Samstag, 28. Juni 2014

Häppchen-Weise #4

Es ist schon eine Zeit her,
aber diesen Satz auf der SZ vom .7.8 fand ich sehr schön.

„90% der Texte seien eigens für dieses Ereignis geschrieben worden, sagt Festivaldirektor Thomas Wohlfahrt. Das ist aber hoffentlich Unsinn, denn gute Lyrik wird nicht für Festicals geschrieben, sondern entstehen, weil sie entstehen muss.“ (Magenau, Jörg, Aus Blei wird Blut, in: Süddeutsche Zeitung vom 07.06.2014, S.14; kursiv durch mich)

Ich fand den Gedanken spannend, das Texte nicht geschrieben würden, weil sie gebraucht werden, sondern weil sie entstehen müssen.
Klingt nach dem zusammenbrauen eines Gewitters im Sommer, wenn sich die Atmosphäre verändert und man merkt, dass gleich etwas kommt, weil sich die Nackenhaaren aufstellen.
Nur das Gewitter meist zerstören, und Texte – wenn sie ihrem ureigensten Sinn folgen – aufbauen.

God Bless,


Restless Evangelical

Mittwoch, 18. Juni 2014

Häppchen-Weise #3


Heiner Wilmer schreibt in seinem Buch „Gott ist nicht nett.“
„Anstrengend ist das. Deutsch kann man abwählen. Meinen Glauben an Gott nicht. Ich muss und will mit und über Jesus sprechen. Ich habe Sehnsucht danach, eine Sehnsucht nach Jesus zu haben.“ (Wilmer, Heiner, Gott ist nicht nett. Ein Priester fragt nach seinem Glauben, Freiburg: Herder 2013, S.16)

Erinnerte mich daran, dass Karen Armstrong die Menschen einen 'Homo Religiosus' nennt – einen unwiderruflich spirituelles Wesen.
Erinnerte mich auch daran, dass der Atheismus eine sehr junge Bewegung ist, die sich erst einmal am Zahn der Zeit beweisen muss.
Erinnerte mich auch daran, dass selbst in den schwierigsten Stunden der eigenen Spiritualität eine Sehnsucht danach vorhanden ist, nach mehr, nach größerem, nach Jesus.
Oder: Warum bin ich nicht durstig, und habe dennoch Durst?

God Bless,
Restless Evangelical

Freitag, 6. Juni 2014

Zwei Salamibrote

Was ich gerade über die Gnade Gottes lerne

Das erste Brot – alles ist gut.
Vor ein paar Tagen saß ich morgens am Frühstückstisch. Es war Samstag, und ich hatte mir den Vormittag für mich genommen. 'Für mich' bedeutet: Eine große Tasse Kaffee, frische Brötchen, druckfrische Süddeutsche, von der sich die Druckerschwärze noch an deinen Fingern verfängt. Und Augenblicke – soviele davon, wie ich brauche, um aufzutanken.
Wenn ich mir dann mein Brötchen schmiere, französische, luftgetrocknete Salami darauf lege, und rein beiße, dann scheint die Welt von Geschmack und Farbe zu explodieren, vor Möglichkeiten und Leben. Dann ist alles gut.
Wahrscheinlich ist das eine der schönsten Arten, sein Leben zu leben: mit der ständigen Erwartung, dass etwas Großes passiert, selbst wenn man nur in der Küche lebt; mit offenen Augen durch eine Welt zu gehen, in der für einen Moment alles zu stimmen scheint, alles gut zu sein vorgibt, und wo man für einen kurzen Atemzug mal keine Puzzleteile zusammensetzen muss.
Nach all dem schmeckte mir mein Salamibrot vor einigen Tagen – das zusammenwirkte mit Zeitung, Zeit und einer großen Tasse Kaffee, im Orchester, das gemeinsam die große Symphonie spielte, von Ruhe, und Frieden, und Shalom (was ein hebräisches Wort ist, und mehr bedeutet, als nur Frieden: Es ist Gesundheit, und Ganzsein, und wenn alles richtig ist).
Die Evangelien berichten von dieser Situation, wo Jesus von den Menschen gefragt wird, warum seine Jünger eigentlich nicht regelmäßig fasten. Nicht, weil das Fasten als spirituelle Disziplin nichts wert sei, sagt Jesus darauf, sondern, weil ich noch bei ihnen bin. (vgl. Mk 2,19ff).
Für Jesus ist das ganz einleuchtend: Solange ich bei ihnen bin, solange der Schöpfer und Urheber von Schönheit, vom Farben und Geschmack, von den Sternen, gutem Wein und luftgetrockneter Salami, von Musikinstrumenten und dem Kopf, der sich die Symphonien dazu ausdenkt, bei ihnen ist, wie könnten sie das nicht genießen?
An diesem Morgen am Frühstückstisch musste ich an diese Stelle denken, weil sie mich daran erinnerte, dass jede Schönheit auf dieser Seite der Herrlichkeit nur ein Schatten ist, ein Vorgeschmack auf die unerfassbare, unerschöpfbare Schönheit, die auf uns wartet, und die in der Vorbereitung steckt, die sich Bahn bricht seit ein Zimmermann aus Nazareth, der gleichzeitig Gottes Sohn war, zuerst zerstört hat, was Zerstörung bringt („Tod, wo ist denn dein Sieg? Tod, wo bleibt dein Stachel?“ 1Kor 15,55; NeÜ) und danach ein für alle Mal erklärt hat: Jetzt ist Leben!
Mir wurde dann wieder klar, dass auch hier nur das lebendig ist, nur das schmeckt und unsere Sinne streichelt, was der Erhalter in seiner Gnade erhält. Er ist der, der „seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen [lässt]“ (Mt 5,45; NeÜ) und in seiner Gnade keinen Unterschied macht.
Ich durfte an diesem Morgen am Frühstückstisch verstehen, dass ich genießen darf – aber nur, weil es aus Dankbarkeit geschieht, in dem Bewusstsein,
dass alles Schöne nur schön ist, weil es seine Schönheit geschenkt bekommen hat;
alles Köstliche nur deswegen kostbar, weil es seinen Geschmack verliehen bekam wie eine Urkunde;
und alles Wundervolle nur staunenerregend, weil dahinter die Realität eines Wundergebieters steht.

Der zweite Brot – nichts stimmt mehr.
Aber zwischen diesem Gefühl und dem Moment, wenn du verstehst, warum Jesus in der o.g. Stelle fortfährt, dass „[d]ie Zeit […] früh genug [kommt], dass der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird“, muss nicht viel liegen; nicht viel Zeit, nicht viel Weg, nicht viele Entscheidungen.
Es kann von heute auf morgen, von jetzt auf gleich, alles anders sein und du merkst, dass dein Brot auf einmal nach nichts mehr schmeckt, dass selbst das Sonnenlicht sich kalt anfühlt, und dass du dich lieber unter einer Decke versteckst als dich der Gemeinschaft anderer Menschen aussetzt.
Es sind diese Momente, wenn du erkennst, dass du richtig Mist gebaut hast, und wenn die Gegenwart von Leben so weit entfernt scheint.
Und wenn du dann in der Salamibrot beißt, das dir aus Liebe belegt wurde, und du merkst, dass deine Zunge zwar noch auf die Geschmacksrezeptoren reagiert, aber irgendetwas anders ist, dann wird dir noch einmal mehr bewusst:
Das, was unserem Essen den Geschmack gibt, ist die Gewissheit, dass es nur ein Vorgeschmack ist auf die größere, schönere, hellere Realität.
Aber wenn die Gnade sich so fern anfühlt, dann fühlt sich Leben genauso fern an, und alle Erfahrungen, die damit einhergehen.
Manchmal kann im Bruchteil einer Sekunde passieren,
und man steht vor den Scherben des eigenen Glücks,
schneidet sich daran,
und fragt sich, wo die Farbenexplosion geblieben ist, die man vorher noch bestaunt hat.

Geschmack finden im Geschmacklosen.
Es ist in diesem Momenten, dass ich dieses Verständnis von Gottes Gnade, das mich am Frühstückstisch eingeholt hat, mir selbst sagen muss. Denn ich weiß, dass sich die Gnade Gottes nichts geändert hat – der Schöpfer des Lebens bringt immer noch Leben hervor – aber dass sich an meiner Wahrnehmung der selben etwas geändert hat.
Wenn wir taub werden für die Musik um uns herum.
Wenn wir blind werden für die Farben, die auf uns einprasseln.
Dann muss ich mich zwingen, Gnade anzunehmen, als das, was sie ist: unverdient, genau für diese Momente bestimmt, in denen man sich selbst am wenigsten würdig fühlt, mit Gnade überschüttet zu werden.
Wenn ich meinen Mund verschließe, weil ich nie wieder etwas schmecken will,
verstehen,
dass Jesus mir Gnade aufs Brot legt.
Wenn ich mir die Finger in die Ohren stecke, weil ich nichts mehr hören will,
verstehen,
dass Jesus mit der Geige das Gnadelied spielt.
Wenn ich meine Hände vor die Augen schlage, weil ich nichts mehr sehen will,
verstehen,
dass Gott ein Maler ist, weil er uns diese ganzen Farben geschenkt hat (wie es in dem Film 'A Beautiful Mind' heißt). Und was er malt, ist Gnade.

Verstehen, dass das, was am Kreuz für mich passiert ist, und bei der Auferstehung für immer über der Schöpfung geschrieben steht, nicht für die Momente gedacht war, in denen ich mich gerecht fühle, sondern genau für die Momente, in denen ich erkenne, dass ich schwächer bin, als ich jemals gedacht hätte.
Dann beginne ich zu erahnen, dass mein Gott noch viel größer, verschwenderischer ist, als ich es mir vorher vorgestellt hatte – weil er weiß, dass wir schwach sind, und trotzdem mit und an uns arbeitet.

God Bless,


Restless Evangelical

Donnerstag, 5. Juni 2014

Häppchen-Weise #2

Drüben bei Christianity Today fordert uns Amy Julia Becker mit ihren Gedanken heraus,
warum wir als Christen dringend säkulare Literatur lesen sollten.

"Gute Romane - welche Weltanschauung sie auch immer antreibt - fordern uns dazu heraus, unsere Mitmenschen besser zu lieben. Sie unterbrechen unsere gemütlichen Vorurteile über die Wirklichkeiten. Und in dem Maß, in dem sie etwas Wahres über die Welt um uns herum aufzeigen, und sei es Gottes augenscheinliche Abwesenheit, laden sie uns auch dazu ein, Gott besser kennenzulernen, indem wir unsere Mitmenschen noch mehr lieben." (Übersetzung durch mich)

You go, sister.


God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 3. Juni 2014

Häppchen-Weise #1

Rachel Held Evans schreibt auf ihrem Blog einen offenen Brief an Jesus,
der Anlass ist Himmelfahrt.

Sie schreibt:

"Ich weiß nicht, Jesus. Ich glaube, ich komme einfach nicht darüber weg, wie wunderbar, verwirrend, wie tiefsinnig und lächerlich es ist, dass der Gott des Universums uns Sündern sein Werk anvertraut. Das scheint mir ein recht ungewöhnlicher Plan zu sein. Und es gibt Tage, an denen ich davon überzeugt bin, dass er scheitern wird.
Aber wir wissen es nicht, bis wir es versucht haben, oder?" (Übersetzt durch mich)

Wenn uns unsere Fehlbarkeit und Schwäche vor Augen steht,
ebenso wie die Aufgaben, die noch vor uns liegen,
dann wollen wir manchmal verzweifeln;
dann fühlen wir uns allein gelassen von Jesus.

Rachel hat ein paar berührende Gedanken dazu aufgeschrieben.

Lest den Rest in Englisch hier:

http://rachelheldevans.com/blog/from-the-lectionary-an-open-letter-to-jesus-on-this-whole-ascension-business

God Bless,

Restless Evangelical