Samstag, 28. September 2013

Hätt' Maria abgetrieben...?

Der Zwischenruf eines, der das Leben liebt

Diesen Post habe ich in direkter Reaktion auf den Marsch für das Leben in Berlin geschrieben, der heute vor einer Woche stattfand. Ich hatte darüber nachgedacht, ihn als eine Art offenen Brief an eine Tageszeitung zu schicken, mich aber jetzt dafür entschieden, ihn einfach auf meinem Blog zu veröffentlichen. Ansprechen wollte ich damit die Gegendemonstranten, zu denen meiner Erfahrung nach wirklich freiheitsliebende und großartige junge Menschen stecken. Wenn man sie alleine erwischt, dann kann es zu wunderbaren Fragen und Gesprächen kommen. Wenn man nur versucht, seine Position zuende zu denken. Mit Hochachtung vor eurer Einsatzbereitschaft - ein paar Fragen von mir, zum "Mal-Drüber-Nachdenken".

Liebe Berufs-Aufgeregte Demonstranten,

es wird manche erstaunen, wenn sie erfahren, dass ich trotz meiner recht radikalen Haltung für den Lebensschutz, von wenigen Ethikern so sehr geprägt wurde wie dem Princeton-University Professor Dr. Peter Singer. Es sind nicht seine Schlussfolgerungen, die mich faszinieren, sondern seine bedingungslose Hingabe in den Grundsatz: Denk deine Position zuende. Mit intellektueller Schärfe und einer großen Portion Weisheit weißt er darauf hin, dass viele unserer westlichen Werte nicht zuende gedacht sind.
Warum darf ein Kind in den USA eine Woche vor der Geburt umgebracht werden, eine Woche danach allerdings nicht mehr?
Warum verteidigen religiöse Gruppierungen so vehement das Recht ungeborenen Lebens auf Weiterexistenz, versagen dasselbe aber häufig Straftätern oder unschuldigen Muslimen oder auch Flüchtlingen und weniger Privilegierten?
Die Frage 'Warum' steht in riesigen Lettern im Raum, und es ist häufig unangenehm, sie zu beantworten.
Nun, ich liebe das Leben. Ich liebe nicht nur das Leben als Abstraktum; ich liebe es zu leben. Die Chance, sein Weltbild immer weiter dadurch zu erweitern, dass man mit anderen Menschen und Kulturen, anderen Weltanschauungen und Präsuppositionen aufeinander trifft, hat einen ganz eigenen Reiz, der mich das Leben lieben lässt.
Warum sollte ich einem Menschen dieses Glück verwehren, erlauben, dass es ihm verwehrt wird, weil er gerade nicht in die Lebensplanung passt?
Das allerdings ist nicht unbedingt Gegenstand dieses offenen Briefes.
Viel interessanter finde ich die Frage, was Ihr, die Befürworter von Abtreibungen und Sterbehilfe, eigentlich durch eure Aussagen vermittelt. Wie gerne würde ich da manchmal nachfragen, würdet ihr nur mit mir reden (und mich nicht anschreien): Bist du dir bewusst, was du damit sagst?
Vor wenigen Tagen fand in Berlin der Marsch für das Leben statt, mit einer Rekordbeteiligung und beruhigend geringer Teilnahme bei den Gegendemonstrationen. Auch die wütenden jungen Frauen von Femen waren dabei, um ihre Körper zu präsentieren – die (un-)überraschender Weise der westlichen Schönheitsnorm entsprechen.
Wieso ein Mensch gegen die Erinnerung an ungeborene Kinder demonstrieren sollte, ist mir allerdings schleierhaft. Es mag daran liegen, dass sich wenige von euch wirklich mit dem Zeil des Marsches auseinandergesetzt haben und nur beim Schlagwort 'Fundamentalisten' aufgesprungen seid und euch pflichtbewusst empören konntet.
Auch dieses Mal kamt ihr nicht darum herum, einige Beleidigungen der übelsten Sorte den Lebensschützern entgegenzuwerfen.
Dabei wäre die Aussage von Frau Sybille in ihrer S.P.O.N. Kolumne „Gebährt doch, ihr Bratzen!“ vielleicht sogar schmeichelhaft.
Einige Fragen, die sich mir stellten, als ich die Berichte über den Marsch für das Leben hörte, in keiner hierarchischen Reihenfolge, waren:

  • Wieso demonstrieren Homosexuellen-Verbände auf dieser Demo mit? Sind es nicht die gleichen Menschen, die sich für ein angepasstes Adoptionsrecht für homosexuelle Paare einsetzen? Ist euch bewusst, dass ihr dafür demonstriert, dass genau die Kinder umgebracht werden, die ihr gerne aufziehen wollt?
  • Wieso nennt sich das Bündnis „Für sexuelle Selbstbestimmung“? Niemand will euch euren zwischenmenschlichen Kontakt wegnehmen. Was wir fordern ist nicht, dass ihr beginnt, zölibatär zu leben – sondern bereit seid, Verantwortung für euer handeln zu übernehmen.
  • Ist euch bewusst, welche Aussage ihr trefft, wenn ihr sagt: „Hätte Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“? Ihr redet hier von einem Menschen, der zweifellos gelebt hat und viele Menschen bewegte. Manche behaupteten sogar, dass er ihnen erschienen ist, auch nach seinem Tod, weil er auferstanden sei. Ihr redet von einem Menschen. Und keinem Zellhaufen. Ist euch das bewusst, dass ihr durch diesen Satz unseren Argumenten in die Karten spielt? Dass ein genetisch kompletter Mensch eben als der Mensch betrachtet werden kann, der er später ist?
  • Glaubt ihr wirklich, dass es bei euch kein Kuriosenkabinett gibt? Ihr stürzt euch auf die überforderten Teenager und Mütterchen, um ihnen Sätze über eine Abtreibung nach Vergewaltigung zu entlocken; aber stellt euch solidarisch mit einer Partei, die den Stalinismus ein 'notwendiges Übel' nannte. Glaubt ihr wirklich, es gäbe nicht auch bei euch Verwirrte, Überforderte, schlecht Durchdenker?
  • Woher kommt all der Hass? Wenn ich richtig informiert bin, hat nie ein Lebensschützer beim Marsch für das Leben einen Gegendemonstranten angegriffen oder körperlich verletzt. Wo ist das diplomatische Feingefühl geblieben, wo die Unschuldsvermutung und die Mit-bürgerlichkeit? Wo ist die freiheitlich-demokratische Meinungsfreiheit hin verschwunden, als ihr entschieden habt, welche Positionen geduldet werden können, und welche nicht?

Der großartige Helmut Schmidt schreibt in seinem Buch 'Außer Dienst. Eine Bilanz' über seinen Lebensweg:

„Die Welt mit den Augen der anderen zu betrachten, mit den Augen der Mitspieler und Gegenspieler – und unter dem Aspekt ihrer Interessen –, ist eine Kunst, die man nur im Gespräch mit Menschen anderer Kulturkreise [und, ich füge hinzu, Weltanschauungen – RE] erlernen kann.“ (Helmut Schmidt, Außer Dienst. Eine Bilanz, München: Siedler Verlag 2008, S.21)

Ich denke fast, es wäre von Vorteil für unser Land, und unsere Freiheit, wenn wir wieder zu einer solchen Form von Demokratie zurückfänden.
Soviel nur einmal, als Zwischenruf. Vielleicht nehmt ihr euch mal die Zeit, und denkt das auch zuende.
Ich würde mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,



Restless Evangelical

Dienstag, 10. September 2013

Wie geschieht mir?

Eine Grundhaltung der Gnade entwickeln

Ich weiß noch, wie ich da saß. Sie sagte zu mir: „Wenn ich mit Christen zusammen bin, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich mich anders verhalten muss – mich frage, was das richtige Verhalten ist und das auch zeigen muss.“
Es sind diese Punkte, die mich aufhorchen lassen, wenn ich daran denke, was ich schon jetzt als christlicher Leiter, als Blogger, als Student und als Freund in das Leben von anderen Menschen bringe; es ist die Frage, ob ich ein guter Einfluss auf die Menschen bin und ob ich einen guten Einfluss auf Menschen habe.
Am selben Tag, nur einige Stunden später, saß ich mit einem anderen Freund zusammen, und wir unterhielten uns über die ganzen „christlichen“ „Wächterdienste“, die das Internet zu einem Mienenfeld machen. Nicht, dass es sie vorher nicht auch schon gab, mit ihren eigenen Publikationen und Verlagen, aber das Internet mit seiner Anonymität und seiner Geschwindigkeit hat viel Öl in ein Feuer gegeben, das eigentlich seit 2000 Jahren gelöscht sein sollte (Spr 26,20).
An diesem Punkt wurde mir deutlich, dass das Problem gar nicht immer in dem Inhalt liegt, den wir sagen, sondern in der Haltung, die wir dabei an den Tag legen.

  1. Wenn schon nicht mir, dann wenigstens Jesus!
Heute morgen habe ich einen Großteil der Bergpredigt gelesen.
Es sind die Weisheit und Stärke der Worte, die Jesus in dieser Predigt benutzt hat, die uns gleichzeitig zu seinem Kreuz treiben – mit dem Bewusstsein: Ich kann das nicht alleine schaffen! – und seine Rückkehr und endgültige Herrschaft ersehen lassen – mit dem Gefühl: Wie großartig wird diese neue Welt sein, in der das Realität ist?
Ich kam zu einem Punkt in der Bergpredigt, der mich aufmerken ließ, immer noch im Hinterkopf die Gedanken, die mich in den letzten Tagen beschäftigten. Diese Gedanken sind nicht neu, seit 2000 Jahren in diesem Buch zu finden, das wir Bibel nennen. Aber heute morgen haben sie mich ganz neu getroffen:
"Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ Denn so wie ihr über andere urteilt, wird man auch euch beurteilen, und das Maß, mit dem ihr bei anderen messt, wird auch euch zugemessen werden.“ (Mt 7, 1f; NeÜ)
Ich erinnerte mich daran, wie ich einmal einen wütenden Prediger gehört habe, der darauf verwies: Jesus sagt nicht, dass wir nicht richten sollen – sondern nur, dass bei uns der gleiche Maßstab angelegt wird, den wir an anderen anlehnen!
Als ich heute morgen darüber nachdachte, dass das zwar wahr ist, wurde mich auch klar, dass das kein besonderer Trost ist. Nicht jedenfalls, wenn wir uns darüber klar werden, welchen hohen Maßstab wir oft an andere Menschen anlegen.
Dafür müssen wir nicht einmal unseren Blick in die unglaublich zahlreichen Publikationen werfen, die ihr Geld mit Klatsch und Tratsch über die Mehr-oder-Weniger-Berühmten machen.
Es beginnt auch in unserer Umgebung, bei den Menschen, denen wir jeden Tag begegnen. An der Kasse im Supermarkt ist jemand unfreundlich und wir denken: Ich bin dich der Kunde, die muss viel freundlicher zu mir sein! - und draußen im Bus auf dem Weg nach Hause stehen wir für die ältere Dame nicht auf: Mir ist heute schon genug Mist passiert, soll doch wer anderes aufstehen!
Wir sehen den Tatort und sind erschreckt von der Darstellung der Gleichgültigkeit, mit der die Menschen beobachten, wie ein älterer Herr von zwei Jugendlichen schikaniert wird. - und auf dem Weg nach Hause stecken wir uns die Kofhörer tief in den Gehörgang, sehen nicht hoch um nichts zu sehen und nicht in Streitereien verwickelt zu werden.
Wir werden wütend über die Ungleichheit im eigenen Land, wie die Reichen sich immer mehr nehmen und die Hartz-IV-Empfänger (oder, zur Not, wir) immer weniger haben. Aber wenn eine Werbung für World Vision oder Plan im Fernsehen läuft, schalten wir lieber weg: Diese Armut ist zu weit weg.
Sie betrifft nicht uns.
Ich finde es geradezu demütigend, wenn Jesus uns sagt, dass wir über andere Menschen das Urteil fällen sollen, das wir uns bei uns selbst wünschen. Sind wir uns unserer eigenen Gerechtigkeit – unserer Selbst-Gerechtigkeit – so sicher, dass wir diesen hohen Maßstab weiter bei anderen anwenden wollen?

  1. Der Ruf aus dem Römerbrief
Allerdings schloss sich mir noch ein anderer Gedanke an. Die Frage: Wie will ich von anderen bewertet werden – also werde ich andere ebenso bewerten (frei nach der Goldenen Regel), macht uns deutlich, wie hochmütig wir oft sind, wenn es um unsere eigene Position geht.
Vom Kreuz her gedacht kann man aber auch noch einen Schritt weiter gehen – und Paulus tut das auch. In Röm 12, nachdem er in den ersten 11 Kapiteln die Gnade Gottes und unseres Retters Jesus Christus auf unbeschreibliche Weise bezeugt hat, deutlich gemacht hat wie wir alle dieser Gnade bedürfen, kommt er zu dem Punkt, dass er schreibt:
Weil Gott uns solches Erbarmen geschenkt hat, liebe Geschwister, ermahne ich euch nun auch, dass ihr euch mit Leib und Leben Gott als lebendiges und heiliges Opfer zur Verfügung stellt. An solchen Opfern hat er Freude, und das ist der wahre Gottesdienst.“ (Röm 12,1; NeÜ)

Als gerechtfertigtee Sünder sollte unsere erste Frage nicht unbedingt sein: Wie will ich behandelt werden? Sondern: Wie wurde ich behandelt? Wie ist mir geschehen, als ich zerbrochen am Kreuz in die Knie gegangen bin, vor dem gekreuzigten, doch siegreichen, Jesus, der dort hing und sagte: „Jetzt ist alles gemacht! Jetzt komm! Gnade gibt es jetzt mehr als genug.“ Und mehr als genug von dieser Gnade brauche ich jetzt jeden Tag!
Auf dieser Grundlage – was Jesus für uns getan hat – sollen wir jetzt von uns denken. Nicht, weil wir es machen müssen, um uns als würdig des Opfers zu erweisen. Es ist das, was ganz logisch, ganz natürlich aus der christlichen Botschaft folgt.
Wie eine liebe Freundin letztens sagte: „Die Veränderung passiert einfach, man kann gar nichts dagegen machen. Irgendwann guckt man zurück, und selbst wenn man einmal die Christen ansah und dachte: So will ich nicht werden. Irgendwie arbeitet Jesus in mir und verändert mich.“
Es gibt wenige Dinge, die ich so sehr liebe, wie die Worte von Jesus-Nachfolgern, die eine Wahrheit begreifen – und dafür nicht komplizierte theologische Systeme brauchen.
Jesus wirkt.
Wichtiger noch: Jesus hat gewirkt.
Jesus hat schon gesiegt, er hat schon bezahlt, er hat doch schon befreit. Das ist jetzt Realität!
Wenn wir unsere Interaktionen vom Kreuz her denken, von dem was Gott schon längst für uns getan hat, wie können wir dann hochmütig und arrogant auf andere Christen und auf Andersgläubige herabsehen und sagen: Wie gut, dass ich nicht so bin?
Wenn wir genau wissen, dass wir genau so sind – wäre da nicht Jesus in uns!
Das ist es auch, was Paulus im Anschluss an den o.g. Vers sagt:
Aufgrund der Gnade, die Gott mir gegeben hat, warne ich jeden Einzelnen von euch: Denkt nicht höher von euch, als es angemessen ist, und seid besonnen! Maßstab dafür ist der Glaube, von dem Gott jedem ein bestimmtes Maß zugeteilt hat.“ (Röm 12,3; NeÜ)
Warum sollen wir nicht höher von uns denken, als es angemessen ist?
Auf Grund der Gnade Gottes!
Welches Maß ist angemessen?
Das Maß des Glaubens – der Erkennens: ich habe gar nichts gebracht, um vor Jesus zu bestehen. Aber er hat alles gebracht. Jetzt stehe ich als Gerechter, als Gelieber, als Sohn vor Gott und er läd mich ein zur Feier in Ewigkeit. Ich habe dafür nichts gebracht – ich war nicht mehr und nicht weniger als jeder Mensch der mit begegnet, wenn ich meine kleine christliche Blase verlasse.
Wahrscheinlich war ich eher weniger.
Aber das ist unwichtig.
Wichtig ist:
Die Gnade Gottes!

  1. Schlussgedanken
Immer wieder wird mir bewusst, dass dieses Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu für mich zum Anker, zum Kompass wird, wie ich durch den Sturm dieser Welt fahren kann. Es ist kein einfaches Leben, dass mir dieser gekreuzigte und siegreiche Jesus schenkt: Es ist ein Leben, das geprägt ist davon, seine eigene Schwachheit und seine Fehler zu erkennen und sich ganz darauf zu verlassen, dass die Gerechtigkeit und der Wert, den ich habe, nicht von mir kommt, sondern von jemandem der größer, gerechter, wertvoller ist als ich – aber der es mir schenkt.
Es ist ein Leben, in dem andere Menschen immer wichtiger für mich werden, meine eigenen Rechte immer weniger wichtig.
Es ist kein Leben, das ich auf dieser Erde vollkommen ergreifen kann.
Es ist eine Reise. Das Ziel ich Herrlichkeit.
Und immer wieder, hier und da, kann ich einen Blick darauf werden.
Einer dieser Momente war, als ich erkennen durfte:
Gnade als Lebensstil ist die logische Folge aus Gnade als Lebenswurzel.
Wie geschieht mir?
Gnade!

God Bless,

Restless Evangelical