Dienstag, 15. Oktober 2013

Selbst nach diesem Studium

Warum Jesus nie aufgehört hat, mich zu faszinieren.
#1 Jesus ist so gnädig.

[Vorbemerkung: Dies ist der erste von drei Teilen, in denen ich die drei wichtigsten Dinge nenne, die mich auch nach diesem Theologiestudium an Jesus faszinieren. Kommt in den nächsten Tagen wieder, um die anderen beiden Gründe zu lesen.]

Vorgestern habe ich meine Absolvierung gefeiert. Drei Jahre lang habe ich hier in Gießen Theologie studiert, die biblischen Ursprachen gelernt, Texte analysiert und Kirchengeschichte gebüffelt. Ich habe mit vielen Leute diskutiert, mit einigen eine enge Freundschaft geschlossen, habe versucht, Menschen in eine tiefere Beziehung mit Gott zu führen und andere zu überzeugen, dass das Christentum keine dumme Weltsicht ist. Und vor allem habe ich für viele Menschen gekocht und mit ihnen zu Abend gegessen. Die letzten drei Jahre waren mit allem gefüllt, was ein Leben lebenswert macht.
Aber eigentlich habe ich das gar nicht erwartet. Eigentlich bin ich an die FTH gekommen und dachte, dass ich nicht mehr viel lernen müsste. Ich wollte einen Abschluss machen, aber ich wollte mich nicht mehr verändern.
Das lag nicht zuletzt daran, dass ich von manchen Menschen in meinem Umfeld gesagt bekommen habe, wie schwierig ein Theologiestudium für die eigene Spiritualität ist. Es ging darum, dass ein akademisches Studium meinen Glauben vom Herzen in den Kopf befördern würde. Es ging darum, dass die vielen Theorien rund um die Bibel Zweifel in mir wecken könnten. Es ging auch darum, dass mich mein Studium hochmütig machen könnte, sodass ich am Ende von oben herab auf die 'normalen Christen' sehen könnte. Alle diese Sachen gingen mir durch den Kopf, als ich vor drei Jahren an einem Samstag an die FTH ging, um meine neuen Mitstudenten zu treffen.
Drei Jahre ist das her; und als ich jetzt, nach drei Jahren, darauf zurückgesehen habe, fiel mir auf, dass bei allem, was sich verändert hat und neu geworden ist, eines immer gleich geblieben ist: Jesus hat nie aufgehört, mich zu fasznieren.
    Jesus ist so gnädig.
Im Zuge des Skandals um den sogenannten Protz-Bischoff von Limburg ist mir einmal mehr aufgefallen, in was für einer Gnaden-losen Welt wir leben; oder besser: welche Gnaden-lose Welt wir uns geschaffen haben. Und dabei will ich nichts über die Schuld oder Unschuld von Franz-Peter Tebartz-van Elst sagen. Mein Problem liegt eher darin, dass es den Medien und ihren Konsumenten eine diebische Freude zu bereiten scheint, einen Mann zu demontieren, bis er so gedemütigt ist, dass er seinen Schwanz einzieht und mit dem Billigflieger zu seinem obersten Chef fliegt um sich eine Ohrfeige einzufangen.
Haben wir gut hinbekommen.
Jetzt brauchen wir wieder einen Moment nicht auf unsere eigenen Fehler zu sehen.
Grandios.
Gnade ist rar geworden in unserer Welt, und die wenigsten suchen noch danach, fragen noch danach.
Viele Christen und Kirchen sind da auch nicht besser.
Gnade war schon immer rar in dieser Welt. Vor einiger Zeit ist mir wieder eine der traurigsten Geschichtem im Alten Testament ins Auge gefallen. Darin verliebt sich Ammon, ein Sohn Davids, in seine Halb-Schwester Tamar. Sie war von überaus großer Schönheit, sagt 2Sam 13,1 und Ammon versucht vieles, um sie zu gewinnen. Am Ende wird sein Liebeskummer so groß, dass er durch eine List dazu kommt, dass Tamar ihm in seinem Gemach begegnet, und die Zwei sind endlich allein.
Ein letzter, halbherziger Versuch von Ammons Seite, mit ihr einvernehmlich ins Bett zu steigen, scheitert – nicht zuletzt an der großen Weisheit Tamars (2Sam 13, 11-13). Und Ammon überwältigt Tamar, vergewaltigt sie und als er von ihr ablässt, wächst sein Hass. Es ist sicher ein Hass auf sich selbst, aber er ist nicht in der Lage, es als das zu erkennen. Also fokussiert er sich auf die einzige Person, die anwesend ist. Und beginnt, die Frau zu hassen, die er vorher so sehr begehrt hat.
Es ist eine von diesen Geschichten, die uns das Grauen über den Rücken jagt, durch ihre Rohheit, und ihre ungeschönte Darstellung der menschlichen Niederungen.
Hass is vorhanden.
Und keine Gnade.
Tamar findet keine Gnade mehr in ihrem Leben – obwohl sie nichts getan hat.
Ammon findet keinen Frieden mehr, und Gnade schon gar nicht – obwohl er bekommen hat, was er wollte.
Aber Jesus ist anders; bei Jesus ist Gnade vorhanden, mehr als wir jemals verschwenden können.
Es gibt eine Geschichte über Jesus, und manche Theologen sagen, dass sie nicht ursprünglich zum NT gehörte. Die Debatte ist schwierig und kompliziert, aber am Ende steht vor allem eine Erkenntnis: Diese Geschichte scheint Jesu Wesen und seinen Dienst so deutlich wiederzuspiegeln, dass sie schon in frühen Jahrhunderten von führenden Theologen der jungen Kirche zitiert und als historisch betrachtet urde.
Wir dürfen, denke ich, mit wohlwollen diese Geschichte als historisch betrachten.

In dieser Geschichte sitzt Jesus auf dem Boden, als eine Horde wütender Männer ihm begegnet. Sie schleifen eine Frau mit sich, die sie „beim Ehebruch ertappt [hatten]“ (Joh 8,3; NeÜ). Nun ist Jedem von uns bewusst, dass zu einem Ehebruch zumindest zwei Personen gehören. Von dem Mann allerdings ist hier keine Rede mehr. Nur die Frau wird vor Jesus geschleift. Noch dazu ist zu bezweifeln, dass sie die Zeit bekommen hat, sich noch anzuziehen. Die Situation ist deutlich: Eine Horde wilder, religiöser Männer schleifen eine nackte Frau, die sie vorher beim Sex beobachtet haben, vor Jesus, damit er sie für ihre sexuelle Zügellosigkeit verurteilt.
Aber nicht mit Jesus. Jesus hat noch nie gerne nach den Spielregeln der Spielmacher gespielt; und auch noch nie darein gepasst.
Was mich in dieser Geschichte an Jesus fasziniert sind die drei Dinge:

a. Jesus lenkt den Blick auf sich.
Jesus erste Reaktion ist unglaublich. Er schreibt in den Sand. (Joh 8,9). Wir können uns denken, wo die Augen der meisten Männer waren, als diese nackte Frau vor ihnen stand. Welche Scham es über die Frau gebracht haben muss. Es ist kein Wort von ihr zu hören. Und bevor Jesus etwas sagt, lenkt er die Blicke der Meute von dieser Frau weg auf sich – und schreibt in den Sand. Wir haben keine Ahnung, was er geschrieben hat. Aber er schreibt. Und die Menschen blicken nicht mehr die Frau in ihrer Scham und ihrer Sünde an – sondern sehen auf den Einzigen, der sich der Sünde annehmen kann. Und auch die Frau sieht nicht mehr ängstlich auf den wütenden Mob oder beschämt auf den Boden, sondern auf den einzigen, der in dieser Sitation Gnade für sie hat.

b. Jesus zeigt die Sünde auf – bei uns selbst!
Im nächsten Moment lenkt Jesus den Blick weg von sich, und zeigt auf das Herz jedes Einzelnen. Bist du denn Besser als sie?, fragte er die Männer. Kannst du wirklich sagen, dass du schuldlos bist? Mit welchem Recht willst du sie denn verurteilen? Wohl mit dem gleichen Recht, mit dem wir dich verurteilen könnten!?
Jesus ist nie so sehr dafür zu haben, Selbstgerechtigkeit hochzuhalten. Von den drei Figuren in der Geschichte ist nur einer wirklich gerecht – und das ist Jesus. Aber es sind die Männer, die mit dem Anspruch von Gerechtigkeit auftreten.
Bei Jesus ist es immer ungünstig, etwas vorzuspielen, was man nicht ist.
Und sei es ein fester Glaube.
Und sei es ein moralisches Handeln.
Und sei es der regelmäßige Gottesdienst.
All das sind keine schlechten Dinge – aber sie sind nur etwas wert, wenn sie echt sind, nicht gespielt.
Mit einem einzigen Satz macht Jesus uns darauf aufmerksam, dass wir spielen – aber das wir bei ihm echt sein sollen.
Bist du selbst denn ohne Sünde?“
Hast du selbst noch nie gezweifelt? Hast du selbst noch nie mit dem Gedanken gespielt, deine Partner zu betrügen, oder über das unbeliebte Mädchen in der Klasse zu lästern? Hast du selbst noch nie ausschlafen wollen, anstatt in den Gottesdienst zu gehen.
Was immer ich tue, um vor Jesus zu bestehen, wenn es nicht vollkommen perfekt ist, dann wird es nicht reichen, weil ich dann perfekt spiele.

c. Jesus schenkt Gnade für den, der bereut.
Und dann lassen die Männer ihre Steine fallen, einer nach dem anderen nach dem anderen, bis alle Steine am Boden liegen und die Männer weg sind. Ich kann mir denken, wie Jesus an diesem Moment gegrinst hat: „Hat dich etwa keine gesteinigt?“ Soll heißen: War etwa keiner von ihnen ohne Sünde?
Aber Jesus lässt einen Sünder, der seine Fehler bereut, niemals einfach stehen. Rob Bell sagt, dass Jesus ein Gott ist, der uns genauso liebt wie wir sind aber und aber viel zu sehr liebt, um uns so sein zu lassen. Wir sehen es an dieser Sünderin, zu der Jesus sagt:
Geh nun, und sündige nicht mehr.“
Jesus stellt keine Liste auf: Das und das musst du ab jetzt tun, damit ich dich auch weiter liebe.
Aber er sagt auch nicht, es ist völlig egal, was du jetzt tust. Zerstöre weiterhin Ehen, bring weiterhin Leid in das Leben anderer und versuche weiterhin, durch diese Götzen deine innere Leere zu füllen.
Jesus sagt: Geh! Ich verurteile den Sünder, der bereut, nicht.
Und er sagt: Sündige in Zukunft nicht mehr. Oder besser: Verlass dich auf die einzige Kraft, die dir dabei helfen kann, von der Sünde abzulassen – immer mehr, kleine Schritte in die richtige Richtung.
Diese Kraft ist er selbst, dieser Jesus.
Faszinierend, nicht wahr?

God Bless,

Restless Evangelical

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