Sonntag, 28. April 2013

Helfer in der zweiten Reihe



Vom Segen, zweite Wahl zu sein
Manchmal fühle ich mich wie zweite Wahl. Nun ja, manche von euch werden denken: Wie melancholisch. Manche werden sich wundern, wieso das überhaupt der Fall ist. Aber das Problem ist, dass es dabei gar nicht unbedingt darum geht, dass es stimmt und auf den Fakten beruht. Es geht mehr darum, dass ich dieses Gefühl manchmal entwickel durch das, was Menschen mir sagen oder wie sie sich mir gegenüber verhalten. Ich merke oft, dass ich nicht letzte Wahl bin; nicht der, mit dem man nur im äußersten Notfall redet oder zusammen gesehen werden will. Aber es gibt immer noch interessantere, bessere, vernünftigere Menschen, gegen die ich zurückzustecken scheine.
Und das an sich ist kein einfaches Gefühl. Es mag auch an meiner Biographie liegen – was rede ich: Es liegt sicher an meiner Biographie, dass sich dieses Gefühl bei mir in bestimmten Phasen stark ausgeprägt hat. Aber das macht es nicht weniger real. Manche Menschen sagen mir, wenn ich ihnen so etwas überhaupt mal anvertraue, Dinge wie: Stell dich nicht so an! Du hast doch wunderbare Freunde! Du bist doch… Du kannst doch… Du wirst doch… Aber diese Worte machen das Gefühl auch nicht weniger real.
Wahrscheinlich ist es ein Gefühl, dass jeder irgendwie hat. Ich denke, dass die meisten Menschen durch das, was sie tun und sagen, versuchen, ihren Beitrag für das Leben eines anderen Menschen unersetzbar zu machen, um wenigstens bei einem Menschen erste Wahl zu sein. Manche finden das schon in ihrem Elternhaus, wenn sie Einzelkinder waren. Andere in anderen Beziehungen. Andere in ihrer Arbeit oder im Sport. Aber irgendwo finden die Menschen irgendwann das Gefühl, für irgendjemanden oder irgendetwas die erste Wahl zu sein, die Option, zu der es keine Alternative gibt.
Doch es gibt manche Dinge, die die zweite Reihe sehr viel angenehmer gestalten können als die Erste. Zwei Dinge sind mir besonders aufgefallen.

1.      In der zweiten Reihe ist es weniger laut
Die zweite Reihe ist zwar nicht die erste, nicht die mit dem besten Blick und nicht die, wo dich alle sehen, dafür ist der Rummel und Trara dort auch weniger laut. Mir ist das in letzter Zeit besonders aufgefallen, wenn auch dieser Punkt vor allem bei solchen Menschen ein Trost sein kann, die in irgendeiner Weise ihren Lebenssinn schon gefunden haben.
Ich lese gerade einen spannenden Roman über ein Pop-Sternchen und einen Stalker, der von dem unnachahmlichen Jeffery Deaver in Szene gesetzt ist. Darin sagt die Protagonistin, eine Polizistin mit Fachwissen aus dem Bereich der Körpersprache und Psychologie, dass es für Stalker so lange Spaß macht, das Objekt ihrer Begierde zu verfolgen, wie sie sich einreden können, dass die Ablehnung nicht wirklich von ihr/ihm kommt, sondern von Leuten aus ihrer Umgebung. Sobald aber der Groschen fällt, dass es eigentlich die angehimmelte Person ist, von der die Ablehnung ausgeht, sobald kann die Liebe in blanken Hass umschlagen. Denn ohne diese Person ist der Stalker nichts mehr. Sein ganzes Selbstwertgefühl hängt an dieser Person.
Niemand von uns will ein Stalker sein und sich derart abhängig machen von der Anerkennung einer anderen Person. Und doch leben wir häufig so. Es ist, in den überaus meisten Fällen, nicht eine einzige Person; und wir sind auch in der Lage, Ablehnung zu akzeptieren, wenn sie uns gesagt wird. Aber trotzdem leben wir, als wäre unser Wert daran gebunden, wie die Menschen auf uns reagieren. Wir machen uns für sie zurecht, bedenken unsere Worte wohl und stellen uns nur in gutes Licht, damit die Menschen uns anerkennen und sehen, dass wir etwas zu leisten im Stande sind.
Ich musste aufatmen, als ich erkannt habe, welchem Zirkus man dadurch entschwinden kann, wenn man seinen Platz in der zweiten Reihe nicht nur akkzeptiert, sondern vielleicht sogar sucht. Hier ist es ruhiger, hier ist es weniger hektisch, hier ist es meistens echter!
Aber natürlich ist dieser Schritt nur möglich, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir Wert haben, egal in welcher Reihe wir stehen. Als Deutsche haben wir es in unser Grundgesetz geschrieben, und als Menschen eines unserer grundsätzlichen Rechte gemacht, dass jeder Mensch an sich, als Mensch, als Homo Sapiens, eine Würde in sich trägt, die nicht zu zerstören ist. Als Christen dürfen wir wissen, dürfen wir staunen, dass Gott nicht nur gesagt hat, er rettet uns, und dabei mit den Zähnen knirschte, sondern schon vor Grundlegung der Welt, bevor alles begann, den Plan gefasst hat, uns zu retten und bereit war, dafür seinen eigenen Sohn aufzugeben. Lies Epheser 1 und sag mir, dass du aus diesem Kapitel nicht mit strahlendem Lächeln herausgehen kannst. Du bist gemeint, wenn Gott ruft. Nicht nur das Kollektiv, sondern du als Individuum. Und nichts zerstört das; kein fieser Spruch und keine einsame Stunde; kein böser Blick und keine Träne. Nichts verändert den Wert, den dir die Liebe Gottes zuspricht. Gott liebt dich, nicht etwa, weil du in der Lage bist, etwas Großes zu leisten. Du bist wertvoll, weil er dich liebt – dieser große, unfassbare, unnachahmliche Gott.
Und mit diesem Wissen, diesem Wert im Herzen, können wir in die zweite Reihe treten und ausatmen, einatmen, den Luftzug genießen und sehen, dass wir aus dem Zirkus heraustreten und endlich echt werden.

2.      In der zweiten Reihe trachten wir nach dem Reich Gottes.
Ein Wort Jesu ist mir in den letzten Wochen besonders wichtig geworden in diesem Zusammenhang. Er sagt: „Euch soll es zuerst um Gottes Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird er euch alles Übrige dazugeben.“ (Mt 6,33; NeÜ) Mitten in der Bergpredigt ist dieser Vers angesiedelt und sagt uns etwas über unsere Prioritäten. Vorher ging es um die grundlegendsten, bedeutendsten Bedürfnisse im Leben eines Menschen: Nahrung und Kleidung. Wieviel Grundlegender ist das, als unser Bedürfnis, erste Wahl zu sein? Und trotzdem sagt Jesus, es ist nicht eure erste Priorität, soll es jedenfalls nicht sein. Unsere erste Priorität, von äußerster Wichtigkeit – unsere erste Wahl – ist das Angesicht Gottes. Der unvergleichliche Martyn Lloyd Jones hat es so ausgedrückt:

„We can paraphrase our Lord’s words thus: If you want to seek anything, if you want to be anxious about anything, be anxious about your spiritual condition, your nearness to God and your relationship to him. If you put that first, worry will go; that is the result. This great concern about your relationship to God will drive out every lesser concern about food and clothing“(Jones, Studies in the Sermon on the Mount, 145)
(dt. etwa: Wir können diese Worte des Herrn auch so ausdrücken: Wenn du irgendetwas suchen willst, wenn du dir um irgendetwas Sorgen machen willst, mach dir Sorgen um seine geistliche Verfassung, deine Nähe zu Gott und deine Beziehung zu ihm. Wenn du das an erste Stelle setzt wird das Sorgen auch vergehen. Das ist das Ergebnis. Dieses große Interesse an deiner Beziehung zu Gott wird jedes kleinere Interesse nach Nahrung und Kleidung vertreiben.“)

Doch ich würde sagen, dass es hier nicht einzig um unsere Beziehung zu Gott geht. Es geht auch darum, dass wir den Gehorsam, die Nachfolge in seinen Spuren an erste Stelle setzen. Es ist doch interessant, dass viele große Dinge in der Kirchengeschichte von den Leuten in der zweiten Reihe vollbracht wurden. Hier, in der zweiten Reihe, wo der Zirkus verklingt und wir nicht mehr versuchen, den Menschen zu gefallen, sind wir auch bereit, unsere Hände schmutzig zu machen für das Reich Gottes.

3.      So schlecht ist es hier doch gar nicht.
Zum Schluss fällt mir auf: So schlimm ist es in der zweiten Reihe gar nicht. Jedenfalls nicht immer. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist natürlich immer vorhanden. Aber in dem Zirkus, der oft damit einhergeht, diese Anerkennung auch zu bekommen, vergessen wir oft, wer wir sind und was unsere Prioritäten sind. Wenn es auch manchmal weh tut, nicht die erste Wahl zu sein, zeigt uns das Leben, dass die zweite Wahl manchmal größere Dinge im Reich Gottes zustande zu bringen in der Lage ist, das die erste Reihe. Warum? Weil hier, in der zweiten Reihe, nicht mehr so sehr zählt, wie viel Anerkennung du bekommen kannst, sondern wie du im Reich Gottes helfen kann.
Und weil hier, in der zweiten Reihe, wirklich alles nur noch von der Gnade Gottes abhängt. Wenn dir niemand Anerkennung zu schenken scheint, dann ist da immernoch dieser großartige König, dieser unvergleichbare Gott, dieser Erlöser, der unsere Grenzen sprengt, und der auf uns wartet um zu sagen: Gut gemacht, mein treuer Diener.

God Bless,
Restless Evangelical

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