Donnerstag, 24. Juli 2014

gelesen & geschätzt: Rezensionen #1

Dieser Eintrag startet eine neue Reihe von Rezensionen (unter dem Titel 'gelesen & geschätzt'). Ich werde versuchen, jede Woche Donnerstag eine zu schreiben. Diese sollen nicht länger als 2 DinA4 Seiten sein. Wenn ihr Spaß dran habt, kommt nächsten Donnerstag wieder.
Für jedes negativ bewertete Buch (unter 2 Sternen) versuche ich 3 gute Bücher zu bewerten (über 3 Sterne!). Das soll mehr eine Empfehlungsecke sein, als ein 'read & found wanting'.

Endlich auf Augenhöhe.

Eine Rezension zu: Bird, Michael F., Bourgeois Babes, Bossy Wives, and Bobby Haircuts. A Case for Gender Equality in Ministry, Grand Rapids: Zondervan 2012

Ich habe einen Weg zurückgelegt. Theologisch und spirituell bin ich heute nicht mehr an dem Ort, wo ich noch vor meinem Theologiestudium war. Und auch am Anfang meines Studiums hatte ich schon eine Odyssee hinter mir.
Es gab, natürlich, bestimmte Eckpfeiler, die für mich feststanden, feststehen und auch in Zukunft meinen Glauben prägen und stützen werden. Gerade sie sind es ja, die mich in diese großartige Strömung versetzen, die man 'Evangelikalismus' nennt.
Am Spannendsten sind aber solche Positionen, die ich für unheimlich fest gehalten habe, die sich aber aber geändert haben über die letzten Jahre. Das kann viele Gründe haben, aber keiner davon, hoffe ich zumindest, hat sich gegen die Offenbarung Gottes in den 66 Büchern der Bibel gewandt. Vielmehr hoffe ich, und versuche mich regelmäßig zu versichert, dass ich diese Entwicklung in Übereinstimmung mit der Bibel gemacht habe.
Gleichzeitig gab es Positionen, die ich vor Jahren für unheimlich schwammig hielt, und die mir immer wichtiger geworden sind.
Eines dieser Themen, für mich, ist heute die Frage nach der Rolle von Männern und Frauen in der Gemeinde.
Geholfen hat mir in diesem Punkt das kurze Büchlein von Michael Bird – Burgeoise Babes, Bossy Wifes and Bobby Haircuts.

  1. Begriffe definieren.
Hilfreich fand ich in dem Büchlein die Wertschätzung, die Bird allen Parteien in der Debatte gegenüber zum Ausdruck bringt. Es geht darum, eine klare Position zu entwickeln, die nicht nur einfach getrieben ist vom Zeitgeist, der wechselhafter ist als das Wetter. Gleichzeitig wollen wir spitzohrig sein, zuhören wenn Menschen verletzt wurden durch schlechte Argumente und scharfe Worte. Wer die Menschen liebt, kann nicht weg hören, wenn sie von ihrer Geschichte erzählen.
Bird definiert die vier Gruppen, die in der Debatte um den Pokal kämpfen, wie folgt:
a. Christian Feminists (Frauen werden unterdrückt und müssen von patriarchalen Strukturen befreit werden,
b. Evangelical Egalitarians (Frauen und Männer sind gleichwertig geschaffen und die Positionen in der Gemeinde sind an Fähigkeiten gebunden, nicht an das Geschlecht)
c. Moderate Complementarians (Frauen und Männer sind gleichwertig geschaffen, aber bestimmte Positionen in der Gemeinde hat Gott Männern vorbehalten)
d. Patriarchal Hierarchialists (Frauen dürfen auf keinen Fall über Männer herrschen, vollkommen gleich in welchem Bereich. Jedes Geschlecht hat seine eigene 'Domäne') (vgl. Tabelle auf Pos. 152)
Ich fand es äußerst hilfreich, einen schnellen Überblick zu gewinnen, welche Gruppen hier am Werk sind und eine schnelle Definition zu bekommen. Dass dabei eine gewinne Unschärfe entsteht ist wohl weniger den Fähigkeiten des Autors als Theologe geschuldet als dem Format und der Länge des Heftchens.
Bemerkenswert fand ich vor allem, das Bird nicht den Fehler begeht, rechts und links blind zu sein. Dass es noch etwas 'links' von einer Egalitären Position gibt, und auch etwas rechts vom bekannten Complementarismus ist wichtig zu bemerken.

  1. Bibel verstehen lernen
Im Anschluss betrachtet Bird verschiedene Bibelstellen, die als zentrale Passagen betrachtet werden, wenn es um die Verhältnisbestimmung zwischen Mann und Frau geht (1Kor 11,2-16; 14,33-36; 7,4; Eph 5,21-24; Gal 3,26-29; 1Tim 2,11-15). Seine Betrachtungen sind dabei meist nicht besonders viel länger als zwei Seiten und daher bleiben viele Fragen ungelöst. Den groben Gedankenverlauf kann man allerdings aufnehmen und verstehen. Ob seine Exegese an diesem Punkt sowohl die Einen oder die Anderen überzeugt bleibt fragwürdig.
Besonders fraglich scheint mir, ob sein Ansatz zu den beiden besonders umstrittenen Stellen 1Tim 2,11-15 und Gal 3,26-29 irgendjemanden überzeugen werden.
Weder die Position zu Gal (Paulus spricht hier von einer neuen Realität in der 'neuen Schöpfung', also über mehr als nur die Errettung) noch die zu 1Tim (Paulus reagiert hier auf eine besondere Irrlehre in Ephesus, wo Timotheus gewirkt hat) sind eine Einzelmeinung, sondern durchaus verbreitet. Doch die Kürze der Darstellung reicht eben wirklich nur, genau das zu sein – eine Darstellung, nicht wirklich ein Diskussionsbeitrag.
Das wichtige Prinzip, die Bibeltext in dem Kontext zu verstehen, in den sie hineingeschrieben wurden, ist aber deutlich und besonders bei dieser Debatte unumgänglich.
Bird gelingt es, intellektuell redliche Exegese knapp darzustellen.
Überzeugen kann dieses Kapitel nur, wenn man das Buch als Darstellung liest, nicht so sehr als Überzeugungswerkzeug.

  1. Fragen offen lassen
Bird ist sich in seinem Buch bewusst, dass nicht alle Fragen beantwortet werden können. Schon gar nicht in seinem kleinen Büchlein, aber selbst in einer langen Monographie wäre das nicht möglich. Unsere Aufgabe, als Menschen mit einem begrenzten Verstand, kann nicht sein, alle Fragen zu beantworten, sondern viel mehr, so viele wie möglich.
In seinem kleinen Buch macht Bird das auf vortreffliche Weise, und gibt dabei eine großartige Orientierungshilfe für jeden, der sie Fragt, wo man in dieser Debatte stehen darf. Er zeigt mit dem ihm eigenen Witz auf, dass es eine redliche Argumentation für Geschlechtergerechtigkeit in den Gemeinden gibt, die sich gleichzeitig eine hohe Sicht auf die Schrift behält.
Am Ende bleibt auch bei Bird die Erkenntnis stehen, dass Paulus eine große Menge von weiblichen Weggefährten hatte, die ihn unterstützt haben, und anzunehmen, sie hätten nie geredet (und Phoebe hätte nichts zu den Bedeutungen bestimmter Passagen im Römerbrief gesagt, vgl. Röm 16,1) scheint wenig mit einer realistischen Sicht der damaligen Umstände zu tun zu haben, und mehr etwas mit vorher gefestigten Meinungen.
Dass das bei Egalitariern auch so ist, ist unbestritten.
Wir bleiben Menschen.

God Bless,
Restless Evangelical


→ 4 von 5 Sternen.

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