Mittwoch, 6. März 2013

Wollen wir das wirklich?


Auf der Suche nach dem richtigen Antrieb zum Bibellesen.

Es gibt diese Leute mit diesem Leuchten in den Augen; ihr kennt solche Leute, jeder kennt solche Leute. Es scheint, dass sie ihre Augen aufblitzen lassen können, als hätten sie eine Taschenlampe eingebaut. Sie sparen sich dieses Leuchten auf, für die Momente, in denen sie über besonders wertvolle Dinge in ihrem Leben reden. Sie reden über die Familie, Musik, Essen, Spaziergänge oder die Natur. Reden über Design, Redner, Menschen. Und manche, es scheint fast eine verschwindend geringe Zahl, redet über die Bibel. Im Film 'The Book of Eli' wird gesagt, dass dieses Buch das mächtigste ist, das jemals geschrieben wurde. Mit seiner Hilfe wurden Mächtige gestürzt und Hirten zu Königen gemacht. Mit seiner Hilfe wurden Trauernde aufgerichtet. Und Hoffnung gemacht, viel zu viel Hoffnung für manche. Unser Gott ist ein Gott der Hoffnung, sagt ein bedeutender deutscher Theologe. Und recht hat er damit. Aber trotzdem ist es für viele von uns irgendwie eine Last, wenn andere Menschen so über die Bibel reden, mit diesem Funkeln in den Augen, als hätten sie einen Schatz ausgegraben. Denn wir stehen oftmals da und denken darüber nach, wann wir eigentlich das letzte Mal so über die Bibel gesprochen haben – überhaupt in ihr gelesen haben! Und während uns diese lieben Freunde eigentlich an ihrer Freude und Liebe teilhaben lassen wollten, führt es uns in Schuldgefühle. Und Schuldgefühle sind nie ein guter Katalysator für die eigene Heiligung.

  1. Wollen wir wirklich aus Schuldgefühlen Bibel lesen?
Der gerade verstorbene, großartige Howard Hendricks schreibt in seinem unübertroffenen 'Living By The Book':
By the way, one way not to do it [Bibellesen] is through guilt. Guilt is a poor motivator. It's very powerfull, but it's also poisonous to the learning process. It kills the joy that ought to mark firsthand acquaintance wit the Word. Guilt drives more people away from the scruptures than into them.“ (Howard Hendricks, Living By The Book, Chicago: Moody 1991, S.15) (dt. etwa: „Übrigens ist ein Grund, aus dem man die Bibel nicht lesen sollte Schuld. Schuld ist ein armseliger Motivator. Sie ist sehr mächtig, aber auch giftig für den Lernprozess. Sie tötet die Freude, die eigentlich der Merkmal einer persönlichen Vertrautheit mit dem Wort sein sollte. Schuld führt mehr Leute vin der Bibel weg als in sie hinein.“)
Wie oft habe ich in meiner kurzen Reise als Christ schon solche lieben Freunde erlebt, die das Bibellesen aufgegeben haben, weil der Druck auf ihren Schultern zu groß wurde. Sie fühlten sich wie unter ein Joch gespannt, das sie jeden Tag weitertreiben mussten, die Spur bloß gerade halten, nicht Müde werden, damit sie so 'heilig' seien wie die anderen Christen, die ständig 'ein Wort haben' oder 'das Schwert ziehen'. Und ich mache ihnen keine Vorwürfe. Mir geht es oft auch so – und das Theologiestudium hat da eher noch zu beigetragen. Dazu kommt, dass wir uns als Christen gegenseitig auch oft anstacheln; ein Freund übernachtet bei uns, auf einmal stehen wir um 6 Uhr auf um Bibel zu lesen. Ach, du machst das nicht?! Wir frühstücken zusammen, auf einmal liegen die Losungen auf dem Tisch: Ich les die jeden morgen, in den Ursprachen!? Wir meinen das gar nicht unbedingt böse; wir haben mehr Angst um unseren Ruf. Wenn er sieht, dass ich nicht jeden morgen lese... Wenn sie erkennt, dass ich mein Hebräisch schon fast wieder vergessen habe... Doch es ist ein schmaler Grad. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass es diese Menschen gibt, die wirklich jeden Tag ihre Bibel lesen. Und die ihre Losungen in den Ursprachen benutzen. Und die wirklich 'Aus dem Buch leben', wie es Hendricks nennt. Und ich hoffe, dass es die nicht nur selten, vereinzelnt gibt. Die Kraft und Schönheit der Bibel kann uns überwältigen. Hendricks vergleicht es mit der Schönheit einer Bergtour. Davon zu erzählen, der Majestät der Berge und des Panoramas, kann die Ehrfurcht und Schönheit eines solchen Momentes nicht einfassen.
Ich denke, dass ein richtiges Verständnis des Evangeliums uns vor den Schuldgefühlen beim Bibellesen helfen kann. Denn die Frage, wie wir 'so heilig' werden wie der fleißige Leser da drüben, ist einfach zu beantworten. 'So heilig' werden wir am Kreuz. Wenn wir allein aus Gnade gerettet sind, nicht durch unser Zutun und Handeln, dann sind wir heilig gesprochen, weil wir am Kreuz zu Boden gehen und bekennen, dass ich nicht heilig bin. „Aber Ich!“, sagt Jesus dann. Und: „In mir seid ihr es auch!“ Lies die Bibel bitte niemals, weil du heiliger sein willst – heiliger geht gar nicht. Jedenfalls nicht in deinem Status vor Gott. Heilig ist heilig. Punkt. Kein „Aber wenn...“! Kein „Ich muss doch aber...“. Kein „Aber mein Pastor sagt...“. Es ist ein heilig und gerecht machen, nicht ein heilig und gerecht werden, von dem Paulus in 2Kor 5,21 spricht.
Ist die Bibel also unwichtig? Etwas für Theologen allein, damit es der Kirche weltweit nicht langweilig wird und man Dinge zum Zanken und Diskutieren hat? Bei weitem nicht!

  1. Wollen wir wirklich unbewaffnet vor die Tür treten?
Nun macht uns nicht nur die Bibel deutlich, sondern auch das eigene Ringen mit Sünde und dem Bibellesen, dass wir in einem Kampf stehen. Kein klassischer, epischer Kampf wie beim Herrn der Ringe, bei dem der Ausgang ungewiss ist. Der Ausgang ist so klar, wie er nur sein kann – weil er schon errungen wurde! Ein Kampf ist es trotzdem – die letzten Rückzugsgefechte eines Besiegten, wie es mein Mitbewohner mal ausgedrückt hat. Treffend. Und als ich vor einiger Zeit die Briefe gelesen habe, die Paulus am Ende seines Lebens an zwei Pastoren geschrieben hat, die er eingesetzt und ausgewählt hatte, da fiel es mir irgendwann wie Schuppen von den Augen. Im 2Tim schreib Paulus:
Mit der Schrift ist der Mensch, der Gott gehört und ihm dient, allen seinen Aufgaben gewachsen und zu jedem guten Werk gerüstet.“ (3,17; NeÜ)
Es hat mich wirklich getroffen. Die Bibel ist uns nicht wirklich dazu gegeben, dass wir uns darüber streiten. Natürlich ist die richtige Auslegung wichtig und es gibt einfach Stellen, die selbst für Bibelwissenschaftler schwierig zu betrachten sind. Aber das ist nicht der Grund, waurm wir sie haben. Sie ist uns auch nicht gegeben, damit wir einen festen Plan haben, wie wir in unserer Heiligung wachsen. Wenn ich nur morgens Bibel lese und bete und... Die Bibel gibt uns zwar einen Hinweis darauf, wie wir in unserer Heiligung wachsen, aber der Heilige Geist geht da mit jedem seinen eigenen Weg.
Also warum, Paulus, warum haben wir diese Bibel, Gott-geatmet, lebendig, kräftig, schärfer, heilig, gerecht, gut? Warum haben wir sie dann? Sie ist ein Geschenk, sagt Paulus. Damit wir ausgerüstet sind, um die guten Werke zu tun, die Gott für uns vorbereitet hat. Gott weiß, dass wir, auf uns allein gestellt, schwach sind. Denken wir an die Jünger, die immer wieder einschlafen, obwohl sie vor wenigen Stunden noch geschworen haben, ihrem Messias bis in den Tod zu folgen. Auf uns allein gestellt sind wir unfähig zu unterscheiden zwischen Wahrheit und Lüge. Auf uns allein gestellt – sind wir nicht. Gott schenkt uns dieses Buch, voller Wunder und wundern. Voller Geist und begeistert. Voller Leben und leben. Voller Atem und atmen. Voller Jesus; und mehr brauchen wir nicht. Wenn er für uns kämpft, wer kann gegen uns stehen?

  1. Wollen wir wirklich dieses Wunder liegen lassen?
Ich weiß, dass es nicht leicht ist, sich die Zeit dafür zu nehmen. Vor allem aber ist es nicht leicht, alles zu verstehen, was in diesem dicken Buch steht. Und es ist nicht einfach, alles zu glauben, was dadrin steht. Aber es ist viel 'Wundern' darin, in der schönsten Bedeutung, die dieses Wort haben kann. Staunen vor diesem großartigen Gott, der sich selbst aufschließt. Und uns ein Geschenk macht. Wollen wir uns selbst darum berauben?
Ich will euch nicht dazu drängen, eure Bibel wieder in die Hand zu nehmen. Ich will euch dazu einladen. Mit mir – in ferne aber verbunden durch einen Geist, einen Herrn, eine Taufe. Das ist keine 'Blogeinladung', kein 'Lesen wir doch gemeinsam'. Es ist eine einfache Einladung. Fang heute an, dich wieder über deinen Gott zu wundern, mit mir und allen anderen, die diesen Versuch heute wieder machen wollen, unabhängig von dem, was ich hier schreibe. Wieder staunen vor diesem Gott und wieder die Luft atmen, die frische Luft, die er in dieses Buch gepustet hat.

God Bless,

Restless Evangelical

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