Donnerstag, 18. Dezember 2014

gelesen & geschätzt #21

War Jesus ein guter Mann?

Rezension zu: Pullman, Philipp, The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ, Edinburgh: Canongate 2009

Der britische Literaturprofessor Philip Pullman ist nicht nur ein bekannter Unterstützer der humanistischen Bewegung in Großbritannien, er ist auch ein erfolgreicher Autor von Kinder- und Jugendbüchern. Seine Bücher (u.a. die Trilogie His Dark Materials) sind gefüllt mit einer blühenden Fantasie – für Literaten ein geradezu unabdingbares Talent – und eine vibrierende Sprache, die verständlich ist für Jugendliche und gleichzeitig erfrischend für erfahrenere Leser.
Als Pullman vor einigen Jahren gesagt hat, dass er Jesus (zumindest den, der von den Evangelien dargestellt wird) für den größten Geschichtenerzähler aller Zeiten hält, wurde er von dem damaligen Erzbischof von Canterbury dazu herausgefordert, sich einmal literarisch mit den Jesusdarstellungen in den Evangelien auseinander zu setzen.
Was er getan hat.
Herausgekommen ist das relativ kurze Buch The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ in dem er sich vor allem mit dem Markusevangelium auseinander setzt. Abseits davon, dass das Buch äußerst unterhaltsam ist, möchte ich mich seinem Inhalt vor allem von zwei Seiten aus nähern – eine rein literarische Perspektive, und eine mehr weltanschauliche.

Aus literarischer Perspektive
Was in dem Buch zuerst auffällt, ist die interessante Idee, auf der Gestalt des Jesus Christus zwei Gestalten im Buch zu machen – die Zwillingsbrüder Jesus und Christus. Und während der eine als selbstbewusster und charismatischer Jüngling dargestellt wird (Jesus), der schon bei der Geburt stark und gesund ist, ist der Andere ein kränklicher Tropf, der darum ringt, einen Sinn in seinem Leben zu finden.
Das literarische Ausschlachten der Messias-Motivik in den Evangelien ist natürlich uralt. Nicht erst bei Jesus Christ Superstar, sondern schon in Dostojevskys Großinquisitor wird mit der Idee gespielt, wie man aus diesem Jesus Sinn machen kann, der sogar zeitrechnungstechnisch in der Mitte der Weltgeschichte steht.
In diesem Sinne ist Pullmans Idee congenial. Kurz erwähnen möchte ich, dass sie nicht wirklich neu ist, sondern die Zwillingsmetaphorik schon in mind. Einem apokryphen Evangelium auftaucht (dabei allerdings sehr viel gnostischer und leibfeindlich). Allerdings würde ich nicht beschwören, dass Pullman sich dessen bewusst war.
Literarisch funktioniert diese Aufteilung sehr gut dafür, den Dienst von Jesus in zwei Sphären aufzuteilen. Während auf der einen Seite der charismatische Heilungsprediger steht (Jesus), der Menschen Hoffnung spendet und Begeisterung wecken kann, ist auf der anderen Seite der Chronist, der versucht, aus der aufkommenden Bewegung eine Institution zu machen (Christus). Dabei wird er unterstützt von einem mysteriösen Fremden, der immer wieder auftaucht und versucht, ihn auf Spur einer späteren Großkirche zu bringen (in manchen Interpretationen wurde diese Figur mit Paulus gleichgesetzt, das scheint mir aber keinerlei wirkliche Grundlage zu haben).
Auch die Idee der Unterscheidung zwischen Jesu' charismatischem Dienst und der späteren Institutionalisierung seiner Ideen durch die Apostel bzw. der anfangenden Kirche, ist nicht neu. Auch hier könnte man den Großinquisitor von Dostojewsky nennen als prominentes Vorbild.
Allerdings tut Pullman dies in einem literarischen Charme, der mich sehr angesprochen hat. Literarisch hat Pullman im Buch nämlich den Telegramm-artigen Stil des Markusevangeliums übernommen. Dadurch bekommt das Buch ein faszinierendes Tempo in das Buch, das es noch kürzer erscheinen lässt, als es tatsächlich ist.
In diesem Sinne schafft Pullman es, aus einem uralten (und bekannten) Text einen Pageturner zu machen.
Besonders stechen die Aufarbeitungen von zentralen Ereignissen des Christusgeschehens in den Evangelien heraus. Eine Schlüsselszene im Buch ist das Gebet von Jesus im Garten Getsemaneh, bei dem seine tiefen Zweifel deutlich werden, und der schweigende, nicht intervenierende Gott die Weltanschauung des Autors deutlich hervorscheinen lassen. Wie der Autor hier mit dem Material umgeht, es umformt, und seinem Zweck gefügig macht, ist auf literarischer Ebene faszinierend und lassen einen tiefen Blick in die Seele des Autors zu (zumindest suggeriert es das).
Alleine aus literarischer Perspektive hat mich das Buch begeistert. Es ist ein geradezu klassisches Beispiel, wie Literatur dem immer gleichen Stoff immer neu zu interpretieren weiß.

Aus weltanschaulicher Perspektive
Betrachte ich das Buch aus theologischer Perspektive (und das ist ja nun, muss man sagen, am ehesten meine Expertise), dann fallen mir vor allem zwei Dinge auf. Die Frage nach dem Vorbildcharakter von Jesus, und ein nicht wirklich klassischer Atheismus.

A. Das Vorbild
Nach der Lektüre des Buches bleibt bei dem Leser die eher seelische Frage, ob die Jesusgestalt des Buches eigentlich wirklich als The Good Man bezeichnet werden darf. Denn tatsächlich ist er gescheitert. Nicht nur sein Dienst führt ihn in die Exekution und dann ist das dunkle nichts, sondern auch spirituell wird im Laufe des Buches aus einem dynamischen, atmenden Prediger ein verzweifelter, substanziell zweifelnder Haufen im Garten. Woran lässt sich bei der Gestalt festmachen, dass es sich um einen guten Menschen handelt? Woran macht man den Erfolg eines Lebens dann fest?
Aus einer säkularen Perspektive hat diese Jesusgestalt keinerlei Erfolg gehabt. Und auch das geistliche Erbe, das nach seinem Tod bleiben soll, hängt an dem „Schurken‟ Christus, der seine Notizen umformuliert und somit die Kirche erschafft, die wenig mit dem zu tun hat, was dieser Jesus eigentlich verkündet hat. Jesus selbst stirbt desillusioniert und verzweifelt, ohne selbst irgendetwas wirkliches zu hinterlassen. Nicht mal seinen eigenen Idealen bleibt er völlig treu, indem er von seinen tiefen Zweifeln niemanden wissen lässt.
Jesus in Pullman Vision ist eine zutiefst tragische Gestalt, vielleicht eine Art Stereotype des religiösen Menschen allgemein, der am Ende hoffnungs- und leidenschaftslos davongeht, aus einem Leben der Entsagung ohne Sinn und Verstand. Ist er ein guter Mann?
In diesem Sinne ist Pullmans Buch weniger eine Religions- als zutiefst eine Kirchenkritik.Was in literarischen Zirkeln natürlich auch en vogue ist und wenig wirklich mutig. Allerdings ist sie beißend, geradezu zerstörerisch, weil sie an der eigentlichen Identifikationsfigur der kirchenlichen Frömmigkeit festgemacht wird. Pullman stellt den Christen die Frage nach dem Vorbildsgehalt von diesem Jesus, auf dessen Seite eigentlich alle stehen wollen, aber dessen tragisches Ende (außerhalb einer traditionellen, vom Sühneopfergedanken geprägten, sag: evangelikalen Frömmigkeit) lieber ausgeklammert wird, weil es schwer ist, einen Sinn darin zu finden.
Ist er ein guter Mann? Pullman scheint eher „Nein‟ sagen zu wollen, und ist darin wirklich gegenkulturell.

B. Der Atheismus
Trotz der beißenden Kritik ist das Buch durchzogen vom Sehnen des Autors nach einer Form von Spiritualität. Seit langem ist Pullman dafür bekannt, seinem Atheismus fast pantheistische Züge geben zu wollen, bei dem er eine Form von Göttlichkeit, an die er nicht glaubt, in allen Dingen finden zu wollen – eine Art von further up and further in.
Es ist entsprechend schwer, Michael Schmidt-Salomon oder Richard Dawkins als Autoren dieses Buches zu denken, das sich ja durchaus als atheistische Nacherzählung des Jesusstoffes versteht. Die Kritik dieses britischen Autors ist dabei ja eher an der Kirche, der institutionellen Religion, festgemacht, während viele neue Atheisten gleich jede Form von Spiritualität als Übel darstellen wollen.
Gerade darin scheint der Autor die Vorbildfunktion des Jesus zu finden, dass er auf undefinierte Weise Spiritualität zu wecken in der Lage ist, die sich in einem moralisch verbesserten Leben äußert. Diese Spiritualität hinkt dann an der Abwesenheit des Gottes, an den sie glaubt.
In diesem Sinne scheint das Buch, aus atheistischer Perspektive, die Frage zu stellen, ob Spiritualität ohne Gott möglich ist. Das ist weltanschaulich natürlich eine spannende Frage, lässt den Leser aber auch in einem ungesunden Vakuum, weil eine Antwort auf die Frage ausbleibt.
Eine Frage an sich, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben, scheint mir kein Wert zu sein, sondern nur dann wertvoll, wenn sie als Mittel zum Zweck dienen, eine Antwort zu finden.
Was ist Atheismus, wenn er versucht, eine spirituelle Dimension zu finden?
Was ist Spiritualität, wenn es keine objektive Dimension dabei gibt, die Existenz Gottes?
Eine Antwort darauf würde wohl zu mehr Fragen führen. Mit scheinen diese Ideen aber in eine Sackgasse zu führen.

God Bless,

Restless Evangelical

Freitag, 12. Dezember 2014

Wenn es nichts zu sagen gibt...

Auch wenn heute Freitag ist - und Freitag ist RE-Tag - habe ich heute mal nichts zu sagen.
Alle Artikel, an denen ich gerade arbeite, sind für die Veröffentlichung noch zu wenig durchdacht.
Genießt den tag trotzdem, und stöbert, wenn ihr wollt, mal in den Archiven.

Lieber Gruß,
Marcus

Donnerstag, 11. Dezember 2014

gelesen & geschätzt #20

Gegen Marktneutralität, oder?
Rezension zu: Sandel, Michael, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, Berlin: Ullstein 2012

In der westlichen Welt zu leben, bedeutet für die Meisten vor allem ein Überschuss an Luxusgütern. Das sieht man zum Einen daran, wie die westliche Kultur in anderen Kulturkreisen aufgenommen wird. Zum Anderen sieht man es auch daran, wie Westdeutschland zB immer noch die Zeit der DDR charakterisiert – nämlich namentlich mit dem Fehlen gewisser Obst- und Gemüsesorten und anderer Konsumgüter.
Das liegt, zumindest zum Teil, daran, dass der Markt und seine Mechanismen immer mehr Raum in unserem Leben einnehmen. Kapitalismus ist schon lange nicht mehr nur eine Form von Markthaltung, die Befreiung der angeblich dem Markt inneliegenden Kräfte, die sich selbst regulieren werden, sondern ist zu einem Lebensgefühl geworden.
Als die Linken-Abgeordnete Sahra Wagenknecht bei Harald Schmidt zu Gast war, fragte sie zurück auf die Frage, ob sie gegen Kapitalismus sei: „Ja, es spricht ja wenig dafür. Was spricht denn für Kapitalismus?‟ Worauf Schmidt schlagfertig antwortete: „Mein Lebensstandart.‟
Womit man ganz gut zusammenfassen kann, wie viele Menschen heute die Märkte an sich sehen. Es ist ein undurchsichtiges Netz aus verschiedenen Kräften, die aufeinander wirken, irgendwie mischt die Politik noch mit hinein, aber Ende spuckt er für uns Flachbildschirme und ein zweites Auto aus.
Wieso also nicht auch andere Bereiche unseres Lebens kommerzialisieren? Wieso nicht Kinder dafür bezahlen, Bücher zu lesen? Wieso nicht Söldner anheuern, um unsere Kriege zu kämpfen? Wieso nicht den Markt auch die Geheimdienstarbeit übernehmen lassen, und die anderen pikanten Angelegenheit des Staates? Was spricht eigentlich gegen den Markt?
Hier setzte Michael Sandels neuestes Buch ein. Sandel, Professor für politische Philosophie an der renommierten Harvard University in Neu-England, hat sich einen Namen gemacht als gemäßigt konservativer Beobachter der Gegenwart, als begabter Fragensteller und als erstklassiger Kenner der philosophischen Szene.
Mit entsprechender Begeisterung, getragen von meiner Lektüre seiner anderen Bücher, habe ich mich an sein neuestes Buch gemacht. Es hat mich nicht enttäuscht, auch wenn ich mir etwas mehr gewünscht hätte.

Worin Michael Sandel unerreicht ist.
Auf der einen Seite ist dieses Buch 'ein klassischer Sandel'. Wie alle seiner eher populär-wissenschaftlichen Werke (Gerechtigkeit, The Case Against Perfection) ist es angereichert mit einer Unzahl von Anekdoten, die unsere vorgefertigten Positionen und Meinungen schneller in Frage stellen, als wir den Absatz gelesen haben.
Sandel ist der Ansicht, und hat dies in verschiedenen Interviews zum Ausdruck gebracht, dass die Philosophie nicht so sehr dafür zuständig ist, Antworten auf die zwingenden Fragen der Gegenwart zu liefern, sondern den Status Quo zu hinterfragen. Die Aufgabe der Philosophie ist also eher, die beste Frage zu stellen, als die logischste Antwort zu geben.
Nicht, dass er sich einer Antwort versagen würde.
Aber besser noch als im Antworten geben ist Sandel darin, seine Leser in Frage zu stellen. Dabei scheint er vor allem den Ansatz zu vertreten, dass das die Dynamik des gesellschaftlichen Lebens unsere systematischen Überlegungen immer noch besser in Frage stellen kann, als es die menschliche Kreativität könnte.
In diesem Sinne ist das Buch Unschlagbar für seine Anekdoten aus dem alltäglichen Leben, sei es im privaten Sektor, in der Politik und/oder Wirtschaft, im Wissenschaftsbetrieb oder auf anderen gesellschaftlichen Ebenen. Alleine vom Lesen des Buches kommt man schnell zu der Annahme, die ich allerdings nicht belegen kann, dass Sandel sicher mehr Zeit bei seinen Büchern in die Recherche der Beispiele und Anekdoten verwenden muss, als in das eigentliche Schreiben.
Das kommt mir, als Prediger, der immer auf der Suche ist nach passenden Anwendungen und Veranschaulichungen, nach Geschichten, die eine größere und wichtigere Wirklichkeit verdeutlichen, natürlich unheimlich nahe, und es kann gut sein, dass ich auch gerade deswegen Michael Sandels Bücher liebe, weil es mir immer wieder Geschichten gibt, über die ich brüten kann und die ich sogar für die eine oder andere Predigt verwende.
Zumindest ist dieses Buch von Sandel in diesem Punkt mehr noch als das, was ich erwartet habe: Ein Anekdoten-Feuerwerk, voller wichtiger Fragen und zum Schmunzeln anregender Brüche.

Was Michael Sandels Ergebnis ist.
Michael führt das ganze Nachdenken über die Märkte, die im us-amerikanischen Alltag noch viel präsenter sind als für uns in Deutschland, vor allem zu dem Ergebnis, dass die Märkte nicht neutral sind. Es ist nicht so, als hätten sie keine inneliegenden Werte, sondern wären nur ein Ordnungprinzip für kommerzielle Interaktionen zwischen Menschen, oder zwischen Mensch und Regierung, oder zwischen Mensch und Organisation. Märkte vermitteln einen, ihnen eigenen, Wert, und dass ist die Käuflichkeit aller Dinge, die vom Markt beeinflusst sind. Geld regiert den Markt. Und wenn man werdendes Leben zB vom Markt regulieren lässt – nämlich durch gekaufte Leihmutterschaften durch Inderinnen, oder durch bezahlte Sterilisationen in Gegenden von us-amerikanischen Großstätten, in denen Drogenkonsum und damit einhergehende Kriminalität besonders hoch sind – dann weitet sich diese Käuflichkeitsannahme auf die intimsten Bereiche der menschlichen Identität aus. Und für ihn ist dabei die große Frage nicht, ob sie das tun werden, oder sogar schon jetzt tun, sondern mehr, ob wir das wirklich wollen.
Dafür zeigt Sandel auf, dass die klassischen Argumente gegen die Kommerzialisierung eines weiteren Bereiches unseres täglichen Lebens sich in zwei Kategorien einteilen lassen. Zum Einen wird dann eingewendet, dass die Entscheidung zum Verkauf eines bestimmtes Wertes nicht wirklich frei gefallen ist (Unfairness). Zum Anderen wird eingewendet, dass der Verkauf den Wert an sich verändert (Korrumpierung).
Wir Sandel in den fünf Kapiteln zeigt, unterliegt das Argument der Unfreiheit den gleichen moralischen Grundlagen wie das unbedingte Marktdenken. Wenn die Entscheidung nämlich frei getroffen wird, dann ist auch nichts verwerfliches am Verkauf eines Wertes. Wenn eine Leihmutter wirklich frei entscheidet – und nicht aus wirtschaftlicher Not heraus – dass sie ein Kind für Geld austragen will, dann sollte das auch rechtlich erlaubt sein. Die Frage ist dann nur, ob eine solche Entscheidung jemals frei getroffen werden würde. Sandel zeigt, dass dieses Argument nicht wirklich reicht, um das ausufernde Umsichgreifen des Marktes zu stoppen; und auch nicht, um zu erklären, wieso gerade die Kommerzialisierung im Gewissen der Menschen meistens Alarm schlägt.
Für Sandel tiefer liegt das Argument, dass durch den Einfluss des Marktes der Wert an sich verändert wird. Das zeigt er an vielen Beispielen. Exemplarisch sei das Beispiel des bezahlten Lesens erwähnt. Wenn Schüler für das Lesen von Büchern bezahlt werden, dann kann es zwar sein, dass sie dadurch zu mehr Lesen angespornt werden. Fraglich ist aber, ob sie es aus dem moralischen Wert des Wissensdurstes machen. Schwierig wird es, wenn sie dauerhaft Lesen mit Arbeit verbinden, mit einer bezahlten Tätigkeit, die man eben Macht, um sein Taschengeld aufzubessern. Dadurch wäre der Wert des Lesens an sich verändert worden; weg von der Neugier des Menschens und dem damit verbundenen intellektuellen Wachstum, hin zu einer notwendigen Arbeit.

Wieso mich Michael Sandel dieses Mal nicht von den Socken haut.
Das Beispiel vom Lesen zeigt die moralische Kraft von Sandel, gleichzeitig aber auch, wieso ich am Ende nicht restlos überzeugt war vom Buch. Nicht, dass ich enttäuscht war. Das Buch hat mir ja genau das geliefert, was ich von Sandel erwarte. Nur die Schlussfolgerung schien mir am Ende nicht gut genug begründet. Während er noch in The Case Against Perfection die Arbeit auf sich genommen hat, zu belegen, wieso Ehrfurcht vor menschlichem Leben ein Wert an sich ist, dem man sich unterordnen sollte – und deswegen genetische Veränderungen moralisch verwerflich sind – macht er sich in diesem Buch die Mühe nicht mehr. Die Bedeutung der menschlichen Werte an sich – sei des Lesen, oder Gemeinschaft, oder Gerechtigkeit, oder Solidarität, oder andere Dinge, die unsere Gesellschaft formen und prägen – wird größtenteils in den Raum gestellt.
Zufällig ist es so, dass ich in vielen Punkten eine ähnlich konservative Ansicht zu den Dingen habe wie Sandel. Das aber ist nicht gegeben, wenn man mit anderen Menschen über diese Fragen diskutiert.
Ein bisschen weniger Geschichten, und ein bisschen mehr grundlegende Überlegungen hätten dem Buch entsprechend gut getan.
Weil es aber im Grunde hält, was es verspricht, und mich ebenso begeistert wie herausgefordert hat, bekommt es von mir dennoch eine Leseempfehlung.

God Bless,

Restless Evangelical

Freitag, 5. Dezember 2014

Zur Freiheit befreit


Was christliche Freiheit sein sollte

Vor einigen Tagen habe ich einen Vortrag gehört, in dem die Rednerin eine Aussage einer jungen Frau zitierte. Eine gewisse Zeit war sie in der evangelikalen Spiritualität mitgeschwommen, hatte Gottesdienste, Jugendgruppen und Gebetskreis besucht und alles mitgemacht, was man eben als junger Evangelikaler so macht.
Aber dieser ganze Aktionismus hat am Ende nicht verhindern können, dass sie den Glauben ganz hinter sich lässt. Der Grund, den die Rednerin aus einem Buch zitierte, in dem die Geschichte der jungen Frau geschrieben war, ist einfach: mangelnde Freiheit.
Und dabei ist es nicht nur ein Gefühl der Einengung, das ihr zu schaffen macht, sondern es schwingt auch der Vorwurf der Heuchelei mit. Sie wirft den Christen vor, sie würden so viel von Freiheit reden, aber dann hunderte Regeln haben, an die man sich halten muss.
Freiheit – bedeutet das nicht Abwesenheit von Regeln?
Und dann ist da diese CD, die ich mir vor ein paar Tagen gekauft habe, die von einer kleinen, aber sehr beeindruckenden Lobpreisgemeinschaft in North Carolina aufgenommen wurden. Darin heißt es in einem Lied immer wieder „Oh, the glorious freedom of the children of God.‟, bis der Sänger zum finalen Satz des Liedes, ohne musikalische Begleitung, alleine durch seine Stimme den Satz singt: „And I am one of them.‟
Was einen so anderen Ton angibt. Natürlich singt dieser junge Mann aus einer anderen Perspektive, nicht eine Außenperspektive (egal, ob wieder oder immer noch), sondern von innen die Freiheit umarmend, von der Christen immer reden und singen.
Während meine Gedanken sich um diesen Punkt drehten in den letzten Tagen, kam ich irgendwann zu dem Schluss, das hier ein Missverständnis vorliegt. Das Missverständnis liegt daran, dass die evangelikale Spiritualität tatsächlich eine große Freiheit bietet – aber wir dieses Wort anders verstehen, als es unsere Gesellschaft meistens tut.
Besser verstehen, wenn ich das ein wenig hochnäsig sagen darf.

Kein Libertismus...
Wenn ich über meine Spiritualität nachdenke und versuche, mein Weltbild mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was ich als Wahrheit erkennen kann, dann stoße ich oft an meine Grenzen, wo ich von der west-europäischen Gesellschaft geprägt worden bin.
Nicht, dass ich besonders bedauere, so geprägt worden zu sein. Diese Prägung hat mir zweifellos ein unheimliches Potential geliefert, mit dem ich arbeiten und formen kann. Dafür bin ich auch dankbar.
Gleichzeitig führt es dazu, dass ich bestimmte Vorstellungen gar nicht mehr in Frage stelle, weil sie mir so normal erscheinen, so offensichtlich und axiomatisch. Dieses Problem wird einem erst deutlich, wenn man in eine andere Kultur einzutauchen versucht, und erkennt, wie viele Barrieren alleine dadurch entstehen, dass wir die Welt völlig anders betrachten. Es ist nicht so, dass diese Barrieren unüberwindbar sind.
Eine dieser Vorstellungen ist unsere Vorstellung von Freiheit. Denn Freiheit, nehmen wir an, ist die Abwesenheit von Gesetzen. Aber nur die Wenigsten von uns wollen eine wirkliche Anarchie ohne einen schützenden Staat (und wenn du wirklich Anarchie willst, dann will ich nicht hier nicht aus dem Gespräch ausschließen: very welcome. In der Mehrheit seid ihr aber nicht, das weißt du wahrscheinlich). Das bedeutet, dass wir zwar Regeln akzeptieren, aber nur soweit, wie sie unbedingt notwendig sind, um unsere Freiheit zu garantieren.
Aber es gibt bestimmte Bereiche in unserem Leben, in denen wir keine Regeln akzeptieren. Das ist der Ausdruck unserer Sexualität (und die damit verbundene Annahme, das Sexualität keine spirituelle, ewige Dimension hat), und die Selbstverwirklichung in Beruf und Familie und Kunst und Freizeit. Wir würden nicht akzeptieren, wenn uns der Staat – oder unsere Eltern – vorschreiben würden, was wir schreiben, malen, lesen, singen, oder hämmern dürfen. Zensur ist für uns die größte Einschränkung, die ein Staat machen kann; und jeder Staat, der Medien und Kunst zensiert, ist ein Unrechtsstaat für uns.
Das sehen wir auch in der Glorifizierung in den modernen Geschichten – ob in Buch oder Fernsehen – die einer Partnerschaft gerade gegen den guten Rat der Eltern oder Verwandten zukommt. Fast scheint es so, als wäre eine Beziehung, eine Liebe, nur dann wirklich romantisch und ewigkeitswirksam, wenn sie dazu führt, dass wir Nachts wegrennen, und alles hinter uns lassen. „Wir Beide gegen den Rest der Welt.‟
Deswegen ist es so befremdlich für uns, dass in Indien immer noch 74% der Menschen eine arrangierte Ehe einer Liebesheirat vorziehen würden. In traditionelleren Gebieten wie dem Norden geht die Zahl sogar hoch bis zu 96%.
Ja. Natürlich.‟, winken wir dann schnell ab. „Die sind ja auch nicht so gebildet wie wir.‟ Was auf eine merkwürdige Weise jahrhunderte-alte Traditionen mit „ungebildet‟ gleichsetzt, und 100 Jahre alte Vorstellungen mit „gebildet‟. Merkwürdig, um nicht zu sagen, rassistisch.
Lasst mich deswegen zu fragen wagen: Kann es sein, dass unsere Vorstellung von Freiheit – eine gesetzlose Form – eine sehr kulturell-bedingte ist? Kann es sein, dass diese Vorstellung von Freiheit nicht der Weisheit letzter Schluss ist? Kann es sein, dass wir auch lernen können von dem, wie Freiheit vor Generationen definiert wurde, wie sie heute noch in anderen Kulturen und Gesellschaften definiert wird?
Vielleicht.
Wenn ich diese Fragen mit „Ja‟ beantworten kann, folgen dadurch für mich zwei Dinge, in denen christliche Freiheit wirkliche Freiheit sein kann; nur vielleicht nicht in einem libertanistischen Sinne.

...sondern eine Freiheit zu etwas Anderem.
Ich denke, dass das größte Problem mit dieser gesetzlosen Form von Freiheit ist, dass sie zwar definiert, wovon wir befreit sind – nämlich von den, unsere Persönlichkeit einengenden Gesetzt – aber uns stehen lässt ohne einen Hinweis, wozu wir eigentlich befreit sind. Das ist ein Problem, weil wir in ein Vakuum gestellt werden, aus dem es so schnell kein Entrinnen gibt. Wir wissen, was uns alles schadet, wovon wir uns entfernen, aber wir haben keine Alternative, zu der wir uns wenden können.
Ich denke, dass die evangelikale Spiritualität in der Lage ist, uns aufzuzeigen, wozu wir befreit wurden. Zwei Dinge will ich hier einmal andenken.

Freiheit zum Dienst
Martin Luthers kurze Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen‟ ist sicher als Protestant eines der ersten Werke, zu denen man greift, wenn man versucht, sich über die Freiheit klar zu werden, die im Christentum zu finden ist.
Die bekannte Doppelwahrheit, die er darin definiert, hilft uns, denke ich, ein Stück der Freiheit zu definieren, die uns das Christentum gibt:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über all Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge, und jedermann untertan.‟ (Luther, Martin, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Fünf Schriften aus den Anfängen der Reformation Band 2, Neuhausen-Stuttgart 1996, S.162)

Luther findet diese Wahrheit in der doppelten Natur des Christen begründet. Frei ist er als geistlicher Mensch, befreit von seiner Schuld kann er in Freiheit und mit Zuversicht vor Gott treten, ohne dass er sich Sorgen machen muss um die Zukunft seiner Seele. Gottes Gerechtigkeit gehört dem Christen. Das ist eine Botschaft, die wirklich frei machen kann. Und entsprechend müssen wir auch die „Gesetze‟ verstehen, denen sich ein Christ gegenüber verantworten muss – in der Gemeinde, oder unter Christen allgemein.
Luther schreibt nämlich, dass es alleine der Glaube ist, durch den wir Zugang zur Gerechtigkeit Gottes bekommen. Daraus folgt aber auch zum einen: „[Es] hilft […] der Seele nichts, wenn der Leib heilige Kleider anlegt, wie es die Priester und Geistlichen tun.‟ (S.163) Auch allerlei andere fromme Handlungen bringen in den Kategorien von Gottes Gerechtigkeit nichts. Nur der Glaube, so Luther, verleiht uns die Gerechtigkeit Gottes, und das ist alles, was wir brauchen. Ebenso folgt daraus: „Umgekehrt schadet es der Seele nichts, wenn der Leib unheilige Kleider trägt, an unheiligen Orten ist, wenn er ißt und trinkt, keine Wallfahrten macht und nicht betet und alle die Werke unterläßt‟ (Ebd.)
Das ist nicht unbedeutend. Die falsch verstandene Unfreiheit kommt ja gerade aus der Frage, in wie weit man diese ganzen Dinge noch tun muss in einer Gemeinde, in der doch von Freiheit die Rede ist. Luther sagt: Tun musst du sie nicht. Glaube ist alles, was du brauchst.
Oder, wie es eine gute Freundin vor einiger Zeit mir gegenüber ausgedrückt hat: „Wir können vielleicht nichts für Gott tun, aber für unsere Beziehung zu ihm.‟ Wie wahr.
Die Befreiung passiert jetzt aber neutestamentlich – und auch lutherisch – nicht nur von dem Druck des Gesetzes, sondern auch zu guten Werken. Wir passt das zusammen?
Luther wieder: „Christenwerke entsprechen ihrem Täter, wie das Handwerk dem Meister.‟ (S.178)
Für Luther ist klar, dass ein Christ nie so bleiben kann, wie er zu dem Zeitpunkt war, als er die Gnade Gottes zum ersten Mal erlebt hat. Christ sein bedeutet Veränderung, bedeutet eine Reise, auf der wir jeden Schritt feiern. Paulus beschreibt das ähnlich in Eph 2,10: „In Jesus Christus sind wir Gottes Meisterstück. Er hat uns geschaffen, dass wir gute Werke tun, gute Taten, die er für uns vorbereitet hat, damit wir sie in unserem Leben ausführen.‟
Hier haben wir eine tiefe Weisheit, glaube ich. Freiheit ist ein Geschenk, aber weder eines, das wir für selbstverständlich nehmen sollten, noch eines, das wir verantwortungslos im Schrank stehen haben. Freiheit ist vor allem eine Verantwortung, die uns übertragen ist. Freiheit geschieht nicht nur von etwas (was in der christlichen Spiritualität die Sünde und Schuld vor Gott und Menschen ist), sondern auch zu etwas hin. Und das ist, für Christen, der Gehorsam gegenüber einem Gott, den wir als größer begreifen, als unser Verstand zu erfassen in der Lage ist.

Freiheit zur Selbstvergessenheit
Aber die christliche Freiheit beinhaltet noch etwas Anderes, das wir nicht vergessen sollten. John Piper bringt es zum Ausdruck, wenn er in der Predigt „Is Jesus an Egomaniac‟ sagt: „Selbstvergessenheit in der Gegenwart von etwas Größerem ist die Schaumkrone der Freude.‟ Es gibt etwas in uns, das uns zur Selbstvergessenheit drängt.
Die Autoren der Romantik nannten es „Entgrenzung des Ichs‟, und setzten sie dem kalten Rationalismus der Aufklärung entgegen.
Griechische Philosphen nannten es „Kenosis‟ und stellten damit klar, das Philosophie keine klinische Wissenschaft, sondern eine spirituelle Erfahrung sein sollte.
Das ist kein besonders kompliziertes Konzept. Es ist das Gefühl, das du hast, wenn du am Fuß des Himalayas stehst und dir bitter-süß bewusst wirst, wie unwichtig du und deine Sorgen eigentlich sind. Es ist das Bewusstsein, dass alles was zählt außerhalb von dir liegt, wenn du mit einem Menschen zusammen bist, den du wirklich liebst. Und ich meine wirklich liebst. Oder das Gefühl von Angst und Verantwortung, gepaart mit Freude und Aufregung, wenn du deine kleine Tochter zum ersten Mal im Arm hältst, nachdem du sie neun Monate mit dir herumgetragen hast und dieses innige, spirituelle Band mit ihr geknüpft hast.
Und wie es der Zufall so will, bin ich der Überzeugung, dass uns die evangelikale Spiritualität die besten Voraussetzungen liefert, um dem menschlichen Bedürfnis nach Selbstvergessenheit zu begegnen.
Das liegt zum Teil daran, dass die evangelikale Spiritualität sich nicht nach Weisheit oder Wahrheit an sich ausstreckt, sondern nach Gotteserkenntnis, die von uns wegweist, auf den, der größer ist – im Gegensatz zur griechischen Philosophie.
Das liegt zum Anderen auch daran, dass die evangelikale Spiritualität sich nicht nach guten Werken und Gerechtigkeit in uns ausstreckt, sondern nach einer Gerechtigkeit, die außerhalb von uns liegt, die wir nicht in uns finden, und die gerade deswegen ehrfurchtgebietend ist.
Vor allem aber liegt es daran, dass die evangelikale Spiritualität uns bewusst macht, dass wir gar nichts bringen können vor Gott, in Anwesenheit von „etwas Größerem‟. Wir nennen das Sündenerkenntnis, und das ist ein fortlaufender Prozess.
Wenn wir erkennen, dass wir nichts zu bringen haben – keine Wahrheit, Weisheit, gute Werke, Gerechtigkeit – und uns befreit wissen vom Druck, der deswegen auf unserer Brust lastete: Das ist der Ort, wo Selbstvergessenheit und Ehrfurcht beginnen, wo wir erkennen, wozu wir befreit wurden, und wieso es eine unheimlich tiefe Wahrheit ist, zu singen: „Oh, the glorious freedom of the children of God – and I am one of them.‟

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Das Originalzitat von Piper: „Selfforgetfullness in the presence of greatness is the capstone of joy.‟

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Was auf meinem Blog folgt


Ihr Lieben,

Heute habe ich keine Rezension für euch, weil ich am Dienstag ein großes Referat zu halten habe. Da habe ich die Zeit nicht gefunden. Dafür will ich die Zeit nutzen, ein paar organisatorische Dinge durchzuwinken, die ich lange mal machen wollte.

1. Umzug des Blogs – Anfang 2015
Der vor einiger Zeit angekündigte Umzug meines Blogs auf eine neue Plattform wird zu Anfang des Jahres 2015 geschehen. Dafür habe ich sowohl ein paar Freunde gefunden, die dafür semi-professionell Fotos schießen werden und auch eine Plattform gefunden, die einem designerisch Unbedarften Autor wie mir die Möglichkeit bietet, auch ästhetisch ansprechende Internetseiten zu gestalten.
Die neue Seite wird dabei nicht mehr nur als Blog existieren, sondern mehr als offizielle Onlinepräsenz für mich als Autor und Publizist. Das hat vor allem karrieretechnische Gründe.
Auf dieser Seite wird RE ganz normal weitergeführt.
Des wWeiteren wird es auf der Seite einen Reiter geben, auf dem ich mehr oder weniger regelmäßig Kurzgeschichten veröffentlichen werde.

2. Konzepte für meinen Blog
Zwei neue Rubriken werde ich 2015 auf meinem Blog vorstellen.
A. Zum Einen habe ich in den letzten Wochen daran gearbeitet, ein kleines Netzwerk von christlichen Leitern ganz verschiedener Coleur aufzubauen. Dabei war es mir wichtig, dass die Leiter nicht sowieso in den Medien sind, sondern 'noch' relativ unbekannt. Außerdem habe ich versucht, Leiter aus ganz unterschiedlichen Bereichen des Christentums zu finden. Mit denen werde ich 2015 einmal im Monat ein Interview führen und es hier veröffentlichen. Das Interview wird dabei in emergenter Manier eher als Dialog verstanden sein, das in drei große Blöcke (die Vergangenheit des Christentums, die Gegenwart und die Zukunft), aber die Frage nicht vorformuliert sein.
B. Die zweite neue Rubrik ist, dass ich gemeinsam mit euch „Die Brüder Karamasov‟ von Fjordor Dostojewski lesen möchte. Dafür werde ich jede Woche einen einseitigen Artikel über eines der Kapitel schreiben. Ich werde das Buch – aus naheliegenden Gründen – auch (und vielleicht sogar primär) aus einer spirituellen Blickrichtung lesen und mit der Frage herangehen, was das Buch mich beibringen kann über die Psyche des Menschen in seinem Kontext der geistlichen Wirklichkeit.
Ich selbst habe vor ein paar Jahren sehr stark von Dostojewski gelernt, vor allem die Bücher Schuld und Sühne wie auch Die Brüder Karamasov waren für die Entwicklung meiner Weltanschauung von unschätzbarem Wert.
In der letzten Zeit haben sich entsprechend die Stimmen gehäuft von Menschen, die mich danach gefragt haben, was genau mich genau darin so fasziniert haben, was ich dort gelernt habe und solche Dinge. Deswegen schien es mir naheliegend, das ganze einfach einmal mit euch zu teilen.
Ihr dürft euch also freuen.

3. Große Themenreihe 2015
In den letzten Monaten bezogen sich die meisten Fragen, die mir von Lesern und Freunden (oder beidem) gestellt wurde, was ich unter evangelikale Spiritualität eigentlich verstehe. Das scheint mir keine unwichtige Frage zu sein, wenn man meinen Blog liest.
Durch die Häufung der Fragen ist mir klar geworden, dass ich wahrscheinlich zu vorschnell angenommen habe, dass es offensichtlich ist, was ich mit diesem Begriff eigentlich meine. Auch deswegen vorschnell, weil ich mir darüber selbst vielleicht gar nicht bewusst bin.
Deswegen habe ich mich entschieden, eine unregelmäßige, mehrteilige Reihe von Artikeln am Freitag (Freitag ist RE-Tag) zu starten, in der ich versuche, die Tiefe evangelikaler Spiritualität auszuloten.
Überhaupt wird euch aufgefallen sein, dass mir dieses Wort, Spiritualität, grundsätzlich wichtig ist, um zu definieren, wie ich als Nachfolger Jesu lebe. Entsprechend scheint es mir eine gute Idee zu sein, diese Wörter mal mit Inhalt zu füllen, der über „Reise Richtung Herrlichkeit‟ hinausgeht.

4. Leseliste 2014
Weil ihr danach gefragt habt: In Alphabetischer Reihenfolge habe ich mal alle Bücher aufgelistet, die ich bis jetzt im Jahr 2014 gelesen habe. Kursiv, und mit Hyperlink versehen, sind dabei alle, die ich auch rezensiert habe.

Bock, Darrell L., The Missing Gospels. Unearthing the Truth Behind Alternative Christianities, Nashville: Thomas Nelson 2006
Brown, Dan, The Lost Symbol, New York: Anchor 2010
Ehrman, Bart, Did Jesus Exist?. The Historical Argument for Jesus of Nazareth, San Francisco: HarperOne 2012
-----------------, Lost Christianities. The Battles for Scripture and the Faiths we never Knew, Oxford: Oxford University Press 2003
George, Rober & Christopher Tollefsen, Embryo. A Defense of Human Life (Second Edition), New Jersey: Witherspoon Institute 2011
Hosseini, Khaled, Drachenläufer, Berlin: btb 2008
Keller, Timothy, The Freedom of Self-Forgetfulness, Lancashire: 10Publishing 2013
Koleoso, Tope & Adrian Warnock, Hope Reborn. How to Become a Christian and Live For Jesus, Rossshire: Christian Focus 2014
Kreeft, Peter, Because God is Real. Sixteen Question, One Answer, San Fransisco: Ignatius Press 2009
Lewis, Clive S., Reflections on the Pslams (Harvest Books), Houghton: Mariner Books 2012
McKnight, Scot, A Community Called Atonement (Living Theology 1), Nashville: Abingdon 2008
---------------------------------, Was wir von der Liebe verstehen, Berlin: btb 2010
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Walton, John H., The Lost World of Genesis 1. Ancient Cosmology and the Origins Debate, Downers Grove: InterVarsity Press 2010
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Wilson, Andrew, Unbreakable. What the Son of God said about the Word of God, Lancashire: 10Publishing 2014

Sonntag, 30. November 2014

Vier Plus 1 am Sonntag – 30.11.2014


A. Wenn ihr jemals einen Artikel gelesen habt, den ich an dieser Stelle geteilt habt, dann lest diesen. Eine Redakteurin der FAS macht genau das, was ein großes Medium wie die FAS machen sollte, wenn ein Internetmem wie der Screenshot von Lann Hornscheidt bei Facebook so sehr die Runde macht und so kränkende, beleidigende, gewaltphatasierende und ächtende Kommentare hervorruft: Sie geht zur betroffenen Person und fragt einmal nach. Ein unglaublich großartiger Hintergrundbericht, in die Welt der Genderforschung – die mir, zugegeben, auch etwas fremd ist – und ein Musterstück darin, erst einmal zu verstehen, bevor man seiner Meinung Luft macht.

B. Die Süddeutsche macht ihrem Ruf, reflektiertes Meinungsorgan zu sein, wieder einmal alle Ehre in einem hervorragenden Artikel über die Grenzen und Definitionen von Toleranz. Interessant ist dabei vor allem, wie von Seiten einer 'neuen Toleranz' gerade das betrieben wird, was sie auf der Gegenseite vermutet: nämlich das Supremat einer Meinung – noch dazu dürftig argumentierten – über alle anderen Meinungen. Das ist nicht postmodern, nicht pluralistisch und schon gar nicht demokratisch – das ist prämodern, und führt uns tief zurück in alte Grabenkämpfe von Zensur.

C. Rachel Held Evans schreibt einen bewegenden Kommentar, darüber, dass wir die Bibel gerne für unsere eigenen Ziele benutzen – und unsere Ziele nicht von ihr schleifen lassen – und auf die Frage, ob „die Anderen‟ wirklich nicht eigentlich so denken, wie wir, nur zu anderen Ergebnissen kommen. Die Frage vom Zusammenhang von LGBT Rechten und der amerikanischen Sklaverei sind natürlich in Deutschland nicht annähernd so präsent, und ich habe meine Zweifel, ob es wirklich übertragbar ist. Nichtsdestotrotz fand ich RHE Gedanken wieder einmal sehr spannend.

D. Drüben bei ChristianityToday schreibt Guillaume Bignon, wie er das Evangelium entdeckte. Das besondere daran ist, dass er Franzose ist, aus dem vielleicht säkularisiertesten Land Westeuropas kommt. In Frankreich das Evangelium zu hören – um nicht zu sagen: es zu glauben – macht ihn zu einem Ausnahmefall. Einem großartigen, wie ich denke. Ich bin unheimlich froh, dass es in Frankreich mittlerweile große Gemeindegründungsbewegungen gibt, die aus diesem Ausnahmefall die Regel machen wollen; oder zumindest ein vernünftiges Zeugnis für die Größe eines Gottes, der „den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht [hat], damit wir zur Gerechtigkeit Gottes würden.‟ (2Kor 5,21).


Und noch einen zum Schluss: Trevin Wax schreibt einen berührenden Artikel, darüber, dass Jesus sowohl in seiner Exklusivität als auch in seiner Inklusivität nicht leicht annehmbar ist. Und gleichzeitig deswegen so faszinierend. Wir dürfen keine dieser beiden Seiten vernachlässigen oder klein reden, weil wir sonst in der Gefahr stehen, und einen „Jesus nach unserem eigenen Bild‟ zu schaffen. Wichtige Erinnerung, unbedingt lesen!

Freitag, 28. November 2014

Die nötige Portion Selbstbewusstsein (3.Teil)


Einige praktische Auswirkungen

Manchmal werde ich ganz unruhig, wenn ich merke, wie defensiv ich werde, wenn es um meine evangelikale Spiritualität geht. Die erste Reaktion ist meistens der Rückzug – „Ja, das bin ich schon, aber das ist alles nicht so wild‟.
Wenn das Gespräch auf Gott kommt, ob durch eine (unachtsame) Bemerkung meinerseits, oder durch Zufall, merke ich, dass es sich wie eine schwere Decke auf mich legt, weil ich mich in der Position wähne, etwas sagen zu müssen; man weiß ja, dass ich Christ bin, das ist irgendwie schwierig zu übersehen. Und selbst obwohl es nicht der Realität entsprichen mag, fühlt es sich immer so an, als würden sich die Augen aller Anwesenden mir zuwenden und ich frage mich, ob ich irgendetwas sagen muss.
Die Frage, die sich mir dann aufdrängt, ist natürlich, ob es von mir und meinen Antworten abhängt, ob mein Gegenüber die evangelikale Spiritualität nachvollziehbar, logisch oder sogar überzeugend findet.
Das hat mich dazu gebracht, in meinen letzten beiden Artikeln der Frage auf den Grund zu gehen, ob und wie wir mehr Selbstbewusstsein gewinnen können, wenn es um das Vertreten einer christlichen Weltanschauung geht. Das ist mir vor allem deswegen wichtig gewesen, weil ich keine Weltanschauung kenne, die sich so schnell in die Ecke drängen lässt, wie das gegenwärtige Christentum – zumindest meiner Erfahrung nach.
Mein Zugang war dabei vor allem von Augustinus und Thomas von Aquin geprägt. Faszinierend für mich ist, dass Beide davon ausgehen, dass es gar keinen Grund gibt, ein geringes Selbstbewusstsein zu haben. Denn auf der negativen Seite können wir vertrauen, dass es keine Wahrheit gibt, die Gott widerlegt (Aquinas) und auf der positiven Seite können wir sicher sein, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist (Augustinus). Das ist natürlich Weltanschauung, und es ist ein metaphysisches Vertrauen das mich zu dieser Erkenntnis verleitet. Aber gleichzeitig gibt mir das mehr Grund für ein gesundes Selbstvertrauen in der Apologetik als es ein Veganer haben kann, oder ein Feminist, oder sonst eine andere Weltanschauung. Während allen anderen – nicht spirituellen – Weltanschauungen die zugrunde liegende Angst eigen ist, dass sie widerlegt werden könnte (und vielleicht gerade deswegen der oft kämpferische Ton kommt), gibt uns die evangelikale Spiritualität jedenfalls theoretisch ein tiefes Vertrauen in die Wirklichkeit eines Gottes, der nicht nur Wahrheit spricht (das tut er!), sondern auch Wahrheit ist, und die Quelle jeder Wahrheit.
Heute will ich drei praktische Auswirkungen davon aufzeigen, was ein größeres Selbstvertrauen in der Apologetik bedeuten kann. Nur eine Randnotiz noch: Natürlich meine ich mit Selbstbewusstsein nicht, dass ich auf mich selbst vertrauen sollte (wie das Wort vielleicht suggerieren könnte, und wie manche von euch angemerkt haben). Gerade das Gegenteil habe ich gemeint: Das unsere Apologetik zutiefst in einem Vertrauen in Gott gründen soll. Selbstvertrauen benutze ich hier also nicht unbedingt seiner ursprünglichen Wortbedeutung nach – Vertrauen auf das Selbst – sondern in der Bedeutung, mit der es oft benutzt wird: Sicherheit im Auftreten, Nicht-wechselhaftigkeit.

Mach Gott zu etwas normalem
Eine Auswirkung, die ein größeres Selbstbewusstsein für meinen eigenen Glauben hatte, ist ein Ratschlag, den ich so auch schon einige Male an Andere weitergegeben habe: „Mach Gott zu etwas normalem.‟ Das ist gar nicht unbedingt einfach.
Ich merke bei mir – wie oben beschrieben – dass jedes Mal, wenn das Gespräch auf Gott gelenkt wird, dass ich in die Habachtstellung gehe, weil ich keine Chance verpassen will (oder darf?), meinen Glauben zu verteidigen.
Aber wenn ich Don Millers Hinweis (in Blue like Jazz) ernst nehme, und meine Freunde nicht als 'Missionsobjekte' sehen will, dann ist das einer der vitalsten Aspekte einer gesunden Apologetik: Dass Gott etwas normales in meinen Gesprächen wird.
Lasst mich das ein bisschen besser erklären. Das Problem mit der „Ich verteidige meinen Glauben, sobald Gott erwähnt wird‟-Haltung ist genau, dass dadurch alle Menschen Gott mit 'Diskussion' verbinden werden. Dann wird es immer mit einer intellektuellen Form von Auseinandersetzung zu tun haben, wenn Er erwähnt wird. Und selbst wenn du jemandem dabei überzeugst, wird es für alle Anderen immer einen Debattencharakter haben, oder schlimmeres. Wenn du jede Gelegenheit benutzt, um die Logik deines Glaubens deinen Anders-denkenden Freunden vorzulegen, dann ist es genau die Haltung, die sie sich fühlen lassen wird, als wären sie erst wirklich wertvoll für dich, wenn sie deine Weltanschauung teilen.
Dann ist Gott nichts normales, sondern etwas, was du verteidigen musst.
Deswegen versuche ich, von der spirituellen Realität meiner Beziehung mit Jesus ganz normal zu reden, wie ich von den anderen Teilen meiner Persönlichkeit rede.
Wer mit mir eine Freundschaft aufbauen will, der muss wissen, dass ich ein passionierter Leser bin, dass ich liebend gerne koche, und genauso gerne Gäste habe. Jeder, der mit mir Zeit verbringen will, sollte wissen, dass ich Dostojewski schätze, Walter Moers liebe, und auch gerne ins Kino gehe und Serien gucke. Es ist etwas ganz normales in menschlichen Beziehungen, dass wir einander einen Platz einräumen, uns anhören, was den Anderen bewegt, und im Ausgleich etwas von uns preisgeben. Und dass wir so immer mehr aneinander lernen und uns gegenseitig eine Form von sicherem Ort schaffen, in dem wir existieren können, ohne die Schilde ausgefahren zu haben.
Wie sollte ich jetzt aus so einer Beziehung meine Spiritualität ausklammern? Sie ist ja nicht nur Teil meiner Persönlichkeit, sondern bezieht sich auf alle die oben beschriebenen Teile, verändert sie, prägt sie, transzendiert sie.
Wer mit mir befreundet sein will, wird damit leben müssen, dass Gott eine normale Rolle spielt in meinem Leben.
Das soll nicht irgendwie selbstgerecht klingen; ich glaube nicht, dass in unglaublich faszinierend bin, und die Menschen schon auf mich zukommen werden. Wie ein Mensch zu einem Anderen findet ist mir sowieso ein Rätsel, sei es zu einer Partnerschaft oder eine Freundschaft. Ich kann euch also nicht sagen, wieso ein Mensch sich mit mir – oder euch – anfreunden sollte. Aber die Realität zeigt mir, dass sie es tun, verrückterweise.
Und in euren Freundschaften – lasst Gott zu etwas normalem werden. Das gilt für alle von euch, die mit Jesus Richtung Herrlichkeit unterwegs sind, wie auch für die, die das hier alles nur aus einer distanzierten Perspektive lesen (yeah, I know you are there. Very welcome!). Ich weiß, dass ihr Angst davor habt – oder unpersönlicher: Bedenken – weil ihr erlebt hat, dass das ausgenutzt wurde, das euch Gespräche über die tiefen Fragen des Lebens aufgenötigt wurden. Aber davon rede ich nicht.
Ich rede davon, dass ich von meinen Gebetserhörungen erzählen darf, wie du mir davon erzählst, wie nervig der Kunde auf der Arbeit heute war.
Dass ich dir von meinen Zweifeln berichten kann, so wie du mir sagst, dass du heute ein Tagesticket im Fahrkartenautomaten gefunden hast, und wie dieses kleine Glück dich fröhlich gemacht hat.
Ich will dir sagen dürfen, dass ich dieses Lied gesungen habe, und dabei weinen musste, weil ich mich Gott so nahe gefühlt habe, so wie du mir erzählst, wie dein Date gelaufen ist.
Das ist okay. Das ist nichts, was wir diskutieren müssen. Es ist Teil meines Lebens, und du darfst und sollst Teil davon sein.

Zeig den Mehrwert von Glauben
In meinen Gesprächen über Glaube und Spiritualität macht mehr Selbstbewusstsein noch einen Unterschied, den man nicht unterschätzen sollte. Wenn mein klassischer Ansatz war, den Glauben so lange zu verteidigen, bis nichts mehr gegen in spricht, versuche ich jetzt in Gesprächen, herauszustreichen, das eine ganze Menge für ihn spricht.
Tatsächlich ist es nicht nur die negative Seite des Vertrauens – dass es keine Wahrheit gibt, die Gott widerlegt – die mich sicher macht, sondern vor allem die tiefe Zuversicht, dass der Mensch „auf Gott hin angelegt‟ ist (wie Döhler & Scheuffler in einem Lied singen), dass „die Ewigkeit […] den Menschen ins Herz gelegt [ist]‟ (Pred 3,11; NeÜ). Deswegen glaube ich nicht nur, dass die evangelikale Spiritualität 'the last man standing' sein wird im großen Ringkampf der Weltanschauungen. Ich denke – und merke es bei mir und in dem, was andere Menschen mir erzählen – dass sie ein tiefes Bedürfnis in den Menschen anspricht, ein Bedürfnis nach Transzendenz, nach „further up and further in‟ (wie es in Narnia heißt).
Das macht tatsächlich einen Unterschied für mich. Die großen und nagenden Fragen des Lebens lassen sich nur schwerlich befriedigend erklären, wenn man die Realität Gottes aus seinem Denken ausklammert, so wie sich die großen Schwierigkeiten unseres Lebens nur schwerlich erklären lassen, wenn man die Sünde als zerstörerische Macht weg-argumentiert. Chesterton soll gesagt haben, dass die Sünde das einzige christliche Dogma ist, das man empirisch beweisen kann.
Manchmal schrecken wir davor zurück, Sünde als Realität anzusprechen, weil es sich nicht besonders nach 'guter Nachricht' anhört. In meinen Spaziergängen durch Menschenmengen habe ich aber erlebt, dass viele Menschen danach dürsten, eine Erklärung zu bekommen, wieso die Welt nicht besser wird. Wenn der Fortschritt mehr zunimmt, wenn die Philosophie und die Kunst uns immer mehr Moral beibringen soll – wieso wird es dann nicht besser?
Erst gestern habe ich einen Artikel im Guardian gelesen, der aufgezeigt hat, dass IS kein „vor-modernes‟ Phänom ist, sondern zutiefst im 21. Jahrhundert verwurzelt. Wenn der Mensch doch gut ist, wenn man ihm nur die richtige Umgebung geben muss, damit er sich 'gut verhält', wieso tut er es nicht?
Ich denke, dass in der evangelikalen Spiritualität viel Kraft liegt, tiefe Sehnsüchte des Menschen anzusprechen, sowie viele Fragen an das Leben zu erklären. Sie wird nicht nur der letzte Mann sein. Sie hat einen wirklichen Mehrwert, und ich versuche mich in meinen Gesprächen darauf zu konzentrieren.

Entspann dich
Aber diese ganzen Punkte machen mir vor allem eines deutlich: In der Verteidigung meines Glaubens darf ich ganz entspannt bleiben. Das liegt zum einen daran, dass ich darauf vertraue, dass Gott Wahrheit ist – nicht widerlegbar, nicht überbietbar – und auch, weil ich glaube, dass die evangelikale Spiritualität einen Mehrwert bietet, den keine andere Weltanschauung mir gezeigt hat.
Das bedeutet nicht im geringsten, dass wir faul werden sollten, was das Lernen und Weiterkommen im Glauben angeht. Das Christentum war immer eine Religion, die neben den Emotionen auch den Intellekt angesprochen hat. Ich spreche also nicht von einem verantwortungslosen Christentum.
Für mich verändert sich aber die Motivation, mit der ich an dieses Lernen herangehe. Während mein „altes‟ Verständnis von Apologetik mich oft dazu gedrängt hat, zu lesen, um Antworten zu haben, lese und studiere ich jetzt mehr, um Antworten zu finden.
Es gibt einen Unterschied darin, zu lernen und zu studieren, weil ich die Fragen anderer beantworten will, oder Antworten auf meine eigenen Fragen finden will. Das macht auch mein Studieren dynamischer, und ich denke, mein Zeugnis für die Standfestigkeit einer evangelikalen Spiritualität umso überzeugender.
Bart Ehrman erzählt in seinem Buch God's Problem, dass für ihn die Frage nach dem Leid und der Gerechtigkeit Gottes der große Stolperstein des Glaubens wurde. Faszinierend fand ich aber, dass er erwähnt, dass seine Frau in ihrer Episkopalkirche sehr engagiert ist, und das Theodizee-Problem für sie kein wirkliches ist.
Für mich wurde daraus deutlich, dass meine Fragen nicht die Fragen Aller sind. Und dass ich wohl den besten Dienst tue, wenn ich meinen Fragen nachgehe, mein Weltbild konsistent konstruiere, und, wenn ich damit konfrontiert bin, aus meiner eigenen Reflexion heraus Fragen beantworte, die mir gestellt werden, weil ich sie mir schon selbst gestellt habe.
Für mich folgt daran vor allem, dass ich entspannter an die ganze Sache mit der Apologetik herangehen möchte. Martin Luther soll zu seinem Freund Philipp Melanchthon gesagt haben: „Ich sitze hier und trinke mein gutes Wittenbergisch' Bier, und das Reich Gottes kommt von ganz alleine.‟ (ob er das wirklich gesagt hat, war für mich nicht möglich, herauszufinden). Vielleicht war es auch das, was mich an dem missiologischen Konzept der Missio Dei so fasziniert hat. Es ist das Vertrauen, dass Gott mehr wirkt, als nur das, was ich tun kann; dass Gottes Reich nicht auf oder untergeht, je mehr in mich hinein engagiere. Und dass er auf den krummen Linien, die ich zeichnen kann, gerade schreibt.
Eine entspanntere Herangehensweise hat nichts mit Faulheit zu tun, oder mit Tatenlosigkeit. Es ist essenziell für das eigene geistliche Leben, auch darin zu wachsen, Gott mehr zu verstehen, je weiter man mit ihm geht.
Nur lerne ich zu erkennen, dass dieses wachsende Verständnis nicht dazu da ist, dass ich mehr Menschen überzeugen kann, sondern damit ich mehr vertraue.
Habt keine Angst! Stellt euch auf und schaut euch an, wie Jahwe euch heute retten wird!‟ (2Mo 14,13b; NeÜ)

God Bless,

Restless Evangelical