil auf die Religionen ein, die das Christentum in der frühen Zeit umringten und bemerkt, dass eine leibliche Auferstehung, wie sie im Christen- und Judentum gelehrt wurde nicht zu finden ist. Es zeigt vielmehr, dass der Platonismus – besonders der NeoPlatonismus, der dem Christentum zu einer frühen Zeit einer der wichtigsten Konkurrenten war – einen Dualismus lehrt, den man in der Bibel nicht findet. Unterscheidung zwischen Geist und Materie, die Annahme, dass diese Welt per se Böse ist, liegt näher am Gnosizismus, denn am historischen Christentum. Das ist spannend zu lesen, dann als junger Christ, der mit seinem Glauben schon aufgewachsen ist, kommt einem vieles davon bekannt vor. Viele der eigenen Annahmen werden einmal auf ihre biblische Begründung hinterfragt. Wright zeigt auf beeindruckende Weise, wie die frühen Christlichen Autoren auf die Religionen in ihrer Umgebung reagierten und doch diesen einen Punkt niemals aufgeben wollten und konnten: Dass Jesus körperlich auferstanden ist, dass diese Welt zählt und dass Gott diese Materie geschaffen hat, damit sie ihm für ewig Freude macht!
Manchmal fehlt uns, um die Bibel zu verstehen, schlicht das richtige Wissen. Das bedeutet nicht, dass ich (oder Wright) nicht an die innere Klarheit der Schrift glauben, dass sie jeder Mensch verstehen kann, wenn er den Versuch macht. Es hat mehr damit zutun, dass wir oft tief in einer Tradition stecken, die ferner nicht sein kann von der biblischen Auferstehungshoffnung.
Wright schreibt:
„Für viele konservative Christen geht es beim Glauben an Jesu körperliche Auferstehung hauptsächlich um Gottes übernatürliches Handeln in der Welt, womit eine Sicht der Wirklichkeit mit einem oberen und einem unteren Stockwerk legitimiert wird – mit anderen Worten: Ein Dualismus.“ (234)
Wenn dem so wäre, zeigt Wright eindrücklich, dann hätte Gott Jesus nicht leiblich auferstehen lassen müssen. Gott kann übernatürlich sein – und trotzdem diese Welt, diese Bühne, auf der die Menschen auf ihre Würdigkeit für 'den Himmel' geprobt werden, verrotten lassen. Aber da Jesus auferstanden ist, zeigt sich etwas ganz anderes. Driscoll schreibt in Doctrine:
Weil Jesus leiblich vom Tod auferstanden ist, lernen wir, dass Gott etwas vorhat, und zwar durch Christus: er wird alles wiederherstellen und für sich beanspruchen, was er in der Schöpfung erschaffen hat und das dann durch den Sündenfall zerstört wurde.‟ (Mark Driscoll, Doctrine, S.303)
Manchmal müssen wir uns verabschieden von unserer Tradition und mal sehen, was die Bibel wirklich sagt!

  1. Wenn Gott fehlt...
Spannend finde ich bei Wright immer wieder, dass seine Bücher nicht nur theoretische oder exegetische Abhandlungen sind; nicht Detailfragen, die keine Auswirkung haben. In den letzten Beiden Kapiteln des Buches behandelt Wright dann die Frage, was diese Wahrheit über die Auferstehung und Neuschöpfung auf das Leben eines Christen haben sollte. Wright schreibt:
„So eine Person [die sich bekehrt hat, mit Jesus geht] ist ein lebendiges, atmendes kleines Stück "neue Schöpfung" - jener neuen Schöpfung, die bereits in der Auferstehung Jesu begonnen hat, sich zu ereignen und die vollständig sein wird, wenn Gott schlussendlich seinen neuen Himmel und seine neue Erde erschaffen und uns auferwecken wird, um Anteil an jener neuen Welt zu haben. Paulus drückt es folgendermaßen aus: "Wenn jemand in Christus ist - neue Schöpfung!" (242)
Obwohl mich dieser letzte Teil sehr intensiv an die Lektüre von 'The Mission of Gods People' erinnert hat, war es doch erfrischen, es noch einmal zu lesen. Es sind nicht wir, nicht unsere 'Rettung' oder unsere 'Seelen', die im Zentrum von Gottes Denken stehen, sondern Gott selbst. Und er liebt seine Schöpfung und gibt nicht auf, bis sie wieder ganz hergestellt ist. Unsere Aufgabe ist dabei, unserer Aufgabe nachzukommen, die er uns am Anfang aller Zeit gegeben hat: Gute Verwalter zu sein! „Hütet den Garten!“ ruft es uns entgegen. Und ladet soviele Menschen wie möglich ein, in diesem Königreich die Staatsbürgerschaft anzunehmen. Keine Abstammung ist gefordert, nur Vertrauen!

  1. Einige Randbemerkungen!
Da ich selber an einer Übersetzung aus dem Englischen mitgearbeitet habe, ist mit sie wirklich schöne Übersetzung aufgefallen, die in diesem Buch vorliegt. Wright hat sowieso einen sehr schönen Schreibstil, der lesbar und flüssig ist, und sich trotzdem nicht vor Fremdwörtern scheut. Ich denke, dass es dem Übersetzer auf beeindruckende Weise gelungen ist, diese Form ins Deutsche zu übertragen.
An einer Stelle nimmt Wright das berühmte Gerücht auf, bei der Gehenna (der wichtigste NT Begriff für Hölle) zur Zeit Jesu eine Müllhalde vor Jerusalem darstellte. Das ist eine schöne Geschichte, aber auch an vielen Stellen widerlegt worden (unteranderem von Chan und Sprinkle in Hölle Light). Tatsächlich ist davon nichts zu finden bis in das 11 Jahrhundert, als ein Rabbi aus Europa dieses Gerücht zum ersten Mal aufgreift. Von einem solchen Experten über das frühe Judentum sollte man mehr erwarten können!
Manchmal stört mich bei Wright etwas seine Märtyrer-Haltung. Er schreibt oft in einem süffisanten Ton, der erahnen lässt, dass er sich als Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt versteht. Das hat mich bei der Lektüre des Buches teilweise erheblich gestört. Manchmal wäre eine nüchterne Betrachtung der Realität in der Christenheit hilfreicher!

  1. Fazit
Am Schluss handelt es sich bei diesem Buch um eines, das unbedingt lesens- und empfehlenswert ist. Es ist geradezu grandios in der Tatsache, dass es den eigenen Horizont erweitert und die christliche Hoffnung auf die Zukunft wieder lebendig werden lässt. Dafür bin ich nicht nur dem Buch und dem Autor dankbar, sondern auch dem Aussaat Verlag, der es in so ansprechender Weise ins Deutsche übertragen hat. Abgesehen von den Randbemerkungen, die ich oben erwähnt habe, habe ich an diesem Buch nichts auszusetzen. Nach der Lektüre ist für mich wieder mehr real, was Wright an einer Stelle schreibt:
Es soll nur gesagt werden,dass Gott immer ein Gott der Überraschungen ist.“ (198)
Und ich möchte anfügen: auf ein Gott der Hoffnung.

Gods Bless,
Restless Evangelical



Tom Wright: Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und Ewigem Leben sagt,
Neukirchen-Vluyn, Aussaat, 2011
Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
http://www.ftabooks.de/

Sonntag, 1. Juli 2012

Meine vierte öffentliche Predigt

Heute hatte ich das Vorrecht, in meiner eigenen Gemeinde zu predigen. Ich liebe die Gemeinde einfach. Wir sind unperfekte Menschen die zusammen Jesus dienen wollen. Vor allem sind wir Menschen, und es menschelt (was ein christliches Wort ;-)) natürlich wie überall.
Immer wieder werden Entscheidungen getroffen, die ich nicht getroffen hätte.
Und trotzdem dienen wir zusammen, laufen zusammen auf ein Ziel hin.
Ich bin einfach glücklich, Teil dort zu sein und auch die Möglichkeit geboten zu bekommen, meine Gaben einzusetzen.
Nach diesen zwei Predigten an zwei Sonntagen werde ich nun auch weider häufiger bloggen. Die Predigten haben aber den Großteil meiner geistlichen und körperlichen Energie gefressen.
Ich hoffe, dass ihr weiterhin dranbleibt und die Mission Gottes hochhaltet. Werdet teil davon!

Hier findet ihr die Predigt: Marcus Hübner - Egal was kommt, Jesus herrscht und wir dienen.

Man Manuskript sieht habe ich diesmal etwas verfeinert. Allerdings kann ich es euch nicht zeigen.
Ich habe mir aber am Rand eine detailiertere Gliederung in Stichpunkten geschrieben, um schneller zu sehen, wo ich gerade bin, wenn ich das Manuskript doch mal brauche. Hat mir in der Predigt sehr geholfen!


Einleitung:
In der Nähe von meiner Wohnung in Gießen gibt es einen Ort, an dem es immer sehr still ist.Wenn das Wetter gut ist und ich mal einen Moment Ruhe brauche – abseits von der Hektik und den Geräuschen einer großen Straße – dann gehe ich an diesen Ort. Es ist der Alte Friedhof. Es ist irgendwie idyllisch da. Die Grabsteine stehen nicht überall streng in Reih und Glied, sondern auch mal hier und da, sodass sich einige Grünflächen gebildet haben.
Doch so idyllisch dieser Ort ist, er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Mahnmal dafür ist, dass mit dieser Welt etwas nicht stimmt. Der Tod ist dort allgegenwärtig. Alte und junge Menschen sieht man dort ab und zu vor einem Grabstein stehen, manche reden vor sich hin, manche stehen nur schweigend da, und alle scheinen eine Last zu tragen. Wenn ich an einem sonnigen Tag über diesen Friedhof laufe, dann wird mir mehr als sonst bewusst, dass etwas hier nicht stimmen kann. Dazu sind wir nicht geschaffen. Der Tod macht und Angst, wenn wir darüber nachdenken, weil er so etwas entgültiges zu sein scheint – etwas, was jeden ereilt und nicht aufhört.
Es ist, wie wenn man den Tod als die graue Eminenz hinter der Welt verstehen. Der Tod ist der Grund, hinter dem Leid der Welt; warum wir uns vor Dingen fürchten und warum wir und vor Dingen schützen. Der Tod steckt dahinter. Und wir versuchen mit unserem Leben Denkmäler zu bauen – ob aus Stein oder Gedenken oder was auch immer – die den eigenen Tod überleben. Ob es uns bewusst ist oder nicht steckt der Tod hinter den meisten Dingen, die wir langfristig tun. Und das nicht zum positiven!
Es ist deswegen auch kein Wunder, dass es seit dem Anfang der Menschheit Geschichten über Menschen gibt, die dem Tod ein Schnippchen geschlagen haben. Denkt nur an Sisyphus. Der dann zur Strafe dafür einen Stein immer wieder auf einen Berg rollen muss, der kurz vor der Spitze dann wieder zurückrollt. In Antiken Mythen und auch heute gibt es viele Geschichten von Menschen, die den Tod besiegt haben. Denkt an die Legende von Dorian Grey; oder ganz Prominent: Gandalf aus Herr der Ringe. Wir sehen auf solche Menschen – auf solche Fiktion – weil wir uns einen Ausweg aus der Auswegslosigkeit suchen. Ein Mensch hat es geschafft, den Tod zu besiegen, das ist die For, von Sieg, die uns Ewig macht.
Und das war auch im Antiken Korinth nicht anders. In der Gemeinde in Korinth waren Menschen aufgetreten, die Paulus massiv angegriffen haben. Denkt an Paulus. Wenn wir heute an Paulus denken, dann immer mit einem ehrfürchtigen Staunen in unseren Gedanken, oder? Wer will nicht gerne mal Paulus treffen, wenn wir in der Gegenwart Gottes sind? Mal mit ihm quatschen und wissen, wie seine Missionstaktik war? Wie er mit den Menschen ins Gespräch kam? Paulus scheint für uns mindestens einen Meter über dem Boden zu schweben. Paulus, der erste wirkliche Missionar. Paulus, der Christus selbst begegnet ist. Paulus, der größte Theologe aller Zeiten. Paulus, der mehr Gemeinden gegründet hat, als die meisten von uns in ihrem Leben sehen werden. Paulus... Aber der war nicht immer so unangefochten. Und Korinth hatte er einige Probleme. Dort waren nämlich Menschen aufgetreten, die Paulus seine Legitimität als Apostel abgesprochen haben und teilweise sogar soweit gingen, dass sie ihm gleich das Christsein in Frage stellten. Welchen Grund hatten sie dafür? Es war das Leid, das er auf seinen Missionsreisen zu erleben hatte.Steinigung, Folter, Peitschen, Schiffbruch, Spott und Gefängnis. Wo sieht man denn in deinem Leben den Sieg Christi, fragten die Leute. Du bist noch mehr als wir in dieser Welt gefangen. Die Menschen verachten und misshandeln dich – dabei bist du ein Königskind. Wo sieht man den Sieg Christi in deinem Leben? Und wir manchen manchmal das selbe, oder? Wir legen Wert darauf, dass wir den Sieg Christi im Leben des Menschen auch in dem Luxus sehen, der nach weltlichen Maßstäben wirklich etwas wert ist. Und vergessen dabei, dass Jesus selber im Augenblick seines größten Triumphes wie der scjlimsmte alles Verlierer aussah. Und Paulus verkündet dasselbe. Der Ruf, der uns heute morgen aus der Bibelstelle entgegenschallt, die ich mit euch betrachten will, ist so einfach wie wunderschön: Egal was kommen mag – Jesus ist der Herr, und wir dienen seinem Reich.
Schlagt mit mir 2Kor 4,5 auf. Ich lese:

Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn. Und weil wir zu ihm gehören, betrachten wir uns als eure Sklaven.

  1. Jesus am Kreuz ist der König
Es ist spannend zu sehen, wie Paulus den Blick von sich selber weglenkt. Es ist nicht so, also würde er im 2Kor nicht auch über sich schreiben – gerade das ist ja sein Ziel. Er will den Korinthern seinen eigenen Dienst und sein Verständnis von seinem Amt erklären. Aber irgendwann hat er genug davon; weil er nicht mehr sich selbst verkünden will; weil er nicht das Zentrum seiner Botschaft ist; weil er nicht sich selber verkündet! Wir predigen nicht uns selber, sagt Paulus. Er ist nicht das Zentrum unseres Gottesdienstes, unserer Predigt, unseres Glaubens, unserer Lieder. Wir sind nicht das Zentrum. Hört es ihn rufen! Es geht nicht um mich! Er erlebe Leid? Es geht nicht um mich. Egal was kommen mag – Jesus ist der Herr, und wir dienen seinem Reich! Ich finde schon den Auftrakt dieser Passage so wichtig, um uns selbst zu prüfen. In Jesus das Zentrum unserer Predigt? Und wir sollten uns nicht rausreden mit: Ich predige ja nicht! Die wenigsten von uns predigen einmal die Woche – und selbst dann wäre ja noch genug Zeit, in der wir nicht predigen. Aber wir predigen in jeder Minute, in der wir als Christen in dieser Welt leben. Wir sind eine Predigt! Wie wir uns verhalten erzählt den Menschen in unserer Umgebung etwas davon, was wir glauben und wie stark wir das wirklich glauben! Unser Leben ist eine Predigt.
Und was ist der Inhalt der Predigt von Paulus. Er hat den Blick von sich weggelenkt – ich bin es nicht, ruft Paulus! Aber wer dann? …sondern Jesus Christus als den Herrn! Jesus ist Herr! Das ist eine der ältesten Glaubensbekenntnisähnlichen Formeln des alten Testaments! Jesus ist Herr! war eine Formel, mit der sich die Christen in der Gemeinde begrüßt haben. Jesus ist Herr! ist mehr als nur ein Satz, den man gerne Mal sagt. Paulus sagt, dass niemand diesen Satz wirklich sagen kann – meint bekennen kann, glauben kann, leben kann – wenn nicht der Heilige Geist ihn leitet.
Aber Moment. Hatte Paulus nicht noch im 1Kor etwas anderes als das Zentrum seiner Botschaft bezeichnet? In 1Kor 2,2 sagt er:
„Denn ich hatte mich entschlossen, unter euch nichts anderes zu kennen außer Jesus Christus und ihn als den Gekreuzigten.“
Jesus am Kreuz, dieser blutige Haufen Mensch, zerschlagen, blutend, durstig, verlassen, ist nun weit entfernt davon, wie ein König zu wirken. Nun ja, da hängt dieses Schild über ihm. Jesus aus Nazareth, König der Juden. Aber wirklich etwas herrschaftliches ist doch hier nicht zu sehen. Dieses Symbol vom Kreuz ist ein Torheit, sagt Paulus. Es hat nichts von einer Königswürde. Und trotzdem ist für Paulus Christus als Gekreuzigter und Christus als Herr ein und derselbe Inhalt. Wer Christus als den Gekreuzigten predigt, der kommt nicht darum herum, Christus auch als den Herrn zu predigen – und umkehrt. Wieso ist das so?
Es gibt manchmal die Tendenz, den Tod Jesu am Kreuz als seine Niederlage zu verstehen und dann die Auferstehung als Sieg. Aber die Bibel bekundet uns deutlich, dass das Kreuz der Ort ist, an dem Jesus gekämpft hat und siegte! Dort sind die Feinde entwaffnet worden. Paulus macht das an anderer Stelle, im Kol, deutlich, wenn er schreibt:


Er hat den Schuldschein, der mit seinen Forderungen gegen uns gerichtet war, für ungültig erklärt. Er hat ihn ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt. Er hat die Herrscher und Gewalten völlig entwaffnet und vor aller Welt an den Pranger gestellt. Durch das Kreuz hat er einen triumphalen Sieg über sie errungen. (Kol 2,14f)

Und ich finde das so spannend. Weil und Paulus sagt, dass Jesus der Herr ist, dadurch, dass er sich erniedrigt hat und am Kreuz gestorben ist. Der Herr sein bedeutet nicht nur eine gewisse Macht zu haben. Es bedeutet, dass Jesus alle Feinde besiegt hat, dass er nun unangefochten der Herr dieser ganzen Schöpfung ist und alles auf sein Wort hört. Wir sollten den Jesus am Kreuz nicht auf eine Leidensfigur degradieren. Wir haben manchmal die Tendenz, nur das Mitleid zu sehen, dass uns Jesus durch das Leiden, die er erlebt hat, zuteil werden lassen kann. Dann zitieren wir den Hebräerbrief und sagen: Ja, wie haben einen Hohenpriester, der weiß, was wir durchmachen, weil er das alles auch erlebt hat. Aber wir vergessen das wichtigste. Er hat das nicht nur erlebt, um zu wissen, wie es uns geht. Er hat das alles erlebt, um die Wurzel dessen zu zerstören, was uns Leid bereitet. Er hat den Tod selber besiegt! Und dadurch die Wurzel des Übels besiegt.
Und wenn wir in Jesu Leben sehen, dann wurde ihm die Herrschaft sogar angeboten, ohne Leiden. Das ist so hart. Der Teufel bietet uns manchmal einen Abglanz der Herrlichkeit an, die wir einmal erleben werden ohne den Weg über das Christentum gehen zu müssen. Und das war bei Jesus genauso. Er, der gekommen war, um den Tod selbst zu besiegen und Sündern das Leben in Fülle zu geben, wurde auf einen Berg geführt und ihm wurden alle Reiche der Welt gezeigt. Er konnte die ganze Schöpfung sehen. Und der König dieser Welt hat ihm angeboten, dass er der Herr sein dürfte über das alles – und der Weg würde nicht über das Kreuz führen, sondern im unterwerfen unter den Willen des Teufels. Das muss unglaublich für Jesus gewesen sein. Das Ziel erreichen ohne die Entbehrung. Herr sein ohne Leiden. Herrschen ohne Kampf! Und Jesus sagt nein, spuckt dem Teufel förmlich ins Gesicht und sagt: Gott alleine soll ich dienen! Und geht den Weg des Kreuzes.
Ich finde das ist ein unglaublicher Gedanke, in den ich mich ständig vertiefen kann. Herrschaft im christlichen Sinne funktioniert nicht nach den Maßstäben dieser Welt. Jesus kommt nicht zur Königswürde, indem er seine Macht demonstriert, sondern indem er sich klein macht. Jesus selbst macht sich zum Diener der Welt, stirbt am blutigen Stamm und besiegt somit unseren schlimmsten Feind! Jesus ist Herr, nicht obwohl er am Kreuz gestorben ist – sondern WEIL er am Kreuz gestorben ist. Und besiegt ist der Tod, besiegt ist die Sünde, besiegt ist der Teufel. Als Jesus ruft: Es ist vollbraucht! da meint er nicht nur deine Rettung, deine Seele die in den Himmel springt. Er meint den gigantischen Rettungsplan für die ganze Schöpfung. Dieser gigantische Rettungsplan, der zu einer neuen Schöpfung führt; wenn die ganze Welt vom Joch des Todes befreit aufatmen kann und wieder unbeschwert Gott anbetet. Diese neue Schöpfung, in der wieder alles in der richtigen Beziehung mit seinem Schöpfer steht und seinem Ziel dient. Indem wieder alles so sein wird, wie es eigentlich sein soll. Indem es keine Friedhöfe mehr geben wird, weil der Tod nicht mehr da ist. Indem alles endlich gut ist! Deswegen haben wir eine Hoffnung, die über unser Leiden und die Sünde in dieser Welt hinausgeht, die über den Tod hinausgeht. Egal, was kommen mag – Jesus herrscht, und wir dienen seinem Reich.

    2. Jesus am Kreuz ist die Motivation
Es wäre jetzt aber ein falscher Schluss zu sagen, dass Paulus in der Predigt von Paulus gar nicht vorkommt. Wir haben etwas über unsere Rolle zu sagen, wir haben eine Rolle zu spielen im großen Rettungsplan Gottes. Und das spannende daran ist, dass diese Rolle auch eine andere ist, als wir erwarten würden. Die Maßstäbe, die in Gottes neuer Welt gelten, sind eben grundsätzlich andere, als die Maßstäbe, die wir in dieser Welt ansetzen. Erfolg hat nichts mit 'Oberhand gewinnen' zutun; Ansehen nichts mit Herrschaft. So wie Jesus im Moment seiner scheinbaren Niederlage den größten Triumph erlangt hat, so sollen wir auch leben.
Paulus sagt:
„Und weil wir zu ihm gehören, betrachten wir uns als eure Sklaven.“
Paulus hat das Evangelium als eine Leidens- und Triumphgeschichte Gottes verstanden. Er hat verstanden, dass die Wege Gottes ganz andere sind, als die Wege dieser Welt. Wenn Gott jemanden erhöhen will, dann macht er ihn zum Diener. Wenn Gott jemanden erniedrigen will, dann macht er ihn weise in dieser Welt. Gottes Weisheit ist tiefer, Gottes Weisheit ist reiner als das, was wir uns ausdenken können und was wir uns erschaffen können.
Durch Jesus – durch den gekreuzigten König, durch den siegreichen Verurteilten – betrachtet er sich als Sklave der Korinther. Er will ihnen dienen, will ihr Wachstum ich Christus fördern. Und er betrachtet sich als dieser der ganzen Welt. An anderer Stelle sagt er:
„Denn obwohl ich frei und von niemand abhängig bin, habe ich mich allen zum Sklaven gemacht, um so viele wie möglich zu gewinnen.“
Paulus möchte so viele Menschen für dieses Königreich gewinnen. Er will, dass Menschen zu der Gemeinde Gottes gehören, zu dieser neuen Welt, die er erschafft und die sich in Jesu Sterben durchgesetzt hat. Er möchte, dass die Menschen nicht länger nichtigen Dingen nachlaufen, die sie nicht glücklich machen können, weil sie nur ein Abglanz sind von dem, was wir eigentlich teilen sollen – die Gemeinschaft und den Frieden mit unserem Schöpfer. Aber interessant ist, dass sich für Paulus diese Herrschaft Gottes, dieser Sieg Christi, nicht in Reichtum und Erfolg messen lässt; nicht in Gesundheit und ein siegreiches Leben. Weil die Maßstäbe andere sind! Paulus selber macht sich zum Sklaven für alle Menschen und für die Gemeinde in Korinth speziell; dadruch lebt er ein offensichtliches Beispiel für die verändernde Kraft des Evangeliums. Wir sind nicht aus unseren schwierigen Verhältnissen befreit worden, sondern von der Last, den diese Welt auf uns drückt. Wir wissen uns geliebt in Christus; wir wissen uns befreit in Christus; wir wissen uns als Sieger in Christus. Aber weil das Königreich Gottes anders funktioniert als diese Welt, deswegen zeigt sich der Sieg auch anders.
Unsere Hoffnung liegt tiefer als darin, dass es uns hier in diesem kurzen Leben gut geht. Unsere Hoffnung liegt darin, dass wir teil des Königreiches sein dürfen; dass wir den Sieger kennen und auf der richtigen Seite stehen. Deswegen betrachten wir unser Eigentum, unser Leben, nicht mehr als unser Eigentum. Wir stellen uns in den Dienst des Königs! Wir zeigen Barmherzigkeit, Großzügigkeit, Leidensbereitschaft, wie es Jesus getan hat. Wir kämpfen nicht, damit wir die Oberhand gewinnen. Paulus macht sich selbst zum Skalven, obwohl er alle Voraussetzungen hatte, ein großer Leiter, teil des jüdischen Hohen Rates zu werden. Aber er macht zum zum Sklaven, zum Diener aller Menschen, weil Jesus es so gemacht hat.
Ich wünsche mir, dass unser Leben von dieser Hoffnung gepackt ist, von diesem Reich bestimmt ist. Ich wünsche mir, dass wir in jeder Situation unseres Lebens mit Sicherheit sagen können: Jesus ist Herr! Jesus ist König! Egal was kommen mag – Jesus ist Herr, und wir dienen seinem Reich. Wir stehen auf der Seite des Siegers.
Ich möchte schließen mit der Geschichte eines jungen Mannes, indem man diese Veränderung der Maßstäbe sehen kann.

Jim Elliott

Jim hatte verstanden, was es bedeutet, das Evangelium zu leben. Und Jesus hat es benutzt. Egal was kommen mag – Jesus ist Herr, und wir dienen seinem Reich, seinem Ziel, ihm selbst! Der ist kein Narr, der aufgibt, was er nicht halten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.

Amen.