Donnerstag, 31. Juli 2014

gelesen & geschätzt #2

Mehr oder weniger.

Rezension zu: Nater, Elke & Sven Lager, Es muss im Leben mehr als Alles geben, Asslar: adeo Verlag 2013

Elke Naters und Sven Lager sind ein Künstler- und Autorenpärchen, die mehr oder weniger erfolgreich waren, mehr oder weniger erreicht haben, was es zu erreichen gibt, und mehr oder weniger glücklich sind mit dem Leben, das sie haben.
Mehr oder weniger fasst ihr Leben ganz gut zusammen, jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem sie Gott begegnen und er aus mehr oder weniger ein hoffnungsvolles mehr macht.
Die beiden Literaten, die Buchliebhabern und Fans schon vorher bekannt waren, sind mit einem Artikel in der Zeit auf einer größeren Bühne erschienen, gefolgt von hämischen und dankenden Kommentaren im Internet.
In dem Buch „Es muss im Leben mehr als Alles geben“ beschreiben sie ihren Weg, der sie von Berlin nach Thailand, zurück nach Berlin, und nach Südafrika führt. Auf dem Weg fragen sie sich immer, ob das wirklich alles ist – auch wenn es glücklich macht – und ob nicht etwas fehlt bei diesem Leben.

  1. Und diese Worte!
Das Buch ist ein Hochgenuß für jeden, der sich nach leichter, erbaulicher Lektüre sehnt, die sich wunderbar liest, und gleichzeitig eine tiefe sprituelle Dimension hat. Die Frage, die die Autoren treibt, ist dabei auch: Wie können wir ein Buch schreiben (oder auch Plural – Bücher), die unsere Künstler- und Autorenfreunde lesen, und ihnen gleichzeitig deutlich machen, wie wichtig ihnen ihre neue Beziehung zu einem Gott geworden ist, der unseren Verstand bei weitem übersteigt.
Dabei sind es vor allem die Begegnungen mit Christen in Südafrika, die zuerst für Elke und dann auch für Sven zu etwas besonderem werden.
Sie schreiben:
Unsere Welt war ihnen fremd und so war uns auch ihre auch. Sie hatten genau wie wir mit vielen Alltäglichkeiten zu kämpfen, aber ihre Sicht auf das Leben was so anders, so aggressiv positiv und optimistisch, so als wüssten sie ein Geheimnis, von dem wir bisher ausgeschlossen waren. Und das machte mich neugierig.“ (s.52)

Neugierde ist wohl etwas, das die beiden Autoren auszeichnet, und auch ihren Weg zu Gott sehr gut beschreibt. Trotz vieler Vorurteile (von beiden Seiten) und auch Enttäuschungen ist das Buch geprägt von einer tiefen Neugier was das Leben an sich angeht. Die Erkenntnis, dass es mehr gibt als nur die tägliche Routine und die Frage, wie man hinter das Geheimnis sieht, das andere schon gefunden zu haben scheinen.
Dabei zeichnet das Buch weniger aus, dass es originelle Antworten gibt, sondern vor alle, dass sie für bekannte Emotionen wunderbare Ausdrücke finden, die es einfach machen, sich in das Buch einzufühlen.
„Wir fühlten uns wie auf den ersten Seiten eines aufregend neuen und großen Romanes.“ (s.51)
„Hier beginnt eine neue Geschichte auf verbranntem Boden, und Diane zwinkert und von oben zu: 'Sehr ihr, alles wird gut. Nein, alles wird besser.“ (s.169)

Das sind nur zwei Beispiele von vielen hundert Sätzen, die mich tief bewegt haben und mir eine große Dankbarkeit für das Buch geschenkt haben.

  1. Und diese Freude!
Es ist wohl wichtig, zu bezeichnen, was das Buch nicht ist. Es handelt sich nicht in erster Linie um ein 'christliches' Buch. Auch ist es nicht nur eine Bekehrungsgeschichte, oder eine Apologie.
Das Buch beschreibt die Suche der Autoren nach mehr, und ihre Antwort ist: Mehr ist Gott, ist Jesus.
Ihnen auf dieser Reise zu begegnen, sie auf ihren eigenen Schilderungen zu begleiten, ist ein Privileg, aber es sollte als solches genossen werden und nicht mit falschen Erwartungen zerstört werden.
Was dabei großartig zum Ausdruck kommt, ist die Freude, die die beiden Autoren gefunden haben. In diesem Sinne ist es ein wirklich starkes Zeugnis.
Besonders ernüchternd (auf eine gute Weise!) fand ich die Analyse, was ihnen an den südafrikanischen Kirchen mehr zusagt als an den Deutschen. Und interessanter Weise sind ihre ersten Berührungen mit südafrikanischen Gemeinden sehr amerikanisch geprägt Versammlungen.
Dabei beschreiben sie, dass die Glaube für diese Gemeinden nicht etwas ist, das man im Kopf begreift und dann irgendwie 'glaubt' sondern etwas sehr praktisches, das unsere Seele berührt und dann auch Auswirkungen auf die Art hat, wie man der Welt und allen Fragen begegnet, denen man begegnet. Eine grundsätzliche Weltoffenheit, eine positive Grundeinstellung zu dem, was das Leben bringen wird.
Das ist kein plumper Opportunismus, der eifrig weg nickt, was einem nicht in den Kram passt und die Augen vor der Realität verschließt, sondern tiefer, durch nichts zu erschütternder Optimismus, der aus einer Quelle kommt, die tiefer ist als die eigenen Erfahrungen. Eine Quelle, die Ewig ist.
„Das ist Kirche“, sage ich zu Sven. „Die Gemeinschaft mit Freunden, Essen, Trinken, füreinander da sein, sich gegenseitig ermutigen, das Leben feiern, sich an der Schönheit freuen und dankbar sein. Das alles und nichts anderes.“ (S.223)

Hier ist nicht immer alles theologisch fein und sauber gegliedert,
es ist verwirrt und gerade deswegen schön und authentisch.

God Bless,
Restless Evangelical.


→ 5 von 5 Sternen

Mittwoch, 30. Juli 2014

Manna und das Brot vom Himmel (oder: der Kerl hat mal wieder gepredigt)

Ihr Lieben,

am Sonntag hatte ich das Vorrecht - und ja, genau das war es! - in der Er-Lebt Gemeinde zu predigen,
und mein Text war 2Mo 16 (mit einem Schlenker auf Joh 6 am Ende).

Die Predigt könnt ihr euch unter diesem Link ansehen.

Meine drei Punkte waren:
A. Das Problem der Hebräer - das uns alle betrifft.
B. Das Eingreifen Gottes - das auch uns etwas beibringt.
C. Die Bedeutung Jesu - die auch unser Problem löst.

Es war recht einfach, diesen AT-Text auf das Neue Testament zu beziehen,
weil es Jesus selbst macht.
"Und jetzt sagen sie mal was gegen Jesus!"

Hört es euch an,
würde mich freue von euch zu hören :-)

God Bless,

Restless Evangelical

Dienstag, 29. Juli 2014

Häppchen-Weise #11

Der Papst Emeritus, damals noch in seiner Rolle als Joseph Ratzinger, schreibt einige spannende Worte zur Frage des 'Endgerichts'.

„Der Mensch tritt in seinem Sterben heraus in die unverdeckte Wirklichkeit und Wahrheit. Er nimmt den Platz ein, der ihm der Wahrheit nach zukommt. Das Maskenspiel des Lebens, die Zuflucht hinter Positionen und Fiktionen ist vorbei. Der Mensch ist das, was er in Wahrheit ist. In diesem Wegfallen der Masken, das der Tod mit sich bringt, besteht das Gericht. Das Gericht ist einfach die Wahrheit selbst, ihr Offenkundig werden. Diese Wahrheit ist freilich nicht ein Neutrum. Gott ist die Wahrheit, die Wahrheit ist Gott, ist 'Person'.“ (zitiert in: Wilmer, Heiner, Gott ist nicht nett. Ein Priester fragt nach seinem Glauben, Freiburg: Herder 2013, S.178)

Für unsere Ohren scheint es mir drei Stufen zu geben, wie wir das Wort Wahrheit hören.

Zuerst klingt es beruhigend, denn wir können etwas festhalten.
Dann klingt es beängstigend, weil Wahrheit auch etwas zutiefst persönliches ist.
Und zum Schluss klingt es nicht vorhanden, weil wir es lieber leugnen, als uns einer unangenehmen Wahrheit zu stellen.

God Bless,

Restless Evangelical



Montag, 28. Juli 2014

Häppchen-Weise #10

Was ist, wenn uns das Ideal von Liebe, das uns unsere Kultur, das uns Hollywood beibringt, nicht nur falsch ist, sondern auch zerstörerisch?

Die wunderbare Elke Naters schreibt:

Ich kann nicht wieder zurückgehen und alles richtig machen, aber ich kann daraus lernen und es heute besser machen. Um glücklich zu werden musste ich meine Vorstellung von Liebe ändern: weg von einer Liebe der Leidenschaft, die existenzerschütternd ist, die mich umreißt, mir den Kopf verdreht, mich nicht mehr schlafen und essen lässt, und hin zu einer Liebe, die mich stärkt.“ (Naters, Elke & Sven Lager, Was wir von der Liebe verstehen, München: btb 2008, S.15)

Weg von einer Liebe, die nach Ideal klingt,
aber zum Alptraum wird,
hin zu einer, die stärkt,
aufbaut,
heilt.

God Bless,


Restless Evangelical.

Freitag, 25. Juli 2014

Häppchenweise Himmel.

Wie Gott uns immer wieder erinnern muss.

Wir vergessen. Nicht nur Geburtstage, sondern auch die großen und wichtigen Dinge unseres Lebens.
Natürlich erinnern wir uns später noch daran, dass uns das Mädchen, das seit Monaten unsere Gedanken in Beschlag nimmt, endlich auf den Mund geküsst hat – aber erinnern wir uns noch an die Farbe der Reklametafel, vor der wir standen? Welche Autos sind vorbei gefahren? Was hat dem Moment perfekt genug gemacht, sodass alles zusammenwirken konnte für diesen einen Kuss?
Und das betrifft nur unseren zwischenmenschlichen Flüssigkeitsaustausch.
Wie ist es mit den großen Momenten in unserem geistlichen Leben?
Wir glauben, dass uns alle Dinge zum Besten zusammenwirken – zwar nicht, dass alle Dinge gut sind (und was scheiße ist, ist eben genau das) – aber dass am Ende wir bei Jesus stehen, zurücksehen auf die Landkarte unserer Träume und sagen: Ja, genau so und nicht anders soll es gewesen sein.
Aber erinnern wir uns daran, wenn uns etwas schlimmes, übles passiert?
Wir glauben, dass der Tod im Grunde schon entwaffnet ist, dass alle schädlichen Mächte, die noch wirken, Stück für Stück zurückgedrängt werden, und dass wir verstehen dürfen, dass der Tod Jesu und seine Auferstehung mehr sind als nur ein Austausch von Buchhalterseiten – meine Sünden werden dort hinein geschrieben, sein Guthaben auf mein Konto übertragen – sondern die Gewissheit: Gott hat nicht aufgegeben und gesiegt und das Ende ist jetzt sicher: Alles auf Anfang, und jetzt für immer.
Aber erinnern wir uns daran, wenn wir mit Krankheit konfrontiert sind?
Wenn wir in den Nachrichten von ISIS und MH17 lesen, von Separatisten, Islamisten, Zionisten, Ausschreitungen und Kurzstreckenraketen?
Erinnern wir uns?
Warum nicht?
Jeden Tag ein Stückchen Himmel
Gestern habe ich den ganzen Tag an meiner Predigt gesessen, die ich am Sonntag halten darf. Es wird um 2Mo 16 gehen und die Frage, wie das zeitliche Brot aus dem Himmel zusammenhängt mit dem, der gesagt hat: Ich bin das Brot des Lebens (Joh 6,35).
Als ich mir den Text in 2Mo 16 genauer angesehen habe, ist mir ein Vers aufgefallen, der irgendwie nur eine Randinformation ist, und trotzdem bin ich darüber gestolpert:
Die Israeliten nannten es Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.“ (2Mo 16,31; NeÜ)
Die Israeliten nennen das Brot, das ihnen Jahwe gibt, wörtlich: „Was ist das?“
Und es ist weiß.
Und es schmeckt wie Honig.
Wenn man das Wort Honig einmal in den fünf Büchern sucht, die der Autor von Exodus (lets say: Moses) geschrieben hat, dann findet man es 20 Mal. Davon beschreiben 17 Mal das verheißene Land, die Hoffnung Israels. Sie irrten nicht einfach durch die Wüste wie die Gimpel, rezitierten 10 sinnlose Regeln rauf und runter.
Sie hatten eine Hoffnung, den Blick nach vorne gewendet, was der Grund war, aus Ägypten zu fliehen:
Ich bringe es [das Volk Israel] in ein Land, das von Milch und Honig überfließt.“ (2Mo 3,8; NeÜ)
Für das Volk Israel – zumindest für den Leser des Pentateuchs, ist Honig nicht einfach nur ein Naturprodukt, sondern in erster Linie mit dem verheißenen Land, mit der Hoffnung, die sie antreibt, vorantreibt.
In Ps 19 und 119 wird dann die Offenbarung Gottes in seinem Wort verglichen mit Honig.
Honig bedeutet für Israeliten: Die Hoffnung, einmal in Sicherheit und Freiheit zu sein.
Die Hoffnung, einmal Gott ganz so kennen und erkannt zu sein.
Jetzt sind die Israeliten aber noch weit weg von diesem Land, von der Erfüllung ihrer Hoffnung. In dem Moment, in dem Gott das Manna schickt, sind die Israeliten mitten in der Wüste – sie haben Gott erlebt, sie haben seine Herrlichkeit gesehen. Aber was bringt das, fragen sie jetzt, wenn ich nicht einmal weiß, wie ich den morgigen Tag überlebe?
Wenn ich nicht weiß, was ich morgen essen soll?
Theologie ist ja schön, bei einer Tasse Kaffee in meinem Lieblingscafé, aber es hilft mir nichts, wenn ich mich mitten in der Wüste befinde, und mich frage, wie es morgen weiter geht.
Aber Gott...
Aber Gott denkt: Wenn die 'nur' essen wollen, dann zeige ich ihnen, wer ich eigentlich bin.
Und sagt: „Am späten Nachmittag werdet ihr Fleisch essen können und am Morgen Brot, bis ihr satt seid. So werdet ihr erkennen, dass ich Jahwe, euer Gott, bin.“ (2Mo 16,12; NeÜ).
Beachte: Er erfüllt den Wunsch nicht, damit sich danach unser Ranzen spannt.
Beachte: Er wird nicht wütend und regt sich auf, was für ungeistliche Menschen das sind.
Er sagt: Sie sind verzweifelt, und ich zeige ihnen, dass hinter allem alltäglichen eine Möglichkeit steckt, mehr zu sehen, mehr zu begreifen.
Dann schickt er Brot, das nach Honig schmeckt. Und mit jedem Bissen ruft er den Israeliten zu: Erinnert ihr euch?
Erinnert ihr euch, dass ich euch herausgeführt habe aus der Sklaverei?
Erinnert ihr euch, dass ich euch versprochen habe, euch nach Hause zu führen?
Erinnert ist euch, dass ich meine Versprechen an meinen Namen gebunden habe?
Erinnert ihr euch, warum ihr hier seid? Wegen mir, weil ich euch hier haben wollte und weil ich zu Ende bringe, was ich euch versprochen habe.
Bissen für Bissen eine Erinnerung, dass noch mehr kommt, noch mehr auf uns wartet.

God Bless,

Restless Evangelical

Donnerstag, 24. Juli 2014

gelesen & geschätzt: Rezensionen #1

Dieser Eintrag startet eine neue Reihe von Rezensionen (unter dem Titel 'gelesen & geschätzt'). Ich werde versuchen, jede Woche Donnerstag eine zu schreiben. Diese sollen nicht länger als 2 DinA4 Seiten sein. Wenn ihr Spaß dran habt, kommt nächsten Donnerstag wieder.
Für jedes negativ bewertete Buch (unter 2 Sternen) versuche ich 3 gute Bücher zu bewerten (über 3 Sterne!). Das soll mehr eine Empfehlungsecke sein, als ein 'read & found wanting'.

Endlich auf Augenhöhe.

Eine Rezension zu: Bird, Michael F., Bourgeois Babes, Bossy Wives, and Bobby Haircuts. A Case for Gender Equality in Ministry, Grand Rapids: Zondervan 2012

Ich habe einen Weg zurückgelegt. Theologisch und spirituell bin ich heute nicht mehr an dem Ort, wo ich noch vor meinem Theologiestudium war. Und auch am Anfang meines Studiums hatte ich schon eine Odyssee hinter mir.
Es gab, natürlich, bestimmte Eckpfeiler, die für mich feststanden, feststehen und auch in Zukunft meinen Glauben prägen und stützen werden. Gerade sie sind es ja, die mich in diese großartige Strömung versetzen, die man 'Evangelikalismus' nennt.
Am Spannendsten sind aber solche Positionen, die ich für unheimlich fest gehalten habe, die sich aber aber geändert haben über die letzten Jahre. Das kann viele Gründe haben, aber keiner davon, hoffe ich zumindest, hat sich gegen die Offenbarung Gottes in den 66 Büchern der Bibel gewandt. Vielmehr hoffe ich, und versuche mich regelmäßig zu versichert, dass ich diese Entwicklung in Übereinstimmung mit der Bibel gemacht habe.
Gleichzeitig gab es Positionen, die ich vor Jahren für unheimlich schwammig hielt, und die mir immer wichtiger geworden sind.
Eines dieser Themen, für mich, ist heute die Frage nach der Rolle von Männern und Frauen in der Gemeinde.
Geholfen hat mir in diesem Punkt das kurze Büchlein von Michael Bird – Burgeoise Babes, Bossy Wifes and Bobby Haircuts.

  1. Begriffe definieren.
Hilfreich fand ich in dem Büchlein die Wertschätzung, die Bird allen Parteien in der Debatte gegenüber zum Ausdruck bringt. Es geht darum, eine klare Position zu entwickeln, die nicht nur einfach getrieben ist vom Zeitgeist, der wechselhafter ist als das Wetter. Gleichzeitig wollen wir spitzohrig sein, zuhören wenn Menschen verletzt wurden durch schlechte Argumente und scharfe Worte. Wer die Menschen liebt, kann nicht weg hören, wenn sie von ihrer Geschichte erzählen.
Bird definiert die vier Gruppen, die in der Debatte um den Pokal kämpfen, wie folgt:
a. Christian Feminists (Frauen werden unterdrückt und müssen von patriarchalen Strukturen befreit werden,
b. Evangelical Egalitarians (Frauen und Männer sind gleichwertig geschaffen und die Positionen in der Gemeinde sind an Fähigkeiten gebunden, nicht an das Geschlecht)
c. Moderate Complementarians (Frauen und Männer sind gleichwertig geschaffen, aber bestimmte Positionen in der Gemeinde hat Gott Männern vorbehalten)
d. Patriarchal Hierarchialists (Frauen dürfen auf keinen Fall über Männer herrschen, vollkommen gleich in welchem Bereich. Jedes Geschlecht hat seine eigene 'Domäne') (vgl. Tabelle auf Pos. 152)
Ich fand es äußerst hilfreich, einen schnellen Überblick zu gewinnen, welche Gruppen hier am Werk sind und eine schnelle Definition zu bekommen. Dass dabei eine gewinne Unschärfe entsteht ist wohl weniger den Fähigkeiten des Autors als Theologe geschuldet als dem Format und der Länge des Heftchens.
Bemerkenswert fand ich vor allem, das Bird nicht den Fehler begeht, rechts und links blind zu sein. Dass es noch etwas 'links' von einer Egalitären Position gibt, und auch etwas rechts vom bekannten Complementarismus ist wichtig zu bemerken.

  1. Bibel verstehen lernen
Im Anschluss betrachtet Bird verschiedene Bibelstellen, die als zentrale Passagen betrachtet werden, wenn es um die Verhältnisbestimmung zwischen Mann und Frau geht (1Kor 11,2-16; 14,33-36; 7,4; Eph 5,21-24; Gal 3,26-29; 1Tim 2,11-15). Seine Betrachtungen sind dabei meist nicht besonders viel länger als zwei Seiten und daher bleiben viele Fragen ungelöst. Den groben Gedankenverlauf kann man allerdings aufnehmen und verstehen. Ob seine Exegese an diesem Punkt sowohl die Einen oder die Anderen überzeugt bleibt fragwürdig.
Besonders fraglich scheint mir, ob sein Ansatz zu den beiden besonders umstrittenen Stellen 1Tim 2,11-15 und Gal 3,26-29 irgendjemanden überzeugen werden.
Weder die Position zu Gal (Paulus spricht hier von einer neuen Realität in der 'neuen Schöpfung', also über mehr als nur die Errettung) noch die zu 1Tim (Paulus reagiert hier auf eine besondere Irrlehre in Ephesus, wo Timotheus gewirkt hat) sind eine Einzelmeinung, sondern durchaus verbreitet. Doch die Kürze der Darstellung reicht eben wirklich nur, genau das zu sein – eine Darstellung, nicht wirklich ein Diskussionsbeitrag.
Das wichtige Prinzip, die Bibeltext in dem Kontext zu verstehen, in den sie hineingeschrieben wurden, ist aber deutlich und besonders bei dieser Debatte unumgänglich.
Bird gelingt es, intellektuell redliche Exegese knapp darzustellen.
Überzeugen kann dieses Kapitel nur, wenn man das Buch als Darstellung liest, nicht so sehr als Überzeugungswerkzeug.

  1. Fragen offen lassen
Bird ist sich in seinem Buch bewusst, dass nicht alle Fragen beantwortet werden können. Schon gar nicht in seinem kleinen Büchlein, aber selbst in einer langen Monographie wäre das nicht möglich. Unsere Aufgabe, als Menschen mit einem begrenzten Verstand, kann nicht sein, alle Fragen zu beantworten, sondern viel mehr, so viele wie möglich.
In seinem kleinen Buch macht Bird das auf vortreffliche Weise, und gibt dabei eine großartige Orientierungshilfe für jeden, der sie Fragt, wo man in dieser Debatte stehen darf. Er zeigt mit dem ihm eigenen Witz auf, dass es eine redliche Argumentation für Geschlechtergerechtigkeit in den Gemeinden gibt, die sich gleichzeitig eine hohe Sicht auf die Schrift behält.
Am Ende bleibt auch bei Bird die Erkenntnis stehen, dass Paulus eine große Menge von weiblichen Weggefährten hatte, die ihn unterstützt haben, und anzunehmen, sie hätten nie geredet (und Phoebe hätte nichts zu den Bedeutungen bestimmter Passagen im Römerbrief gesagt, vgl. Röm 16,1) scheint wenig mit einer realistischen Sicht der damaligen Umstände zu tun zu haben, und mehr etwas mit vorher gefestigten Meinungen.
Dass das bei Egalitariern auch so ist, ist unbestritten.
Wir bleiben Menschen.

God Bless,
Restless Evangelical


→ 4 von 5 Sternen.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Häppchen-Weise #9

C. Stephen Evans schreibt darüber, dass die Geschichte der Evangelien ein Mythos ist, die großen Fragen menschlichen Erlebens erfahrbar machen, und gleichzeitig historische Realität sind.
Er kommt dann zu folgender Aussage:

„If C.S. Lewis is right to say that myth conveys universal truth in an imaginative, concrete way, then myth is in many ways living water for a dry culture. We live in a culture that has undergone significant 'flattering'. Many people have no living religious faith and are detached from living religious communities, or indeed communities of any sort. Even those who are part of religious communities often find themselves in the same flattened world. Too often the mainline denominations offer only moralism, psychological platitudes, or political action. Evangelical churches may offer the same, combined with worship experiences that have a thinness tht mirrors the surrounding culture, instead of a profound encounter with a God who is holy and majestic.“ (Evans, C. Stephan, The Historical Christ and the Jesus of Faith. The Incarnational Narrative as History, Oxford: Clarendon Press 1996, S.73)

Was wir als christliche Gemeinden erkennen müssen ist,
dass unsere Aufgabe nicht ist, Menschen zu unterhalten,
oder zu bestätigen.
Sondern den Weg zu einer tiefen Gottesbegegnung zu ebnen.

God Bless,

Restless Evangelical

Montag, 21. Juli 2014

Häppchen-Weise #8

Heiner Wilmer schreibt in seinem Buch 'Gott ist nicht nett' über die Momente, in denen wir Gottes Gegenwart nicht spüren, sie eigentlich nicht glauben können, wie wichtig und zentral in diesem Moment die Erinnerungen sind.

„Hier ist einer der wichtigsten Sätze für den gläubigen Juden verankert: In der Erinnerung liegt Erlösung.
Wenn ich Gott im Leid nicht spüren kann, wenn alles trüb ist und ich die Gegenwart nur verschwommen wahrnehmen kann – dann muss ich mich auf das verlassen, was ich schon einmal wusste, was ich eins glauben konnte.“ (Wilmer, Heiner, Gott ist nicht nett. Ein Priester fragt nach seinem Glauben, Freiburg: Herder 2013, S.69)

Wir vergessen so schnell.
Aber das macht Gott nicht zum Lügner.
Denn wenn wir untreu sind – vergessen, verleugnen, verzweifeln – bleibt er dennoch treu, denn er kann sich selbst – der in seinem Wesen Treue, Liebe ist – nicht verleugnen. (2Tim 2,13)

God Bless,


Restless Evangelical

Samstag, 12. Juli 2014

Häppchen-Weise #7

Momentan lerne ich ganz neu, manchmal schmerzhaft, aber in Vertrauen das es notwendig und gut ist, dass Jesus für mich alles sein muss, und mich in meiner Fehlerhaftigkeit vervollkommnet.
Trevin Wax hat vor einigen Tagen dieses Gebet der Puritaner gepostet, das mich sehr bewegt hat, und mich seither begleitet.

„Oh Gott der Gnade,
alle deine Langmütigkeit und Liebe sind in deinem Sohn,
den ich vor dich trage auf Armen des Glaubens.
Ich berufe mich auf seinen rettenden Namen,
denn er ist der, der für mich gestorben ist.
Ich bitte sein Blut,
meine Schulden und Fehler zu bedecken.

Nimm an
seine Würde, an Stelle meiner Unwürdigkeit;
seine Sündlosigkeit, an Stelle meiner Verfehlungen;
seine Reinheit, an Stelle meines Schmutzes;
seine Aufrichtigkeit, an Stelle meiner Tücke;
seine Wahrheit, an Stelle meiner Täuschung;
seinen Sanftmut, an Stelle meiner Täuschung;
seine Standhaftigkeit, an Stelle meiner Rückzieher;
seine Liebe, an Stelle meiner Feindschaft;
seine Fülle, an Stelle meiner Leere;
seine Treue, an Stelle meines Betrugs;
seinen Gehorsam, an Stelle meiner Gesetzlosigkeit;
seine Ehre, an Stelle meiner Schande;
seine Hingabe, an Stelle meiner Eigensinnigkeit;
sein heiliges Leben, an Stelle meiner unreinen Wege;
seine Gerechtigkeit, an Stelle meiner toten Werke;
seinen Tod, an Stelle meines Lebens.


Amen.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Häppchen-Weise #6

Ich habe regelmäßig Gespräche darüber, wie sinnvoll und logisch evangelikale Spiritualität ist. Und ich finde solche Gespräche immer stimulierend, und ich bin nur selten ohne neue Gedanken oder Einsichten aus solchen Gesprächen gegangen.
Dabei gibt es eine Frage, die irgendwann immer kommt: „Was ist dein Ziel für dieses Gespräch?“
Ich fand diese Zielsetzung von C. Stephen Evans sehr hilfreich


„Das Buch ist trotzdem auf keinen Fall nur an ein christliches Publikum gerichtet. Ich hoffe, dass ein Nicht-Christ meiner Gedankenlinie folgen kann und auch neu Respekt gewinnt für die Untegrität und auch intellektuelle Redlichkeit des christlichen Glaubens in der Gegenwart. Mein Ziel ist es nicht, eine solche Person zu bekehren, sondern ihr zu helfen, die Logik dieses Standpunktes zu verstehen und wertzuschätzen. Vielleicht wird eines solche Person die Geschichte noch einmal ganz frisch betrachten und sogar die apologetischen Argumente ernst nehmen, die man für diese Geschichte auffahren kann.“ (Evans, C. Stephen, The Historical Christ and the Jesus of History. Th Incarnational Narrative as History, Oxford: Clarendon Press 1996, S.vii; Deutsch durch mich)

Respekt.
Verständnis.
Anerkennung?

God Bless

Restless Evangelical

P.S. Das Originalzitat lautet:


„However, the book is by no means addressed solely to a Christian audience. My hope is that a non-Christian wo understands my account will gain a new respect for the integrity and intellectual vitality of Christian faith in the contemporary world. My aim is not to convert such a person, but to help that person understand and appreciate the logic of the standpoint of faith. Perhaps such a person will consider the story afresh and even take seriously the apologetic arguments that could be offered on behalf of the story.“

Dienstag, 1. Juli 2014

Häppchen-Weise #5

Calvin schreibt in der Vorrede zur Institutio:

„Weiterhin habe ich mit dieser Arbeit die Absicht verfolgt, die Kandidaten der heiligen Theologie so zum Lesen des göttlichen Wortes vorzubereiten und anzuleiten, dass sie einen leichten Zugang zu ihm haben und sich in ihm mit ungehindertem Schritt vorwärtsbewegen können. Denn ich meine, die Summe der Religion in allen Abschnitten so zusammengefasst und in einer solchen Anordnung dargestellt zu haben, dass es jedem, der sich richtig daran hält, nicht schwer fallen dürfte, zu entscheiden, was er insbesondere in der Schrift suchen und auf welches Ziel er alles in ihre Enthaltene ausrichten soll.“ (Calvin, Johannes, Unterricht in der christlichen Religion. Institutio Christianae Religionis, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener 2009, S.19)

Ist es nicht erstaunlich, dass ein Mann, der sich daran gemacht hat, das komplette christliche Weltbild und Gedankengebäude aufzuschreiben, ein vier-bändigen Koloss von (in der Übersetzung) 857 Seiten produziert, mit dem erklärten Ziel, dadurch zum Bibellesen anzuregen, und es den Christen einfacher zu machen.
Die Logik ist:
Wer mehr weiß, versteht mehr.
Wer mehr versteht, freut sich mehr an daran.
Wer sich mehr daran freut, lernt mehr.
Wer mehr gelernt hat, versteht mehr.

God Bless,


Restless Evangelical