Sonntag, 24. Februar 2013

Schönheit wiederherstellen


Was wir Evangelikalen lange vergessen haben – zu lange?

Ich muss es gestehen: Ich bin evangelikal! Ja, was soll ich daran ändern? Ich liebe die Bibel, weil sie das wunderbarste Buch ist, das jemals geschrieben wurde. In ihr offenbart sich unser Gott, und unser Gott ist nicht nur schön – er setzt die Maßstäbe für Schönheit neu. Er hat Schönheit erfunden, nicht kommt auch nur an ihn heran. Glaube ich deswegen, dass er uns die Wahrheit sagt? Ja! Ich liebe das historische Christentum, mit allen seinen wunderbaren, intellektuell tiefen, emotional befriedigenden und geistlich erhöhenden Aussagen über den Menschen, seine Verlorenheit, seine Rettung und die Vollendung dieser Welt. Was soll ich sagen? Ich bin deswegen ein Evangelikaler, weil ich niemals, in keiner Religion, in keinem Denkgebäude, in keiner Philosophie und keiner Kunst, soviel Schönheit gefunden habe, wie im Angesicht des gekreuzigten Jesus!
Nun ist uns aber die Schönheit abhanden gekommen, habe ich oft den Eindruck. Und gerade das halte ich für fatal.

  1. Geh nicht der Moderne auf den Leim.
In den konservativen Kreisen, in denen ich mich immernoch bewege (auch wenn ich nicht immer sicher bin, ob ich dort nicht nur noch leidlich gerne gesehen werde ;-)), gibt es viel Aufsehen und Nörgeln über die Postmoderne. Dass es unter säkularen Soziologen heute überhaupt umstritten ist, ob es sowas wie die 'Postmoderne' gibt, ist nur ein Anzeichen dafür, dass wir unserer Zeit eben doch hinterher hecheln, obwohl wir uns doch eigentlich abseits von Zeit und Raum wägen.
Und gleichzeitig erkenne ich, dass viele (und ich will mich hier nicht grundsätzlich rausnehmen), still und heimlich einer ganz anderen Strömung aufgesessen sind, und in ihr soetwas wie die historische Bewegung des Christentums zu sehen scheinen: der Rationalismus. Landläufig auch gerne die 'Moderne' genannt. Dabei ist diese Bewegung in keinem Deut besser (oder schlechter, was das angeht), als die verschriene Postmoderne. Der Rationalismus, soviel habe ich als philosophischer Laie verstanden, versucht alles Existente dem Verstand des Menschen zu unterwerfen. Nun erzählt uns aber die Bibel von einem Frieden, der alles menschliche Denken weit übersteigt.“ (Phil 4,7; NeÜ). Und dieser Friede liegt in der Gemeinschaft mit Gott! Trotzdem kenne ich nicht wenige Christen – und vor allem Apologeten – die versuchen, Gott 'zu beweisen'. Ich habe nicht selten aus den Mündern verschiedener, wohlmeinender Christen gehört, dass man Gott lückenlos 'beweisen' kann. Da fallen mir die Worte eines meiner geliebten Dozenten wieder ein, als er uns von den Gottesbeweisen der Antike bis heute berichtete: Wie arrogant, sagte er damals sinngemäß, ist doch der kleine Mensch, dass er versucht, mit seinem kleinen Verstand, die Unendlichkeit zu beweisen. Beeindruckt war ich damals, und mit Gänsehaut überzogen. Dieser geistliche Riese, intelektuell meiner Wenigkeit um viele, viele Stufen überlegen, hatte eine Überzeugung in mir angesprochen: Wie sollen wir Gott beweisen?
Nun versteht mich an dieser Stelle trotzdem nicht falsch. Ich glaube, dass diese Vernunftsargumente für ihre Zeit und ihre Zeitgenossen von entscheidender Bedeutung waren. Niemals will ich sagen, dass Leute wie Werner Gitt und Josh MacDowell nicht eine wirkliche Berechtigung haben. Ihre Berechtigung kam aber nicht daher, dass das Denkgebäude des Rationalismus ein christliches sei, sondern daher, dass die Menschen in ihrer Umgebung dem Rationalismus anhangen. Und sie sollten, bzw. wollten, erreicht werden. Und so wurden Möglichkeiten gesucht und gefunden. Denn unser Gott ist eben auch einer, der unseren Verstand anspricht, und niemals außerhalb unseres Verstandes existiert – mehr noch aber darüber hinaus geht!
Wie lobe ich mir da die Einstellung, die der große Anselm von Canterbury an den Tag legte, als er nicht nur seinen Gottesbeweis aufschrieb, sondern vor allem sein Rechtfertigungsverständnis, dass unser aller Denken in der christlichen Theologie bis heute entscheidend beeinflusst. Anselm schrieb damals: 
„[D]aß, falls ich etwas behaupte, was eine höhere Autorität nicht bestätigt – selbst, wenn ich es scheinbar mit Vernunftgründen beweise –, das mit keiner anderen Gewißheit aufzunehmen sei, als daß es mir vorderhand so scheint, bis es mir Gott irgendwie besser offenbart.“ (Anselm von Canterbury, Cur Deus Homo, 1986 Wiss.Buchgesellschaft Darmstadt, S.15).
 Gehe nicht der Moderne auf den Leim, rufe ich allen meinen treuen Freunden in der Verkündigung zu. Nicht in dem Sinne, dass wir den Verstand vergessen sollen. Sondern in dem Sinne, dass wir uns über seinen Nutzen und seine Begrenzung bewusst werden sollen: In der Mission ebenso wie in der Theologie.

  1. Geh Gott auf den Leim!
Hm, ich weiß, dass dieser Absatz kontrovers formuliert ist. Aber er bleibt so stehen, um der Ästhetik in der Übereinstimmung mit dem ersten Punkt vorschub zu leisten. Tatsächlich ist es nämlich so, dass sich das Schlachtfeld um Gott herum verlagert hat. Es wird nicht mehr mit den Waffen der Vernunft gekämpft – und selbst die 'Neuen Atheisten', die sich den Humanismus und die Vernunft auf die Fahnen geschieben haben, haben das unterbewusst erkannt. Der Kampf um Gott wird auf dem emotionalen Feld gekämpft. Wäre dem nicht so, dann würde Richard Dawkins nicht ständig auf die angeblichen 'Verbrechen' des Christentums und der Religion allgemein verweisen. Er würde kühler argumentieren und bleiben, als es der Fall ist. Aber Gott ist ein emotionales Thema. Und Emotionen beeinflusst man am besten durch Kunst, durch Schönheit.
Und nicht nur im Kampf zwischen den 'Nicht Spirituellen' und den 'Spirituellen' werden diese Waffen eingesetzt. Auch in der Diskussion vermeintlich innerchristlicher Debatten sind diese Waffen längst angekommen. So fand ich es die treffendste aller Analysen, die Trevin Wax über Rob Bell's Buch 'Love Wins' getroffen hat (bzw. in seiner Rezension zu Erasing Hell darauf Bezug nimmt). Wax schreibt:
Bell’s book is troublesome, not because it is a thoughtful representation of the optimistic inclusivist position. (See Clark Pinnock’s work if you’re looking for that!) It’s troublesome because it is seeking to make inclusivism beautiful. Bell succeeds at “dressing up” falsehood. Meanwhile, his evangelical critics aren’t even bothering with the wardrobe. We are Nixon, and he is Kennedy. From a purely rhetorical, debating standpoint, we win. But Bell understands the medium.“ (nachzulesen hier)
Das ist spannend, weil es stimmt. Das ist eine schöne Analyse, weil sie wahr ist. Gleichzeitig ist es eine schmerzhafte Analyse, weil sie unseren Abgang beschreibt, wenn wir nicht schnell reagieren. Die Generation, die jetzt aufwächst, ist nicht daran interessiert, philosophische Vorträge zu hören. Sie erkennt aber Schönheit, jedenfalls das, was sie dafür hält.
Viele Jahrhunderte hatte die Christenheit die Ästhetik und Schönheit in ihren Händen. Wer kann ein Werk von Bach hören, in nicht ergriffen sein? Wer kann Dantes Göttliche Komödie lesen, und nicht beeindruckt sein (ohne dass ich auf die teilweise schwierige Theologie in diesem Buch eingehen will)? Doch irgendwann haben wir die Zügel losgelassen – und gucken heute verwundert, wieso unsere Lobpreismusik nur Müde belächelt wird, wenn sie von säkularen Kritikern überhaupt Beachtung findet. Wir beschweren uns und gucken angeekelt, wenn bei der Documenta ein Künstler in eine Dose scheißt und es als Kunst verkauft. Und reflektieren doch nicht darüber, dass schon seit Jahren kein wirklich 'christlicher' Künstler mehr aufgetaucht ist. Wenn wir malen, dann malen wir kitschige religiöse Motive, einen langhaarigen, weinerlichen Jesus; wir malen Dinge, mit denen die Menschen gar nichts anfangen können, weil es 100 Meter über ihrem Boden zu schweben scheint. Unsere Musik ist langweilig und kommt der säkularen nicht hinterher. In Deutschland fällt mir nur ein namhafter Autor ein, der einen evangelikalen Background hat (Titus Müller, das will ich an dieser Stelle namentlich auch sagen). Aber kann es wirklich sein, dass Gott sein Volk in Deutschland mit so wenig Kreativität begabt hat? Wo sind die Künstler, die Musiker, die Schriftsteller? Liegt es vielleicht vor allem daran, dass wir nie eine Kultur geschaffen haben, in unseren Gemeinden und Hauskreisen, die solche Talente förderten?

  1. Fazit – Geschlagen auf unserem ureigensten Feld.
Bei der Kunst, der Schönheit, der Ästhetik, haben wir es mit unserem ureigensten Feld zutun, nicht sollte uns eigentlich näher liegen. Und doch haben wir es aufgegeben, liegen besiegt darauf und wissen nicht, wie wir wieder aufstehen und weiterkämpfen sollen. Nun, Jahwe hat schon einmal angekündigt, die Knochen und Toten aufzuerwecken, zu seiner Ehre und seinem Ruhm. Ohne ihn wird es nicht gehen – aber wir können auch mit ihm rechnen. Wenn wir nur endlich wieder bewusst die Pinsel, Gitarren und Schreibmaschinen in die Hand nehmen, und beginnen, Schönheit zu schaffen, die Gott verherrlicht und verkündigt. Hätte dies schon jemand vor einigen Jahren berücksichtigt, und mich damals mit einem Zitat von Wolfhart Pannenberg konfrontiert, das hier gleich folgt – ich wäre vielleicht schon sehr viel früher überzeugt worden von der Schönheit der 'Lehren der Gnade'. Als Beispiel für eine Theologie, in der wir die Schönheit wieder entdecken, entstauben, für uns beanspruchen, soll dieses Zitat hier einmal stehen:

[A] will that can choose differently when face to face with the norm of the good cannot be in fact a good will. It is more than weak because it is not firmly set upon the good. […] it is already sinful because it is emancipated from commitment to the good.“ (Zitiert nach: Henri Blocher, Original Sin. Illuminating the Riddle, 1997 Leicester: Apollos, S.23)
(auf dt. etwa: Ein Wille, der sich anders entscheiden kann, wenn er der obersten Norm für Schönheit von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht, kann nicht wirklich ein 'guter Wille' sein. Er ist mehr als nur schwach, weil er nicht vollkommen auf ds Gute ausgerichtet ist. Er ist schon lange sündig, weil er sich von seiner Hingabe zum Guten verselbstständigt hat.
→ Ich habe dieses Zitat nur auf englisch gefunden, auch wenn ich natürlich weiß, dass Pannenberg Original in Deutsch geschrieben hat!)

God Bless,

Restless Evangelical

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