Mittwoch, 27. März 2013

Ganz verschiedene Bilder!


Wie wir Jesus an Karfreitag sehen

Während ich hier in einem Café sitze und an meiner Predigt für Karfreitag sitze, trifft es mich immer wieder. Ich habe mir den Bericht von Lukas über die Kreuzigung für Karfreitag ausgesucht. Finden könnt ihr ihn in Lukas 23,26-49. Er ist es wirklich wert, in den nächsten Tagen wieder gelesen zu werden.
Während ich diesen Text also untersuche und versuche, aus ihm immer mehr Wahrheit für unser Leben, Schönheit über unseren Messias und Grauen über unsere Verlorenheit zu entlocken, fiel mir auf, wie viele verschiedene Menschen an diesem Kreuz zusammengekommen sind. Sie stehen dort und, wie es heißt, „[s]ie hatten alles mit angesehen.“ (V49; NeÜ)

1. Die Menge
Dort sind vor allem die vielen Menschen, die Volksmenge, die vor wenigen Tagen den gleichen Jesus mit Palmwedeln begrüßt hatte, in ihm (zu recht) den Anwärter für den Thron Davids sahen. Sie stehen jetzt da, warten was passiert. Sie hatten geschrien, dass er gekreuzigt werden sollte, und ihren Willen haben sie bekommen. Eine Kreuzigung, das war damals ein offenes Spektakel. Man ging hin, um es zu sehen. Wie dieser arme Wurm am Kreuz hing, in seinem eigenen Blut, Urin, Kot, Schweiß und seinen Tränen. Ein Schauspiel. Wie furchtbar, denken wir aufgeklärten Menschen heute. Und dann schalten wir unseren Fernseher an – und sehen nichts anderes. Bei uns passiert die Brutalität auf der seelischen Ebene, wo sich junge Menschen geistig und körperlich nackig machen, um uns zu bespaßen. Bebo Norman singt in seinem wunderbaren Lied 'Britney':
Britney I'm sorry for this cruel cruel world,we sell the beauty but destroy the girl.Britney I'm sorry for your broken heart,we stood aside and watched you fall apart.“
Er singt, natürlich, über Britney Spears.
Aber Jesus ist nicht das Objekt, dass unsere Augen befriedigt und von dem wir uns dann einfach wieder abwenden können. Jesus verfolgt uns. So heißt es auch von der Menge: Und die vielen Leute, die zu dem Schauspiel der Kreuzigung gekommen waren und alles miterlebt hatten, schlugen sich an die Brust und kehrten voller Reue in die Stadt zurück.“ (V48; NeÜ)
Kalt lässt uns Jesus nie zurück; es verfolgt uns, was wir über ihn hören. Die Menge, das sind wir. Ich bin sicher, dass ich heute unter ihnen stehen würde, mit ansehen wie dieser Mann getötet wird. Aber es, eigentlich: er, verfolgt mich bis nach Haus, in mein Herz und fragt: Kann es sein, dass ich das für dich getan habe?

2. Die Spötter
Dann sind da noch die anderen, die Spötter. Es sind die Soldaten, die Führer des Volkes und die Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt werden. Sie spotten, sprechen Jesus nur mit seinem Titel an.
Welche Ironie: Sie denken, dass sie ihn verletzten durch diesen Titel, dabei sind sie dabei, als Jesus diesen Titel zurückgewinnt: König der Juden. König der Welt müsste dort stehen. König der Könige und Herr der Herren.
Sogar die Verbecher – jedenfalls einer von ihnen – fangen an, Jesus zu verhöhnen. Es liegt daran, dass wir uns irgendwie besser fühlen, wenn wir uns und anderen klar machen können, dass wir besser sind als die anderen. In den letzten Tagen habe ich ein Buch gelesen, dass mich sehr bewegt hat. 'Das ist also mein Leben' von Stephen Chbosky. Einer der Protagonisten ist schwul und insgeheim mit dem Quarterback der Highschoolmannschaft liiert. Folgt bitte der Erzählung, dann versteht ihr meinen Punkt. Irgendwann kommt diese Beziehung natürlich raus, aber nicht in der Schule, sondern nur zuhause. Patrick will mit dem Quarterback reden und geht zu ihm an den Tisch, wo alle anderen Footballspieler auch sitzen. Und spricht mit ihm. Und der Quarterback nennt ihn eine Schwuchtel. Einige Zeit später trifft Patrick den Quarterback wieder, im Park bei einem bekannten Treffpunkt für die Homosexuellenszene in der Stadt.
Es geht mir nicht darum, dieses Verhalten an dieser Stelle moralisch zu beurteilen; aber ist es nicht verwirrend, dass ein junger Mann, der offensichtlich homosexuelle Gefühle hat, sich besser dadurch fühlt, dass er einen anderen wegen genau dieser Gefühle erniedrigt?
Wir können im miesesten Dreck schwimmen, unseren Kopf schon in der Schlinge haben: Solange wir jemanden finden, dem es schlechter geht als uns, haben wir Hoffnung.
Selbst, wenn das bedeutet, dass wir unsere Freunde beleidigen.
Selbst, wenn das bedeutet, dass wir uns am Ende selbst verletzten.
Selbst, wenn das bedeutet, dass wir Gott ins Gesicht schlagen.
Aber Jesus taugt nicht als Mitleids- und Hohnobjekt. Jesus war immer größer als der Spott, der ihm entgegenschlägt. Und das merken alle diese Gruppen.
Die Führer des Volkes haben ihre ganz eigenen Jesusnachfolger in ihren Reihen. Denkt an Nikodemus (Nikodemus kam bei Nacht... *sing*). Oder denkt an Joseph von Arimathäa, dem wir in V50 wiederbegegnen.
Die Soldaten haben ihren Centurion, ihren Hauptmann und Vorgesetzten. Er mag anfangs mitgespottet haben. Es war ja sein Alltag, solche Szenen zu sehen. Sein Kopf hat die vielen Bilder sicher schon lange nicht mehr gespeichert. Aber dieser Tag bleibt ihm in Erinnerung. Es gibt frühe kirchengeschichtliche Hinweise darauf, dass dieser Hauptmann später eine wichtige Rolle in einer heidenchristlichen Gemeinde innehatte. Seine Bekehrung war echt, er konnte nicht länger spotten. Dieser Jesus am Kreuz, so klein er in diesem Moment wirkte, was größer als sein Spott.
Und dann sind da die beiden Verbrecher. Die anderen Evangelien berichten uns nichts davon, dass einer der Verbrecher sich später für Jesus eingesetzt hat. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er zu Anfang gerne mitgemacht hat. Doch dann erkennt er, wie anders dieser Jesus ist. Anders als die Verbrecher, die er jemals kennengelernt hat. Und das lässt ihn nicht kalt. Er kann diesen Jesus in seinem Kopf nicht mehr als Verlierer speichern. Das Bild, das er hier sieht, sprengt den Rahmen und er muss aufhören, einstehen für Jesus. Und dann kommen wir zu diesem überwältigenden Statement, das er abgibt. Er nennt Jesus mit Namen. Der Einzige, der in dieser Szene Jesus mit Namen anspricht. Er kommt ihm nah – wenn auch nicht körperlich, so dann doch wenigstens geistlich. Demütig – weil er seine eigene Schuld erkannt hat – bittet er Jesus nicht um Reichtum und Ehre, nicht um Wiederherstellung und Heilung. Er bittet ihn ganz bescheiden: „Jesus, denk an mich, wenn du deine Herrschaft antrittst!“ (V42; NeÜ) und Jesus schenkt es ihm.

3. Dieser Jesus
Welches Bild haben wir von diesem Jesus am Kreuz?
Ist er das Schauspiel, das uns nicht mehr in Ruhe lässt?
Ist er das Spottobjekt, das schlechter dasteht als wir, damit wir uns besser fühlen?
Zu meinem Geburtstag hat mir meine Schwester, die ich sehr lieb habe, ein wunderbares Bild gemalt. Es zeigt ein Portrait von Jesus am Kreuz. Es ist in Schwarz/Weiß gehalten. Nur die Dornenkrone ist Rot – sie zieht den Blick auf sich.
Ich liebe dieses Bild mehr als alle anderen Gegenstände in meinem Zimmer, weil es Wahrheit ist. Reine Wahrheit. Ich liebe es, weil es mich daran erinnert, wie ich diesen Jesus am Kreuz sehen will.
Ich will nicht mitleidig sein mit diesem Jesus, denn er hat sein Leben doch selbst niedergelegt, ist willig in den Tod gegangen.
Ich will auch nicht hochmütig gegenüber diesem Jesus sein, denn ich brauche seinen Tod so wie jeder andere Mensch. Ich brauche ihn mehr, als ich mir vorstellen kann. Ich brauche ihn mehr, als mir lieb ist.
Ich brauche diesen Jesus, diesen blutigen, stinkenden Menschen; diesen sterbenden Gott.
Denn an diesem Kreuz, da finde ich Schönheit, wirkliche, echte Schönheit. Da finde ich einen König, der sich nicht zu schade ist für mich. Paulus beschreibt dieses Ereignis später so: „Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2Kor 5,21; NeÜ). Er wollte mich retten, deswegen begibt er sich in Schande, Spott, Not und Tod.
Ich brauche diesen Jesus am Kreuz; ich brauche ihn nicht nur – ich liebe diesen Jesus am Kreuz. Mit jedem Blick auf dieses Bild – das, das mir meine Schwester gemalt hat; das, das diese Erzählungen in den Evangelien in meinem Kopf malen – wächst meine Liebe für diesen Jesus.
Da haben wir sie wieder – die Liebe. Sie macht die Schönheit aus. Sie stiftet unsere Hoffnung.

God Bless,

Restless Evangelical

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