Sonntag, 12. Mai 2013

Gott hat dich nicht vergessen.

Der Preis war viel zu hoch, als das er dich vergessen könnte.

In Walter Moers unglaublichem Roman 'Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär' erscheint in der zweiten Hälfte der Geschichte die Situation, dass der Protagonist durch einen monströsen Schädel laufen muss, um Atlantis zu erreichen. Weil dieser Kopf riesig ist, ist auch alles, was sich darin abspielt, riesig. So trifft der Blaubär darin auf Ideen, die nach der Minute und Stunde benannt sind, an der sie geboren wurde. Gute Ideen gehen mit erhobener Brust vorbei, während sich schlechte Ideen immer wegducken müssen. Die hässlichste aller schlechten Ideen ist der Wahnsinn.
Im Kopf findet sich außerdem ein Ort, mit dem Namen 'See des Vergessens'. Das 'Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung' von Prof. Dr. Dr. Abdul Nachtigaller schreibt darüber:
Im Bollogg-Gehirn befindet sich ein sogenannter See des Vergessens, ein einem kochenden Teersee nicht unähnlicher Tümpel aus flüssiger Vergesslichkeit. Wer oder was in ihn hineinfällt, stirbt den Tod durch Vergessen, was eine besonders radikale Form des Dahinscheidens ist, denn es bleibt nichts übrig, nicht einmal eine Erinnerung.“ (Moers, Blaubär, 415)
Moers ist auf diese unnachahmliche Weise in der Lage, aus dem Skurilen Schönheit und Wahrheit zu erschaffen. Und der See des Vergessens ist einer der Orte, der mir bei dem Gedanken an diese großartigen Romane immer in den Sinn kommen.
Wie grausam muss ein Tod sein, in dem man einfach vergessen wird und daran stirbt. Der Ort wirkt in dem Buch nicht wirklich grausam, nicht bedrohlich, weil er so skuril ist. Aber gleichzeitig spricht die Idee dahinter uns alle an. Vergessen zu werden, ob in dieser oder nächsten Welt, ist etwas, das wir uns nicht vorstellen wollen, weil es uns einen eiskalten Schauer über den Rücken jagt.
In meinem letzten Post (Zitat meines Mitbewohners: „Hauptsache er haut so einen Depri-Artikel raus!“) habe ich über die Möglichkeit nachgedacht, dass andere Menschen uns vergessen, wir für sie nur zweite Wahl sind, und was das mit unserem Selbstwertgefühl macht. Ich habe versucht, zu zeigen, dass selbst zweite Wahl zu sein, kein Grund ist, am Leben zu verzweifeln, weil abseits des Zirkusses, der nach Aufmerksamkeit schreit, die Menschen echt werden können.
Seitdem habe ich über das Thema noch manches Mal nachgedacht und kam zu dem Gedanken, dass manche von euch vielleicht gar nicht so sehr ein Problem damit haben, bei Menschen zweite Wahl zu sein; weil ihr es vielleicht nicht seid, oder weil es euch gar nicht so sehr trifft, wie mich an manchen Tagen. Für manche von euch ist die Frage vielleicht viel mehr, ob Gott euch vergessen hat. Ob ihr nur zweite Wahl für Gott seid.

1. Ein tapferer Feigling
Das zu denken wäre natürlich der Super-GAU. Wenn wir uns, als Christen, nicht mehr gewiss sind, dass uns Gottes Güte und Gnade trägt, nachläuft und aufhebt, dann scheint es nichts mehr zu geben, an das wir uns halten können. Es wäre auch kein Trost mehr, dass wir als zweite Wahl die Möglichkeit finden, echt zu sein und im Reich Gottes mit anzupacken – was ich als Trost versucht habe, herauszustellen – weil die Frage besteht, ob Gott uns überhaupt im Reich Gottes willkommen heißt.
Als ich Anfang der Woche einen Impuls für meinen wunderbaren Hauskreis vorbereitet habe (Zitat meines Mitbewohners: „Du liebst deinen Hauskreis, oder?“ Ähm, Ja?!), bin ich durch das Buch Richter gegangen, weil ich etwas darüber sagen wollte, wie wir als Christen dem Buch Richter begegnen sollten, wo die große Linie liegt und was der Schlüssel zu seinem Verständnis ist. Meine Gedanken und meine Anteilnahme blieben hängen bei Gideon, diesem verängstigten Anti-Helden, den Jahwe dennoch gebraucht, um sein Volk zu befreien. Die Berufungsgeschichte von Gideon ist besonders anrührend – und sagt uns, denke ich, etwas darüber, ob uns Gott in den See des Vergessens geworfen hat.
Die Geschichte beginnt, indem berichtet wird, dass die Midianiter immer wieder ins Land einfallen und die Ernte der Israeliten zerstören. So kommt es, dass wir Gideon in einer Kelter antreffen, wo er heimlich Korn schlägt, wahrscheinlich die letzten Überreste, die er vor dem Angriff der Midianiter wegschaffen konnte. Und der Engel Jahwes erscheint ihm. Wir sollten daran denken, dass der Engel Jahwes im AT oft mehr ist als 'nur' ein Bote. Oft handelt es sich um eine Erscheinung Gottes selbst – manche reden hier schon von Jesus, der zweiten Person der Dreieinigkeit. Gideon ist also auf einmal in die Position versetzt, seinem Schöpfer gegenüberzustehen. Und Jahwe grüßt ihn:
Jahwe ist mit dir, du tapferer Held!“ (Ri 6,12b; NeÜ)
Dieser Satz hat einen gewissen Witz in sich, denn wie sich die Geschichte entfaltet, lesen wir, dass Gideon sowas von gar kein tapferer Held ist. Es wird zum Charakteristikum von seinem Dienst, dass er Angst hat. Aber Jahwe meint hier auch gar nicht, dass Gideon in sich ein tapferer Krieger ist. Wichtig ist gerade der Anfang es Satzes: Jahwe ist mit dir. Wenn Jahwe, der Schöpfer der ganzen Welt, der Bewahrer der Ordnung, der Retter vom Exodus, mit dir ist, dann kannst du nicht anders, als ein tapferer Held zu werden. Je mehr du in diesem Bewusstsein lebst, dass Jahwe mit dir ist, desto mehr wirst du tapfer und mutig. Denken ich daran, dass Jesus uns versprochen hat, jeden Tag bei uns zu sein bis zum Ende der Welt, kurz nachdem er klar gestellt hat, dass er jetzt wieder alle Macht im Himmel und der Erde hat – dann kriege ich eine Gänsehaut vor Vorfreude. Was für ein Gott!

2. Ein resigniertes Kind Gottes
Wichtig finde ich aber, für unsere Frage, wie Gideon und Jahwe in ihrem Gespräch weitergehen. Denn Gideon antwortet resigniert. Er antwortet:
"Ach mein Herr", erwiderte Gideon, "wenn Jahwe wirklich mit uns ist, warum hat uns dann das alles getroffen? Wo sind denn alle seine Wunder, von denen uns unsere Väter erzählt haben? Sie sagten, Jahwe habe uns aus Ägypten hierher geführt. Aber jetzt hat er uns im Stich gelassen und den Midianitern ausgeliefert."“ (6,13; NeÜ)
Spannend ist doch, dass Gideon von den großen Taten Jahwes weiß. Er weiß, dass die Alten gesagt haben, sie wurden von Jahwe aus Ägypten geführt. Aber er scheint es nicht mehr zu glauben, sein Vertrauen auf diese großartige Kraft Gottes ist abhanden gekommen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sein Vater ihm kein besonderes Vorbild im Vertrauen geliefert hat (in 6,25 lesen wir, dass es Götzen Altäre auf dem Hof gab!). Wie sollte Gideon auch darauf vertrauen? Er ist wie der Sohn eines Kirchenchristen. Die Predigen haben ihm vielleicht die Notwendigkeit der Rettung deutlich vor Augen geführt, er hat auch einmal sein Leben Jesus übergeben – aber er hat nie gelernt, auf die Kraft zu vertrauen, die den Messias aus den Toten auferweckt hat (Eph 1,20). Er hat diese Kraft nie aktiv gesehen im Leben derjenigen, die sie ihm vorleben sollten. Es ist nicht wirkliche Gideons Schuld, er weiß es nicht besser. Er ist resigniert. Und ich höre hier manchmal uns, als unsichere Christen. „Man sagt ja, Jesus ist auferstanden. Habe ich oft in den Predigten gehört. Aber sollte das nicht dann einen Unterschied in meinem Leben machen? Sollte Gott nicht hier sein?“ Ja – sollte Gott nicht eigentlich hier sein, wenn er das wirklich gemacht hat, wenn er uns wirklich gerettet hat, wenn er wirklich seinen Sohn geopfert hat? Sollte Gott nicht hier sein?

3. Ein treuer Gott
Und die Antwort ist, natürlich: Oh ja – und er ist es. Seht, wie Jahwe auf diese Äußerungen Gideons reagiert:
„Da wandte sich der HERR ihm zu und sprach: Geh hin in dieser deiner Kraft und rette Israel aus der Hand Midians! Habe ich dich nicht gesandt?“ (6,14; ELB)

Ich bin einmal von meiner üblichen Art abgerückt, und habe hier nicht die NeÜ zitiert, sondern die klassische Elberfelder Übersetzung, weil hier der hebräische Text besser zur Geltung kommt. Gideon mag resigniert sein, sich fragen wie er überhaupt auf diesen Gott vertrauen kann. Und er erinnert sich an das Ereignis, von dem die Alten geredet haben: Gott hatte Israel einmal aus Ägypten geführt. Und Gott sagt: In dieser (!) deiner Kraft sollst du ausziehen. Gideon soll eben nicht als der ängstliche, kleine Krieger losziehen und es auf eigene Faust erreichen. Seine Kraft liegt in dem, was er gerade zitiert hat: In der Kraft des Bundesgottes, in der Kraft Jahwes. Wer diese Kraft auf seiner Seite hat, der braucht sich nicht zu fürchten.

4. Glaubst du das wirklich?
Was hat das mit dem See des Vergessens zutun? Die Verbindung ist jetzt nicht mehr schwer. Wenn Gott wirklich sein Volk unter Mühen und Not aus Ägypten geführt hat; wenn Gott wirklich 40 Jahre lang mit ihnen durch die Wüste gezogen ist, um sie in der Land zu führen; wenn Gott wirklich bereit war, seinen Sohn zu Opfern; wenn Jesus bereit war, die Strafe für deine Sünde auf sich zu nehmen; wenn Gott bereit war, das Opfer anzuerkennen und Jesus von den Toten aufzuerwecken; wenn der Heilige Geist wirklich bereit war, dir eine neue Identität zu schenken – ist es dann zu viel für ihn, bei dir zu bleiben auch im Tal der Tränen?
Glaubst du, dass Gott eines seiner Kinder vergessen kann, das er mit seinem eigenen, teuren Blut gekauft hat?
Glaubst du wirklich, dass Gott sein Volk vergessen kann, das sein Schmuck und seine Stellvertretung ist?
Glaubst du das wirklich?
Manchmal ist unser Herz bedrückt und wir denken, dass Gott uns vergessen hat. Das an sich ist etwas menschliches und sagt nichts über unsere geistliche Gesundheit aus. Ich will dich aber dazu ermutigen, in dem Moment nicht nach Beweisen für Gottes Gegenwart zu suchen in Wundern und übernatürlichen Zeichen. Sondern in dem Zeichen, das einmal aufgestellt wurde, zwischen Himmel und Erde, wo der Sohn Gottes sagte: „Es ist fertig, vollendet, durchgesetzt und jetzt bist du geliebt, angenommen, für immer mein.“
Hier finden wir wirkliche Annahme und Sicherheit, dass Gott uns nicht in den See des Vergessens fallen lässt, weil der Preis, den er für dich bezahlt hat, viel zu teuer war, um dich jetzt fallen zu lassen.
Zum Schluss – Paulus:
„[Wir sollen] erkennen, was alle Erkenntnis übersteigt: die unermessliche Liebe, die Christus zu uns hat. So werdet ihr bis zur ganzen Fülle Gottes erfüllt werden.“ (Eph 3,19)


God Bless,

Restless Evangelical