Freitag, 16. November 2012

Woher Ehrfucht kommt – und wohin sie führt



Eine interessante Entdeckung

Ehrfurcht vor Gott scheint uns manchmal abhanden gekommen zu sein. Dass Gott kein Kuschelmonster ist, mit dem man dann und wann seinen Spaß treibt und an anderer Stelle wieder seine Hilfe erbittet und sich empört abwendet, wenn diese nicht zur angenehmen Zeit erscheint, scheint uns heute nicht mehr so geläufig. Wir haben uns Gott zu einem Talisman gemacht, den man immer dann aus der Tasche ziehen kann, wenn wir ihn brauchen. Das jedenfalls scheint die Meinung mancher Christen im Westen zu sein – als wäre Jesus ein kleines Ad-On zu unserem Lebem, etwas, das wir daran hängen können. Wenn wir dann hören, dass die Juden zur Zeit Jesu sich nicht trauten, den Namen Gottes – Jahwe – auszusprechen und stattdessen Platzhalter benutzten wie 'der Himmel' oder 'der Name', dann lächeln wir müde. Wir leben ja in einem anderen Bund, in einem neuen Bund, in dem durch Jesus wir zu Freunden geworden sind. Gott scheint uns zum 'Peer' geworden zu sein, einem Buddy, mit dem wir quatschen und mit dem wir auch unsere Insiderspäte haben.
Manch regt sich genau darüber auf und vermisst die Ehrfurcht vor Gott im christlichen Gerede über ihn. Die richtige Lösung dafür scheint für viele darin zu liegen, dass wir die Gerechtigkeit und Reinheit Gottes (oftmals falsch betitelt mit 'Heiligkeit', was aber eigentlich nichts anderes bedeutet als 'Andersartigkeit') wieder mehr betonen. Wir reden von ihm als einem brennenden Feuer, dass alle Sünden ausradiert und in dessen Gegenwart nur das Abgesonderte, das Reine existieren darf. Als ich vor ein paar Tagen in den Psalmen einige Kapitel gelesen habe, ist mir aber ein Vers in die Augen gestochen, der ein neues Licht auf diese (Über-)reaktion zu werfen scheint.
Dort heißt es, in einem Lied, das die Israeliten bei ihrem jährlichen Zug zum Tempel singen sollten:

Doch bei dir ist Vergebung, damit man Ehrfurcht vor dir hat.“ (Ps 130,4; NeÜ)

  1. Bei Gott finden wir Vergebung.
Ich habe den Eindruck, dass manche Christen – die ihre Heiligung wahrscheinlich schon sehr auf die Spitze getrieben haben und dem nicht mehr so bedürfen – vergessen, dass Gott ein Gott ist, der gerne vergibt. Der Vergebung so sehr liebt, dass er bereit war, dafür seinen Sohn sterben zu lassen (bzw. selbst ans Kreuz zu gehen), damit Vergebung fließen kann. Es ist der Gott, der auch für den ehebrechenden, Ehemänner-mordenden, blutberauschten König David an seinem tiefsten Punkt Vergebung finden. Während es im ganzen AT kein einziges Opfer gibt, das eine Sühne für einen Mord (vorsätzliche Tötung) oder einen Ehebruch bietet, findet sogar David Vergebung bei diesem Gott. Er ist der Gott, der die Beziehung die er in sich teilt, mit den Menschen teilen will und sie an der Freude teilhaben lassen will, die er spürt. Er ist der Gott, der von sich selber sagt, dass er kein Interesse daran hegt, dass der Unschuldige stirbt und in seinen Sünden verharrt. Gott liebt. Gott vergibt. Gott kommt. Gott kümmert sich. Gott ist nicht fern und nicht immer nur anders und nicht immer nur unbegreiflich – er ist der Gott der Vergebung und wir sollten uns das immer wieder vor Augen führen.
Denn die Betonung auf Ehrfurcht, die manche Prediger (auch durchaus zu recht) in ihre Predigten legen, lässt uns vergessen, dass wir einen Gott anbeten, bei dem es Vergebung gibt. Ich finde das besonders deswegen spannend, weil es Jahwe von den anderen Göttern der Umgebung abhebt. Man konnte sie niemals sicher sein, ob man genug Gutes getan hatt, damit die Götter einem wieder wohlgesonnen waren. Aber wir müssen auch nicht soweit zurückgehen, um zu sehen, dass Vergebung etwas ist, das man lange suchen muss, um es zu finden. Wir alle machen Fehler, jeden Tag und in den meisten Minuten. Wir sagen etwas falsches, verletzten Menschen, die uns lieb sind – und suchen Vergebung. Doch zu Vergeben ist ein Luxus, den sich heute nicht mehr viele Menschen wirklich gönnen. Wie viele Familien sind verstritten, wegen Dingen, die vor kurz oder lang geschehen sind, und über die niemals gesprochen, niemals Vergebung verhängt wurde.
Dass unser Gott dabei ein Gott der Vergebung ist, sollten wir niemals vergessen.
  1. In der Vergebung finden wir Ehrfurcht!
Das spannendere finde ich in diesem Vers allerdings, wohin uns diese Vergebung führen soll. Denn manchmal scheint es mir, dass die Vergebung, die wir bei unserem Gott finden, gleichgesetzt wird mit 'billiger Gnade'. Es gibt weniges, das dem Evangelium von Gottes Vergebung so entgegengesetzt sein kann, wie eine billige Gnade. Nichts am kreuz von Christus ist billig. Nichts, was Jesus für uns erreicht hat, kann mit dem Adjektiv billig versehen werden. Teuer sind wir erkauft worden, weil teures, königliches, göttliches Blut fließen musste, um uns aus unserer misslichen Lage zu retten. Wir kennen den Satz 'Gott liebt uns, wie wir sind.' Ich sage. Gott liebt uns, obwohl wir so sind, wie wir sind. Eben weil wir so sind, wie wir sind, konnte nicht am Kreuz Christi billig sein. Es musste teuer sein, teuer musste er uns erkaufen. Wenn ich 'billige Gnade' höre, dann dreht sich in mir immer wieder etwas um. Diese Worte passen einfach nicht zusammen, wir die Worte 'dunkel' und 'Sonnenschein'. Wie 'fröhlich' und 'Trauerfeier'. Die Gnade, die wir empfangen, ist niemals billig gewesen. Sie ist in überreichem Maß vorhanden, aber nicht, weil sie billig zu erstehen ist.
Und so verstehe ich den Psalmisten an dieser Stelle. Wenn wir Vergbung bei unserem Gott erfahren, dann bringt uns das nicht dazu, dass wir wieder anfangen zu sündigen – es ist ja Vergebung bei unserem Gott vorhanden. Wer so denkt, der hat Gnade niemals verstanden, den Preis nicht verstanden, der dafür zu zahlen war. Aber wenn ich mir den Ausmaßen meiner Sünde bewusst werde – welche Schuld mich von Gott trennte, welche Strafe mich dafür erwartete – und ich staunend vor dem Kreuz stehen bleibe, wo ich verstehe, dass alles für mich bezahlt und die Schuld beglichen ist, der Schuldschein weggewischt und der Graben ausgefüllt, dann kann ich nur Ehrfurcht gewinnen vor diesem Gott, der ein Stück Schrott zu seinem Schatz macht. Ehrfurcht hat nichts mit Angst zutun – denn, so sagt Paulus, „Gott hat uns nicht einen Geist der Zaghaftigkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Selbstbeherrschung.“ (2Tim 1,7; NeÜ. Ehrfurcht ist staunen vor der schier unschätzbaren Größe unseres Gottes, seiner Liebe, seiner Zuneigung, seiner Herrlichkeit. In Staunen zu versinken, weil wir nicht mehr begreifen, nicht mehr annähernd messen können, wir groß und liebevoll dieser Gott ist – das ist Ehrfurcht. Und Gnade, die teure, unschätzbar wertvolle, Gnade wirklich zu verstehen, kann uns zu keinem anderen Ergebnis führen, als zu Staunen. Was für ein Gott – was für eine Gnade!

  1. In der Ehrfurcht finden wir Worte!
Und hier bleiben wir dann nicht stehen. Wenn ihr von etwas erstaunt seid, beginnt ihr zu schweigen? Versucht ihr, durch grübeln und Gedankenknoten das Staunen zu erklären und seine Tiefen zu ergründen? Oder ergebt ihr euch in das Gefühl der Bedeutungslosigkeit, wo ihr endlich ausruhen könnt, weil ihr eure eigene kleine Existenz seht und reflektiert und der Größe von etwas anderem. Und es gibt nichts größeres als die große Geschichte, zu der unser Gott uns einläd. Wir wollen sie erzählen. Jeder Buchstabe der Geschichte Gottes, der in deinem Leben geschrieben wurde und der sich einreiht in die hunderte von Seiten, die schon geschrieben wurden, und die alle gemeinsam von den großen Taten eines staunen-erregenden Gottes erzählen? Gerade in de Psalmen wird das sehr deutlich, dass wir nicht schweigen können – es auch gar nicht sollen – wenn wir die großen Taten eines staunen-erregenden Gottes erlebt haben. Psalm 145 sagt es so:

Jahwe ist zu allen gut, / er erbarmt sich aller seiner Geschöpfe. Es loben dich, Jahwe, all deine Werke, / und deine Treuen preisen dich. Sie sprechen vom Glanz deines Reiches, / sie reden von deiner Macht, damit die Menschen deine Großtaten erfahren / und die Herrlichkeit deines Reiches.“ (V9-11; NeÜ)

Wenn die Menschen, die Gott erlebt haben, ihn nicht verkünden, dann werden es seine Werke selbst tun. Und zu denen gehören selbst die Steine. Wenn wir schweigen, dann werden eben die Steine schreien (Lk 19).

God Bless,

Restless Evangelical

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