Dienstag, 24. Juli 2012

Das Gebet des Verzweifelten


Ungeheuchelte Schönheit

Wir alle kennen diese Momente. Wir haben etwas getan, von dem wir wissen, dass es nicht zu einem geheiligten Leben passt – und unser Gewissen meldet sich. Es können kleine, fast schon 'normale' Dinge sein; einen Film im Internet gesehen, eine Notlüge aufgetischt, Stolz auf andere herabgesehen. Es können auch größere Dinge sein, die wir schon eine Weile treiben, aber für deren schreckliche Wirklichkeit erst gerade unsere Augen aufgegangen sind.

  1. Die schweren Situationen
Manchmal ist es schwer, nach einer solchen, in einer solchen Situation zu beten. Wir komme ich vor Jesus? Bis vor ein paar Minuten oder Stunden oder Tagen hatte ich noch das Gefühl, alles beieinander zuhaben. Ich dachte, dass Jesus eigentlich ziemlich Stolz auf mich sein muss, weil ich ihm immer Nachfolge und weil ich wirklich sein Jünger bin – ich trinke sogar nur Fair Trade Kaffee (und erzähle auch jedem, wie gut dieser FairTrade (!) Kaffee schmeckt – sodass es alle wissen: dieser FairTrade Kaffee schmeckt gut! Und ich trinke ihn, meistens.). Jesus ist Stolz auf mich; und dann das. Wieder enttäuscht, wieder gefallen. Wie komme ich vor ihn? Wie begebe ich mich wieder in die Gegenwart von wunderbarer Schönheit, wenn meine Kleidung so schmutzig ist und ich schlimmer stinke als die Eier, die seit ein paar Wochen in meinem Kühlschrank vor sich hin vegetieren? Ich passe auf einmal nicht mehr dort hin, wo ich mich eigentlich zuhause gefühlt habe. Ich habe den Anschluss verloren, stehe auf einmal nicht mehr in der Richtigen Position. Ich lese von dem Festmahl, das Jesus einmal geben will – und höre, wie meine Freunde sich darauf freuen. Und alles was ich höre, ist dieser eine junge Mann, der zum Fest kommt, und das falsche Kleid anhat. Er wird rausgestoßen, nicht wahr? Ich glaube, ich hatte mal den richtigen Anzug. Ganz in weiß, strahlend und wunderschön. Ich war in der Festgesellschaft und habe mich drauf gefreut; aber dann habe ich diesen riesigen Tomatenfleck mitten aufs Jackett geschmiert. Wo ist das Glücksgefühl hin, wenn ich Jesus treffe? Ich fühle mich eher beschämt, weil ich weiß, dass er weiß, was ich getan hat. Und ich habs ihm ja noch nicht gebeichtet. Und ich weiß vor allem, dass er ein sehr strenger Herr ist. Das habe ich bei John MacArthur gelesen – als ich noch mehr solche Bücher gelesen habe; als sie mich noch aufgebaut haben.
Wo ist das Tanzen hin, dass ich einmal selber in meiner Seele gefühlt habe, als der Lobpreis Gottes sich um mich herum erhob? Ich sehe meine Freunde auf einmal Tanzen – aber meine Beine bewegen sich nicht. Ich bin eher der Verlorene Sohn – und warte darauf, dass Jesus mir endlich ein paar von den Schweineschoten zuwirft, damit ich wieder sicher bin, dass er um meine Existenz weiß.
Wo ist die Hoffnung hin, die mich einmal alle meine Angst hat vergessen lassen? Ich habe den auferstandenen Jesus gesehen und mit Sicherheit gewusst: So werde ich auch einmal sein. Die Hoffnung hat mich überrascht, hat alles zugedeckt. Und auf einmal ist da vor allem Furcht; ich muss einmal vor Jesus stehen – habe ich dann wirklich alle meine Sünden, jede einzelne bekannt? Und was ist mit dem Bekenntnis, vielleicht nicht alle bekannt zu haben? Habe ich auch bekannt, dass ich nur bekannt habe, um des Bekenntnisses willen? Weil ich nicht in die Hölle will? Ist es eine Sünde, dass ich nicht in die Hölle will? Muss ich sie dann jede Sekunde bekennen oder reicht einmal die Stunde? Hoffnung ist das nicht mehr – es ist die Furcht, die mich rennen lässt. Aber ich bin schnell aus der Puste. Ich war einmal wie das Kind, das vor seinen Eltern spielt und nicht Müde wird. Jetzt renne ich, um scheine gar nicht mehr von der Stelle zu kommen.
Wo ist denn Jesus, wenn ich ihn brauch?
Wie geht du damit um, wenn du in solchen Situationen stehst?
Ich selber war in letzter Zeit mehrmals mit solchen Situationen in meinem eigenen Leben konfrontiert – und auch in den Leben lieber Freunde.
Und als ich da so drüber nachdachte, musste ich an eine Situation im Leben von Petrus denken. Er hatte Jesus verraten. Er, der eigentlich alles beisammen hatte. Er hatte sich das Schwert besorgt, von dem Jesus doch gesprochen hatte. Er hatte einem von der Meute, die Jesus gefangen nahmen, das Ohr abgeschlagen. Er war sogar Jesus gefolgt, wollte seinem Herrn auch in der schwierigen Situation der Verurteilung nahe sein. Bis zum Hoftor hatte er alles zusammen – oder? Also, jedenfalls mehr als die anderen, mag er gedacht haben. Vielleicht ist das der Hinweis, dass ich einmal an seiner rechten Seite stand? Geduckt und mit erhobener Brust – jener Haltung, die nur ängstliche Anbeter der eigenen Herrlichkeit einnehmen können – könnte er den Hof betreten habe. Stellt sich an das Feuer und wärmt sich. Immer wieder schielt er zu Jesus rüber. Und dann – er weiß gar nicht genau wie – entgleitet ihm die Situation. „Mein Gott nochmal, ich kenne diesen Kerl doch gar nicht! Lasst mich endlich in Ruhe!“ klingelt es ihm noch im Ohr. Und der Schrei des Hahns. Und der Blick von Jesus. Voller Liebe und gleichzeitig Enttäuschung war er.
Wie muss es Petrus gegangen sein in diesen ersten Tagen, nach der Auferstehung. Alles war durcheinander. Jesus erschien hier und dort und sie hatten erstmal die großen Sachen zu besprechen. Und dann kommt diese Situation, dass Petrus endlich wieder mit seinem Freund und Herrn allein ist. Und dreimal spielt sich die gleiche Situation ab:

Noch einmal fragte er ihn: "Simon Ben-Johannes, hast du mich lieb?" Petrus wurde traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal fragte, ob er ihn lieb habe, und sagte: "Herr, du weißt alles. Du weißt, dass ich dich lieb habe." - "Dann sorge für meine Schafe!", sagte Jesus.“ (Joh 21,17; NeÜ)

Und Petrus Antwort zeigt mehr über seine geistliche Einsicht als viele Stunden der Nachfolge vorher.

    2. Nicht '...ob...'
Denn achten wir einmal genau darauf, was Petrus antwortet. Das war mir ein so wichtiger Trost in den letzten Wochen. Er sagt nich: Herr, du weißt doch alles, du weiß auch ob ich dich liebe.“ Darin zeigt sich die erstaunliche Einsicht von Petrus, dass er in Jesus nicht einfach den großen Weltenherrscher sieht, den grimmigen Feindzerschmetterer, der uns in der Offenbarung vor Augen gemalt wird. Es ist nicht, dass Jesus nicht auch diese Seite hat. Er hat sich auch schon im Tempel gezeigt, als er hier auf der Erde ist. Aber Petrus ist sich dessen bewusst, dass er in Jesus auch einen Freund hat. Das ist so wunderbar, denn ich glaube, dass manche Christen manchmal in ihrer ganzen Theologie einen wichtigen Punkt vergessen. Sie betonen Gottes Heiligkeit, Gerechtigkeit und Zorn so sehr (weil sie einen Mangel an dieser Betonung in der Evangelikalen Welt zu vernehmen meinen), dass sie zu vergessen scheinen, dass Gott gut ist. Gott ist freundlich, liebevoll, langsam zum Zorn und von großer Güte. Er will etwas Gutes für uns – er ist kein Tyrann. Und das vergessen wir gerne manchmal.
Gott ist gut, er meint es gut mit uns. Manchmal ist es dieser kleine Satz, der für uns neu zur Offenbarung werden kann. Manchmal haben wir Gott so andersartig gemacht, dass wir vergessen haben, dass er uns in Jesus schon begegnet ist; er hat sich nicht nur verborgen – er hat sich auch greifbar gemacht. In seinem Wort – dem schriftlichen und dem menschlichen; in der Bibel und in Jesus. Und was wir dort sehen und lesen ist immer und immer wieder ein Gott, der die Menschen sucht und das Gute für sie will – und Menschen, die sich immer wieder dem Schlechten und der Feindschaft zuwenden. Aber es sich nicht die Sünder, die Jesus wegstößt und auspeitscht und anschreit. Sie werden von ihm hochgehoben und ihnen wird gesagt: Dein Glaube hat dich gerettet – jetzt geb dein Bestes, es nicht weiter so zu treiben!
Gott ist gut; und er meint es wirklich gut mit uns. Petrus wusste das. Und deswegen duckt er sich nicht unter einem Mantel von Furcht und stellt die schüchterne Frage, ob er überhaupt genug Glauben hat. „Jesus – sag du mir, ob ich noch geeignet für dein Reich bin. Ich bin doch nicht wert, das zu beantworten. Deine Gnade ist doch die mich rettet, sag du mir, ob ich sie habe.“ Diese Worte hören wir nicht von ihm. Er weiß, dass er Jesus liebt, und Jesus weiß, dass er von Petrus geliebt wird. Es ist ein offenes Geheimnis zwischen ihnen. Und Petrus bringt es auf den Punkt – etwas geknickt, dass Jesus dreimal fragt: Jesus – du weißt doch eh alles; auch wie ich dich verlassen habe; auch wie ich mich vor dir geschämt habe. Du weiß auch, dass ich dich wirklich liebe.“ „Na gut“, sagt Jesus, „wusste ich's doch. Dann weide meine Schafe!“

3. Nicht „Natürlich...“
Und dann ist da aber noch eine andere Antwort, die Petrus nicht gibt. Und diese sind wir manchmal auch zu leicht gedrängt, zu geben. Petrus sagt nicht: „Ach Jesus, klar lieb ich dich. Ich weiß, diese Sache da mit dem Feuer macht dir noch zu schaffen, hm? Ich bin halt Sünder, aber dafür bist du ja schon gestorben. Klar lieb ich dich, hab ich immer schon.“ Stellt euch vor, wie solche – oder ähnliche – Worte Jesus getroffen haben müssten. Petrus ist nicht hochmütig und sich den Kosten der Gnade durchaus bewusst.
Manchmal hört man unter Christen so eine unterschwellige Annahme, dass es ja Gottes Job ist, gnädig zu sein – er ist ja Liebe, ne?! Und dann hört man wenig von dem Preis, der dafür bezahlt werden musste. Dann wird die Beziehung zu Jesus zu etwas normales, einem Anhängsel. Ich meine nicht die Worte, die wir benutzen, wenn wir beten. Aber die Einstellung, mit der wir Sünde bekennen. Ist halt war normales, passiert mal dann und wann (eher öfter als selten), aber Jesus vergibt ja und am Ende bin ich im Himmel. So hab ichs in der Kinderstunde gelernt. Solange ich aber hier bin, werde ich nicht perfekt, also warum zuviel Anstrengung investieren? Gnade ist ja alles was ich brauche.
Petrus reagiert nicht so, weil er weiß, dass er Jesus mit dem, was er getan hat, noch ein Kilo mehr Last auf die Schultern gelegt hat. Und er ist gedemütigt, dass er das einem geliebten Menschen angetan hat. Jeder, der schon einmal unbeabsichtigt einen geliebten Menschen verletzt hat, weiß, wie sehr man selber darunter leidet – weil man sich selber immer wieder die Situation vor Augen hält und merkt, dass man keine Ausrede hat, als die, dass man Mist gebaut hat. Und dann bleibt nur der demütigende, oft schmerzhafte Gang zum anderen mit der Bitte, noch einmal Vergebung zu finden. Wie oft musste Petrus in seinem Leben noch diesen Weg gehen – zu Paulus, zu den anderen Aposteln, und nicht zuletzt zu Jesus. Aber an seiner Beziehung zu Jesus ändert es nichts. „Jesus“, sagt er, „ich liebe dich, und das weißt auch auch – obwohl ich manchmal so handel, as würde ich es nicht tun.“ Wie wunderbar ist es, dass Jesus mehr über unsere Gefühle weiß, als wir? Jesus, du weißt es doch – wieso fragst du noch?

4. Weide meine Schafe!
Es gibt einen Grund, warum dieser Jesus fragt: Weide meine Schafe, sagt er immer wieder. Zu dem Mann, der in seinen Antworten mehr geistliche Reife gezeigt hat als mit allem Schwertschlägen vorher zusammen. Ein Mann, der sich der Kosten der Gnade bewusst ist und gleichzeitig weiß: Jesus ist mein Freund. Diesem man vertraut er seine Gemeinde an – den Ort, wo er gegenwärtig sein will; den Ort, der seine Anwesenheit in dieser Welt repräsentieren soll; den Ort, der wie ein Vorposten seines Königreichs aussehen soll. Weil sein Königreich anders ist. Hier sind nicht die die Ritter und standhaften Helfen, die sich ihrer Stärke bewusst sind und damit angeben. Es sind die, die sich ihres Freundes und Herrn bewusst sind. Weide meine Schafe, ruft Jesus jedem zu, der sich unser seine Gnade beugen will, um dann einen Freund zu umarmen.
Dieses Gebet eines Verzweifelten ist teil der wunderbarsten Schönheit, die wir je sehen werden.

Gods Bless,

Restless Evangelical

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