Sonntag, 15. Juli 2012

Wegweiser im Nebel



Eine Rezension zu Tom Wrights „Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und ewigem Leben sagt“

Für diese Rezension hat mit der Aussaat Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt! Dafür möchte ich an dieser Stelle herzlich danken!

Ich erinnere mich an eine Situation vor einigen Jahren; es war kurz anch Ostern. Eine Freundin, mit der ich damals viel über Jesus redete fragte mich: „Ich weiß, dass Jesus auferstanden ist. Aber warum? Was bringt es mir?“
Ich erinnere mich auch daran, dass ich damals keine Antwort hatte. Warum ist es eigentlich wichtig, dass Jesus auferstanden ist, dass das Grab leer war. Was macht das denn mit mir? Ein weiteres Wunder auf der Liste von erstaunlichen Taten, die Jesus im Laufe seines Lebens – und dannach – getan hat? Als Christen, die das Kreuz für ein Stellvertretendes Sühneopfer Jesu (Big Words got simple: Dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist) halten, scheinen wir uns auf das Kreuz als wirkliches Zentrum des Christentums zu beschränken. Die Auferstehung ist etwas danach. Etwas, das dem wirklich Lebenswunder angehängt wird. Jedenfalls ging es mir oft so.
Ich kam eine Antwort auf die o.g. Frage näher, als ich Mark Driscolls wunderbares Buch 'Death By Love' gelesen habe. Darin schreibt er: „As you read, we would like you to note that we consider both the death and resurrection as intimately related truth that are, in fact, a singular event.“ Ein anderer Autor schreibt über die beiden Ereignisse:
„Es kann keine Rettung von der Sünde geben, wenn es keinen lebendigen Retter gibt: Dies erklärt die Betonung, die der Apostel [Paulus] auf die Auferstehung legt. Doch der Lebendige kann nur deshalb Retter sein, weil er gestorben ist: Dies erklärt die Betonung, die auf das Kreuz gelegt wird. Ein Christ glaubt an einen lebendigen Herrn.‟ (James Denney, Death of Christ, S: 73)
Wenn wir vom Tod Jesu reden, dann reden wir auch von seiner Auferstehung. Das hatte ich verstanden. Und dann stolperte ich über Tom Wright majestätisches Werk 'Von Hoffnung überrascht' und ich habe verstanden, wir die Neue Schöpfung, die in Jesus schon Realität ist, zum zentrales Verständnisobjekt des Neuen Testaments werden kann!

  1. Wenn Hoffnung fehlt...
Als erstes ist mir in diesem Buch das Wort Hoffnung aufgefallen. Natürlich, es steht schon aufd em Titel. Natürlich, jeder Christ hat eine Hoffnung. Aber mir ist bei der Lektüre des Buches aufgefallen, wie abgenutzt dieses Wort in meinem Mund geschmeckt hat. Nachdem ich durch mein Studium bedingt mein kindliches Verständnis von den Letzten Dingen, vom Antichristen und der siebenjährigen Trübsalszeit abgelegt habe (womit ich nicht vermitteln will, dass es nicht auch eine erwachsene, durchdachte Form dessen gibt – ich hatte sie trotzdem nicht!), war mir das Wort Hoffnung auf die Zukunft abhanden gekommen. Ich konzentrierte mich auf die Vergangenheit; versuchte tiefer einzudringen in die Wirklichkeit des in der Bibel Geschriebenen und die historischen Fakten zu lernen und zu verinnerlichen. Ich sage nicht, dass das nicht wichtig ist – würde ich nie tun! Ich sage aber, dass man dadurch den Kontakt zur lebendigen Hoffnung verlieren kann, die in uns leben sollte; diese Hoffnung, die Jesus in der Auferstehung und in seinem Tod am kreuz schon ist und die die ganzen Autoren des NT dahin treibt, ihr Leben und ihre Ehre aufzugeben, um in Gottes Reich zu dienen. Christentum kann – selbst wenn das richtige geglaubt wird; selbst wenn wir 'drin' sind – etwas kaltes, rationales werden. Und ich glaube, dass dieses Buch einen guten Teil dazu beträgt, diese Hoffnung wiederzugewinnen. Jesus ist auferstanden, unsere Hoffnung ist real. Das Christentum hat sich zu lange in einer pessimistischen Sicht auf die Zukunft abgegeben und selbst versucht, diese Welt zu zerstören. Was wir wieder gewinnen müssen, ist die Hoffnung, dass Jesus diese Welt transfomiert, bis sie wieder ist, was sie einmal war! Gereinigt, heilig, wunderschön. So wie Jesus schon jetzt ist, in seinem neuen Körper, so werden wir einmal sein; ja so wird die ganze Welt einmal sein. Nun, klingt das noch kalt und Rational?

  1. Wenn Wissen fehlt...
Tim Wrights Stärke ist das Judentum des 1. Jahrhunderts. Es hat für ihn dazu gefüht, Paulus ganz neu zu lesen und an anderer Stelle auch offen zu sagen, dass er der Überzeugung ist, die Kirchengeschichte ist in den letzten 500 Jahre in eine falsche Richtung gegangen. Was über seine Lesart von Paulus zu sagen ist, wurde an anderer Stelle, auf anderen Blogs, zu genüge getan. Hier beschäftigt sich Wright nun nicht ausschließlich mit Paulus (und speziell seiner Rechtfertigungslehre), sondern mit der biblischen Sicht auf das, was nach dem Tod – und in der Ewigkeit – sein wird. Dabei geht er in einem frühen Teil auf die Religionen ein, die das Christentum in der frühen Zeit umringten und bemerkt, dass eine leibliche Auferstehung, wie sie im Christen- und Judentum gelehrt wurde nicht zu finden ist. Es zeigt vielmehr, dass der Platonismus – besonders der NeoPlatonismus, der dem Christentum zu einer frühen Zeit einer der wichtigsten Konkurrenten war – einen Dualismus lehrt, den man in der Bibel nicht findet. Unterscheidung zwischen Geist und Materie, die Annahme, dass diese Welt per se Böse ist, liegt näher am Gnosizismus, denn am historischen Christentum. Das ist spannend zu lesen, dann als junger Christ, der mit seinem Glauben schon aufgewachsen ist, kommt einem vieles davon bekannt vor. Viele der eigenen Annahmen werden einmal auf ihre biblische Begründung hinterfragt. Wright zeigt auf beeindruckende Weise, wie die frühen Christlichen Autoren auf die Religionen in ihrer Umgebung reagierten und doch diesen einen Punkt niemals aufgeben wollten und konnten: Dass Jesus körperlich auferstanden ist, dass diese Welt zählt und dass Gott diese Materie geschaffen hat, damit sie ihm für ewig Freude macht!
Manchmal fehlt uns, um die Bibel zu verstehen, schlicht das richtige Wissen. Das bedeutet nicht, dass ich (oder Wright) nicht an die innere Klarheit der Schrift glauben, dass sie jeder Mensch verstehen kann, wenn er den Versuch macht. Es hat mehr damit zutun, dass wir oft tief in einer Tradition stecken, die ferner nicht sein kann von der biblischen Auferstehungshoffnung.
Wright schreibt:
„Für viele konservative Christen geht es beim Glauben an Jesu körperliche Auferstehung hauptsächlich um Gottes übernatürliches Handeln in der Welt, womit eine Sicht der Wirklichkeit mit einem oberen und einem unteren Stockwerk legitimiert wird – mit anderen Worten: Ein Dualismus.“ (234)
Wenn dem so wäre, zeigt Wright eindrücklich, dann hätte Gott Jesus nicht leiblich auferstehen lassen müssen. Gott kann übernatürlich sein – und trotzdem diese Welt, diese Bühne, auf der die Menschen auf ihre Würdigkeit für 'den Himmel' geprobt werden, verrotten lassen. Aber da Jesus auferstanden ist, zeigt sich etwas ganz anderes. Driscoll schreibt in Doctrine:
Weil Jesus leiblich vom Tod auferstanden ist, lernen wir, dass Gott etwas vorhat, und zwar durch Christus: er wird alles wiederherstellen und für sich beanspruchen, was er in der Schöpfung erschaffen hat und das dann durch den Sündenfall zerstört wurde.‟ (Mark Driscoll, Doctrine, S.303)
Manchmal müssen wir uns verabschieden von unserer Tradition und mal sehen, was die Bibel wirklich sagt!

  1. Wenn Gott fehlt...
Spannend finde ich bei Wright immer wieder, dass seine Bücher nicht nur theoretische oder exegetische Abhandlungen sind; nicht Detailfragen, die keine Auswirkung haben. In den letzten Beiden Kapiteln des Buches behandelt Wright dann die Frage, was diese Wahrheit über die Auferstehung und Neuschöpfung auf das Leben eines Christen haben sollte. Wright schreibt:
„So eine Person [die sich bekehrt hat, mit Jesus geht] ist ein lebendiges, atmendes kleines Stück "neue Schöpfung" - jener neuen Schöpfung, die bereits in der Auferstehung Jesu begonnen hat, sich zu ereignen und die vollständig sein wird, wenn Gott schlussendlich seinen neuen Himmel und seine neue Erde erschaffen und uns auferwecken wird, um Anteil an jener neuen Welt zu haben. Paulus drückt es folgendermaßen aus: "Wenn jemand in Christus ist - neue Schöpfung!" (242)
Obwohl mich dieser letzte Teil sehr intensiv an die Lektüre von 'The Mission of Gods People' erinnert hat, war es doch erfrischen, es noch einmal zu lesen. Es sind nicht wir, nicht unsere 'Rettung' oder unsere 'Seelen', die im Zentrum von Gottes Denken stehen, sondern Gott selbst. Und er liebt seine Schöpfung und gibt nicht auf, bis sie wieder ganz hergestellt ist. Unsere Aufgabe ist dabei, unserer Aufgabe nachzukommen, die er uns am Anfang aller Zeit gegeben hat: Gute Verwalter zu sein! „Hütet den Garten!“ ruft es uns entgegen. Und ladet soviele Menschen wie möglich ein, in diesem Königreich die Staatsbürgerschaft anzunehmen. Keine Abstammung ist gefordert, nur Vertrauen!

  1. Einige Randbemerkungen!
Da ich selber an einer Übersetzung aus dem Englischen mitgearbeitet habe, ist mit sie wirklich schöne Übersetzung aufgefallen, die in diesem Buch vorliegt. Wright hat sowieso einen sehr schönen Schreibstil, der lesbar und flüssig ist, und sich trotzdem nicht vor Fremdwörtern scheut. Ich denke, dass es dem Übersetzer auf beeindruckende Weise gelungen ist, diese Form ins Deutsche zu übertragen.
An einer Stelle nimmt Wright das berühmte Gerücht auf, bei der Gehenna (der wichtigste NT Begriff für Hölle) zur Zeit Jesu eine Müllhalde vor Jerusalem darstellte. Das ist eine schöne Geschichte, aber auch an vielen Stellen widerlegt worden (unteranderem von Chan und Sprinkle in Hölle Light). Tatsächlich ist davon nichts zu finden bis in das 11 Jahrhundert, als ein Rabbi aus Europa dieses Gerücht zum ersten Mal aufgreift. Von einem solchen Experten über das frühe Judentum sollte man mehr erwarten können!
Manchmal stört mich bei Wright etwas seine Märtyrer-Haltung. Er schreibt oft in einem süffisanten Ton, der erahnen lässt, dass er sich als Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt versteht. Das hat mich bei der Lektüre des Buches teilweise erheblich gestört. Manchmal wäre eine nüchterne Betrachtung der Realität in der Christenheit hilfreicher!

  1. Fazit
Am Schluss handelt es sich bei diesem Buch um eines, das unbedingt lesens- und empfehlenswert ist. Es ist geradezu grandios in der Tatsache, dass es den eigenen Horizont erweitert und die christliche Hoffnung auf die Zukunft wieder lebendig werden lässt. Dafür bin ich nicht nur dem Buch und dem Autor dankbar, sondern auch dem Aussaat Verlag, der es in so ansprechender Weise ins Deutsche übertragen hat. Abgesehen von den Randbemerkungen, die ich oben erwähnt habe, habe ich an diesem Buch nichts auszusetzen. Nach der Lektüre ist für mich wieder mehr real, was Wright an einer Stelle schreibt:
Es soll nur gesagt werden,dass Gott immer ein Gott der Überraschungen ist.“ (198)
Und ich möchte anfügen: auf ein Gott der Hoffnung.

Gods Bless,
Restless Evangelical



Tom Wright: Von Hoffnung überrascht – Was die Bibel zu Auferstehung und Ewigem Leben sagt,
Neukirchen-Vluyn, Aussaat, 2011
Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
http://www.ftabooks.de/

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