Montag, 11. Februar 2013

Angst vor der Schönheit


Gottes Schönheit erkennen, Gottes Lösung bekennen

Ich erinnere mich gerne an diesen Abend vor einigen Tagen, als zwei liebe und gute Freunde bei mir zu Gast waren. Wir haben vegetarisch gegessen. Außerdem haben wir uns über manche geistlichen oder nicht-geistlichen Themen unterhalten – wir hatten viel Spaß.
Ich erinnere mich daran, dass ich an jenem Abend immer wieder das Wort 'Mitfahrgelegenheit' benutzt habe; im Rückblick fällt mir immer auf, welche Möglichkeiten uns dieses stundenlange 'Aufeinanderhocken' mit vollkommen Fremden eigentlich bieten. 'Hey, was studiert ihr?', ist meistens die erste Frage. 'Theologie.', ist meine zaghafte Antwort. 'Echt?', ist dann die ungläubige Antwort und schon zwingen mich meine Lebensumstände und Interessen in ein Gespräch über Jesus, das mir nicht immer gelingt, aber im Nachhinein auf jedenfall eine gute Geschichte abgibt.

Vor allem aber muss ich seit diesem Abend immer an einen Satz denken, den die liebe, gute Freundin sagte, die an diesem Abend da war: „Ich hab manchmal viel zu viel Angst, mich zu Jesus zu bekennen.“ Und mir schießt gleich Mark Devers Satz in den Kopf: Wir haben die beste Nachricht von allen zu verkünden – wieso machen wir es nicht? Geistliche Antworten zu geben, geistlich zu handeln, fromme Vorwürfe zu machen und christliche Entrüstung zu zeigen ist manchmal so viel einfacher, als die Schönheit dieses Satzes von ihr zu erkennen. Schönheit, denn er ist wahr, ehrlich, nicht verstellt. Wie oft bekenne ich als Theologiestudent eigentlich offen? Wie oft habe ich mit meinen Lieben und Freunden in letzter Zeit, in den letzten Wochen und Monaten, eigentlich über Jesus gesprochen, ohne dass ich quasi dazu gezwungen war?

  1. Schönheit liegt in der Wahrheit
Wir sind immer gerne dabei, uns die Dinge schön zu reden – vor allem habe ich zumindest in den letzten Jahren einige Fähigkeiten in diesem Bereich entwickelt. Fast schon so sehr, dass ich gewillt bin, ein Beispiel für diese Fähigkeit zu geben, indem ich es eine Geistesgabe nenne. Aber das hilft uns nicht darin, in das Bild Jesu zu wachsen, immer mehr zu werden, wie er ist. Bei Jesus finden wir keine Schönfärberei. Wir finden die unvergleichliche Verbindung zwischen Wahrheit und Liebe, die einen integeren Charakter eigentlich ausmacht. Denken wir nur an die Frau am Jakobsbrunnen. "Geh und hole deinen Mann hierher!", sagte Jesus. "Ich habe keinen Mann", entgegnete die Frau. "Das ist richtig", erwiderte Jesus. "Du hast keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du etwas Wahres gesagt."“ (Joh 4, 16ff; NeÜ) Bum; manchmal kann die Wahrheit wie eine Bombe einschlagen. Wie verstört muss diese Frau geguckt haben? Aber die Wahrheit bei Jesus ist nicht gemein und zerstörerisch. Die ist heilend und schön. Deswegen ist die Reaktion der Frau auch so überraschend: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist", sagte die Frau darauf.“ An der Wahrheit, die mit Jesus zutun hat, ist nichts zerstörerisches, es ist Wahrheit die freimacht. Weil unser Gott die Definition von Schönheit ist, deswegen ist es auch die Wahrheit über ihn. Sie ist schön – manchmal nicht einfach zu schlucken, aber immer heilsam und befreiend. Wer sich die Zeit nimmt, sich mit Gott zu befassen und dem, was er uns von sich selbst gesagt hat, der wird nicht zerbrochen und liegengelassen; der wird nicht vor den Kopf gestoßen und abgewendet.
Wir brauchen uns also gar nicht zu schämen, uns zu diesem Jesus zu bekennen. Damit will ich nicht sagen, dass wir niemals Hähme und Spott ernten werden – aber ich will damit sagen, dass wir niemals gerechtfertigen (!) Spott ertragen müssen für unser Bekenntnis zu Jesus. Es gab immer Menschen, die die große Kunst für Banauserie hielten. Van Gogh hat zu seinen Lebzeiten darben müssen. Und Walter Moers fragt in 'Die Stadt der Träumenden Bücher' im Bezug auf das Verlagsgeschäft, was es einem Verleger bringe, wenn er einen Meister entdeckt, der in 100 Jahren anfängt, Bücher zu verkaufen. Da ist nicht nur der Künstler tot, sondern auch der Verlag. Was ein Verleger sucht, ist das verkaufbare Mittelmaß. Kunst und Schönheit war immer extravagant, war nicht für alle als das zu erkennen, was sie ist. Aber wenn wir die Stille Schönheit eines Bildes von Caspar David Friedrich erkennen, entdecken, darin versinken, dann bekommen wir einen Vorgeschmack auf die Schönheit, die wir einmal 'von Angesicht zu Angesicht' (1Kor 13) sehen werden.

  1. Die Wahrheit liegt im Gegenteil von Angst
Allerdings ist dadurch noch keine wirkliche Hilfestellung gegeben, was das Überwinden von unserer Angst angeht. Ich kenne manche geheimen Kunstliebhaber, die sich aus Angst vor Scham nicht dazu bekennen. Freunde von mir entwickeln in letzter Zeit eine beeindruckende Fähigkeit, Wein zu degustieren. Als Hobbykoch stehe ich oft nur daneben und sehe staunend und lächelnd zugleich zu. Natürlich ändert mein manchmal aufwallendes Lachen über diese Veränderung nichts an ihrer Freude an diesen guten Gaben. Nährboden für Lobenhymnen auf die Schönheit eines guten Bouquets verteile ich damit freilich nicht.
Ähnliches kennen wir mit unserem Bekenntnis zu Jesus. Unsicheres Lachen und Spott klingeln uns in den Ohren, wenn wir an das letzte oder vorletzte Mal denken. Wir wollen nicht mehr bekennen, weil es scheinbar eh nichts bringt. Wenn wir eh nur verlacht werden – oder unsere Botschaft ihre Schönheit offenbar gar nicht entfalten kann.
Wie dankbar bin ich da für das, was Gott uns selbst dazu sagt. Der junge Timotheus war vielleicht in einer ähnlichen Situation. Viel älter als ich war er wohl nicht, aber Paulus hatte ihn schon als Pastor eingesetzt. Er musste also bekennen, schon des Amtes wegen. Da erinnert Paulus ihn: „Darum erinnere ich dich an die Gabe Gottes, die du empfangen hast, als ich dir die Hände auflegte: Entfache sie neu in dir!“ (2Tim 1,6; NeÜ) #Aufschrei will ich natürlich nicht produzieren, wenn ich hier auf uns alle beziehe, was offensichtlich eine spezielle Gnadengabe an Timotheus war. Spannend finde ich aber, das Paulus gar nicht bei Timotheus stehen bleibt und im nächsten Vers des Objekt des Geistes ändert. Denn Paulus will gar nicht so sehr auf diese Gabe verweisen: Du hast diese und diese und diese Gabe, also schaffst du das schon. Er verweist auf die Quelle der Gabe. Und das ist der Heilige Geist. Was für ein Geist? „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Zaghaftigkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Selbstbeherrschung.“ (2Tim 1,7; NeÜ) Denk an den Geist, Timotheus! Dieser Geist erfüllt dich nicht mit Angst. Aber was ist die Alternative, Paulus? Kraft, Liebe, Selbstbeherrschung. Spannend, dass Paulus nicht Mut als Gegenteil nennt – denn die ganzen Hollywood Filme haben und doch deutlich gemacht, dass Mut das Gegenteil von Angst ist, oder? Aber manchmal fehlt uns der Mut. Und der Geist Gottes füllt uns nicht mit Mut – das könnte ja dazu führen, dass wir wieder selbst die 'Macher' sind, die sich aufgerafft haben und endlich bekannt haben, weil wir so mutig sind.
Aber durch den Geist finden wir Selbstbeherrschung, weil wir eigentlich außer Kontrolle geraten sind. 'Reiß dich zusammen', sollte eigentlich nicht im Mund eines Christen zu finden sein. Vielmehr 'Heiliger Geist, reiß mich zusammen!'. Und wenn die Selbstbeherrschung da ist, finden wir im Geist auch Kraft, weil wir eigentlich kraftlos sind. Wer kann schon aus sich heraus Wunder bewirken? Wer kann aus sich heraus mehr hervorbringen als Mist? Shai Linne drückt es in 'Lord of Patience' so aus:

How we were unbelievers committing tons of treason
We had a hundred reasons why we wouldn't come to Jesus
But they were all excuses because our thoughts were useless
That's what the dark produces, Father, You already knew this
We were foolish and clueless, just as ruthless as Judas
Who knew that You would choose to pursue us and move to woo us.“

Kraft finden wir alleine in dem, der Kraft ist, der in sich selber Energie findet; 'Steh wieder auf', sollte sich eigentlich nicht im Mund eines Christen finden. Viel mehr: 'Heiliger Geist, richte mich wieder auf!' Kraft und Selbstbeherrschung allein machen aber kein wirklich effektives Zeugnis aus. Wer nur auf diese Zwei baut, wird arrogant, weil er immer zwei Schritte vor allen anderen herrennt und die anderen nicht mehr sieht. Wie wunderbar ist es da, dass uns der Geist noch etwas Drittes schenkt, das wir als Gegenteil von Angst ansehen können: Liebe. Ohne Liebe zu Gott und unseren Nächsten ist es gar nicht möglich, ein effektives Zeugnis zu geben, denn dann geht es nur darum, uns selbst zu profilieren und die Debatten zu gewinnen. Es ist die Liebe zu den Verlorenen Schafen, die Liebe zu unserem großartigen Gott, die unser Zeugnis effektiv macht. Denn durch die Liebe beginnen wir, zuzuhören, versuchen wir, zu verstehen, bringen wir in ruhigem, entspannten, deeskalierenden Maße die Lösung vor, von der wir gefunden wurden. Nicht die Lösung, die wir besitzen; nicht die Lösung, die wir erfunden haben. Die Lösung, die uns gefunden hat, als wir gar nicht danach gesucht haben. Als uns irgendwann auch die Augen aufgingen und wir Schönheit erkannt haben, die in dieser Lösung liegt. Diese Lösung ist einfach beziffert: Jesus, gekreuzigt, auferstanden, aufgefahren, zurückkommend. Jesus.

  1. Fazit
Was würde ich nun sagen, zu meiner lieben guten Freundin. Vor allem aber zu mir selbst, wenn ich in der Mitfahrgelegenheit sitze, und mal wieder kein Wort herausbekomme. Wäre es: 'Die Schönheit ist doch auf meiner Seite!' - wenn ich davon ausgehen muss (1Kor 2,13f), dass sie es gar nicht sehen können? Nein, sicher nicht. Es wäre das demütige, und demütigende Bekenntnis im stillen Gebet zu meinem Tröster: „Heiliger Geist, ich kann nicht, aber du kannst. Gib mir die Selbstbeherrschung zu bekennen, die Kraft zu reden und die Liebe, zuzuhören. Mache du mein Bekenntnis stark, lasse du meine Saat aufgehen.“ Wenn dann mein Mund aufgeht – und ich sage bewusst: wenn – und ich von Jesus zu schwärmen beginne, kann ich mich entspannt zurücklehnen und weiß: Ich bin Werkzeug, Jesus ist Schmied/Töpfer/Gärtner. Maler. Wenn hier etwas passiert, dann nicht wegen mir. Jesus, öffne die Augen in unserem Land neu für deine Schönheit.

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