Samstag, 20. Oktober 2012

In Rebellion gegen die Rebellion



Eine Rezension zu Ed Stetzers 'Subversive Kingdom – Living as Agents of Gospel Transformation'

Es ist schon einige Tage her, seit ich Ed Stetzers neuestes Buch, 'Subversive Kingdom', zuende gelesen habe. Heute kommt hier meine Rezension zu diesem Buch. Ed Stetzer ist einer der führenden evangelikalen Missiologen. Nicht nur hat er einige akademische Grade in missiologischen Studien erworben, sondern auch einige praktische Erfahrung durch Gemeindegründung an den unterschiedlichsten Orten in den Staaten. Wenn ein solcher Theologe uns etwas über die missionalen Auswirkungen einer gesunden Theologie vom 'Reich Gottes' sagen möchte, dann sollten wir die Ohren spitzen und genau hinhören.
In diesem Sinne ist dieses Buch nicht nur vollgestopft mit biblischen Wahrheiten, es spricht vor allem ein erfahrener Missionar aus der Praxis.
  1. Die Grundannahme
Stetzer geht in dem Buch von der Grundannahme aus, dass das 'Reich Gottes', von dem Jesus immer wieder in den Evangelien spricht, nicht etwas rein geistliches sein kann; er wehrt sich gegen die These, aus dem Reich Gottes etwas rein zukünftiges zu machen, das einmal kommen wird, aber von dem wir erstmal wenig zu erwarten haben. Nicht nur spricht das gegen Jesu eigene Aussage, dass durch das 'Austreiben von Dämonen', das Reich Gottes angefangen hat (vgl. Mt 12,28), sondern würde auch wenig Sinn machen. Wieso sollte Jesus immer und immer wieder von dem Reich Gottes sprechen, wenn es am Ende für seine Nachfolger so wenig zu bedeuten hat? Stetzer schreibt selbst:
„I was told, that the kingdom of God was something I didn't need to worry about, that Jesus was to establish it whenever he comes again. For now the kingdom didn't really matter. […] But what I could never reconcile with that dismissive attitude was that Jesus seemed absolutely obsessed with the kingdom. I mean, read the Gospels. He talks about the kingdom more than eighty times in just over eighty chapters. That's a lot of kingdom. Jesus didn't seem to think we were supposed to ignore it until later.“ (S.14; Hervorhebung im Original)
Wie kommt es, dass wir das Königreich Gottes, die Herrschaft Gottes, so vernachlässigt haben? Dass wir sie so vergeistlicht haben, dass sie mit unserem Leben nichts mehr zutun hat? Wieder Stetzer:
„And if that's all the kingdom was – a spiritual theme or wordplay that seeks to capture the essence of Christianity in some memorable turn of phrase – we might have the luxury of keeping it at that ind of comfortable, churchy distance. But the kingdom of God is real. It's here. It's happening. It's right there in the room with you. […] The kingdom of God is a radical rejection of every value or point of view that keeps people in bondage to untruth, blinded to Christ's mercy. (S. 8; Hervorhebung im Original, unterstrichen durch mich)
Das Königreich Gottes ist etwas, das im Untergrund wirkt. Wir, als Christen, leben in Rebellion geben die Rebellion. Diese Welt erkennt ihren rechtmäßigen Herrscher nicht an. Und gegen diese Rebellion rebellieren wir. Doch wir sind keine militanten, brutalen Aggressoren, auch wenn manche uns Christen gerne dazu machen wollen. Während in dieser Welt Hass, Gewalt und Egoismus die oberste Geige spielen, singen wir eine neue Melodie. Indem wir dem König dieser Welt(-zeit), dem Anführer der Rebellion, das entgegen setzen, was wir empfangen habe. Unverdiente Gnade, Liebe und Vergebung. Als Kirche, Hände und Füße von Jesus selbst, sollten wir bei den Menschen sein, bei denen niemand sein möchte. In dem Moment, in dem wir das tun, wir das Reich Gottes wirklich sichtbar.
    1. Die Motivation der Christen
Nun scheint es aber so zu sein, dass manche Christen diese Dimension unseres Auftrages nicht wirklich verstanden haben (und Rob Bell bringt das auf die ihm eigene Weise in dem Nooma-Kurzfilm 'Bullhorn' auf den Punkt). Für manche Christen scheint unser einziger Auftrag darin zu bestehen, die Bibel immer tiefer zu verstehen. Dass das dazu führt, dass die eigene Gemeinde nicht einmal mehr den Christen (!) in der gleichen Stadt bekannt ist, wird dadurch erklärt, dass man ja nicht 'von der Welt' sein will und es eh nur ein kleines Häufchen ist, dass gerettet wird. Stetzer macht deutlich, dass diese Position für Christen eigentlich keine Alternative darstellen kann. Wenn wir das Königreich Gottes richtig verstehen, mit der ganzen Herrlichkeit, die es trägt, dann können wir nicht mehr anders, als ein Teil davon zu sein. Dann kommt die Veränderung – nicht, weil wir besondere Programme dazu starten, sondern weil das Evangelium seine Wellen zieht. Dann leben wir als 'Agenten der Veränderung durch das Evangelium' in dieser Welt. Stetzer schreibt:
„We may be pretty good at drowning out our heart's compassion with large doses of television and ice cream, but deep down we want to be part of making a difference in others' lives. That's because we not only have what many have called a “God-shaped hole“ in our hearts that he alone is able to fill; we followers of Christ also have a kingdom-shaped hole that makes us want to be part of what God is doing on this earth.“ (S.53, Hervorhebung im Original)
Das Königreich Gottes besteht in allem, was er tut, wo er die Herrschaft wieder übernimmt, wo nicht mehr Lüge und Hass und Egoismus und Lustbefriedigung die Oberhand haben, sondern seine Wahrheit, seine Liebe, seine Dienstbereitschaft und seine Selbstaufopferung. Und das führt uns dazu, dass wir nicht mehr nur leise und still für uns anbeten, das 'Gemeindeliederbuch' auf den Knien, im Wandschrank eingeschlossen. Es führt dazu, dass diese Liebe nach außen strahlt, und sich in Worten und Taten sichtbar macht, die auf die beste Weise 'gegenkulturell' ist. Weil sie zu Heilung, Annahme und Versöhnung führen. Und das nicht nur auf der horizontalen Ebene – zwischen den Menschen. Sondern zuerst auch in der vertikalen Ebene – zwischen dem Sünder und Gott.
    1. Bleib im 'Schon Jetzt, Noch nicht'!
Das Problem das hierbei erscheinen kann, ist, dass man die Dimension des 'Schon Jetzt und Noch Nicht' außer Acht lässt. Es kann entweder zu einem Pessimismus führen, der nur bekennt, dass das doch alles nicht bringt, dass wir doch niemals diese Welt zum Besten verändern, sondern Jesus uns soger ganz deutlich vorausgesagt hat, dass es immer schlimmer wird. Dem sollte man sagen, dass das Königreich Gottes schon jetzt hier ist und in jedem Herrschaftwechsel deutlich wird. Es ist nicht mehr Cäsar der Kaiser – und mit ihm alle menschlichen Herrscher und Götzen, die versuchen, unser Leben zu bestimmen. Durch das Kreuz und die Auferstehung hat sich Gott, Jesus, wieder als König über diese Welt etabliert. Wo dieser Herrschaft Wechsel stattfindet, und nicht mehr bekannt wird 'Cäsar ist Herr' (oder jeder andere Popstar oder weltlicher 'Freudenspender' wie Sex, Geld und Macht), sondern 'Jesus ist Herr', da ist das Königreich Gottes schon jetzt zu seiner Entfaltung gekommen. Und jeder Rückschlag ist – wie ein lieber Freund es ausdrückt – nur das 'Rückzugsgefecht eines Besiegten'.
Doch es gibt auch die andere Seite. Die, die alles für machbar halten. Die, die sich selber unter den Druck stellen, diese ganze Welt verändenr zu müssen. Denen müssen wir mit seelsorgerlicher Bestimmtheut zurufen: Es ist noch nicht vollkommen da. Jesus selbst wird sein Reich für immer etablieren und zu seiner endgültigen, vollkommenen Entfaltung bringen. Jeder Rückschlag erinnert uns daran, dass es eben doch noch das 'Rückzugsgefecht eines Besiegten' gibt. Noch ist er nicht für immer verschwunden, noch hat er einige Macht. Und er weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.

    1. Fazit
Ed Stetzer ist nicht nur ein vertrauenswürdiger Theologe, er ist auch ein profilierter Autor. Dieses Buch ist nicht wirklich akademisch, sondern in erster Linie für die Gemeindemitglieder zuhause gedacht. Jeder, der des Englischen mächtig ist, kann es lesen. Und er wird nicht nur tiefe Einsichten gewinnen, über die nachzusinnen es sich wirklich lohnt, sondern durch die vielen lebensnahen Anwendungen und Beispiele auch viel Spaß beim Lesen haben und gleichzeitig durch manche Illustration noch einen Argumentationspunkt besser verstehen (und in Gesprächen vermitteln) können. Wenn ich sage, jeder könnte das Buch lesen, meine ich damit eigentlich, jeder sollte es lesen. Und leben. Und das sage ich an dieser Stelle besonders zu meinen reformierten Freunden da draußen, die aus dem Königreich Gottes gerne eine sehr geistliche Angelegenheit machen, bei denen es aber manchmal wie eine Entschuldigung für mangelndes Engagement wirkt.
Wie sind aufgerufen, zu singen, sodass es jeder hört.
Wie es in dem Lied auf der neuen Gateway Worship CD heißt: „Jetzt singen wir, weil der Sieg für uns errungen wurde.“

Gods Blessing,

Restless Evangelical

Ed Stetzer: Subversive Kingdom – Living as Agents of Gospel Transformation,
Nashville, B&H Publishing Group, 2012
Das Buch lässt sich übrigens hervorragend in der FTH Buchhandlung bestellen:
http://www.ftabooks.de/

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