Dienstag, 22. Oktober 2013

Selbst nach diesem Studium (3.Teil a)

Warum Jesus nie aufgehört hat, mich zu faszinieren.
#3 Jesus ist genau der Retter, den ich brauche

[Vorbemerkung: Dies ist der dritte von drei Teilen, in denen ich die drei wichtigsten Dinge nenne, die mich auch nach diesem Theologiestudium an Jesus faszinieren. Den ersten Teil findet ihr unter 'Jesus ist so gnädig'. Dein zweiten Teil unter 'Jesus ist so gerecht'.]

Jeder Mensch ist spirituell. Vor ein paar Tagen saß ich bei ein paar beeindruckenden jungen Männern, und wir haben über die Frage gesprochen, was der Glaube eigentlich für uns bedeutet. Und ich kam zu dem Punkt, dass ich zugeben musste, dass ich das Wort 'Spiritualität' gar nicht beschreiben kann, definieren was es ist. Aber ich benutze es sehr häufig.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich, und viele Menschen, mit denen ich spreche – egal ob es Christen sind, oder nicht – vor allem zwei Fragen herumtreiben, für die 'Spiritualität' vielleicht die beste Beschreibung ist: Wer bin ich, und gibt es mehr als mich?
Wie wir diese Fragen beantworten, ist von Bedeutung, nicht nur für unser 'ewiges Leben' im Sinne einer Bekehrung, sie beeinflussen auch und vorerst fast alles, was wir hier auf der Erde tun.
Je nachdem, wie wir diese beiden Fragen beantworten, verhalten wir uns gegenüber anderen Menschen, der Schöpfung – und sogar uns selbst – auf die uns eigene Weise.
Was mich an Jesus immer fasziniert hat, mehr noch als die Charakterzüge, die ich in meinen beiden anderen Posts beschrieben habe, ist, dass er genau der Retter ist, den wir brauchen, den jedenfalls ich brauchte, und so anders wie ihr alle bin ich ja nun auch nicht.
Jesus beantwortet die Fragen auf die ihn eigene Art und Weise, die unsere Erwartungen sprengt – und schießt damit genau auf das Herz unseres Weltschmerzes.

  1. Wer bin ich eigentlich?
Ein lieber Freund, der sich mit den ganzen Hintergründen in den biblischen Büchern viel besser auskennt als ich, hat mir einmal gesagt, dass er bezweifelt, dass diese ganze moderne Suche nach Identität wirklich etwas ist, was in der Bibel vorhanden ist, geschweige denn von ihr beantwortet wird.
Aber ich bin nicht überzeugt. Es scheint mir viel mehr zu sein, als würde diese Frage im Zentrum von dem stehen, was die biblischen Figuren tun und wie sie handeln.
Es gibt in der Bibel uralte Geschichte von zwei Brüdern, die gleichzeitig geboren werden und ihr Leben lang in Konkurrenz miteinander stehen. Der Eine ist ein ganzer Mann, behaart und ein Jäger, und sein Vater liebt ihn mehr als seinen anderen Sohn. Der andere Junge ist ein Schwiegersohn, ein Koch, warm und kuschelig und, wie man später merkt, von einem erstaunlichen Intellekt.
Diese uralte Geschichte ist nicht nur uralt, sondern auch so etwas wie die Gründungsgeschichte des Volkes Israel – denn es handelt sich um die Geschichte des jüdischen Urvaters Jakob und seinen Bruder Esau.
Wenn wir der Geschichte folgen, erkennen wir, dass beide Männer im Laufe ihres Lebens damit zu kämpfen haben, zu definieren, wer sie sind, und welche Rolle sie in der großen Geschichte spielen, die sich um sie herum entfaltet.
Bei Jakob ist das besonders auffällig. Er erschleicht sich den Segen seines Vaters, indem er seine eigene Identität verheimlicht, sogar verleugnet. Er wird ein erfolgreicher Hirte, darf die Ballkönigin heiraten, arbeitet sieben Jahre hart dafür – und bekommt am Ende die unattraktive Schwester.
Er muss vor seinem Schwiegervater fliehen, aber nimmt einen riesigen Reichtum mit, der ihn aber nicht glücklich macht.
Er bekommt einen ganzen Stall voll Kindern, aber er ist nicht in der Lage, seine Söhne zu verantwortungsbewussten Männern aufzuziehen, sodass Zwei aus Rachgelüsten eine ganze Stadt abschlachten, ein anderer mit seiner Stiefmutter schläft und alle gemeinsam ihren Bruder in die Sklaverei verkaufen.
In Jakobs Leben erkennen wir, dass Jakob seinen Wert und seine Identität zu jeder Situation in seinem Leben daran festmacht, was er kann und was er getan hat. Und als er dazu nicht mehr in der Lage ist, dann hängt er alle seine Hoffnung auf seinen Hoffnungsträger-Sohn. Als dieser  allerdings verschwindet, verkauft wird von seinen Brüdern, zerbricht Jakob. Obwohl ihm 11 Söhne bleiben, sieht er nun keinen Grund mehr, zu leben. Alle seine Söhne und Töchter kamen, um ihn zu trösten, aber er wollte sich nicht trösten lassen. "Nein", sagte er, "trauernd werde ich zu meinem Sohn ins Totenreich hinunterfahren!" So weinte sein Vater um ihn.“ (1Mo 37,35; NeÜ). Es ist fast so, als würde Jakob seinen Söhnen sagen: Ihr seid mir nicht Grund genug, zu leben. Ihr gebt mir keinen Wert; seht euch an, und was ihr getan habt! Josef war meine Hoffnung, und jetzt habe ich keine mehr.
Und das ist einer der Patriarchen. Ich werde nicht schreiben von der Identitätskrise, die die 'unattraktive Schwester' gehabt haben muss, weil sie mit einem Mann verheiratet wurde, der sie verachtete.
Oder von der Frau am Brunnen, von der ich im letzten Post geschrieben habe.
Oder von mir.
Oder von... dir?
Identitäskrisen sind etwas, das wir alles erleben.
Im Hoch unseres Lebens fragen wir uns: Was kann ich jetzt mit meinem Erfolg anfangen? Gibt es nicht immer noch mehr was ich erreichen kann? Wann bin ich fertig?
Und in den Tiefen der Trauer fragen wir uns: Wann ist das endlich zuende? Wann werde ich endlich wieder glücklich sein? Da muss es doch noch mehr geben.
Faszinierend an Jesus finde ich, dass er um diese Identitäskrise weiß, und genau darauf reagiert.
Lukas erzählt uns in seinem Evangelium die Geschichte von einem Mann, dem Jesus inmitten seiner Identitäskrise mit einem einzigen Satz aufhilft.
Zachäus ist sein Name, und er war von Beruf Zöllner. Das bedeutet, dass er der GEZ-Beitragseintreiber der damaligen Zeit war. Alle mussten ihn bezahlen, meistens hat er mehr genommen als er durfte, und niemand wusste, warum sie eigentlich bezahlen mussten. Irgendeine höhere Instanz hatte das beschlossen – und Zachäus hatte sich dem gebeugt, besser noch: Er hatte Profit daraus geschlagen.
Aber sein Reichtum brauchte ihm nichts, vor allem keine Identität. Er hatte mit der Verachtung der Menschen zu kämpfen und noch dazu war er allein schon körperlich keine besonders beeindruckende Figur, winzig, sodass er in jeder Gruppe unterging.
Wer bin ich eigentlich?, dachte sich Zachäus.
Und dann kommt Jesus vorbei, von der Menge umzingelt, weil alle diesen neuen Rabbi sehen und Zachäus muss auf einen Baum steigen, um Jesus zu sehen.
Er sieht Jesus unten vorbeilaufen, kann einen kurzen Blick auf Jesus erhaschen.
Und Jesus sieht plötzlich herauf.
Manchmal denke ich, dass sich Zachäus unwillkürlich umgesehen haben muss, um zu sehen, ob da noch ein anderer auf dem Baum hockte; Jesus konnte doch nicht wirklich ihn meinen.
Und doch.
Jesus sagt zwei Dinge zu Zachäus:
Zuerst: „Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute noch zu dir kommen!“ (Lk 19,5; NeÜ)
Jesus will zu diesem Mann kommen, zu dem niemand kommen wollte, von dem niemand was wissen wollte, der noch nie besuch hatte, und den bis jetzt auch niemand geliebt hat. Jesus will kommen – und es ist keine Zeit zu verlieren.
Können wir uns vorstellen, wie dieser Besuch Zachäus mehr Wert gegeben haben muss, als er sich jemals erträumt hatte. Aus diesem unendlichen See von Gesichtern hatte Jesus ihn ausgesucht, zu kommen. Endlich war er etwas besonderes.
Aber als Jesus sein Haus betritt, geschieht eine Veränderung mit diesem Mann. Auf einmal zählt nicht mehr er, und sein Wert und seine Identität. Er sieht diesen Jesus, den Mann, von dem Dostojewski schreibt, dass er seine Feinde „mit sanften Augen ansieht“ und merkt, dass ein Leben hier nicht hier findet; das ein Leben für mich seinen Wert nicht in mir findet; dass ein Leben der Freude seinen Wert nicht in der Freude findet.
Sondern in ihm.
Und er beginnt, sein ergaunertes Geld zu verschenken, zurückzugeben und loszulassen, was er vorher geklammert hat.
Und Jesus sagt den zweiten Satz zu ihm:
Heute hat dieses Haus Rettung erfahren. […] Er ist doch auch ein Sohn Abrahams.“ (Lk 19,9, NeÜ)
Dieser zweite Satz ist fast noch wichtiger, als der Erste. Rettung ist schön, aber nach Rettung hat Zachäus erst einmal gar nicht gesucht. Erst in der Begegnung mit Jesus erfahren wir, Schritt für Schritt und Stück für Stück, immer mehr, wie viel Rettung wir eigentlich nötig haben.
Aber Zachäus gehört wieder zum Volk, das ihn ausgestoßen hat. Er ist doch auch ein Sohn Abrahams, sagt Jesus, gnädig und gerecht, wie er ist.
Paulus greift das auf, wenn er in seiner großen Verteidigung des Evangeliums vom gekreuzigten Jesus schreibt: „Begreift doch: Die, die glauben, sind Abrahams Kinder!“ (Gal 3,7; NeÜ)
Zachäus hatte eine Begegnung mit Jesus, verstanden, dass er ohne Jesus keine bleibende Zufriedenheit in seiner Suche nach einer eigenen Identität finden wird.
Jesus, der später gekreuzigt und auferstehen würde, für Zachäus, für mich, für dich, wurde Zachäus Identität.
Genau das, was Zachäus immer gesucht hat.
Beeindruckend, nicht wahr?

God Bless,

Restless Evangelical


[Auf Grund einiger Rückmeldungen möchte ich meine Posts in Zukunft kürzer gestalten, sodass auch hart arbeitende Menschen sie ab und zu lesen können. Kommt morgen wieder, um den zweiten Teil dieses dritten Teils zu lesen: Jesus als Antwort auf die Frage: Gibt es da nicht noch mehr?]

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