Freitag, 19. Oktober 2012

Mehr noch als 'Noch Mehr'!



Der Aufschrei eines Kreuzchristen.

Nach knapp dreimonatigem Schweigen auf diesem Block melde ich mich zurück mit einem Aufschrei. Ich sehe mich noch dort sitzen, vor etwa einer Woche. Eine Turnhalle war es, und sie war fast voll mit leidenschaftlichen, hingegebenen Christen. Hände waren in der Luft beim Lobpreis, und auf der Kanzel stand ein Gastprediger, der seit vielen Jahren für einen treuen Dienst bekannt ist. Es war wirklich eine schöne Atmosphäre, und ich habe diese anonyme Gemeinschaft, die man nur als Christ mit seiner Familie auf der ganzen Welt erleben kann, wirklich genoßen. Genoßen, bis zu dem Punkt, an dem in der Predigt ein Satz fiel, der mich wirklich aufgewühlt hat. Der Pastor bemängelte, dass es in Deutschland Woche zu Woche hunderte von 'Kreuzchristen' gäbe, die an diesem Punkt stehen blieben. Es gäbe doch noch mehr, rief er. „Mehr?“, fragte ich mich. Wir kann es mehr geben, als diesen Punkt gefunden zu haben, in dem das Kreuz von Jesus zum Zentrum geworden ist? Was ist dieses Mehr?

  1. Mehr von der Liebe!?
Das Zentrum der Predigt nahm die Vaterliebe Gottes ein. Ein, zugegebenermaßen, wirklich wichtiger Thema. Und noch immer klingt in mir das wunderbare Buch von Floyd McClung nach, indem er genau diesem Thema nachgeht. Ich habe mich gefragt, ob der Prediger wohl meine, man finde 'mehr von der Vaterliebe Gottes', wenn man das Kreuz verlässt und es nur als 'Eingang in das Christentum' versteht. Doch dann musste ich an Paulus denken, der schreibt:Aber Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.“(Röm 5,8; NeÜ). Ich frage: Wo finden wir mehr von der Liebe Gottes, wenn nich an dem Ort, wo Gott diese Liebe selbst bewiesen hat. Das Kreuz ist der Ort der Offenbarung der Liebe Gottes, in nicht nur die erste Seite in einem langen Buch. Das Problem das ich mit dieser Art von Predigt über die Liebe Gottes habe, liegt darin, dass sie wenig konkret erscheint. Was genau ist denn die Liebe Gottes? Wie macht sie sich bemerkbar für uns, als Menschen? In materiellem Segen? In einem warmen Gefühl? In einer gelungenen Beziehung? Das Kreuz ist nicht nur Ausgangs-, sondern auch Endpunkt unseres Erforschens der Liebe Gottes. Was zeigt mir, dass Gott den Menschen wirklich liebt? Er ist für uns gestorben. Was zeigt mir, dass ich diese Liebe Gottes nicht mehr verlieren kann? Er ist für mich gestorben. Woher weiß ich, dass Gott wirklich für mich ist? Er ist für mich gestorben. Was dient mir als Erinnerung daran, dass diese Liebe ein für alle mal offenbart ist? Der Ort, an dem er für mich gestorben ist.

  1. Mehr von der Herrlichkeit!?
Etwas anderes, von dem man vielleicht mehr erwarten kann, ist die Herrlichkeit. War vielleicht gemeint, dass wir erst Abseits des Kreuzes, wenn wir es als Ausgangspunkt hinter uns lassen, mehr von der Herrlichkeit Gottes erfahren können? Herrlichkeit ist nicht in erster Linie eine Charaktereigenschaft Gottes; sie fließt, speißt sich viel mehr aus dem Charakter Gottes. Eben weil er so ist wie er ist – liebevoll, gerecht, gut, barmherzig, gnädig, rein, kreativ – ist er herrlich. Wer also mehr von der Herrlichkeit Gottes erfahren will, muss mehr von ihm erfahren! Die Beschäftigung mit ihm bringt uns in die Verbindung mit der Herrlichkeit, die zu erleben wir eigentlich geschaffen wurden. Doch Beschäftigung mit ihm bedeutet nicht einfach ein stochern im Nebel, ein Drauflos Raten, ohne wirklich zu verstehen, wovon wir eigentlich reden. Jesus selber wurde mal mit dem Wunsch konfrontiert, den Vater zu sehen. „Zeig uns einfach den Vater“, sagte da einer seiner Jünger, „und wir sind schon zufrieden.“ Manchmal kommt mir die Sehnsucht mancher Christen dem 'dem Vater' ähnlich vor. Wir 'benutzen' Jesus als Türöffner für die wirkliche Herrlichkeit, den wirklichen Gott. Ja, wir glauben, dass Jesus Gott ist. Aber wir wollen trotzdem weiter hinaus. Jesus antwortete damals mit einer erstaunlichen Tatsachenbeschreibung: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen! Wie kannst du da sagen: 'Zeige uns den Vater!'?“ (Joh 14,9; NeÜ). Wer die Herrlichkeit Gottes sehen will, mehr von der Herrlichkeit Gottes sehen will, der muss auf Jesus sehen und in ihm das Wesen Gottes, des Vaters, erkennen. Und die Bibel selbst nennt uns das Zentrum des Wirkens Jesu auf dieser Erde. So sehr wir Gottes Barmherzigkeit in der Barmherzigkeit Jesu gegenüber den Hungernden Massen bei der 'Speisung der 5000' sehen, oder Gottes Gnade in der Gnade Jesu gegenüber der Ehebrechering in Joh 9. Wir sehen das alles noch potenziert in dem Christus am Kreuz. Wir sehen in diesem leidenden Gottesknecht die Fülle der Herrlichkeit Gottes verwirklich, denn „der Menschensohn ist ja gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,10; NeÜ).

  1. Mehr Weisheit und Erkenntnis!?
Eine dritte Möglichkeit kommt mir in den Sinn, was der Prediger mehr haben wollen könnte. Vielleicht ist es die Weisheit und die Erkenntnis, die ihn treibt. Ist das Kreuz vielleicht der Eintrittspunkt zu 'mehr' Weisheit und 'mehr' Erkenntnis? Müssen wir das Kreuz hinter uns lassen, um die wirklich Erkenntnis zu finden.
Meine Gedanken gehen zu dem besonderen Zeugnis des Paulus in 1Kor 2,2, wo er uns so deutlich vor Augen malt, dass er nichts anderes Wissen wollte (!) als nur den Christus, der am Kreuz hängt und unsere Sünde trägt. Das war alle seine Erkenntnis. Das war alles, was er brauchte. Doch moment einmal, denkt da der eifrige Bibelleser. Ist es nicht wenige Verse vorher geschehen, dass Paulus schreibt: Euch aber hat Gott mit Jesus Christus verbunden, der uns zur Weisheit wurde, die von Gott kommt, zur Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, zur Heiligkeit und zur Erlösung.“ (1kor 1,30; NeÜ). Hier zeigt Paulus, dass er mit Nichten ständig ProChrist Veranstaltungen in Korinth abgehalten hat; dass die evangelistische Predigt nicht alles war, was er kannte. Er hat auch die Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit gepredigt, eben neben der Erlösung. Aber sie stehen nicht alleine, sind nicht unabhängig. Sie alle werden gefunden in diesem Christus, der am Kreuz hängt und unsere Erlösung erkauft. Er ist die Weisheit Gottes, gegenüber der die Weisheit dieser Welt nichts mehr bedeutet (1Kor 1,18). Er ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, denn er hat das Gesetz gehalten und läd uns nun ein, in seiner Gerechtigkeit aufzugehen, und nicht länger auf die eigene zu vertrauen. Er ist die Heiligkeit, nach der wir streben, um die wir kämpfen und zu der uns der Heilige Geist immer mehr befähigt. Er ist es und immer wieder er!

  1. Glückliche Worte eines Kreuzchristen
Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich mit aller Bestimmtheit sagen, dass ich sehr glücklich bin, ein Kreuzchrist zu sein. Ich bin glücklich darüber, weil ich weiß, dass ich im Kreuz alles finde, was ich brauche. In diesem Evangelium liegt nicht nur der Einstiegspunkt in ein Leben, das von 'mehr' geprägt ist. Im Kreuz selbst, in diesem 'beautiful, seemingly ugly cross' (Shai Linne, The Perfection of Beauty) liegt die Weisheit, die ich brauche, die meinen Verstand am ende übersteigt und mich auf die Knie treibt, um anzubeten und gleichzeitig zu bekennen: Ich, Herr, ich bin nichts. Aber du, Herr, du bist 'Ich bin'. Und in dir, ja in dir darf auch ich endlich sein.“

Gods Bless,
Restless Evangelical

Kommentare:

  1. Hier finde ich Luther bei der Heidelberger Disputatio so hilfreich XXI. Der Theologe, der Gottes unverborgene
    Herrlichkeit sucht, nennt das Übel gut und Gutes
    übel, der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge
    beim rechten Namen.
    Das ist klar. Denn solange er Christus nicht kennt,
    erkennt er auch den in Leiden verborgenen Gott nicht.
    Daher zieht er die Werke den Leiden, die Herrlichkeit
    dem Kreuze, die Macht der Schwachheit, die Weisheit
    der Torheit und überhaupt das Gute dem Übel vor.
    Solche sind es, die der Apostel »Feinde des Kreuzes
    Christi« nennt (Phil. 3, 18). Und gewiß deshalb, weil
    sie Kreuz und Leiden hassen, die Werke und ihre
    Herrlichkeit jedoch lieben; so nennen sie das Gut des
    Kreuzes ein Übel und das Übel des Werkes ein Gut.
    Aber es ist schon gesagt, daß Gott nur in Leiden und
    Kreuz zu finden ist. Daher sagen die Freunde des
    Kreuzes, dieses sei gut und die Werke böse, denn
    durch das Kreuz werden die Werke zerstört und
    Adam gekreuzigt, der durch Werke vielmehr erbaut
    wird. Denn es ist unmöglich, nicht durch seine guten
    Werke aufgeblasen zu werden, wenn man nicht zuvor
    durch Leiden und Übel vollkommen arm und leer geworden ist, bis man weiß, daß man selbst nichts ist
    und daß die Werke nicht einem selbst, sondern Gott
    entstammen.

    Siehe: http://kw.uni-paderborn.de/fileadmin/kw/institute-einrichtungen/katholische-theologie/Personal/Fenger/Geschichte_und_Theologie_der_Reformation/Die_Heidelberger_Disputation.pdf

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  2. Danke, Larry. Das sit so hilfreich; war mir bis jetzt nicht bekannt. Wie der gute Martin das mal wieder auf den Punkt bringt, erstaunt mich. Guter Beitrag, alter Junge ;-)

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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    1. Ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich verstehe, was du damit zum Ausdruck bringen willst. Möchtest du sagen, dass Jesus im Grunde eine neue Wirtschaftsordnung errichten wollte - was ich daraus schließe, dass du Armaggedon mit einer 'Liquiditätsfalle' gleichstellst? Dass das an den Haaren herbeigezogen ist, muss ich glaube ich nicht extra schreiben. Trotzdem vielen Dank für deinen Beitrag! Wenn du dich in den nächsten 24 Stunden nicht klärend äußerst werde ich deinen Beitrag löschen.

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