Sonntag, 28. Oktober 2012

Gott ist trotzdem Sieger!


Wenn man seine eigene Predigt für sich selber predigen muss...

Heute hätte ich predigen sollen – müssen – dürfen. Ich war vorbereitet und hatte kein schlechtes Konzept. Der Text war gut, die Predigt geübt. Alle Ampeln standen auf grün und ich habe mich wirklich darauf gefreut, hier wieder einmal predigen zu dürfen und den Menschen von König Jesus erzählen zu dürfen.
Und dann wollte Gott es eben doch anders. Was gestern als etwas erhöhte Temperatur und einem flauen Gefühl im Magen begann, wurde durch die Strapazen einer Nah-Verkehrs Reise mit der DB zu einer ausgewachsenen Grippe. Fiebrige Träume jagten mich die Nacht und gleichzeitig ein unüberwinbares Übelkeitsgefühl. Ich musste den Predigttermin absagen und die Pastoren der Gemeinde – die ich sehr liebe und schätze – haben eine andere Möglichkeit gefunden.
Das es am Ende möglich war für mich, im Bett zu bleiben (zu Gast in einem gemütlichen, bereitgestellten Bett – wirklich gastfreundliche wunderbare Menschen hier. Ich bin sehr dankbar.) ändern aber natürlich nichts an den nagenden Fragen, die man sich dann stellt. Wieso?, ist dabei vielleicht die nagendste und größte Frage. Wieso musste das gerade heute passieren? Hätte sich der Virus nicht noch ein paar Stunden gedulden können, bis ich wieder zuhause bin. Wieso konnte ich mich nicht 'zusammen reißen' und eben doch die Predigt halten, auf die ich mich schon so gefreut hatte? Jetzt, wo ich den Tag fast hinter mir habe, ist es die richtige Entscheidung gewesen, nicht zum Predigen zu fahren. Im Zug zurück nach Hause hatte ich einige Zeit, mir darüber gedanken zu machen, was diese Situation jetzt mit mir macht.

  1. Jesus bleibt der Sieger!
Mein Thema heute morgen wäre ja genau das gewesen. Wenn wir etwas machen, erreichen, tun wollen, dann müssen wir das in der vollkommenen Abhängigkeit gegenüber Jesus tun. Im Gebet und nicht im Vertrauen auf unsere eigenen Gaben. Als ich heute morgen noch unsicher war, ob ich hingehen soll, auf die Gefahr hin, dass ich mich mitten in der Predigt übergeben muss, kam einer der Pastoren der Gemeinde, um für mich zu beten. Er sagte, dass es an diesem Punkt nicht darum geht, etwas zu erzwingen, als ob Gott Heilungen schenken muss. Es gehe darum, zu hören, was Gott für die Gemeinde vorhat. Das war einer der Sätze, der mich heute am meisten beeindruck hat. Es geht gar nicht darum, dieses Programm auf gedeih und verderb durchzuziehen, koste es, was es wolle. Jonathan Edwards soll mal gesagt haben: „Auf einen Gottesdienst bereite dich so gut vor wie du kannst, und wenn der Heilige Geist kommt, sei bereit, alles über den Haufen zu werfen.“ Gehen wir mal davon aus, dass Edwards damit nicht meinte, dass der Heilige Geist in manchen Gottesdiensten ist und manchen nicht. Was er wohl meinte – sollte er das wirklich gesagt haben – dann ist es mit Sicherheit etwas anderes. Nämlich dass es gleichermaßen unsere Aufgabe ist, einen Gottesdienst vorzubereiten als auch nicht unsere Aufgabe ist, ihn durchzuführen. Gott hat uns Gaben und Möglichkeiten an die Hand gegeben – und es ist nicht wenig beeindruckend, wenn diese Gaben ineinander greifen und gemeinsam eine Feier zur Ehre Gottes gestalten. Aber es kann auch immer wieder vorkommen, dass Gott ganz andere Pläne hat, und das er entsprechend interveniert und deutlich zeigt, dass etwas anderes für die Gemeinde dran ist.
Was wir in unsere Köpfe bekommen müssen, ist, dass Gott nicht nur dann der Sieger ist, wenn unser Program abgespult ist. Gott ist Sieger!, daran ändert weder eine Krankheit, noch eine schlechte Predigt noch ein langweiliger Lobpreisabend, noch ein Hauskreis, der eher einem Schweigemarsch ähnelt, etwas. Das ist es auch, was ich in meinem letzten Post mit dem Satz meinte: Wenn Gott da ist, dann ist Gott da! Wir müssen begreifen, dass es nicht 'unsere' Gemeinde ist, nicht 'unser Gottesdienst', sondern Gottes Gemeinde, Gottes Gottesdienst. Er will ihn benutzen um sich zu verherrlichen – und dafür muss er uns manchmal ans Bett fesseln, damit er durchkommen kann.

  1. Vergiss den Geist bei der Vorbereitung nicht!
Ich glaube, dass es bis jetzt wenige Predigten gibt, in die ich soviel Vorbereitungszeit gesteckt habe, wie in die, die ich heute Morgen halten wollte. Und wie mein lieber Gastgeber treffend auf den Punkt gebracht hat: „Dann hast du eben noch einen Pfeil im Köcher, den du beim nächsten Mal abschießen kannst.“ Ganz recht. Eine Predigt vorzubereiten ist niemals rausgeschmissene Zeit, selbst wenn man die Predigt am Ende, aus welchem Grund auch immer, nicht halten kann. Mit ist aber auch etwas anderes 'Einzigartiges' bei dieser Predigt aufgefallen. Ich habe so wenig dafür gebetet, wie für keine andere Predigt. Ich kann mich an kein Mal vor dem Übersetzen, dem Aufschlagen der Kommentare oder dem Niederschreiben der Predigt erinnern, an dem ich mehr als 5 Minuten mit dem Heiligen Geist ins Gespräch gegangen bin. Natürlich habe ich alles gemacht, was ich nach menschlichem Ermessen tun konnte. Aber ich habe die übernatürliche Komponente dabei vergessen – und im Nachhinein würde ich sagen, konnte das gar nicht gut gehen. Nun, jeder macht Fehler, und ich bin froh, dass ich sie noch machen kann, ohne das sich ein großer Shitstorm über meinem Kopf erhebt. Ich weiß aber, was ich beim Überarbeiten dieser Predigt und bei den nächsten Predigten hoffentlich nicht mehr vergessen werde – die Frage danach, was für die Gemeinde eigentlich dran ist, und nicht welcher Text mich gerade interessiert. Zu vergessen, bei der Vorbereitung in den Dialog mit Gott zu treten ist eine Fahrlässigkeit, die man sich nicht mehrmals gönnen sollte. So hat Gott eben heute gesagt: Wenn du Vorbereitung ohne mich geht – dann geh auch ohne mich auf die Kanzel.

  1. Predige deine Predigt zu dir selber!
Etwas, das man gerade als Theologiestudent gerne vergisst, ist sich seine eigenen Predigten auch selber zu halten. Und gerade das ist mir heute deutlich geworden. Denn gerade in den direkten Stunden nachdem ich mich entschieden hatte, nicht zur Gemeinde zu gehen, sind mir eben Gedanken des Versagens durch den Kopf gegangen – und auch Fragen an Gott: „Wieso hast du denn nicht eingegriffen? Die Predigt ist doch gut!“ Und die Antwort ist liegt darin, dass Gott nicht in der Predigt war. Das Vertrauen lag auf meinen Fähigkeiten, meiner Intuition, meiner freien Rede – und nicht darin, dass Gott sich verherrlichen will, dass Gott sprechen will, dass Gott mich benutzen will. Ich hatte in meinem Kopf scheinbar die Hierarchie umgedreht, und dann hat Gott eben meinen Magen umgedreht. Der Erfolg liegt dann genau nicht in dem Vertrauen in sich selber, sondern in der Abhängigkeit von Gott. Und wie ich eigentlich heute in der Predigt sagen wollte: Ich finde es so wunderbar, dass Gott unseren Blick immer wieder von dem weglenkt, was uns ablenkt. In diesem Fall war es der Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten und ein weggucken von der Leitung durch den Geist, die bei einer Predigt von unwiderruflicher Bedeutung ist.

  1. Fazit
Wenn Humor ist, wenn man trotzdem lacht, und Philosophie, wenn man trotzdem denkt, dann könnte man das Evangelium auch so definieren: Evangelium ist, wenn man trotzdem geliebt ist. Fehler begeht jeder von uns, jeden Tag. Das ändert nichts an der Liebe Jesu zu uns. Aber manchmal muss er eben die Notbremse ziehen, um uns vor einem Fehler zu bewahren.
Heute hat er das getan.
Und wie ich durch ein Telefonat vor einer halben Stunde erfahren habe, haben manche Gottesdienstbesucher heute morgen sogar gesagt, dass es einer der besten Gottesdienste seit langem war. Nun, wenn Gott da ist, dann ist eben Gott da.

Gods Blessing,

Restless Evangelical

Dienstag, 23. Oktober 2012

Wenn Gott da ist, dann ist Gott da!



Gottes Gegenwart ersehnen.

Ich liebe den Propheten Jesaja. Ich könnte Stunden in seinem Buch verbringen. Während er allerlei Gerichtsankündigungen gegen die Feinde Israels – und letztlich ja gegen die Ehre seines Gottes – zu verkündigen hat, ist die Hoffnung im Buch Jesaja gleichzeitig allgegenwärtig. Und nicht nur das. Im Buch Jesaja (wie auch im restlichen AT und auch im NT) wird diese Hoffnung immer wieder verbunden mit der Erwartung, dass Jahwe kommt, dass er gegenwärtig ist. Wenn Gott endlich auftaucht, wenn er endlich da ist, dann wird alles wieder gut. Das ist die wirkliche Sehnsucht, nach der sich die Menschen zur Zeit von Jesaja ausgesteckt haben – jener Zeit, in der die Kriege um sie herum tobten und sogar bis an die Mauern ihrer Stadt heranreichten. Wenn Gott endlich kommt, dann wird alles gut. Eine dieser, vor Hoffnung geradezu triefende Stelle ist mir vor kurzem ins Auge gesprungen:
Ruft den verzagten Herzen zu: "Seid stark und fürchtet euch nicht! Seht, dort kommt euer Gott mit Rache und Vergeltung! Er selbst wird euch befreien!" Dann lässt er Blinde wieder sehen und schenkt den Tauben das Gehör. Der Lahme springt dann wie ein Hirsch, der Stumme jubelt froh. In der Wüste brechen Quellen auf, in der Steppe fließen Bäche.“ (Jes 35,4-6; NeÜ)
  1. Die Aufforderung
Spannend finde ich zuerst, dass wir hier eine Aufforderung zuerst finden. Rufe dem verzagten Herzen zu, es soll stark sein, mutig sein, sich nicht mehr fürchten. Jeder von uns kennt Situationen, in denen das Herz verzagt und wir nicht mehr wissen, wo oben und unten ist in unserem persönlichen Leben. Manche von uns erleben diese Zeit stärker, andere erleben diese Zeit länger, andere erleben diese Zeit intensiver, andere wieder erleben diese Zeit als Anfechtung, während wieder andere versuchen diese Zeit als Möglichkeit betrachten. Doch wenn wir ehrlich sind, dann ist niemand von uns in diesen Zeiten wirklich glücklich. Und oft haben diese Zeiten direkt mit einem Angriff des Feindes zutun. Wir haben einer Sünde wieder nachgegeben und finden uns fest in ihren Fängen. Dann hat er sich dir eher als Engel des Lichts gezeigt. Oder du merkst, dass dich auf der Arbeit nur Gegenwehr erwartet und du merkst, was Petrus meint, wenn er den Feind als den brüllenden Löwen bezeichnet. Die Israeliten waren zur Zeit Jesajas einer wesentlich größeren Herausforderung gegenüber. Der Feind im Osten, Assyrien, wurde immer stärker und es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis sie in Israel einmarschierten. Das hatte dazu geführt, dass sich Juda ängstlich an den Pharao in Ägypten gewandt hatten, und bei ihm Schutz gesucht haben. Aber eine wirkliche Hilfe sollte dieser Mann nicht sein – und die Angst wuchs mit jedem Tag. Und jetzt fordert uns Jesaja auf, den verzagten Herzen Mut zuzusprechen.
Das ist nicht immer leicht zu schlucken, oder? Vor allem dann nicht, wenn es von einem Menschen kommt, der unsere Situation gar nicht kennt, der scheinbar nie durch diese Anfechtung und Hindernisse gehen musste. Und trotzdem sagt Jesaja: Ruf den Herzen zu, sie sollen sich nicht mehr fürchten. Haltet ein mit eurer Furcht, denn die Hilfe kommt doch schon.
Und hier kommen wir zur wirklich überraschenden Wendung in diesem Text. Denn auf einmal erscheint steht Gott auf der Bildfläche – und alles wird anders.
  1. Die Lösung
Spannend ist doch gerade, dass die Israeliten die Hoffnung nicht in sich finden müssen, sondern in dem, der da kommt. Dem der schon immer war, der gerade jetzt ist und der auch immer sein wird. Man kann in dem Text quasi mitfühlen, wie Jesaja das Volk Israel auffordert, doch genau hinzusehen. Sieh doch dort – da ist Gott. Auf dem Weg. Mit Rache und Vergeltung – und das meint an dieser Stelle vor allem das: Gerechtigkeit für ein unterdrücktes Volk. Wo Gott ist, da gibt es keine Ungerechtigkeit mehr. Endlich Gerechtigkeit. Aber Gott ist nicht nur ein Gott des Rechts, sondern ein Schöpfer, ein Erhalter, ein Bewahrer, ein Liebe-schenker, ein Begnadigender. Also vergilt er den tobenden Horden nicht nur ihre Ungerechtigkeit, er wendet sich auch den Unterdrückten und Vernachlässigten zu. Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen – irgendwo schonmal gehört? Stumme jubeln, Wüsten tragen Wasser in Massen und in der Steppe brechen Bäche hervor. Wo kein Leben war ist Leben. Wenn Gott kommt, dann hört nicht nur die Ungerechtigkeit auf, sondern auch der Tod. Wo nichts mehr war, wo nichts mehr ging, wo die Hoffnung aufhört, da erscheint Gott auf der Bildfläche und dann ist alles anders. Deswegen sollen die Herzen aufhören, verzagt zu sein. Jesaja fordert das Volk auf, doch mal genauer hinzusehen – auf diesen Gott, der kommt und sein Volk befreit. Was dann passiert in Israel lässt sich nicht beschreiben, lässt sich nur mit dem Wort Leben umschreiben. Wo Gott ist, da ist Leben. Wo Gott ist, da ist Hoffnung. Wo Gott ist, da ist keine Angst, kein Stress, keine Ungerechtigkeit, kein Tod. Wo Gott ist, da ist Gott!
  1. Und was hat das mit uns zutun?
Manchmal geben wir uns in unseren Gemeinden, Seminaren, Arbeitsplätzen und Gottesdiensten mit so wenig zufrieden. Wenn nur die Lehre stimmt. Wenn nur die Kollekte klingelt. Wenn nur die Menschen kommen. Wenn du die Kollegen nett sind. Wenn ich nur diese Aufgabe zuende bekommen. Wenn ich nur Hebräisch bestehe. Das ist alles nicht unwichtig, manches sicher wichtiger als anderes. Aber wir begnügen uns, weil wir menschliche Maßstäbe anlegen. Wir sehen unsere Situation und erdenken uns eine mögliche Lösung, und dann beten wir speziell dafür. Wir lösen ein Problem nach dem anderen. Das Problem damit ist nur, dass Gott nicht ein Gott der Problemlösung ist – sondern der Hoffnung. Hoffnung ist niemals nur, dass ein Problem verschwindet. Hoffnung bedeutet, dass wir darauf warten, dass sich unsere Situation vollkommen verändert.
Gehen wir noch einmal nach Israel. Manch ein Israelit mag bei seinem täglichen Gebet darum gebeten haben, dass Gott doch dieses Volk im Osten, diese grausamen Assyrer verschwinden lässt. Problem gefunden, Problem erkannt, Problem gelöst. Und weiter wird nicht gedacht. Doch Gott hat andere Pläne mit seinem Volk. Er will nicht nur seine Probleme lösen (Probleme übrigens, in die sie sich – wie wir meistens – selbst hineinmanövriert haben). Gott will selbst auftauchen. Gott will endlich wieder auftauchen. Weil unser Gott ein Gott ist, der die Grenzen unserer Vorstellung sprengen will, weil er erst dadurch die ganze Ehre bekommt, deswegen sprengt er sie auch. Gott liebt es Dinge zutun, von denen am Ende niemand mehr sagen kann, dass er sie vielleicht doch aus eigener Kraft geschafft hat – denken wir nur an Gideon und seine dreihundert ängstlichen Krieger. Gott liebt es, Dinge zutun, die nur Er tun kann! Wenn er auf der Bildfläche erscheint, dann sprengt er unsere Grenzen und verändert unsere Situation. Dann wird aus Angst Mut, als Geschrei Jubel, aus Weinen wird Lachen und aus Tod entsteht das Leben. Gott ist ein Gott, der gerne erscheint. In der Gegenwart Gottes können wir endlich erleben, was Hoffnung und Leben wirklich bedeutet. Wenn Gott da ist – dann ist Gott selbst da. Wir müssen wieder lernen, was den Reiz dieses Satzes ausmacht. Wenn Gott da ist, dann ist Gott (!) da.

God Bless,

Restless Evangelical

Samstag, 20. Oktober 2012

In Rebellion gegen die Rebellion



Eine Rezension zu Ed Stetzers 'Subversive Kingdom – Living as Agents of Gospel Transformation'

Es ist schon einige Tage her, seit ich Ed Stetzers neuestes Buch, 'Subversive Kingdom', zuende gelesen habe. Heute kommt hier meine Rezension zu diesem Buch. Ed Stetzer ist einer der führenden evangelikalen Missiologen. Nicht nur hat er einige akademische Grade in missiologischen Studien erworben, sondern auch einige praktische Erfahrung durch Gemeindegründung an den unterschiedlichsten Orten in den Staaten. Wenn ein solcher Theologe uns etwas über die missionalen Auswirkungen einer gesunden Theologie vom 'Reich Gottes' sagen möchte, dann sollten wir die Ohren spitzen und genau hinhören.
In diesem Sinne ist dieses Buch nicht nur vollgestopft mit biblischen Wahrheiten, es spricht vor allem ein erfahrener Missionar aus der Praxis.
  1. Die Grundannahme
Stetzer geht in dem Buch von der Grundannahme aus, dass das 'Reich Gottes', von dem Jesus immer wieder in den Evangelien spricht, nicht etwas rein geistliches sein kann; er wehrt sich gegen die These, aus dem Reich Gottes etwas rein zukünftiges zu machen, das einmal kommen wird, aber von dem wir erstmal wenig zu erwarten haben. Nicht nur spricht das gegen Jesu eigene Aussage, dass durch das 'Austreiben von Dämonen', das Reich Gottes angefangen hat (vgl. Mt 12,28), sondern würde auch wenig Sinn machen. Wieso sollte Jesus immer und immer wieder von dem Reich Gottes sprechen, wenn es am Ende für seine Nachfolger so wenig zu bedeuten hat? Stetzer schreibt selbst:
„I was told, that the kingdom of God was something I didn't need to worry about, that Jesus was to establish it whenever he comes again. For now the kingdom didn't really matter. […] But what I could never reconcile with that dismissive attitude was that Jesus seemed absolutely obsessed with the kingdom. I mean, read the Gospels. He talks about the kingdom more than eighty times in just over eighty chapters. That's a lot of kingdom. Jesus didn't seem to think we were supposed to ignore it until later.“ (S.14; Hervorhebung im Original)
Wie kommt es, dass wir das Königreich Gottes, die Herrschaft Gottes, so vernachlässigt haben? Dass wir sie so vergeistlicht haben, dass sie mit unserem Leben nichts mehr zutun hat? Wieder Stetzer:
„And if that's all the kingdom was – a spiritual theme or wordplay that seeks to capture the essence of Christianity in some memorable turn of phrase – we might have the luxury of keeping it at that ind of comfortable, churchy distance. But the kingdom of God is real. It's here. It's happening. It's right there in the room with you. […] The kingdom of God is a radical rejection of every value or point of view that keeps people in bondage to untruth, blinded to Christ's mercy. (S. 8; Hervorhebung im Original, unterstrichen durch mich)
Das Königreich Gottes ist etwas, das im Untergrund wirkt. Wir, als Christen, leben in Rebellion geben die Rebellion. Diese Welt erkennt ihren rechtmäßigen Herrscher nicht an. Und gegen diese Rebellion rebellieren wir. Doch wir sind keine militanten, brutalen Aggressoren, auch wenn manche uns Christen gerne dazu machen wollen. Während in dieser Welt Hass, Gewalt und Egoismus die oberste Geige spielen, singen wir eine neue Melodie. Indem wir dem König dieser Welt(-zeit), dem Anführer der Rebellion, das entgegen setzen, was wir empfangen habe. Unverdiente Gnade, Liebe und Vergebung. Als Kirche, Hände und Füße von Jesus selbst, sollten wir bei den Menschen sein, bei denen niemand sein möchte. In dem Moment, in dem wir das tun, wir das Reich Gottes wirklich sichtbar.
    1. Die Motivation der Christen
Nun scheint es aber so zu sein, dass manche Christen diese Dimension unseres Auftrages nicht wirklich verstanden haben (und Rob Bell bringt das auf die ihm eigene Weise in dem Nooma-Kurzfilm 'Bullhorn' auf den Punkt). Für manche Christen scheint unser einziger Auftrag darin zu bestehen, die Bibel immer tiefer zu verstehen. Dass das dazu führt, dass die eigene Gemeinde nicht einmal mehr den Christen (!) in der gleichen Stadt bekannt ist, wird dadurch erklärt, dass man ja nicht 'von der Welt' sein will und es eh nur ein kleines Häufchen ist, dass gerettet wird. Stetzer macht deutlich, dass diese Position für Christen eigentlich keine Alternative darstellen kann. Wenn wir das Königreich Gottes richtig verstehen, mit der ganzen Herrlichkeit, die es trägt, dann können wir nicht mehr anders, als ein Teil davon zu sein. Dann kommt die Veränderung – nicht, weil wir besondere Programme dazu starten, sondern weil das Evangelium seine Wellen zieht. Dann leben wir als 'Agenten der Veränderung durch das Evangelium' in dieser Welt. Stetzer schreibt:
„We may be pretty good at drowning out our heart's compassion with large doses of television and ice cream, but deep down we want to be part of making a difference in others' lives. That's because we not only have what many have called a “God-shaped hole“ in our hearts that he alone is able to fill; we followers of Christ also have a kingdom-shaped hole that makes us want to be part of what God is doing on this earth.“ (S.53, Hervorhebung im Original)
Das Königreich Gottes besteht in allem, was er tut, wo er die Herrschaft wieder übernimmt, wo nicht mehr Lüge und Hass und Egoismus und Lustbefriedigung die Oberhand haben, sondern seine Wahrheit, seine Liebe, seine Dienstbereitschaft und seine Selbstaufopferung. Und das führt uns dazu, dass wir nicht mehr nur leise und still für uns anbeten, das 'Gemeindeliederbuch' auf den Knien, im Wandschrank eingeschlossen. Es führt dazu, dass diese Liebe nach außen strahlt, und sich in Worten und Taten sichtbar macht, die auf die beste Weise 'gegenkulturell' ist. Weil sie zu Heilung, Annahme und Versöhnung führen. Und das nicht nur auf der horizontalen Ebene – zwischen den Menschen. Sondern zuerst auch in der vertikalen Ebene – zwischen dem Sünder und Gott.
    1. Bleib im 'Schon Jetzt, Noch nicht'!
Das Problem das hierbei erscheinen kann, ist, dass man die Dimension des 'Schon Jetzt und Noch Nicht' außer Acht lässt. Es kann entweder zu einem Pessimismus führen, der nur bekennt, dass das doch alles nicht bringt, dass wir doch niemals diese Welt zum Besten verändern, sondern Jesus uns soger ganz deutlich vorausgesagt hat, dass es immer schlimmer wird. Dem sollte man sagen, dass das Königreich Gottes schon jetzt hier ist und in jedem Herrschaftwechsel deutlich wird. Es ist nicht mehr Cäsar der Kaiser – und mit ihm alle menschlichen Herrscher und Götzen, die versuchen, unser Leben zu bestimmen. Durch das Kreuz und die Auferstehung hat sich Gott, Jesus, wieder als König über diese Welt etabliert. Wo dieser Herrschaft Wechsel stattfindet, und nicht mehr bekannt wird 'Cäsar ist Herr' (oder jeder andere Popstar oder weltlicher 'Freudenspender' wie Sex, Geld und Macht), sondern 'Jesus ist Herr', da ist das Königreich Gottes schon jetzt zu seiner Entfaltung gekommen. Und jeder Rückschlag ist – wie ein lieber Freund es ausdrückt – nur das 'Rückzugsgefecht eines Besiegten'.
Doch es gibt auch die andere Seite. Die, die alles für machbar halten. Die, die sich selber unter den Druck stellen, diese ganze Welt verändenr zu müssen. Denen müssen wir mit seelsorgerlicher Bestimmtheut zurufen: Es ist noch nicht vollkommen da. Jesus selbst wird sein Reich für immer etablieren und zu seiner endgültigen, vollkommenen Entfaltung bringen. Jeder Rückschlag erinnert uns daran, dass es eben doch noch das 'Rückzugsgefecht eines Besiegten' gibt. Noch ist er nicht für immer verschwunden, noch hat er einige Macht. Und er weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.

    1. Fazit
Ed Stetzer ist nicht nur ein vertrauenswürdiger Theologe, er ist auch ein profilierter Autor. Dieses Buch ist nicht wirklich akademisch, sondern in erster Linie für die Gemeindemitglieder zuhause gedacht. Jeder, der des Englischen mächtig ist, kann es lesen. Und er wird nicht nur tiefe Einsichten gewinnen, über die nachzusinnen es sich wirklich lohnt, sondern durch die vielen lebensnahen Anwendungen und Beispiele auch viel Spaß beim Lesen haben und gleichzeitig durch manche Illustration noch einen Argumentationspunkt besser verstehen (und in Gesprächen vermitteln) können. Wenn ich sage, jeder könnte das Buch lesen, meine ich damit eigentlich, jeder sollte es lesen. Und leben. Und das sage ich an dieser Stelle besonders zu meinen reformierten Freunden da draußen, die aus dem Königreich Gottes gerne eine sehr geistliche Angelegenheit machen, bei denen es aber manchmal wie eine Entschuldigung für mangelndes Engagement wirkt.
Wie sind aufgerufen, zu singen, sodass es jeder hört.
Wie es in dem Lied auf der neuen Gateway Worship CD heißt: „Jetzt singen wir, weil der Sieg für uns errungen wurde.“

Gods Blessing,

Restless Evangelical

Ed Stetzer: Subversive Kingdom – Living as Agents of Gospel Transformation,
Nashville, B&H Publishing Group, 2012
Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
http://www.ftabooks.de/

Freitag, 19. Oktober 2012

Mehr noch als 'Noch Mehr'!



Der Aufschrei eines Kreuzchristen.

Nach knapp dreimonatigem Schweigen auf diesem Block melde ich mich zurück mit einem Aufschrei. Ich sehe mich noch dort sitzen, vor etwa einer Woche. Eine Turnhalle war es, und sie war fast voll mit leidenschaftlichen, hingegebenen Christen. Hände waren in der Luft beim Lobpreis, und auf der Kanzel stand ein Gastprediger, der seit vielen Jahren für einen treuen Dienst bekannt ist. Es war wirklich eine schöne Atmosphäre, und ich habe diese anonyme Gemeinschaft, die man nur als Christ mit seiner Familie auf der ganzen Welt erleben kann, wirklich genoßen. Genoßen, bis zu dem Punkt, an dem in der Predigt ein Satz fiel, der mich wirklich aufgewühlt hat. Der Pastor bemängelte, dass es in Deutschland Woche zu Woche hunderte von 'Kreuzchristen' gäbe, die an diesem Punkt stehen blieben. Es gäbe doch noch mehr, rief er. „Mehr?“, fragte ich mich. Wir kann es mehr geben, als diesen Punkt gefunden zu haben, in dem das Kreuz von Jesus zum Zentrum geworden ist? Was ist dieses Mehr?

  1. Mehr von der Liebe!?
Das Zentrum der Predigt nahm die Vaterliebe Gottes ein. Ein, zugegebenermaßen, wirklich wichtiger Thema. Und noch immer klingt in mir das wunderbare Buch von Floyd McClung nach, indem er genau diesem Thema nachgeht. Ich habe mich gefragt, ob der Prediger wohl meine, man finde 'mehr von der Vaterliebe Gottes', wenn man das Kreuz verlässt und es nur als 'Eingang in das Christentum' versteht. Doch dann musste ich an Paulus denken, der schreibt:Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.“(Röm 5,8; NeÜ). Ich frage: Wo finden wir mehr von der Liebe Gottes, wenn nich an dem Ort, wo Gott diese Liebe selbst bewiesen hat. Das Kreuz ist der Ort der Offenbarung der Liebe Gottes, in nicht nur die erste Seite in einem langen Buch. Das Problem das ich mit dieser Art von Predigt über die Liebe Gottes habe, liegt darin, dass sie wenig konkret erscheint. Was genau ist denn die Liebe Gottes? Wie macht sie sich bemerkbar für uns, als Menschen? In materiellem Segen? In einem warmen Gefühl? In einer gelungenen Beziehung? Das Kreuz ist nicht nur Ausgangs-, sondern auch Endpunkt unseres Erforschens der Liebe Gottes. Was zeigt mir, dass Gott den Menschen wirklich liebt? Er ist für uns gestorben. Was zeigt mir, dass ich diese Liebe Gottes nicht mehr verlieren kann? Er ist für mich gestorben. Woher weiß ich, dass Gott wirklich für mich ist? Er ist für mich gestorben. Was dient mir als Erinnerung daran, dass diese Liebe ein für alle mal offenbart ist? Der Ort, an dem er für mich gestorben ist.

  1. Mehr von der Herrlichkeit!?
Etwas anderes, von dem man vielleicht mehr erwarten kann, ist die Herrlichkeit. War vielleicht gemeint, dass wir erst Abseits des Kreuzes, wenn wir es als Ausgangspunkt hinter uns lassen, mehr von der Herrlichkeit Gottes erfahren können? Herrlichkeit ist nicht in erster Linie eine Charaktereigenschaft Gottes; sie fließt, speißt sich viel mehr aus dem Charakter Gottes. Eben weil er so ist wie er ist – liebevoll, gerecht, gut, barmherzig, gnädig, rein, kreativ – ist er herrlich. Wer also mehr von der Herrlichkeit Gottes erfahren will, muss mehr von ihm erfahren! Die Beschäftigung mit ihm bringt uns in die Verbindung mit der Herrlichkeit, die zu erleben wir eigentlich geschaffen wurden. Doch Beschäftigung mit ihm bedeutet nicht einfach ein stochern im Nebel, ein Drauflos Raten, ohne wirklich zu verstehen, wovon wir eigentlich reden. Jesus selber wurde mal mit dem Wunsch konfrontiert, den Vater zu sehen. „Zeig uns einfach den Vater“, sagte da einer seiner Jünger, „und wir sind schon zufrieden.“ Manchmal kommt mir die Sehnsucht mancher Christen dem 'dem Vater' ähnlich vor. Wir 'benutzen' Jesus als Türöffner für die wirkliche Herrlichkeit, den wirklichen Gott. Ja, wir glauben, dass Jesus Gott ist. Aber wir wollen trotzdem weiter hinaus. Jesus antwortete damals mit einer erstaunlichen Tatsachenbeschreibung: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen! Wie kannst du da sagen: 'Zeige uns den Vater!'?“ (Joh 14,9; NeÜ). Wer die Herrlichkeit Gottes sehen will, mehr von der Herrlichkeit Gottes sehen will, der muss auf Jesus sehen und in ihm das Wesen Gottes, des Vaters, erkennen. Und die Bibel selbst nennt uns das Zentrum des Wirkens Jesu auf dieser Erde. So sehr wir Gottes Barmherzigkeit in der Barmherzigkeit Jesu gegenüber den Hungernden Massen bei der 'Speisung der 5000' sehen, oder Gottes Gnade in der Gnade Jesu gegenüber der Ehebrechering in Joh 9. Wir sehen das alles noch potenziert in dem Christus am Kreuz. Wir sehen in diesem leidenden Gottesknecht die Fülle der Herrlichkeit Gottes verwirklich, denn „der Menschensohn ist ja gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,10; NeÜ).

  1. Mehr Weisheit und Erkenntnis!?
Eine dritte Möglichkeit kommt mir in den Sinn, was der Prediger mehr haben wollen könnte. Vielleicht ist es die Weisheit und die Erkenntnis, die ihn treibt. Ist das Kreuz vielleicht der Eintrittspunkt zu 'mehr' Weisheit und 'mehr' Erkenntnis? Müssen wir das Kreuz hinter uns lassen, um die wirklich Erkenntnis zu finden.
Meine Gedanken gehen zu dem besonderen Zeugnis des Paulus in 1Kor 2,2, wo er uns so deutlich vor Augen malt, dass er nichts anderes Wissen wollte (!) als nur den Christus, der am Kreuz hängt und unsere Sünde trägt. Das war alle seine Erkenntnis. Das war alles, was er brauchte. Doch moment einmal, denkt da der eifrige Bibelleser. Ist es nicht wenige Verse vorher geschehen, dass Paulus schreibt: Euch aber hat Gott mit Jesus Christus verbunden, der uns zur Weisheit wurde, die von Gott kommt, zur Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, zur Heiligkeit und zur Erlösung.“ (1kor 1,30; NeÜ). Hier zeigt Paulus, dass er mit Nichten ständig ProChrist Veranstaltungen in Korinth abgehalten hat; dass die evangelistische Predigt nicht alles war, was er kannte. Er hat auch die Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit gepredigt, eben neben der Erlösung. Aber sie stehen nicht alleine, sind nicht unabhängig. Sie alle werden gefunden in diesem Christus, der am Kreuz hängt und unsere Erlösung erkauft. Er ist die Weisheit Gottes, gegenüber der die Weisheit dieser Welt nichts mehr bedeutet (1Kor 1,18). Er ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, denn er hat das Gesetz gehalten und läd uns nun ein, in seiner Gerechtigkeit aufzugehen, und nicht länger auf die eigene zu vertrauen. Er ist die Heiligkeit, nach der wir streben, um die wir kämpfen und zu der uns der Heilige Geist immer mehr befähigt. Er ist es und immer wieder er!

  1. Glückliche Worte eines Kreuzchristen
Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich mit aller Bestimmtheit sagen, dass ich sehr glücklich bin, ein Kreuzchrist zu sein. Ich bin glücklich darüber, weil ich weiß, dass ich im Kreuz alles finde, was ich brauche. In diesem Evangelium liegt nicht nur der Einstiegspunkt in ein Leben, das von 'mehr' geprägt ist. Im Kreuz selbst, in diesem 'beautiful, seemingly ugly cross' (Shai Linne, The Perfection of Beauty) liegt die Weisheit, die ich brauche, die meinen Verstand am ende übersteigt und mich auf die Knie treibt, um anzubeten und gleichzeitig zu bekennen: Ich, Herr, ich bin nichts. Aber du, Herr, du bist 'Ich bin'. Und in dir, ja in dir darf auch ich endlich sein.“

Gods Bless,
Restless Evangelical