Samstag, 16. März 2013

Menschen wie wir!


Wie und warum wir mit anderen Menschen über ihre Sünde reden sollten.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in der ZDF Mediathek ein Video geöffnet habe, das den Titel trug: Götter wie wir. Beißende Satire schwoll mir entgegen. Und das nicht mal auf einem besonders hohen Niveau. Und ich erinnerte mich an einen Satz, der mir schon früh mitgegeben wurde: „Wenn Menschen sich über die Kirche lustig machen, wollen sie immer auch Gott lächerlich machen.“ Diese Sendung aber war unverborgen beleidigend. Und bei den christlichen Gruppen, denen ich bei Facebook beigetreten bin, wurden schnell die Aufrufe laut, sich an einer Unterschriftenaktion gegen die Sendung zu beteiligen. Ich habe natürlich mitgemacht. Und andere sagten, es würde mehr bringen, wenn wir einen Brief an den Intendanten schreiben und unsere Empörung deutlich machen. Habe ich natürlich gemacht. Natürlich stehe ich für die Ehre meines Gottes auf. Und dann standen in meiner Email solche Dinge wie: Über unseren Gott macht ihr euch lustig, aber über den Islam darf man nichtmal eine kritische Reportage bringen? Als ob es das irgendwie besser machen würde. Ist unsere Schmach weniger klein, wenn sich über den Gott des Nachbarn auch lustig gemacht wird? Damals waren die ersten leisen Gedanken in meinem Kopf, in denen ich mich gefragt habe, aus welchem Beweggrund ich das eigentlich geschrieben habe. Was hat meine Finger zum Tippen gebracht?
Und dann kommen wir auf die persönliche Ebene. Ich haben ein paar schwere Wochen hinter mir, in denen man mich etwas unsanft auf manche Sünde in meinem Leben aufmerksam gemacht hat, von der ich bis dahin nichts wusste. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass ich Sünde und Unreife in meinem Leben habe – das ist nur eine biblische Wahrheit, sondern vor allem auch ziemlich deutlich für jeden, der Zeit mit mir verbringt, allen vorran mir selbst! Es ist also nicht wirklich das Problem, dass ich mir bewusst über die eine oder andere Sünde in meinem Leben wurde. Es war mehr der Fakt, dass es solche waren, von denen ich bis dahin nichtmal geahnt habe, dass ich sie haben könnte. Ich habe mit manchen Leuten darüber geredet, mit unterschiedlichem Ausgang; vor allem aber habe ich in den Worten vom Propheten Jeremia einigen Trost gefunden; und einige Weisheit, wie wir gesund mit der Sünde anderer umgehen können, die wir sehen.

  1. Gott braucht uns nicht!
Jeremia hatte wirklich keinen einfachen Dienst. Er war von Anfang an dazu berufen, einem Volk zu predigen, von dem ihm vorausgesagt wurde, dass es nicht auf ihn hören würde, sich von ihm abwenden würde und ihn sogar töten würde. Mit dieser Voraussetzung in den Dienst zu starten ist wirklich nicht einfach. Und immer wieder war es das Gericht Gottes über den Götzendienst der Israeliten, das er verkünden sollte. Dabei ist der König von Babylon immer das Werkzeug des Gerichts. Gott selbst sagt über Babylon: Du warst mein Hammer, meine Waffe im Krieg. / Mit dir zerhämmerte ich Völker, / mit dir zerschlug ich Königreiche. Mit dir zermalmte ich Pferd und Reiter, / mit dir zertrümmerte ich Lenker und Wagen.“ (Jer 51,20f; NeÜ) Obwohl Israel Gottes Volk ist, und der Ausführer seines Gerichts von einst (in Josua lesen wir davon), hat es sich zum Gericht über sein Volk ein anderes Volk gesucht. Und trotzdem wird genau dieses Volk dafür bestraft, Israel angegriffen zu haben. Israel angreifen bedeutet, Jahwe angreifen. Das sagt Gott selbst: „Stellt euch rings um Babylon auf, / all ihr Bogenschützen! / Schießt und spart die Pfeile nicht! / Denn es hat sich an Jahwe vergangen.“ (Jer 50,14; NeÜ) Auch wenn wir Gottes Gericht verkünden – selbst wenn wir dazu ausgewählt sind, es auszuführen – dann sagt das noch lange nichts darüber aus, wie wir vor Gott selbst dastehen. Was sagt mir diese tragische Rolle Babylons über mein Umgang mit der Sünde anderer? Es zeigt mir, dass Gott mich nicht braucht. Und auch dich nicht. Niemanden von uns, die wir manchmal das Feuer vom Himmel schreiben über die, die andere Wertmaßstäbe haben oder sich über das Christentum lustig machen. Gott braucht uns nicht, um Gericht zu üben. Viel mehr hat er ja genau das verkündet: Er wird einmal genau darüber Gericht halten, wenn er wieder kommt. Er wird gerade dazu wiederkommen, um Gericht zu halten. Es ist ganz einfach nicht unsere Aufgabe, die Ehre Gottes zu verteidigen, in dem wir Feuer und Gericht über die Menschen verhängen. Wir sind Zeugen von der Auferstehung Jesu, dem Punkt, wo sich Hoffnung und Jubel zu einer Verbindung hergeben, in der staunende Glückseligkeit und seliges Staunen ihren Höhepunkt finden. Gott braucht dich nicht, um seine Ehre wiederherzustellen, und er braucht auch mich nicht dafür.
Gott hat immer schon eigene Wege gefunden, seine Ehre wiederherzustellen. Und das waren meistens Wege, die wir uns so nicht ausgedacht hätten. Denke nur einmal daran, wie Gott seinen Sohn am Kreuz für uns sterben lässt, damit seine Ehre erhalten bleibt, er gerecht handeln kann und gleichzeitig wieder in Verbindung treten kann mit den von ihm geliebten Menschen. Hättest du dir das ausgedacht? Wäre das deine Lösung gewesen? Denke einmal an Jona, der zu einem Volk geschickt wird, einzig um Gericht zu predigen. Und was die gedemütigten Assyrer finden, ist ein gnädiger, barmherziger Gott. Einer, der seine Ehre nicht an seinem Gerichtshandeln festmacht, aber der seine Ehre immer verteidigt, auf Wegen, die meistens weit von uns entfernt, über unseren Köpfen und unserer Kreativität stattfinden.
Nun wirst du dich vielleicht fragen, wieso wir dann doch dazu aufgefordert werden, das Gericht Gottes über die Erde zu verkündigen. Ich habe mich das nämlich gefragt. Und Jeremia hat mir auch darauf eine Antwort gegeben.

  1. Die Menschen brauchen uns!
Es gibt einen wirklichen Grund, warum wir die Menschen in unserer Gemeinde und die Nicht-Christen in unserer Umgebung auf das Ansprechen sollen, was in ihrem Leben zum Gericht führen kann. Und das ist die Liebe. Zweimal geht Jeremia selbst darauf ein.
Die Kinder lesen das Holz zusammen, die Väter zünden das Feuer an und die Frauen kneten den Teig und backen Kuchen als Opfer für die Himmelskönigin3. Und anderen Göttern spendet man Trankopfer, nur um mich zu kränken. Doch kränken sie denn mich damit?", spricht Jahwe. "Ist es nicht zu ihrem eigenen Schaden?"“ (Jer 7,18f; NeÜ)
Nur Lug und Trug / erschauten dir deine Propheten! / Sie deckten deine Schuld nicht auf, / um dein Geschick zu wenden.“ (Klg 2,14, NeÜ)
Was sagt mir das? Es sagt mir, dass selbst die Propheten, die so wirken als würden sie nichts anderes machen als den Menschen ihre Sünde vorhalten, dazu vor allem einen Beweggrund haben: Liebe. Sünde schadet. Sünde tötet. Sünde zieht Gericht nach sich.
Ich will nicht sagen, dass wir nicht einander und dem Intendanten des ZDF sagen können, wenn etwas abgrundtief falsch läuft, wenn etwas daneben geht. Aber wir sollten unsere eigenen Beweggründe dafür hinterfragen. Sind wir auf Genugtuung aus? Unsere Genugtuug war noch nie ein besonders guter Ratgeber!
Wenn wir Genugtuung dabei empfinden, dass wir anderen Menschen ihre Fehler vorhalten können, dann haben wir entweder das Ausmaß des endgültigen Gerichts nicht verstanden, oder keine Liebe für die Menschen in unserer Umgebung. Und beides sind sicher keine Eigenschaften, mit denen wir uns gerne schmücken wollen. Gott braucht uns nicht dafür, die Menschen zu überzeugen. Das ist immerhin das Werk des Heiligen Geistes. Gott braucht uns auch nicht, um Gericht zu bringen. Aber die Menschen brauchen uns. Wir brauchen uns gegenseitig! Ich brauche meine Geschwister, und meine Geschwister brauchen mich.

  1. Zum Schluss, eine Entschuldigung
Was nun nehme ich daraus mit? Eine reinigende Demütigung im Bezug auf meine Motivation, mit der ich über Fehler unserer Gesellschaft oder anderer Menschen geredet habe. Denn ich war dabei nicht immer, eher seltener, wenn überhaupt, davon angetrieben, dass ich den Menschen wirklich helfen will. Es war immer mehr meien Genugtuung. Oder ein falsch verstandener Stolz um das Königreich meines Gottes, das ich zu verteidigen hatte. Aber wenn ich mit anderen diskutiert habe oder auf meinem Blog über das geschrieben habe, was bei anderen falsch läuft und bei mir viel besser ist – dann war es nicht ehrliches Bemühen darum, dass mein Nachbar dadurch gestärkt wird und in seiner Erkenntnis Gottes wächst.
Aber wir sind Menschen, wir machen Fehler. Und zu spät ist es nie, sich eine andere Motivation zuzulegen und anzufangen, die Menschen in unserer Umgebung wirklich zu lieben. Wenn uns wirklich ihr Wohl am Herzen liegt, und nicht nur unsere Genugtuung, dann wird es einen Unterschied machen im Ton, mit dem wir mit anderen reden.

God Bless,

Restless Evangelical

1 Kommentar:

  1. Genau das ist es! Die Liebe macht den Unterschied! Wir brauchen kein Vertreten "christlicher Standpunkte", wir brauchen Gottes Standpunkt, und der ist immer mit seinem Herzen verknüpft. Gott hasst Sünde, weil er Menschen liebt.

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