Dienstag, 22. Oktober 2013

Selbst nach diesem Studium (3.Teil a)

Warum Jesus nie aufgehört hat, mich zu faszinieren.
#3 Jesus ist genau der Retter, den ich brauche

[Vorbemerkung: Dies ist der dritte von drei Teilen, in denen ich die drei wichtigsten Dinge nenne, die mich auch nach diesem Theologiestudium an Jesus faszinieren. Den ersten Teil findet ihr unter 'Jesus ist so gnädig'. Dein zweiten Teil unter 'Jesus ist so gerecht'.]

Jeder Mensch ist spirituell. Vor ein paar Tagen saß ich bei ein paar beeindruckenden jungen Männern, und wir haben über die Frage gesprochen, was der Glaube eigentlich für uns bedeutet. Und ich kam zu dem Punkt, dass ich zugeben musste, dass ich das Wort 'Spiritualität' gar nicht beschreiben kann, definieren was es ist. Aber ich benutze es sehr häufig.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich, und viele Menschen, mit denen ich spreche – egal ob es Christen sind, oder nicht – vor allem zwei Fragen herumtreiben, für die 'Spiritualität' vielleicht die beste Beschreibung ist: Wer bin ich, und gibt es mehr als mich?
Wie wir diese Fragen beantworten, ist von Bedeutung, nicht nur für unser 'ewiges Leben' im Sinne einer Bekehrung, sie beeinflussen auch und vorerst fast alles, was wir hier auf der Erde tun.
Je nachdem, wie wir diese beiden Fragen beantworten, verhalten wir uns gegenüber anderen Menschen, der Schöpfung – und sogar uns selbst – auf die uns eigene Weise.
Was mich an Jesus immer fasziniert hat, mehr noch als die Charakterzüge, die ich in meinen beiden anderen Posts beschrieben habe, ist, dass er genau der Retter ist, den wir brauchen, den jedenfalls ich brauchte, und so anders wie ihr alle bin ich ja nun auch nicht.
Jesus beantwortet die Fragen auf die ihn eigene Art und Weise, die unsere Erwartungen sprengt – und schießt damit genau auf das Herz unseres Weltschmerzes.

  1. Wer bin ich eigentlich?
Ein lieber Freund, der sich mit den ganzen Hintergründen in den biblischen Büchern viel besser auskennt als ich, hat mir einmal gesagt, dass er bezweifelt, dass diese ganze moderne Suche nach Identität wirklich etwas ist, was in der Bibel vorhanden ist, geschweige denn von ihr beantwortet wird.
Aber ich bin nicht überzeugt. Es scheint mir viel mehr zu sein, als würde diese Frage im Zentrum von dem stehen, was die biblischen Figuren tun und wie sie handeln.
Es gibt in der Bibel uralte Geschichte von zwei Brüdern, die gleichzeitig geboren werden und ihr Leben lang in Konkurrenz miteinander stehen. Der Eine ist ein ganzer Mann, behaart und ein Jäger, und sein Vater liebt ihn mehr als seinen anderen Sohn. Der andere Junge ist ein Schwiegersohn, ein Koch, warm und kuschelig und, wie man später merkt, von einem erstaunlichen Intellekt.
Diese uralte Geschichte ist nicht nur uralt, sondern auch so etwas wie die Gründungsgeschichte des Volkes Israel – denn es handelt sich um die Geschichte des jüdischen Urvaters Jakob und seinen Bruder Esau.
Wenn wir der Geschichte folgen, erkennen wir, dass beide Männer im Laufe ihres Lebens damit zu kämpfen haben, zu definieren, wer sie sind, und welche Rolle sie in der großen Geschichte spielen, die sich um sie herum entfaltet.
Bei Jakob ist das besonders auffällig. Er erschleicht sich den Segen seines Vaters, indem er seine eigene Identität verheimlicht, sogar verleugnet. Er wird ein erfolgreicher Hirte, darf die Ballkönigin heiraten, arbeitet sieben Jahre hart dafür – und bekommt am Ende die unattraktive Schwester.
Er muss vor seinem Schwiegervater fliehen, aber nimmt einen riesigen Reichtum mit, der ihn aber nicht glücklich macht.
Er bekommt einen ganzen Stall voll Kindern, aber er ist nicht in der Lage, seine Söhne zu verantwortungsbewussten Männern aufzuziehen, sodass Zwei aus Rachgelüsten eine ganze Stadt abschlachten, ein anderer mit seiner Stiefmutter schläft und alle gemeinsam ihren Bruder in die Sklaverei verkaufen.
In Jakobs Leben erkennen wir, dass Jakob seinen Wert und seine Identität zu jeder Situation in seinem Leben daran festmacht, was er kann und was er getan hat. Und als er dazu nicht mehr in der Lage ist, dann hängt er alle seine Hoffnung auf seinen Hoffnungsträger-Sohn. Als dieser  allerdings verschwindet, verkauft wird von seinen Brüdern, zerbricht Jakob. Obwohl ihm 11 Söhne bleiben, sieht er nun keinen Grund mehr, zu leben. Alle seine Söhne und Töchter kamen, um ihn zu trösten, aber er wollte sich nicht trösten lassen. "Nein", sagte er, "trauernd werde ich zu meinem Sohn ins Totenreich hinunterfahren!" So weinte sein Vater um ihn.“ (1Mo 37,35; NeÜ). Es ist fast so, als würde Jakob seinen Söhnen sagen: Ihr seid mir nicht Grund genug, zu leben. Ihr gebt mir keinen Wert; seht euch an, und was ihr getan habt! Josef war meine Hoffnung, und jetzt habe ich keine mehr.
Und das ist einer der Patriarchen. Ich werde nicht schreiben von der Identitätskrise, die die 'unattraktive Schwester' gehabt haben muss, weil sie mit einem Mann verheiratet wurde, der sie verachtete.
Oder von der Frau am Brunnen, von der ich im letzten Post geschrieben habe.
Oder von mir.
Oder von... dir?
Identitäskrisen sind etwas, das wir alles erleben.
Im Hoch unseres Lebens fragen wir uns: Was kann ich jetzt mit meinem Erfolg anfangen? Gibt es nicht immer noch mehr was ich erreichen kann? Wann bin ich fertig?
Und in den Tiefen der Trauer fragen wir uns: Wann ist das endlich zuende? Wann werde ich endlich wieder glücklich sein? Da muss es doch noch mehr geben.
Faszinierend an Jesus finde ich, dass er um diese Identitäskrise weiß, und genau darauf reagiert.
Lukas erzählt uns in seinem Evangelium die Geschichte von einem Mann, dem Jesus inmitten seiner Identitäskrise mit einem einzigen Satz aufhilft.
Zachäus ist sein Name, und er war von Beruf Zöllner. Das bedeutet, dass er der GEZ-Beitragseintreiber der damaligen Zeit war. Alle mussten ihn bezahlen, meistens hat er mehr genommen als er durfte, und niemand wusste, warum sie eigentlich bezahlen mussten. Irgendeine höhere Instanz hatte das beschlossen – und Zachäus hatte sich dem gebeugt, besser noch: Er hatte Profit daraus geschlagen.
Aber sein Reichtum brauchte ihm nichts, vor allem keine Identität. Er hatte mit der Verachtung der Menschen zu kämpfen und noch dazu war er allein schon körperlich keine besonders beeindruckende Figur, winzig, sodass er in jeder Gruppe unterging.
Wer bin ich eigentlich?, dachte sich Zachäus.
Und dann kommt Jesus vorbei, von der Menge umzingelt, weil alle diesen neuen Rabbi sehen und Zachäus muss auf einen Baum steigen, um Jesus zu sehen.
Er sieht Jesus unten vorbeilaufen, kann einen kurzen Blick auf Jesus erhaschen.
Und Jesus sieht plötzlich herauf.
Manchmal denke ich, dass sich Zachäus unwillkürlich umgesehen haben muss, um zu sehen, ob da noch ein anderer auf dem Baum hockte; Jesus konnte doch nicht wirklich ihn meinen.
Und doch.
Jesus sagt zwei Dinge zu Zachäus:
Zuerst: „Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute noch zu dir kommen!“ (Lk 19,5; NeÜ)
Jesus will zu diesem Mann kommen, zu dem niemand kommen wollte, von dem niemand was wissen wollte, der noch nie besuch hatte, und den bis jetzt auch niemand geliebt hat. Jesus will kommen – und es ist keine Zeit zu verlieren.
Können wir uns vorstellen, wie dieser Besuch Zachäus mehr Wert gegeben haben muss, als er sich jemals erträumt hatte. Aus diesem unendlichen See von Gesichtern hatte Jesus ihn ausgesucht, zu kommen. Endlich war er etwas besonderes.
Aber als Jesus sein Haus betritt, geschieht eine Veränderung mit diesem Mann. Auf einmal zählt nicht mehr er, und sein Wert und seine Identität. Er sieht diesen Jesus, den Mann, von dem Dostojewski schreibt, dass er seine Feinde „mit sanften Augen ansieht“ und merkt, dass ein Leben hier nicht hier findet; das ein Leben für mich seinen Wert nicht in mir findet; dass ein Leben der Freude seinen Wert nicht in der Freude findet.
Sondern in ihm.
Und er beginnt, sein ergaunertes Geld zu verschenken, zurückzugeben und loszulassen, was er vorher geklammert hat.
Und Jesus sagt den zweiten Satz zu ihm:
Heute hat dieses Haus Rettung erfahren. […] Er ist doch auch ein Sohn Abrahams.“ (Lk 19,9, NeÜ)
Dieser zweite Satz ist fast noch wichtiger, als der Erste. Rettung ist schön, aber nach Rettung hat Zachäus erst einmal gar nicht gesucht. Erst in der Begegnung mit Jesus erfahren wir, Schritt für Schritt und Stück für Stück, immer mehr, wie viel Rettung wir eigentlich nötig haben.
Aber Zachäus gehört wieder zum Volk, das ihn ausgestoßen hat. Er ist doch auch ein Sohn Abrahams, sagt Jesus, gnädig und gerecht, wie er ist.
Paulus greift das auf, wenn er in seiner großen Verteidigung des Evangeliums vom gekreuzigten Jesus schreibt: „Begreift doch: Die, die glauben, sind Abrahams Kinder!“ (Gal 3,7; NeÜ)
Zachäus hatte eine Begegnung mit Jesus, verstanden, dass er ohne Jesus keine bleibende Zufriedenheit in seiner Suche nach einer eigenen Identität finden wird.
Jesus, der später gekreuzigt und auferstehen würde, für Zachäus, für mich, für dich, wurde Zachäus Identität.
Genau das, was Zachäus immer gesucht hat.
Beeindruckend, nicht wahr?

God Bless,

Restless Evangelical


[Auf Grund einiger Rückmeldungen möchte ich meine Posts in Zukunft kürzer gestalten, sodass auch hart arbeitende Menschen sie ab und zu lesen können. Kommt morgen wieder, um den zweiten Teil dieses dritten Teils zu lesen: Jesus als Antwort auf die Frage: Gibt es da nicht noch mehr?]

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Selbst nach diesem Studium (2.Teil)

Warum Jesus nie aufgehört hat, mich zu faszinieren.
#2 Jesus ist so gerecht.

[Vorbemerkung: Dies ist der zweite von drei Teilen, in denen ich die drei wichtigsten Dinge nenne, die mich auch nach diesem Theologiestudium an Jesus faszinieren. Kommt in den nächsten Tagen wieder, um die anderen beiden Gründe zu lesen. Den ersten Teil findet ihr unter Jesus ist so gnädig.]

Gestern habe ich davon geschrieben, dass mit die Gnade, mit der Jesus einem bereuenden Sünder begegnet, immer noch an ihm fasziniert. Gnade ist eine Kraft, die in der Lage ist, die ganze Welt zu erschüttern und auf den Kopf zu stellen. Aber dafür müssen wir oft unsere eigenen Bedürfnisse hintenanstellen.
Nichts, was uns unsere Kultur einfach mitgibt.
Nichts, was wir von unserer Natur aus gerne machen. Als ich vor einigen Wochen, zur Zeit der Bundestagswahl, einige Diskussionen um das sogenannte 'Bedingungslose Grundeinkommen' geführt habe, war eines der häufigsten Gegenargumente, die ich gehört habe: „Aber das Nutzen die Menschen doch dann aus. Dann arbeitet doch niemand mehr.“
Das hier ist kein politischer Blog, und es wird auch nicht dazu.
Ich war nur fasziniert davon, dass Christen, die eine sehr deutliche und großartige Vorstellung von der Gnade Gottes haben, genau das nicht bei Gnade sagen.
Gnade ist unverdient – aber führt uns in Dankbarkeit auch zum Gehorsam gegenüber dem, der die Gnade geschenkt hat.
Nun, fangt nicht an zu schreien. Ich weiß, dass bei der Heiligung, die aus der Gnade wächst, noch mehr eine Rolle spielt als nur die Dankbarkeit – namentlich der Heilige Geist. Und der fehlt wohl beim bedingungslosen Grundeinkommen.
Aber ich fand das trotzdem einen interessanten Gedanken, den ich verfolgen wollte.
Mir ist etwas deutlich geworden; es gibt einen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit, die Jesus zeigt, und der Gerechtigkeit, die bei uns immer wieder aufblitzt.

  1. Unsere Gerechtigkeit will das Beste für uns selbst.
Wir können uns so schön empören. Selten allerdings, wenn wir selbst Mist gebaut haben, aber sehr gerne, wenn andere uns mit Mist beworfen haben – oder wir jedenfalls das Gefühl haben, dass es so war.
Gnade fordern wir immer erstmal für uns, während wir Gerechtigkeit immer bei den Verfehlungen der anderen fordern.
Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein deutscher Spitzenpolitiker über gravierende Mängel in seiner Doktorarbeit gestürzt ist. Als einer der sich am politisch linken Rand der sonst so konservativen FTH bewegt, kannte ich im Fall des Plagiat-Doktors sowohl die Seite, die sich diebisch freute, dass der schmierige Emporkömmling keine Bedrohung mehr für den roten Umschwung in Bayern oder im Bund werden konnte (*haha*) und ebenso die Seite, die von einer Hetzkampagne redete und davon, dass die linken Medien sich verschworen hätten (als hätte der Spiegel im nachhinein die Fehler in die Doktorarbeit reingetippt und die Fußnoten mit TippEx gestrichen).
Politik ist ein hartes Geschäft – nicht so sehr, weil man dabei Entscheidungen treffen muss, sondern dass man gehasst wird, egal welche Entscheidung man trifft. Wir haben – nicht nur in der Politik, aber hier wird es uns dank der vierten Macht am deutlichsten – eine Kultur erschaffen, in der Fehler nicht erlaubt sind, schon gar nicht von Entscheidungsträgern. Als werden wir alle Meister darin, eine Maske der Selbstgerechtigkeit aufzusetzen und alle Menschen damit zu linken – bis die Maske löcherig wird.
Und je länger wir die Maske tragen, desto hochmütiger werden wir gegenüber denjenigen, die nicht so perfekte Masken haben wie wir.
Selbstgerechtigkeit ist eine vermaledeite 'Tugend', denn sie bezieht ihren Wert aus der scheinbaren 'Wert-losigkeit' der anderen. Unser Sinn für Gerechtigkeit hat immer etwas damit zutun, ob wie einen Schaden davongetragen haben, oder nicht.
Was mich an Jesus fasziniert, ist, dass es bei ihm genau umgekehrt ist.

  1. Die Gerechtigkeit Gottes will das Beste für die Anderen.
Stell dir vor, heute käme eine junge Frau in deine Gemeinde, die dafür bekannt ist, dass sie ihre Libido sehr unverblümt auslebt. Sie hat viele Männer gehabt, manchmal parallel, manchmal nacheinander. Und sie sieht auch entsprechend ansprechend aus. Wenn sie einen Raum betritt, und sei es im Winter, dann drehen sich die Männer um – sie grinst, und scheint es sehr deutlich zu genießen. Bis jetzt war es ihr auch egal, ob ein Mann verheiratet war, wenn sie ihn wollte.
Und stell dir vor, dein Pastor geht zu ihr – und macht ihr mit unmissverständlichen Worten deutlich, dass sie, wie man so schön sagt 'in Sünde lebt': „Keiner deiner Männer gehört wirklich zu dir!“, sagt er ihr, und sie sieht in mit großen Augen an.
Was wäre deine Reaktion, wenn du als Gemeindeglied oder Besucher diese Szene betrachtetest?
Ärger? – so kann er doch nicht mit ihr reden!
Wut? – das ist ja mal wieder typisch für die Christen!
Abscheu? – wie kann man so selbstgerecht sein, gut, dass ich anders bin!
Genugtuung? – sie hat mir meinen Typ genommen, jetzt kriegt sie es zurück!
Enttäuschung? – wieso kommt sie überhaupt hier her, sie findet hier sicher keine Gnade!
Es ist spannend, dass eine ähnliche Geschichte mit Jesus passiert ist. An einem Brunnen im Land der Samariter begegnet Jesus einer Frau und verändert ihr Leben für immer. Die Geschichte zeigt uns einmal mehr, dass Jesus nicht nach den Spielregeln spielt, die wir uns in der Gesellschaft gerne aufbauen. Jesus liebt Gerechtigkeit; aber nicht als Selbstzweck, nicht aus selbstsüchtigen Motiven, sondern weil uns allen Ungerechtigkeit schadet.
Stell dir vor, du wärst diese Frau; und in Scham gehst du seit vielen Jahren schon zur heißesten Zeit des Tages zum Brunnen vor der Stadt, weil du niemandem begegnen willst. Du lebst in einer Zeit, in der die Frau an sich schon wenig gilt, wie viel weniger noch eine Frau, die sich jedem erstbesten Mann ans Bein bindet? Auf der Suche nach Erfüllung hat sie sich hingegeben und nur Verachtung gefunden. Sie wird mit Selbstgerechtigkeit betrachtet, und das hat sie gebeugt.
Aber dieser Jesus ist anders.
Er beginnt ein Gespräch mit der Frau. Das war für einen Juden in der damaligen Gesellschaft eine Unmöglichkeit! Ein Mann, redet mit einer Frau, die nicht seine Frau ist? Noch dazu eine Samariterin?
Jesus sind solche gesellschaftlichen Tabus egal, wenn sie dazu führen, dass Ungerechtigkeit geschieht.
Und er sagt ihr auf den Kopf zu, was ihre Fehler sind. "Geh und hole deinen Mann hierher!", sagte Jesus. "Ich habe keinen Mann", entgegnete die Frau. "Das ist richtig", erwiderte Jesus. "Du hast keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du etwas Wahres gesagt."“ (Joh 4,16ff; NeÜ)
Aber das faszinierende an Jesus ist, dass es ihm nicht darum geht, selbstgefällig ihre Fehler aufzuzeigen – und damit zu beweisen wir großartig er selbst ist; was dem Grund gleichkommen würde, aus dem wir meisten die Fehler anderer aufzeigen.
Jesus zeigt Fehler auf, Jesus liebt Gerechtigkeit und hasst Ungerechtigkeit, weil wir durch Ungerechtigkeit zerstört werden.
Wir können das im Anfang des Gespräches sehen. Jesus beginnt das Gespräch nämlich nicht damit, dass er der Frau ihre Sünden an den Kopf wirft. Er beginnt das Gespräch, indem er nach einem Glas Wasser fragt. An einem Brunnen, mitten in der Wüste, wahrscheinlich keine schlechte Idee.
Aber beeindruckend ist dabei, dass er sehr schnell auf ihr Problem zu sprechen kommt. Sie ist ausgetrocknet, von innen, ihre Seele so trocken wir die Wüste, die sie umgibt, durch ihren Lebensstil wurde alle Kraft und alle Vitalität aus hier herausgesaugt.
Jesus sagt: Ich gebe dir Wasser, lebendiges Wasser, sodass du sogar genug Wasser hast, um es an andere zu verteilen. Und diese Quelle ist der Heilige Geist, der in denen Wohnung nehmen will, die ihren Zerbruch eingestehen und sich in die Gnade Jesu fallen lassen.
Aber für den Durchbruch zu einem Leben, in dem die Gnade mehr als genügend vorhanden ist, gehört es auch, das Ungerechte zu hassen. Es gehört dazu, immer mehr einen Blick dafür zu entwickeln, was uns und andere zerstört; alles, was einer Rebellion gegen Gott gleichkommt, wird uns am Ende zerstören, nicht ausfüllen und glücklich machen.
Jesus hasst Ungerechtigkeit nicht einfach, weil sie ihn betrifft, weil er für sich das Beste rausschlagen will.
Jesus hasst Ungerechtigkeit, weil sie zerstörerisch ist, uns zerstört, andere zerstört und, am Schlimmsten, unsere Beziehung zum Vater zerstört.

  1. Vom fröhlichen Wechsel.
Aber das großartigste Geschenk in Puncto Gerechtigkeit ist gar nicht zu erkennen, dass Jesus gerecht ist, dass er Ungerechtigkeit hasst und einmal Gerechtigkeit wiederherstellen wird.
Das großartigste Geschenk ist, dass er uns seine Gerechtigkeit schenkt.
An einer Stelle sagt Jesus: „Wenn ihr Gottes Willen nicht besser erfüllt als die Gesetzeslehrer und Pharisäer, werdet ihr mit Sicherheit nicht in das Reich kommen, das der Himmel regiert.“ (Mt 5,20; NeÜ)
Und die Menschen dachten: Wie sollen wir das überhaupt schaffen? Das ist die Elite der Moral, die Sittenpolizei. Wie sollen wir besser sein als die?
Und ich denke, das ist genau der Punkt.
Es gab ja immer nur einen, der wirklich gerecht war. Es gab überhaupt nur einen, der nie Hintergedanken hatte, nie auf Leute herabgesehen hat, nie mit zweierlei Maß gemessen hat, nie gelogen hat um sich einen Vorteil zu verschaffen und der vor allem kein 'Scheiß-Egal'-Gen hatte, was uns Menschen anbetrifft.
Eigentlich gibt es nur einen, der wirklich gerecht ist.
Und der hat seine Gerechtigkeit nicht für sich behalten.
Paulus beschreibt es in eindrücklichen Worten: „Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn zu der Gerechtigkeit kommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2Kor 5,21; NeÜ)
Luther nennt das den fröhlichen Wechsel. Jesus zieht seine Gerechtigkeit aus wie ein blendend weißes Gewand, ohne Fehler, ohne Flecken.
Und zieht es uns an.
Aber unser schmutziges, dreckiges Gewand, in dessen Innenseite 'Selbstgerechtigkeit' eingestickt ist, an dessen Bausch das Blut sovieler Mobbingopfer klebt, dessen Manschettenknöpfe von der Gier abgerieben sind, dessen Kragen ganz durchgeweicht ist vom Schweiß, den der Stolz uns ins Gesicht treibt, das zum Himmel stinkt von den Ausdünstungen des Hochmuts, zieht er uns aus – und zieht es selbst an.
Geh, sagt Jesus dann. Geh mit meiner Gerechtigkeit.
Wenn wir erkennen, wie wenig wir zu bringen haben, erkennen wir: Ungerechtigkeit – dein Name ist Restless Evangelical (und du darfst gerne deinen Namen einfügen).
Aber durch die Gerechtigkeit Jesu sind wir nicht länger Ungerechte, sondern Gerechtfertigte.
In der Geschichte von der Frau, die in die Gemeinde kommt, und vom Pastor angesprochen wird, ist die Geschichte noch nicht zuende, heißt es dann.
Zum Schluss schließt sie der Pastor in die Arme, und sagt: „Aber das ist Vergangenheit, wenn du zu Jesus kommt!“ Dann führt er sie in die erste Reihe, weil er froh ist, dass sie gekommen ist.
Und wer macht's möglich? Jesus!
Beeindruckend, nicht wahr?

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 15. Oktober 2013

Selbst nach diesem Studium

Warum Jesus nie aufgehört hat, mich zu faszinieren.
#1 Jesus ist so gnädig.

[Vorbemerkung: Dies ist der erste von drei Teilen, in denen ich die drei wichtigsten Dinge nenne, die mich auch nach diesem Theologiestudium an Jesus faszinieren. Kommt in den nächsten Tagen wieder, um die anderen beiden Gründe zu lesen.]

Vorgestern habe ich meine Absolvierung gefeiert. Drei Jahre lang habe ich hier in Gießen Theologie studiert, die biblischen Ursprachen gelernt, Texte analysiert und Kirchengeschichte gebüffelt. Ich habe mit vielen Leute diskutiert, mit einigen eine enge Freundschaft geschlossen, habe versucht, Menschen in eine tiefere Beziehung mit Gott zu führen und andere zu überzeugen, dass das Christentum keine dumme Weltsicht ist. Und vor allem habe ich für viele Menschen gekocht und mit ihnen zu Abend gegessen. Die letzten drei Jahre waren mit allem gefüllt, was ein Leben lebenswert macht.
Aber eigentlich habe ich das gar nicht erwartet. Eigentlich bin ich an die FTH gekommen und dachte, dass ich nicht mehr viel lernen müsste. Ich wollte einen Abschluss machen, aber ich wollte mich nicht mehr verändern.
Das lag nicht zuletzt daran, dass ich von manchen Menschen in meinem Umfeld gesagt bekommen habe, wie schwierig ein Theologiestudium für die eigene Spiritualität ist. Es ging darum, dass ein akademisches Studium meinen Glauben vom Herzen in den Kopf befördern würde. Es ging darum, dass die vielen Theorien rund um die Bibel Zweifel in mir wecken könnten. Es ging auch darum, dass mich mein Studium hochmütig machen könnte, sodass ich am Ende von oben herab auf die 'normalen Christen' sehen könnte. Alle diese Sachen gingen mir durch den Kopf, als ich vor drei Jahren an einem Samstag an die FTH ging, um meine neuen Mitstudenten zu treffen.
Drei Jahre ist das her; und als ich jetzt, nach drei Jahren, darauf zurückgesehen habe, fiel mir auf, dass bei allem, was sich verändert hat und neu geworden ist, eines immer gleich geblieben ist: Jesus hat nie aufgehört, mich zu fasznieren.
    Jesus ist so gnädig.
Im Zuge des Skandals um den sogenannten Protz-Bischoff von Limburg ist mir einmal mehr aufgefallen, in was für einer Gnaden-losen Welt wir leben; oder besser: welche Gnaden-lose Welt wir uns geschaffen haben. Und dabei will ich nichts über die Schuld oder Unschuld von Franz-Peter Tebartz-van Elst sagen. Mein Problem liegt eher darin, dass es den Medien und ihren Konsumenten eine diebische Freude zu bereiten scheint, einen Mann zu demontieren, bis er so gedemütigt ist, dass er seinen Schwanz einzieht und mit dem Billigflieger zu seinem obersten Chef fliegt um sich eine Ohrfeige einzufangen.
Haben wir gut hinbekommen.
Jetzt brauchen wir wieder einen Moment nicht auf unsere eigenen Fehler zu sehen.
Grandios.
Gnade ist rar geworden in unserer Welt, und die wenigsten suchen noch danach, fragen noch danach.
Viele Christen und Kirchen sind da auch nicht besser.
Gnade war schon immer rar in dieser Welt. Vor einiger Zeit ist mir wieder eine der traurigsten Geschichtem im Alten Testament ins Auge gefallen. Darin verliebt sich Ammon, ein Sohn Davids, in seine Halb-Schwester Tamar. Sie war von überaus großer Schönheit, sagt 2Sam 13,1 und Ammon versucht vieles, um sie zu gewinnen. Am Ende wird sein Liebeskummer so groß, dass er durch eine List dazu kommt, dass Tamar ihm in seinem Gemach begegnet, und die Zwei sind endlich allein.
Ein letzter, halbherziger Versuch von Ammons Seite, mit ihr einvernehmlich ins Bett zu steigen, scheitert – nicht zuletzt an der großen Weisheit Tamars (2Sam 13, 11-13). Und Ammon überwältigt Tamar, vergewaltigt sie und als er von ihr ablässt, wächst sein Hass. Es ist sicher ein Hass auf sich selbst, aber er ist nicht in der Lage, es als das zu erkennen. Also fokussiert er sich auf die einzige Person, die anwesend ist. Und beginnt, die Frau zu hassen, die er vorher so sehr begehrt hat.
Es ist eine von diesen Geschichten, die uns das Grauen über den Rücken jagt, durch ihre Rohheit, und ihre ungeschönte Darstellung der menschlichen Niederungen.
Hass is vorhanden.
Und keine Gnade.
Tamar findet keine Gnade mehr in ihrem Leben – obwohl sie nichts getan hat.
Ammon findet keinen Frieden mehr, und Gnade schon gar nicht – obwohl er bekommen hat, was er wollte.
Aber Jesus ist anders; bei Jesus ist Gnade vorhanden, mehr als wir jemals verschwenden können.
Es gibt eine Geschichte über Jesus, und manche Theologen sagen, dass sie nicht ursprünglich zum NT gehörte. Die Debatte ist schwierig und kompliziert, aber am Ende steht vor allem eine Erkenntnis: Diese Geschichte scheint Jesu Wesen und seinen Dienst so deutlich wiederzuspiegeln, dass sie schon in frühen Jahrhunderten von führenden Theologen der jungen Kirche zitiert und als historisch betrachtet urde.
Wir dürfen, denke ich, mit wohlwollen diese Geschichte als historisch betrachten.

In dieser Geschichte sitzt Jesus auf dem Boden, als eine Horde wütender Männer ihm begegnet. Sie schleifen eine Frau mit sich, die sie „beim Ehebruch ertappt [hatten]“ (Joh 8,3; NeÜ). Nun ist Jedem von uns bewusst, dass zu einem Ehebruch zumindest zwei Personen gehören. Von dem Mann allerdings ist hier keine Rede mehr. Nur die Frau wird vor Jesus geschleift. Noch dazu ist zu bezweifeln, dass sie die Zeit bekommen hat, sich noch anzuziehen. Die Situation ist deutlich: Eine Horde wilder, religiöser Männer schleifen eine nackte Frau, die sie vorher beim Sex beobachtet haben, vor Jesus, damit er sie für ihre sexuelle Zügellosigkeit verurteilt.
Aber nicht mit Jesus. Jesus hat noch nie gerne nach den Spielregeln der Spielmacher gespielt; und auch noch nie darein gepasst.
Was mich in dieser Geschichte an Jesus fasziniert sind die drei Dinge:

a. Jesus lenkt den Blick auf sich.
Jesus erste Reaktion ist unglaublich. Er schreibt in den Sand. (Joh 8,9). Wir können uns denken, wo die Augen der meisten Männer waren, als diese nackte Frau vor ihnen stand. Welche Scham es über die Frau gebracht haben muss. Es ist kein Wort von ihr zu hören. Und bevor Jesus etwas sagt, lenkt er die Blicke der Meute von dieser Frau weg auf sich – und schreibt in den Sand. Wir haben keine Ahnung, was er geschrieben hat. Aber er schreibt. Und die Menschen blicken nicht mehr die Frau in ihrer Scham und ihrer Sünde an – sondern sehen auf den Einzigen, der sich der Sünde annehmen kann. Und auch die Frau sieht nicht mehr ängstlich auf den wütenden Mob oder beschämt auf den Boden, sondern auf den einzigen, der in dieser Sitation Gnade für sie hat.

b. Jesus zeigt die Sünde auf – bei uns selbst!
Im nächsten Moment lenkt Jesus den Blick weg von sich, und zeigt auf das Herz jedes Einzelnen. Bist du denn Besser als sie?, fragte er die Männer. Kannst du wirklich sagen, dass du schuldlos bist? Mit welchem Recht willst du sie denn verurteilen? Wohl mit dem gleichen Recht, mit dem wir dich verurteilen könnten!?
Jesus ist nie so sehr dafür zu haben, Selbstgerechtigkeit hochzuhalten. Von den drei Figuren in der Geschichte ist nur einer wirklich gerecht – und das ist Jesus. Aber es sind die Männer, die mit dem Anspruch von Gerechtigkeit auftreten.
Bei Jesus ist es immer ungünstig, etwas vorzuspielen, was man nicht ist.
Und sei es ein fester Glaube.
Und sei es ein moralisches Handeln.
Und sei es der regelmäßige Gottesdienst.
All das sind keine schlechten Dinge – aber sie sind nur etwas wert, wenn sie echt sind, nicht gespielt.
Mit einem einzigen Satz macht Jesus uns darauf aufmerksam, dass wir spielen – aber das wir bei ihm echt sein sollen.
Bist du selbst denn ohne Sünde?“
Hast du selbst noch nie gezweifelt? Hast du selbst noch nie mit dem Gedanken gespielt, deine Partner zu betrügen, oder über das unbeliebte Mädchen in der Klasse zu lästern? Hast du selbst noch nie ausschlafen wollen, anstatt in den Gottesdienst zu gehen.
Was immer ich tue, um vor Jesus zu bestehen, wenn es nicht vollkommen perfekt ist, dann wird es nicht reichen, weil ich dann perfekt spiele.

c. Jesus schenkt Gnade für den, der bereut.
Und dann lassen die Männer ihre Steine fallen, einer nach dem anderen nach dem anderen, bis alle Steine am Boden liegen und die Männer weg sind. Ich kann mir denken, wie Jesus an diesem Moment gegrinst hat: „Hat dich etwa keine gesteinigt?“ Soll heißen: War etwa keiner von ihnen ohne Sünde?
Aber Jesus lässt einen Sünder, der seine Fehler bereut, niemals einfach stehen. Rob Bell sagt, dass Jesus ein Gott ist, der uns genauso liebt wie wir sind aber und aber viel zu sehr liebt, um uns so sein zu lassen. Wir sehen es an dieser Sünderin, zu der Jesus sagt:
Geh nun, und sündige nicht mehr.“
Jesus stellt keine Liste auf: Das und das musst du ab jetzt tun, damit ich dich auch weiter liebe.
Aber er sagt auch nicht, es ist völlig egal, was du jetzt tust. Zerstöre weiterhin Ehen, bring weiterhin Leid in das Leben anderer und versuche weiterhin, durch diese Götzen deine innere Leere zu füllen.
Jesus sagt: Geh! Ich verurteile den Sünder, der bereut, nicht.
Und er sagt: Sündige in Zukunft nicht mehr. Oder besser: Verlass dich auf die einzige Kraft, die dir dabei helfen kann, von der Sünde abzulassen – immer mehr, kleine Schritte in die richtige Richtung.
Diese Kraft ist er selbst, dieser Jesus.
Faszinierend, nicht wahr?

God Bless,

Restless Evangelical