Mittwoch, 7. August 2013

Der Tag, an dem ich heulend im Zug saß.

Warum es nichts Schöneres gibt als Bekehrungsgeschichten

Vorgestern habe ich 9 Stunden an meiner BA-Arbeit gesessen. Ich habe keine Pause gemacht, nichts gefrühstückt, und irgendwann funktionierte mein Kopf nur noch durch den halben Liter Kaffee, den ich mir auf der Hinfahrt nach Marburg reingeschüttet habe. Es war ein produktiver Tag, keine Frage. Aber es ist vielleicht auch dieser Tatsache geschuldet, was im Anschluss passierte.
In den letzten Tagen und Wochen habe ich morgens und abends im Zug Stückchen für Stückchen das Buch 'Letters from a Skeptic' gelesen, in dem Greg Boyd einen Briefwechsel mit seinem agnostischen Vater beginnt. Greg Boyd ist Pastor und Professor am Bethel College & Seminary. In dieser Funktion unterrichtet er auch 'Apologetics', was die Kunst bezeichnet, den Glauben rational zu verteidigen. Also begibt er sich auch eine mehr-als-zweijährige Reise mit seinem Vater, während der sie die klassischen großen Anfragen an das Christentum besprechen. Der freundliche Ton und die liebevolle Atmosphäre, ebenso wie die Menschlichkeit und Bodenständigkeit der Sprache haben mir von Anfang an imponiert. Gestern auf der Rückfahrt habe ich die letzten zwei Briefe gelesen. Beide kommen vom Vater. Seine letzte Frage ist „Wie kann ich wissen, dass das auch wirklich alles stimmt und wir nichts vergessen haben?“. Am Ende steht: Ich glaube!
Als ich dort saß, im Zug, und den kurzen Epilog las, in dem Greg berichtet, wie die Macht Gottes seinen Vater nach dieser Entscheidung mehr und mehr verändert hat, merkte ich auf einmal, wie Tränen mein Gesicht hinunterliefen.
Das war kein Schluchzen und nichts Außergewöhnliches. Wer mich kennt, weiß, dass das hin und wieder bei Büchern vorkommt. Ich denke auch nicht, dass irgendeiner im Zug es mitbekommen hat.
Aber – es waren Tränen der Freude.

  1. Freude über Jesus
In erster Linie war es Freude über diesen spektakulären, atemberaubenden Retter.
Ich habe mir an meinem Arbeitsplatz in der Bibliothek der FTH eine kleine Post-It-Note an die Seite geklebt, die mich während meiner Arbeit an die eine, großartige, fundamentale und unübertreffliche Wahrheit erinnern soll: „Hold fast that God is an amazing Savior.“
Am Sonntag hatte ich das Privileg, darüber zu predigen, wie Petrus am Ende seines Lebens diese lebensverändernde Botschaft von der Gnade Gottes noch einmal zusammenfasst. In der Vorbereitung für diese Predigt habe ich mich gefragt: Wie kann ich etwas anderes predigen als diese Botschaft, von Hoffnung und Veränderung, von grenzenloser Gnade und grenzenloser Liebe. Wie kann ich von etwas anderem Reden? Wie kann ich Menschen Lebensratschläge geben, die sie in jedem Selbsthilfebuch finden, die ihnen aber nicht helfen werden, weil sie nicht mit dem grundsätzlichsten Problem der Menschen anfangen: Unserer Sünde.
Als ich in Boyds Buch gelesen habe, wie die Rationalität der evangelikalen Spiritualität nach und nach eine Barriere nach der anderen bei diesem alten, zynischen Agnostiker abgebaut hat und er immer mehr zu dem Punkt gekommen ist, dass er beginnen konnte zu fragen: „Was ist, wenn es diesen Gott wirklich gibt?“ habe ich gemerkt, wie dieser Gott genau das macht, was er von sich selbst sagt zu lieben. Er liebt es, gnädig zu sein – und will deswegen nicht ewig an seinem Zorn festhalten (Micha 7,18).
Manchmal müssen wir uns schwierigen Fragen des Glaubens stellen – und versuchen zu ergründen, warum dies oder jenes passiert. Ich denke nicht, dass das an und für sich eine schlechte Idee ist. Aber alle diese kleinen, stechenden Fragen können versuchen, unseren Blick zu fangen. Dann stellen wir uns lieber die Frage, ob die Sintflut hätte stattfinden können und wie wir das mit den geologischen Daten in Einklang bringen, und nicht mehr, wie unglaublich dieser Retter ist. Und es gibt viele hundert anderer kleiner Fragen, die so funktionieren.
Im besten Fall führt uns das dazu, dass wir mehr vertrauen finden in die Bibel, weil wir erkennen, dass sie erstaunlich akkurat ist, was historische Fakten angeht. Und dann lesen wir mehr darin und erkenne auf jeder Seite Gottes Rettungsmission, die ihren Höhepunkt im sterbenden Gottessohn findet.
Im schlechtesten Fall nehmen uns diese Fragen so sehr gefangen, dass wir vergessen, auf diesen Jesus zu sehen. Unsere ganze Aufmerksamkeit kann davon gefangen werden – selbst als Christen – und wir werden zu solchen „Wächtern auf der Mauer“, die ihr kleines Thema gefunden haben und darauf herumkauen – und dann reden sie über nichts anderes mehr. 'Habe ich dir schon erzählt, dass alle Geologen lügen, wenn sie sagen, dass die Sintflut nicht stattgefunden hat?' Als würde sich unsere Hoffnung an diesen Fragen festmachen. Als ob solcher Hochmut jemals irgendwem geholfen hat.
Wenn es etwas gibt, von dem ich nicht mehr aufhören will zu reden, dann ist es das Kreuz. Und eigentlich nicht wirklich dieses Holz mit seinen Maserungen und dem verkrusteten Blut alter Kreuzigungen an ihm. Eigentlich ist es der Mann, der dort hing und bereit war, zu tragen, was ich hätte tragen müssen, behandelt zu werden, wie ich hätte behandelt werden müssen, damit ich tragen darf, was er erworben hat und damit ich behandelt werden darf, wie er behandelt wird.
Ich habe niemals, nirgendwo, eine Nachricht gehört, die mehr in den Menschen gemacht hat; keine Nachricht, die mich tiefer berührt und tiefer bewegt hätte.
Es war diese Nachricht von der bedingungslosen Gnade Gottes, von der Greg Boyds Vater irgendwann sagte:
Your understanding of God's Grace is so strange, Greg, that I almost think it must be a revelation from the Almighty, because I can't imagine a person ever dreaming up such a counterintuitive notion! Common sense says that people go to heaven or hell depending on wether they're good or bad, and this is what I always thought Christians believe.“ (Boyd, Gregory, Letters from a Sceptic. A Son wrestles with his Fathers Questions about Christianity; Colorado Springs: David C. Cook 2010, 218; Hervorhebung im Original)
  1. Freude über einen neuen Bruder
Bei der Gießener Tafel haben wir einen Kunden, der Christ ist. Jedenfalls ist er der einzige, der das offen mit sich herumträgt. Vor ein paar Wochen kam er herein und sprach mich an – da er weiß, dass ich seine Spiritualität teile – mit: „Guten Tag, mein Bruder.“ Ich musste lächeln, aber andere haben komisch geguckt. Und dann hat er einen schönen Satz gesagt. „Das ist der größte Ehrentitel, den ein Mensch bekommen kann.“
Das war natürlich nicht sehr missional, es wurde nichts erklärt oder deutlich gemacht. Aber Recht hatte er eben doch.
Vor kurzem hat ein Freund, mit dem ich über den christlichen Glauben diskutiere, gesagt, dass was ich in der Gemeinde (oder im Hauskreis, oder in der FTH) erlebe nicht 'Gott' sei, sondern Gemeinschaft und alle ihre schönen Seiten. Was für eine kuriose Unterscheidung. Wenn wir wirkliche der Körper von Jesus sind, dann bedeutet das nicht nur, dass wir 'wie Jesus' handeln sollten, sondern auch, dass wir durch ihn so eng verbunden sind wie Arme und Beine und alles andere. Das gleiche Leben fließt durch uns – da ist nichts, was uns trennt. Wir sind zu einem geworden, gerade weil wir in der selben, gereinigten Beziehung zu Gott stehen können durch dieses Evangelium,
Also ist es auch das Evangelium vom sterbenden Gottessohn, das uns verbindet.
Ich kenne Ed Boyd nicht, habe ihn nie kennenlernen können und wenige Jahre nach seiner 'Bekehrung' ist er gestorben; nach dem, was Greg darüber berichtet, friedlich und mit kindlichem Gottvertrauen.
Ich kenne auch Greg Boyd nicht, und ich habe einige Anfragen an seine Sicht von Gottes Allwissenheit. Aber hier am Kreuz zählt das nicht mehr.
Denn ich weiß, dass wir eng wie Geschwister sind, ohne uns zu kennen. Das ist der größte Ehrentitel, den ein Mensch bekommen kann. Wir können ihn uns nicht verdienen. Er wird uns geschenkt. Aber es hängt mehr Ehre, mehr Gemeinschaft, mehr
  1. Freude, weil es nicht mehr nur ein 'Ich' gibt
Manchmal fühle ich mich ganz elend, wenn ich an den Individualismus denke, der unsere Kultur so fest in ihren Fängen hat. Es ist nicht, dass ich nicht die Selbstbestimmheit an sich zu schätzen wüsste. Tim Keller hat es letztens auf Twitter in einer Questions&Answers Session sehr schön ausgedrückt über unsere Generation. „You're the Generation most afraid of real community because it inevitably limits freedom and choice. Get over your fear.“ (gelesen bei: http://www.christianpost.com/news/timothy-keller-talks-christianity-and-churchs-biggest-problem-101193/)
Die Idee von Gemeinschaft, von Gemeinde, wo wir verbunden sind mit einem Ziel und vor allem einem Ausgangspunkt, ist, was am Ende jeder Bekehrungsgeschichte steht. Ein Mann, der jahrzehnte-lang für sich Leben musste, kommt in eine Gemeinschaft, in der wir von dieser Last befreit sind. Und ich empfinde es als eine Last, immer alles meistern zu müssen, immer meinen Ansprüchen gerecht werden zu müssen und immer den Ansprüchen zu genügen, die andere an mich haben.
In einer Gemeinde soll es anders sein. Matt Chandler nennt die Gemeinde eine Gemeinschaft, die sich um das Evangelium sammelt. Er hat auch einmal gesagt, dass er erst sicher ist, dass seine Gemeinde das Evangelium verstanden hat, wenn sie beginnen, sich gegenseitig ihre Sünde zu bekennen.
Wo eine Gemeinschaft entsteht, in der der einzelne seinen Wert nicht daraus bekommt, was er kann und was er tut, sondern einzig aus dem, was für ihn getan wurde, da kann echte Gemeinschaft entstehen.
Manchmal habe ich dieses nagende Gefühl in meinem Hinterkopf: Was ist, wenn mal niemand mehr meinen Blog liest?
Die Antwort Jesu ist: Dann habe ich dich immer noch befreit, erlöst und in eine Gemeinschaft gestellt.
Oder ich frage mich, was passiert, wenn ich mal nicht mehr irgendwohin eingeladen werde, um zu predigen.
Dann ist die Antwort Jesu immer noch die gleiche. Erlöst, befreit, in Gemeinschaft gestellt.

Das ist sicher der Grund, warum ich denke, dass es nichts Schöneres als Bekehrungsgeschichten gibt. In ihnen erkenne ich die atemberaubende Größe meines Retters. In ihnen erkenne ich, dass Menschen verändert werden können. Und in ihnen erkenne ich, dass eine tiefere Gemeinschaft möglich ist, als wir uns vorstellen können.
Und ich bin begeistert davon.
Ebenso, wie Ed Boyd.

One dramtic change was in my father's emotional tenderness. The pre-christian Ed Boyd rarely expressed emotions – certainly not in public. But the Christian Ed Boyd became a man who wore his heart on his sleeve. My father literally wept for joy every time he heard of a person coming to Christ through our correspondence – and over the course of eleven years he hear this hundreds of times!“ (Letters from a Skeptic, 233)

God Bless,


Restless Evangelical

Kommentare:

  1. Im ersten Teil. Über die Freude über Jesus schreibst du, dass es nicht hilft sich auf diese einzelnen kleinen Fragen zu stürtzen; wie etwa, ob die Sinnflut wie sie in der Bibel beschrieben wird aus heutiger wissensachftlicher Sicht hätte stattfinden können oder statt gefunden hat. Wenn ich dich recht verstehe, willst du ausdrücken das man durch solch einen kleinthematischen Fokus das wichtige aus den Augen verliert, die liebe Jesu. Doch sind es eben diese Dinge die aufzeigen das die Geschichten die in diesem Buch niedergeschrieben worden sind keine wissenschaftlich tragbare Basis besitzen. A crack in the wall. Ich meine, ich will damit ausdrücken das die ganzen Zweifel, den die Menschen an diesen Geschichten haben, so unfassbar simpel, und nachvollziehbar sind. Fast als wäre es zu einfach, um zu sehen das sich dort Menschen vor zwei eihalb (?) Tausend Jahren Geschichten ausgedacht haben, um ihr Leben, das Leben ihrer Gesellschaft, das Leben kommender Generationen zu verbessern.

    Mehr zeit habe ich nicht. Auf bald.

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    1. Nun, ich will ja nicht sagen, dass ich nicht glaube, dass diese Geschichten historische Realität sind. Aber in den Geschichtswissenschaften können wir nichts beweisen oder widerlegen - wir können ein Urteil fällen, was wahrscheinlich ist.
      Mein Punkt ist aber ein anderer: Selbst wenn diese Geschichte (Flut) nicht historisch wäre, sagt das nichts über die historische Realität der Auferstehung und den Kreuzestod Jesu aus. Bei diesen beiden zentralen Ereignissen des christlichen Weltbildes stehen die Zeichen der Geschichtswissenschaft vor allem wesentlich besser. Selbst atheistische Früh-Historiker gestehen oft ein, dass es bis heute keine Befriedigende Erklärung für das leere Grab am Ostermorgen und die folgende Veränderung der Jünger Jesu gibt - außer, evtl., den Schritt des Glaubens, nämlich: Jesus ist auferstanden!
      Nun, ich bin weiterhin überzeugt, dass es eine historische Flut gab - aber das mag der Segen des Unwissenden sein. In meiner eigenen Profession habe ich mit anderen Ungereimtheiten im christlichen Weltbild zu kämpfen, manche überwunden, manche weiterhin nagend.
      Aber ich denke, wir müssen solche Fragen im richtigen Licht betrachten und auf ihren angemessenen Platz verweisen.
      Hilft das?

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