Mittwoch, 16. Oktober 2013

Selbst nach diesem Studium (2.Teil)

Warum Jesus nie aufgehört hat, mich zu faszinieren.
#2 Jesus ist so gerecht.

[Vorbemerkung: Dies ist der zweite von drei Teilen, in denen ich die drei wichtigsten Dinge nenne, die mich auch nach diesem Theologiestudium an Jesus faszinieren. Kommt in den nächsten Tagen wieder, um die anderen beiden Gründe zu lesen. Den ersten Teil findet ihr unter Jesus ist so gnädig.]

Gestern habe ich davon geschrieben, dass mit die Gnade, mit der Jesus einem bereuenden Sünder begegnet, immer noch an ihm fasziniert. Gnade ist eine Kraft, die in der Lage ist, die ganze Welt zu erschüttern und auf den Kopf zu stellen. Aber dafür müssen wir oft unsere eigenen Bedürfnisse hintenanstellen.
Nichts, was uns unsere Kultur einfach mitgibt.
Nichts, was wir von unserer Natur aus gerne machen. Als ich vor einigen Wochen, zur Zeit der Bundestagswahl, einige Diskussionen um das sogenannte 'Bedingungslose Grundeinkommen' geführt habe, war eines der häufigsten Gegenargumente, die ich gehört habe: „Aber das Nutzen die Menschen doch dann aus. Dann arbeitet doch niemand mehr.“
Das hier ist kein politischer Blog, und es wird auch nicht dazu.
Ich war nur fasziniert davon, dass Christen, die eine sehr deutliche und großartige Vorstellung von der Gnade Gottes haben, genau das nicht bei Gnade sagen.
Gnade ist unverdient – aber führt uns in Dankbarkeit auch zum Gehorsam gegenüber dem, der die Gnade geschenkt hat.
Nun, fangt nicht an zu schreien. Ich weiß, dass bei der Heiligung, die aus der Gnade wächst, noch mehr eine Rolle spielt als nur die Dankbarkeit – namentlich der Heilige Geist. Und der fehlt wohl beim bedingungslosen Grundeinkommen.
Aber ich fand das trotzdem einen interessanten Gedanken, den ich verfolgen wollte.
Mir ist etwas deutlich geworden; es gibt einen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit, die Jesus zeigt, und der Gerechtigkeit, die bei uns immer wieder aufblitzt.

  1. Unsere Gerechtigkeit will das Beste für uns selbst.
Wir können uns so schön empören. Selten allerdings, wenn wir selbst Mist gebaut haben, aber sehr gerne, wenn andere uns mit Mist beworfen haben – oder wir jedenfalls das Gefühl haben, dass es so war.
Gnade fordern wir immer erstmal für uns, während wir Gerechtigkeit immer bei den Verfehlungen der anderen fordern.
Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein deutscher Spitzenpolitiker über gravierende Mängel in seiner Doktorarbeit gestürzt ist. Als einer der sich am politisch linken Rand der sonst so konservativen FTH bewegt, kannte ich im Fall des Plagiat-Doktors sowohl die Seite, die sich diebisch freute, dass der schmierige Emporkömmling keine Bedrohung mehr für den roten Umschwung in Bayern oder im Bund werden konnte (*haha*) und ebenso die Seite, die von einer Hetzkampagne redete und davon, dass die linken Medien sich verschworen hätten (als hätte der Spiegel im nachhinein die Fehler in die Doktorarbeit reingetippt und die Fußnoten mit TippEx gestrichen).
Politik ist ein hartes Geschäft – nicht so sehr, weil man dabei Entscheidungen treffen muss, sondern dass man gehasst wird, egal welche Entscheidung man trifft. Wir haben – nicht nur in der Politik, aber hier wird es uns dank der vierten Macht am deutlichsten – eine Kultur erschaffen, in der Fehler nicht erlaubt sind, schon gar nicht von Entscheidungsträgern. Als werden wir alle Meister darin, eine Maske der Selbstgerechtigkeit aufzusetzen und alle Menschen damit zu linken – bis die Maske löcherig wird.
Und je länger wir die Maske tragen, desto hochmütiger werden wir gegenüber denjenigen, die nicht so perfekte Masken haben wie wir.
Selbstgerechtigkeit ist eine vermaledeite 'Tugend', denn sie bezieht ihren Wert aus der scheinbaren 'Wert-losigkeit' der anderen. Unser Sinn für Gerechtigkeit hat immer etwas damit zutun, ob wie einen Schaden davongetragen haben, oder nicht.
Was mich an Jesus fasziniert, ist, dass es bei ihm genau umgekehrt ist.

  1. Die Gerechtigkeit Gottes will das Beste für die Anderen.
Stell dir vor, heute käme eine junge Frau in deine Gemeinde, die dafür bekannt ist, dass sie ihre Libido sehr unverblümt auslebt. Sie hat viele Männer gehabt, manchmal parallel, manchmal nacheinander. Und sie sieht auch entsprechend ansprechend aus. Wenn sie einen Raum betritt, und sei es im Winter, dann drehen sich die Männer um – sie grinst, und scheint es sehr deutlich zu genießen. Bis jetzt war es ihr auch egal, ob ein Mann verheiratet war, wenn sie ihn wollte.
Und stell dir vor, dein Pastor geht zu ihr – und macht ihr mit unmissverständlichen Worten deutlich, dass sie, wie man so schön sagt 'in Sünde lebt': „Keiner deiner Männer gehört wirklich zu dir!“, sagt er ihr, und sie sieht in mit großen Augen an.
Was wäre deine Reaktion, wenn du als Gemeindeglied oder Besucher diese Szene betrachtetest?
Ärger? – so kann er doch nicht mit ihr reden!
Wut? – das ist ja mal wieder typisch für die Christen!
Abscheu? – wie kann man so selbstgerecht sein, gut, dass ich anders bin!
Genugtuung? – sie hat mir meinen Typ genommen, jetzt kriegt sie es zurück!
Enttäuschung? – wieso kommt sie überhaupt hier her, sie findet hier sicher keine Gnade!
Es ist spannend, dass eine ähnliche Geschichte mit Jesus passiert ist. An einem Brunnen im Land der Samariter begegnet Jesus einer Frau und verändert ihr Leben für immer. Die Geschichte zeigt uns einmal mehr, dass Jesus nicht nach den Spielregeln spielt, die wir uns in der Gesellschaft gerne aufbauen. Jesus liebt Gerechtigkeit; aber nicht als Selbstzweck, nicht aus selbstsüchtigen Motiven, sondern weil uns allen Ungerechtigkeit schadet.
Stell dir vor, du wärst diese Frau; und in Scham gehst du seit vielen Jahren schon zur heißesten Zeit des Tages zum Brunnen vor der Stadt, weil du niemandem begegnen willst. Du lebst in einer Zeit, in der die Frau an sich schon wenig gilt, wie viel weniger noch eine Frau, die sich jedem erstbesten Mann ans Bein bindet? Auf der Suche nach Erfüllung hat sie sich hingegeben und nur Verachtung gefunden. Sie wird mit Selbstgerechtigkeit betrachtet, und das hat sie gebeugt.
Aber dieser Jesus ist anders.
Er beginnt ein Gespräch mit der Frau. Das war für einen Juden in der damaligen Gesellschaft eine Unmöglichkeit! Ein Mann, redet mit einer Frau, die nicht seine Frau ist? Noch dazu eine Samariterin?
Jesus sind solche gesellschaftlichen Tabus egal, wenn sie dazu führen, dass Ungerechtigkeit geschieht.
Und er sagt ihr auf den Kopf zu, was ihre Fehler sind. "Geh und hole deinen Mann hierher!", sagte Jesus. "Ich habe keinen Mann", entgegnete die Frau. "Das ist richtig", erwiderte Jesus. "Du hast keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du etwas Wahres gesagt."“ (Joh 4,16ff; NeÜ)
Aber das faszinierende an Jesus ist, dass es ihm nicht darum geht, selbstgefällig ihre Fehler aufzuzeigen – und damit zu beweisen wir großartig er selbst ist; was dem Grund gleichkommen würde, aus dem wir meisten die Fehler anderer aufzeigen.
Jesus zeigt Fehler auf, Jesus liebt Gerechtigkeit und hasst Ungerechtigkeit, weil wir durch Ungerechtigkeit zerstört werden.
Wir können das im Anfang des Gespräches sehen. Jesus beginnt das Gespräch nämlich nicht damit, dass er der Frau ihre Sünden an den Kopf wirft. Er beginnt das Gespräch, indem er nach einem Glas Wasser fragt. An einem Brunnen, mitten in der Wüste, wahrscheinlich keine schlechte Idee.
Aber beeindruckend ist dabei, dass er sehr schnell auf ihr Problem zu sprechen kommt. Sie ist ausgetrocknet, von innen, ihre Seele so trocken wir die Wüste, die sie umgibt, durch ihren Lebensstil wurde alle Kraft und alle Vitalität aus hier herausgesaugt.
Jesus sagt: Ich gebe dir Wasser, lebendiges Wasser, sodass du sogar genug Wasser hast, um es an andere zu verteilen. Und diese Quelle ist der Heilige Geist, der in denen Wohnung nehmen will, die ihren Zerbruch eingestehen und sich in die Gnade Jesu fallen lassen.
Aber für den Durchbruch zu einem Leben, in dem die Gnade mehr als genügend vorhanden ist, gehört es auch, das Ungerechte zu hassen. Es gehört dazu, immer mehr einen Blick dafür zu entwickeln, was uns und andere zerstört; alles, was einer Rebellion gegen Gott gleichkommt, wird uns am Ende zerstören, nicht ausfüllen und glücklich machen.
Jesus hasst Ungerechtigkeit nicht einfach, weil sie ihn betrifft, weil er für sich das Beste rausschlagen will.
Jesus hasst Ungerechtigkeit, weil sie zerstörerisch ist, uns zerstört, andere zerstört und, am Schlimmsten, unsere Beziehung zum Vater zerstört.

  1. Vom fröhlichen Wechsel.
Aber das großartigste Geschenk in Puncto Gerechtigkeit ist gar nicht zu erkennen, dass Jesus gerecht ist, dass er Ungerechtigkeit hasst und einmal Gerechtigkeit wiederherstellen wird.
Das großartigste Geschenk ist, dass er uns seine Gerechtigkeit schenkt.
An einer Stelle sagt Jesus: „Wenn ihr Gottes Willen nicht besser erfüllt als die Gesetzeslehrer und Pharisäer, werdet ihr mit Sicherheit nicht in das Reich kommen, das der Himmel regiert.“ (Mt 5,20; NeÜ)
Und die Menschen dachten: Wie sollen wir das überhaupt schaffen? Das ist die Elite der Moral, die Sittenpolizei. Wie sollen wir besser sein als die?
Und ich denke, das ist genau der Punkt.
Es gab ja immer nur einen, der wirklich gerecht war. Es gab überhaupt nur einen, der nie Hintergedanken hatte, nie auf Leute herabgesehen hat, nie mit zweierlei Maß gemessen hat, nie gelogen hat um sich einen Vorteil zu verschaffen und der vor allem kein 'Scheiß-Egal'-Gen hatte, was uns Menschen anbetrifft.
Eigentlich gibt es nur einen, der wirklich gerecht ist.
Und der hat seine Gerechtigkeit nicht für sich behalten.
Paulus beschreibt es in eindrücklichen Worten: „Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn zu der Gerechtigkeit kommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“ (2Kor 5,21; NeÜ)
Luther nennt das den fröhlichen Wechsel. Jesus zieht seine Gerechtigkeit aus wie ein blendend weißes Gewand, ohne Fehler, ohne Flecken.
Und zieht es uns an.
Aber unser schmutziges, dreckiges Gewand, in dessen Innenseite 'Selbstgerechtigkeit' eingestickt ist, an dessen Bausch das Blut sovieler Mobbingopfer klebt, dessen Manschettenknöpfe von der Gier abgerieben sind, dessen Kragen ganz durchgeweicht ist vom Schweiß, den der Stolz uns ins Gesicht treibt, das zum Himmel stinkt von den Ausdünstungen des Hochmuts, zieht er uns aus – und zieht es selbst an.
Geh, sagt Jesus dann. Geh mit meiner Gerechtigkeit.
Wenn wir erkennen, wie wenig wir zu bringen haben, erkennen wir: Ungerechtigkeit – dein Name ist Restless Evangelical (und du darfst gerne deinen Namen einfügen).
Aber durch die Gerechtigkeit Jesu sind wir nicht länger Ungerechte, sondern Gerechtfertigte.
In der Geschichte von der Frau, die in die Gemeinde kommt, und vom Pastor angesprochen wird, ist die Geschichte noch nicht zuende, heißt es dann.
Zum Schluss schließt sie der Pastor in die Arme, und sagt: „Aber das ist Vergangenheit, wenn du zu Jesus kommt!“ Dann führt er sie in die erste Reihe, weil er froh ist, dass sie gekommen ist.
Und wer macht's möglich? Jesus!
Beeindruckend, nicht wahr?

God Bless,

Restless Evangelical

1 Kommentar:

  1. Lieber Marcus,

    zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) siehe die interessante Argumentation von Oliver Janich: http://www.youtube.com/watch?v=KYWftEh9r_Y

    AntwortenLöschen