Dienstag, 23. Oktober 2012

Wenn Gott da ist, dann ist Gott da!



Gottes Gegenwart ersehnen.

Ich liebe den Propheten Jesaja. Ich könnte Stunden in seinem Buch verbringen. Während er allerlei Gerichtsankündigungen gegen die Feinde Israels – und letztlich ja gegen die Ehre seines Gottes – zu verkündigen hat, ist die Hoffnung im Buch Jesaja gleichzeitig allgegenwärtig. Und nicht nur das. Im Buch Jesaja (wie auch im restlichen AT und auch im NT) wird diese Hoffnung immer wieder verbunden mit der Erwartung, dass Jahwe kommt, dass er gegenwärtig ist. Wenn Gott endlich auftaucht, wenn er endlich da ist, dann wird alles wieder gut. Das ist die wirkliche Sehnsucht, nach der sich die Menschen zur Zeit von Jesaja ausgesteckt haben – jener Zeit, in der die Kriege um sie herum tobten und sogar bis an die Mauern ihrer Stadt heranreichten. Wenn Gott endlich kommt, dann wird alles gut. Eine dieser, vor Hoffnung geradezu triefende Stelle ist mir vor kurzem ins Auge gesprungen:
Ruft den verzagten Herzen zu: "Seid stark und fürchtet euch nicht! Seht, dort kommt euer Gott mit Rache und Vergeltung! Er selbst wird euch befreien!" Dann lässt er Blinde wieder sehen und schenkt den Tauben das Gehör. Der Lahme springt dann wie ein Hirsch, der Stumme jubelt froh. In der Wüste brechen Quellen auf, in der Steppe fließen Bäche.“ (Jes 35,4-6; NeÜ)
  1. Die Aufforderung
Spannend finde ich zuerst, dass wir hier eine Aufforderung zuerst finden. Rufe dem verzagten Herzen zu, es soll stark sein, mutig sein, sich nicht mehr fürchten. Jeder von uns kennt Situationen, in denen das Herz verzagt und wir nicht mehr wissen, wo oben und unten ist in unserem persönlichen Leben. Manche von uns erleben diese Zeit stärker, andere erleben diese Zeit länger, andere erleben diese Zeit intensiver, andere wieder erleben diese Zeit als Anfechtung, während wieder andere versuchen diese Zeit als Möglichkeit betrachten. Doch wenn wir ehrlich sind, dann ist niemand von uns in diesen Zeiten wirklich glücklich. Und oft haben diese Zeiten direkt mit einem Angriff des Feindes zutun. Wir haben einer Sünde wieder nachgegeben und finden uns fest in ihren Fängen. Dann hat er sich dir eher als Engel des Lichts gezeigt. Oder du merkst, dass dich auf der Arbeit nur Gegenwehr erwartet und du merkst, was Petrus meint, wenn er den Feind als den brüllenden Löwen bezeichnet. Die Israeliten waren zur Zeit Jesajas einer wesentlich größeren Herausforderung gegenüber. Der Feind im Osten, Assyrien, wurde immer stärker und es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis sie in Israel einmarschierten. Das hatte dazu geführt, dass sich Juda ängstlich an den Pharao in Ägypten gewandt hatten, und bei ihm Schutz gesucht haben. Aber eine wirkliche Hilfe sollte dieser Mann nicht sein – und die Angst wuchs mit jedem Tag. Und jetzt fordert uns Jesaja auf, den verzagten Herzen Mut zuzusprechen.
Das ist nicht immer leicht zu schlucken, oder? Vor allem dann nicht, wenn es von einem Menschen kommt, der unsere Situation gar nicht kennt, der scheinbar nie durch diese Anfechtung und Hindernisse gehen musste. Und trotzdem sagt Jesaja: Ruf den Herzen zu, sie sollen sich nicht mehr fürchten. Haltet ein mit eurer Furcht, denn die Hilfe kommt doch schon.
Und hier kommen wir zur wirklich überraschenden Wendung in diesem Text. Denn auf einmal erscheint steht Gott auf der Bildfläche – und alles wird anders.
  1. Die Lösung
Spannend ist doch gerade, dass die Israeliten die Hoffnung nicht in sich finden müssen, sondern in dem, der da kommt. Dem der schon immer war, der gerade jetzt ist und der auch immer sein wird. Man kann in dem Text quasi mitfühlen, wie Jesaja das Volk Israel auffordert, doch genau hinzusehen. Sieh doch dort – da ist Gott. Auf dem Weg. Mit Rache und Vergeltung – und das meint an dieser Stelle vor allem das: Gerechtigkeit für ein unterdrücktes Volk. Wo Gott ist, da gibt es keine Ungerechtigkeit mehr. Endlich Gerechtigkeit. Aber Gott ist nicht nur ein Gott des Rechts, sondern ein Schöpfer, ein Erhalter, ein Bewahrer, ein Liebe-schenker, ein Begnadigender. Also vergilt er den tobenden Horden nicht nur ihre Ungerechtigkeit, er wendet sich auch den Unterdrückten und Vernachlässigten zu. Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen – irgendwo schonmal gehört? Stumme jubeln, Wüsten tragen Wasser in Massen und in der Steppe brechen Bäche hervor. Wo kein Leben war ist Leben. Wenn Gott kommt, dann hört nicht nur die Ungerechtigkeit auf, sondern auch der Tod. Wo nichts mehr war, wo nichts mehr ging, wo die Hoffnung aufhört, da erscheint Gott auf der Bildfläche und dann ist alles anders. Deswegen sollen die Herzen aufhören, verzagt zu sein. Jesaja fordert das Volk auf, doch mal genauer hinzusehen – auf diesen Gott, der kommt und sein Volk befreit. Was dann passiert in Israel lässt sich nicht beschreiben, lässt sich nur mit dem Wort Leben umschreiben. Wo Gott ist, da ist Leben. Wo Gott ist, da ist Hoffnung. Wo Gott ist, da ist keine Angst, kein Stress, keine Ungerechtigkeit, kein Tod. Wo Gott ist, da ist Gott!
  1. Und was hat das mit uns zutun?
Manchmal geben wir uns in unseren Gemeinden, Seminaren, Arbeitsplätzen und Gottesdiensten mit so wenig zufrieden. Wenn nur die Lehre stimmt. Wenn nur die Kollekte klingelt. Wenn nur die Menschen kommen. Wenn du die Kollegen nett sind. Wenn ich nur diese Aufgabe zuende bekommen. Wenn ich nur Hebräisch bestehe. Das ist alles nicht unwichtig, manches sicher wichtiger als anderes. Aber wir begnügen uns, weil wir menschliche Maßstäbe anlegen. Wir sehen unsere Situation und erdenken uns eine mögliche Lösung, und dann beten wir speziell dafür. Wir lösen ein Problem nach dem anderen. Das Problem damit ist nur, dass Gott nicht ein Gott der Problemlösung ist – sondern der Hoffnung. Hoffnung ist niemals nur, dass ein Problem verschwindet. Hoffnung bedeutet, dass wir darauf warten, dass sich unsere Situation vollkommen verändert.
Gehen wir noch einmal nach Israel. Manch ein Israelit mag bei seinem täglichen Gebet darum gebeten haben, dass Gott doch dieses Volk im Osten, diese grausamen Assyrer verschwinden lässt. Problem gefunden, Problem erkannt, Problem gelöst. Und weiter wird nicht gedacht. Doch Gott hat andere Pläne mit seinem Volk. Er will nicht nur seine Probleme lösen (Probleme übrigens, in die sie sich – wie wir meistens – selbst hineinmanövriert haben). Gott will selbst auftauchen. Gott will endlich wieder auftauchen. Weil unser Gott ein Gott ist, der die Grenzen unserer Vorstellung sprengen will, weil er erst dadurch die ganze Ehre bekommt, deswegen sprengt er sie auch. Gott liebt es Dinge zutun, von denen am Ende niemand mehr sagen kann, dass er sie vielleicht doch aus eigener Kraft geschafft hat – denken wir nur an Gideon und seine dreihundert ängstlichen Krieger. Gott liebt es, Dinge zutun, die nur Er tun kann! Wenn er auf der Bildfläche erscheint, dann sprengt er unsere Grenzen und verändert unsere Situation. Dann wird aus Angst Mut, als Geschrei Jubel, aus Weinen wird Lachen und aus Tod entsteht das Leben. Gott ist ein Gott, der gerne erscheint. In der Gegenwart Gottes können wir endlich erleben, was Hoffnung und Leben wirklich bedeutet. Wenn Gott da ist – dann ist Gott selbst da. Wir müssen wieder lernen, was den Reiz dieses Satzes ausmacht. Wenn Gott da ist, dann ist Gott (!) da.

God Bless,

Restless Evangelical

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen