Mittwoch, 5. Juni 2013

Jeden Schritt feiern.

Heiligung, die vom Evangelium liebt

Mein Blog trägt den Untertitel: 'Erlebnisse auf der Reise evangelikaler Spiritualität'. Der ist durchaus bewusst gewählt, weil ich damit zum Ausdruck bringen will, dass meine Frömmigkeit, der Ausdruck meines Glaubens, nicht am Ende ist. Jeden Tag gehe ich ein weiteres Stück, lerne mehr und erkenne mehr. Und durch das erkennen und sehen, lernen und verstehen entwickelt sich mein Bild von Gott und von evangelikaler Spiritualität weiter. Christlicher Glaube ist nicht statisch, will ich damit sagen. Er ist organisch, wabernd, in Bewegung. Eine Jesus-Bewegung. Bewegt sich von Jesus als Ausgangspunkt immer mehr auf Jesus zu.
Ich bin manches Mal in den letzten Tagen daruf gestoßen, dass es mit der christlichen Heiligung ganz ähnlich ist. Eine Bewegung. Von Jesus als Ausgangspunkt auf Jesus zu. Ich wurde schon manches Mal mit der Frage konfrontiert: „Heiligung, ja oder nein?“ - Und ich habe mich immer gewundert, warum. Bis ich dahinter kam, dass das Verständnis von Bewegung und Ziel entscheidend dafür ist, wie wir Heiligung verstehen – und wie wir sie wertschätzen.
Heiligung bedeutet, auf dem Weg zu Jesus zu sein. Sie bedeutet nicht, einem unerreichbaren Maßstab hinterherzuhetzen.

  1. Heiligung ist, wenn Gott mit uns jeden Schritt feiert.
Paulus schreibt einmal etwas spannendes zum Thema Heiligung. Er fordert die Philipper auf: „[S]chaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ (Phil 2,12b; Lut) Das sagt Paulus zu den Leuten, denen er vorher gesagt hatte, dass sie immer gehorsam waren, immer gedient haben, das 'Gute Leben' gelebt haben. Und trotzdem sollen sie dafür sorgen, dass sie selig werden, mit Furcht und Zittern. Wie kommt das?
Das Problem ist, dass unsere Listen, wie Heiligung funktioniert, uns nur dazu bringen, immer schneller zu rennen, niemals zu Luft zu kommen und am Ende gar nicht mehr zu sehen, warum wir in Heiligung leben sollen. Wenn unsere Rettung eigentlich am Kreuz erreicht ist, warum sollen wir dann überhaupt noch in Heiligung leben? Und wieviel von dieser Paulus-Liste oder dieser anderen Liste sollen wir halten, um genug zu bringen, das uns rettet. Wieviel Heiligung ist genug, um zu beweisen, dass wir dabei sind, drin bleiben?
Wunderschön ist es, dass Paulus hier nicht aufhört. Er sagt nicht einfach: Ihr habt zwar schon immer gehorcht, aber fürchtet euch trotzdem vor Gott und schafft, dass er euch irgendwann annimmt. Es geht ganz anders weiter: „Denn Gott bewirkt den Wunsch in euch, ihm zu gehorchen, und gibt euch auch die Kraft, zu tun, was ihm gefällt.“ (Phil 2,13; NeÜ) Beachte das 'denn'. Wir sollen uns darüber bemühen, dass wir selig werden – gerade WEIL Gott eigentlich in uns wirkt. Gerade WEIL Gott es ist, das in uns wirkt und es bewirkt und seine Wirkmacht wirklicher ist als die Wirklichkeit!
Wenn wir also darin wachsen, Jesus zu gefallen und einen Charakter auszubilden, der ihn verherrlicht, dann ist das ein Zeichen dafür, dass Jesus in uns wirkt, der Heilige Geist uns verändert und wir gestärkt werden in unserem Zeugnis für ihn. Jeder Schritt auf dem Weg zur Herrlichkeit ist ein Schritt, den er bewirkt. Jeder Fuß vor Fuß ist eine Bewegung, die das Wirken Gottes in uns beweist. Das bedeutet, wir sollen jeden Schritt feiern! Und Jesus feiert jeden Schritt mit.
Eine Reise wird nicht dadurch bewältigt, dass man sich immer das Ende ansieht und darauf achtet, sich vor dem fürchtet, was noch vor uns liegt. Ein Berg voll Arbeit wird nicht dadurch kleiner, dass wir uns die ganze Zeit einreden, wir würden das niemals schaffen.
Jeder Schritt ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn bedenke: Jesus wirkt in dir. Jesus bewirkt in dir beides, das Wollen und auch das Vollbringen. Jeder Schritt ist ein Grund zu feiern und ein Grund zu Danken. Denn jeder Schritt beweist: Du lebst mit Jesus, und Jesus lebt mit dir.

  1. Heiligung ist, wenn Gott uns auch mal stehen lässt.
Mancheiner ist skeptisch, was christliche Heiligung angeht, denn er nimmt an, dass es dazu führt, dass wir unsere Persönlichkeit an der Tür abgeben müssen. Wenn wir alle die gleichen Regeln befolgen, und nach den gleichen Maßstäben leben, werden wir dann nicht alle zu den gleichen Menschen? Sind es nicht unsere Überzeugungen, unsere Entscheidungen und unsere Fehler, die uns eigentlich zu dem machen, was wir sind, wer wir sind, als der wir auch gewertschätzt werden wollen?
Ich habe den Propheten Jeremia in den letzten Tagen intensiv gelesen, weil ich im Hauskreis einiges darüber sagen wollte. Jeremia ist der Pastor unter den Propheten im Alten Testament. Er weint, er schreit, er leidet mit. Und bei allem bleibt er menschlich. Er überhebt sich nicht, schwebt nicht über dem Boden, sondern macht Fehler, und Gott lässt sie stehen.
Im Kapitel 18 ab Vers 18 finden wir ein sogenanntes 'Rachegebet', das Jeremia über seine Feinde betet. Es versteigt sich bis darauf, dass Gott seinen Feinden nicht vergeben soll. Und dass es dort drin steht, heißt noch lange nicht, dass es auch gut ist! Wir sollten diesen feinen Unterschied nicht untergraben. Erstmal bedeutet es nur, dass ich glaube, dass es geschehen ist.
Es bedeutet aber nicht, dass wir nicht damit ringen dürfen, wenn Jeremia das tut.
Allerdings lehrt es uns etwas über den Weg Gottes mit uns. Als ich gestern mit einem lieben Freund über diesen Text geredet habe und meine Gedanken dazu, sagte er: „Das Tolle ist doch, dass Gott es einfach stehen lässt.“ Gott lässt es stehen.
Wenn es um Heiligung geht, dann ist mein Gott ein dynamischer Gott, der seinen Weg mit uns geht, Schritt für Schritt, Meter um Meter, in dem Tempo, das wir brauchen, damit wir nicht am Ende vollkommen erschöpft im Graben liegen. Gott kennt unser Tempo, geht mit uns, trägt uns auch mal ein Stück. Und wenn wir mal ausbrechen müssen, Emotionen freien Lauf brauchen, weil wir sonst explodieren – dann lässt Gott es eben stehen.
Aber, dass Gott uns dynamisch begegnet, nicht jedem gleichartig, bedeutet nicht, dass es gar keine Änderung gibt in unserem Leben. Unser Charakter verändert sich. Aber wenn es eine Heiligung ist, die nicht aus unseren Werken und unserer Stärke geboren ist, sondern durch den Heiligen Geist, dann ist es eine Veränderung, mit deren Auswirkungen froh sein werden.

  1. Heiligung ist, wenn Jesus uns zum Vorbild wird.
Was lerne ich daraus, was nehme ich von Paulus und Jeremia mit?
Jeremia bezeichnet sich an einer Stelle (Jer 11,19) als ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird. Aber als er wütend nicht mehr weiter kann, da ist von dem Lamm nur noch wenig zu sehen.
Aber dann schweifen meine Gedanken zu einem anderen Lamm. Einem Lamm, dass mehr großartiges für die Menschen in seiner Umgebung und dann für alle Menschen in allen Ländern zu allen Zeiten getan hat. Meine Gedanken gehen zu einem Lamm, das niemals irgendjemandem geschadet hat, und trotzdem gehasst wurde. Ich denke an ein Lamm, gegen das nicht nur ein Mordanschlag geplant wurde, sondern in dessen Ermordung sogar einer seiner besten Freunde verwickelt war, und den Gott nicht vereitelt hat. Ich denke an ein Lamm, das am Kreuz gestorben ist. Am Höhepunkt seines Schmerzes und seines Leides, da ruft er ganz ähnliche Worte wie Jeremia. Jeremia ruft: Vergib ihnen nicht diese Schuld“ (Jer 18,23; NeÜ). Ein Wort lässt dieses Lamm am Kreuz aber aus. Das „nicht“ - und verändert alles.
Wenn wir Jesus als Vorbild haben, dann mag die Latte hoch gehängt sein, aber das Kreuz gibt uns die Sicherheit: Das Ziel ist gut, renn darauf zu im Tempo das du hast – aber du darfst sicher sein, dass du immer ans Ziel kommst, zur Not wird Gott dich tragen! Es kommt nicht auf dich an, auf deine Kraft – sondern auf jeden Schritt, den Jesus mit dir geht. Und dann sind diese Veränderungen, die Jesus in uns wirkt, großartig.
Denkt an Stephanus, der, als er gesteinigt wird dafür, dass er Menschen geheilt und ihnen eine gereinigte Beziehung mit ihrem Schöpfer gepredigt hat, zu diesem Schöpfer betet: „Herr, rechne ihnen diese Schuld nicht zu!“
Ich bin sicher, dass in diesem Moment nicht nur die Engel ein Loblied auf die Gnade Gottes gesungen haben, sondern auch ein Jeremia dort, in der Gegenwart Gottes stand und lächelte. „Ich hab es anders gemacht.“, mag er gedacht haben. „Aber das hier zeigt Gottes Gnade so viel wunderbarer.“

God Bless,


Restless Evangelical