Sonntag, 31. August 2014

Vier Plus 1 am Sonntag – 31.08.2014


A. Dieser verstörende Artikel von Sandra Korn ist schon von Februar diesen Jahres, aber ich habe ihn gerade erst entdeckt. Er zeigt eine merkwürdige Tendenz moralischen Überlegenheitsdenken im akademischen Betrieb auf; beim Lesen sollte euch bewusst sein: eine gemeinsame Definition von Gerechtigkeit existiert nicht! Gerade über die Grundlage, wie man Gerechtigkeit definieren kann, wird bis heute philosophisch debattiert. Wer sich dafür interessiert, in welche Richtungen diese totalitäre 'Gerechtigkeitssinn' in der Akademie führen kann, sei Peter Singers Artikel 'Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird' ans Herz gelegt, angehängt an die deutsche Übersetzung seiner Praktischen Ethik.

B. Daniel Wallace geht der Frage nach, ob es wirklich das Ziel eines Christen ist, Jesus immer ähnlicher zu werden. Ja, auf eine Weise, sagt er. Aber wichtiger, höher ist das Ziel: Gott verherrlichen, und die anderen zu Lieben wie sich selbst. Das ist es, was Jesu Dienst ausgemacht hat – ihn sogar an das Kreuz gebracht hat – und sollte unser Ziel werden. (Übrigens habe ich an anderer Stelle auch über Heiligung geschrieben, falls es euch interessiert.)

C. Die auf alle Weisen erstaunliche Ann Voskamp schreibt über unsere Obsession mit Sicherheit, wie wir deswegen gerne Schubladen benutzen, weil wir sicher sein wollen, was das für Menschen sind, mit denen wir umgehen. Aber Christ-followers don’t have a certainty to sell —- we have a certainty who saves, and His name is Jesus.

D. Ben Corey schreibt, warum er seine Tochter keine christlichen Filme schauen lässt. Die ständigen Wiederholungen von Spitzen gegen Kirk Cameron tragen zwar zur Unterhaltung bei, sind aber eher unnötig, und auch sehr zynisch. Der Artikel selbst ist aber ein faszinierendes Beispiel dafür, wie man das Ziel als geistlicher Leiter setzt, andere Menschen (Gemeindemitglieder, eigene Kinder, Hauskreisteilnehmer) in geistliche Mündigkeit zu führen.

Und noch einen zum Schluss: Simon Sinek geht in seinem ted Talk der Frage auf den Grund, was einen guten Leiter ausmacht. Er findet eine Antwort in der Kultur des Dienstes als Leiter (wie im Militär) und dass der Leiter dadurch das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Unbedingt ansehen!

God Bless,


Restless Evangelical

Samstag, 30. August 2014

Blogfahrplan

Samstag ist Ruhetag, genießt ihn.
Auch RE wird Samstag nichts erscheinen.
Aber damit hier kein Stillstand entsteht, habe ich hier mal meinen Blogfahrplan, nach dem ihr euch bis auf weiteres richten könnt.

Montags: Häppchen-Weise. Ein Häppchen Weisheit in Zitatform aus unterschiedlichsten Quellen, meistens mit ein paar Sätzen kommentiert.

Dienstags: Davon die Alten sungen. Ab diesem Dienstag wird es an diesem Tag eine kurze Meditation über alte Kirchenlieder geben, die ich selbst in meiner Zeit mit Jesus am Morgen durchbete & singe. Diese Lieder wechseln monatlich.

Mittwochs: Häppchen-Weise. Siehe oben,

Donnerstags: gelesen & geschätzt. Meine Reihe an Rezensionen auf diesem Blog. Meine Regel ist, nicht weniger als 3 Bücher positiv zu bewerten (4/5 Sterne oder mehr), bevor ich eines schlecht bewerte (2/5 oder weniger).

Freitags: Artikel. Das Herzstück von RE. Ich hoffe, dass ich weiterhin jeden Freitag ein paar Gedanken zu unterschiedlichsten Ereignissen auf der Reise Evangelikaler Spiritualität schreiben und veröffentlichen kann. Diese sind etwas länger, aber ich versuche mich an das Maximum von 2 Din A4 Seiten zu halten.

Samstags: Heute ist Sabbath. Genießt ihn.

Sonntags: Vier Plus 1 am Sonntag. Jeden Sonntag mache ich euch auf vier Artikel aufmerksam, die mich in der letzten Zeit bewegt haben. Meistens sind das Artikel, die mich positiv zum denken angeregt, manchmal auch welche, die mich aufgeregt. Kalt gelassen hat mich aber keiner davon.

God Bless,

Restless Evangelical

Freitag, 29. August 2014

Wo immer ich Schönheit sehe...

Gedanken zu Gottes Wirken in der Welt

Joshua Harris hat einmal darüber gepredigt – und Ps 73 zum Beispiel bietet dafür ja ein sehr prominentes Vorbild – dass wir Christen mit dem 'Problem glücklicher Nicht-Christen' umgehen müssen.
In unseren Köpfen hat sich ein Bild eingeschlichen, dass zunächst einmal logisch klingt: Wenn Jesus die Quelle der Freude ist (und als den haben wir ihn erlebt)
und unsere anders-gläubigen Freunde nicht zu dieser Quelle fliehen,
dann haben sie auch keine Möglichkeit, an Freude zu kommen.
Ein logischer Dreischritt.
Und deswegen ist manchmal in unseren Seelen etwas aufgewirbelt, wenn wir Menschen begegnen, die wirklich und aus tiefstem Herzen glücklich sind, ohne dass sie Jesus folgen.
Wie geht das?
Schwieriger ist es noch, wenn wir Menschen mit einem hervorragenden Charakter treffen, die so viel heiliger und innerlich schöner sind als viele Christen, die wir kennen. Die Frieden in Streit bringen, und Sanftmut zeigen, wenn andere sie verletzten. Die Menschen sind, die allen um sie herum gut tun, und die auch mutig und liebevoll Wahrheit in die Leben anderer Menschen sprechen, ohne dass sie die Person Wahrheit (Joh 14,6) eigentlich kennen.
Wie geht das?

Was mir die Galater beigebracht haben
Ich habe vor ein paar Tagen in meiner Zeit mit Jesus am Morgen den Galaterbrief gelesen. Von vorne nach hinten in einem Rutsch. Das war auch deswegen faszinierend, weil eine sehr liebe Freundin von mir vor kurzem eine Master Arbeit über Gal 6 geschrieben hat, die ich lesen durfte, und die mein Verständnis für die Struktur des Briefes noch einmal verschärft hat.
Im fünften Kapitel beschreibt Paulus darin einen uralten Kampf. Es ist der Kampf zwischen dem was wir wollen, und dem, was wir tun. Es ist der Kampf zwischen Seele und Fleisch, der Kampf zwischen dem, was wir sind, und was wir sein wollen. Als Christen ist es ein Ringen, das uns mit den Schritten der Heiligung, die wir gehen, immer bewusster wird.
Paulus schreibt sehr deutlich: „Denn die menschliche Natur widerstrebt dem Geist Gottes und der Geist Gottes ebenso der menschlichen Natur. Beide stehen gegeneinander“ (Gal 5,17; NeÜ)
Was er dann über die beiden gegensätzlichen Parteien schreibt, ist ein Paradebeispiel für Schwarz-und-Weiß-Malerei.
Menschliche Natur ist: „Unsittlichkeit[…], Götzendienst[…], Intrigen, Zwistigkeiten […], Neidereien“ (Gal 5,20; NeÜ) uns so weiter und so fort.
Geist Gottes bewirkt: „Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue“ und überhaupt alles Gute (Gal 5,2f; NeÜ)
Sollten wir das einfach so lesen, ohne darüber zu reflektieren, könnte es uns zu der Annahme führen, in der Gemeinde ist es immer alles wunderschön und warm, während 'da draußen' alles kalt und hart und ungerecht ist.
Was, wie wir alles wissen, nicht die Realität ist. Manchmal kommt es uns eher so vor, als wäre es genau das Gegenteil.
Das Problem ist nur, dass Jesus draußen vor der Stadt wartet, nicht in unseren warmen und gemütlichen Komfort-Zonen (Heb 13,13)
John Piper hat diese Stelle aus dem Heb einmal so paraphrasiert (ab Min 8:23):
Jesus is not standing back and says: 'Go There!' He's saying: 'I'm out here! You´re in there, where it's so comfortable, it's so safe inside Jerusalem. It's so safe inside the church, inside the house. But I'm out here!“

Was ganz klar ist. Jesus ist nicht einfach hier – er ist schon lange dort draußen, wo es einmal kalt war; aber wo er ist, da wird es warm.
In dem logischen Schritt oben haben wir eine Grundannahme vergessen. Wir sind davon ausgegangen, dass der Geist Gottes nur in den Herzen der Christen wirkt. Dass seine Gnade und sein Wirken nur in den Christen wahrgenommen werden kann.
Aber Jesus steht da draußen, und wartet das wir herauskommen und ihn unterstützen bei dem Auftrag, den er seit einer Ewigkeit ausführt.
Paulus sagt mir also im Gal, dass es eine schwarze und eine weiße Seite gibt – es gibt die Sünde (dazu gehören wir alle) und es gibt den Geist Gottes. Er sagt uns aber noch nichts darüber, wo wir die Früchte dieses Geistes ernten können.

Und es kann auch gar nicht anders sein.
Als ich heute morgen so darüber nachgedacht habe, kam es mir dann irgendwie ganz logisch vor.
Abraham Kuyper ist bekannt dafür, dass er gesagt hat: „Es gibt keinen Quadratzentimeter in der ganzen Schöpfung, über den der auferstandene Herr nicht ausruft: 'MEINS!'“
Und Richard Mouw parapharsiert es so: „He shines in all that's fair.“
Wenn wir diesen Jesus haben, der draußen steht, und die ganze Schöpfung für sich beansprucht, und wenn wir einen Gott haben, der heilt und zusammensetzt, der nicht aufgibt und der liebt und der nachgeht und der vergibt, der Unrecht bestraft, aber der Gnade erweist an tausenden Generationen, der selbst in Noah's Zeiten gewartet und gewartet hat, ob es doch noch Umkehr gibt – wenn wir diesen Gott haben, wie sollte er dann nicht wachsen lassen, wo er will, und wehen, wo er will?
Das bedeutet für mich, dass ich wieder beginnen möchte, zu sehen, wo Jesus am Werk ist. Wenn ich einen Menschen treffe, der eine so schöne Seele ist, dass sie mich in ihren Bann zieht, dann will ich nicht mehr fragen müssen: Aber wie kann das sein?
Ich will den Schöpfer sehen, der in eintausend verschiedenen Plätzen spielt. (Eugene Person hat diese Phrase erfunden).
Ich will den Geist sehen, der schon immer hat wachsen lassen, wo er wollte, und nicht nur in dem sauberen Rindenmulch in unseren fünf Schubladen.
Und dann denke ich aber an etwas anderes.
Denn da gibt es eine Wirklichkeit, die er Geist nur dem schenkt, der auch glaubt.
Ewiges Leben, Leben in Fülle.
Die Früchte, die Schönheit des Geistes hängt nicht daran, wie wir auf ihn reagieren.
Das Leben, von höchster Länge und höchster Qualität sehr wohl.
Was ernüchternd ist, auf eine Weise.

God Bless,
Restless Evangelical

Donnerstag, 28. August 2014

gelesen & geschätzt #6

Wenn das alles ist...
Rezension zu: Tchividjian, Tullian, Jesus + Nothing = Everything, Wheaton: Crossway 2011

Ich nenne mich lieber evangelisch – oder evangelikal – als protestantisch. Der Zweitere drückt schon von seiner Wortbedeutung aus, dass die Bewegung etwas aufständisches hat. Fast klingt es so, als würde sie dagegen sein, nur, um etwas beizutragen. „Ich sag es noch einmal, ich bin dagegen! Warum ist doch egal.“, haben die Ärzte mal gesungen.
Die evangelische Bewegung – und mit ihr die wesentlich jüngere Evangelikale – ist aber keine Bewegung, die sich einfach nur von etwas abgrenzt – anders ist – sondern etwas betonen will, zur Not auch gegen die Stromlinie. „Wir stehen für das Evangelium.“, sagt schon der Name.
Doch damit das gelingt, müssen wir wissen, was das Evangelium eigentlich ist; um uns um etwas herum zu sammeln, müssen wir es genau sehen.
Die letzten Jahre haben eine Unzahl von Büchern gesehen, die eine andere Nuance des Evangeliums betonen, und immer sagen: „Ist nicht eigentlich das hier das Evangelium?“, ohne dabei oft zu sehen (oder zu betonen), dass das Neue Testament viele verschiedene Bilder benutzt, um zu beschreiben, was durch den Tod und die Auferstehung Jesu für uns passiert ist.
In diese Sparte schlägt auch Tullians Buch „Jesus + Nothing = Everything“, das auf einer Predigtreihe basiert, die er vor einigen Jahren gehalten hat und mehr oder weniger eng mit der schwierigen Situation zusammenhing, die sich ihm entgegenstellte, als er seine lebendige, junge Gemeinde(gründung) mit einer ebenso lebendigen, aber älter-eingesessenen Gemeinde in Florida zusammenführte.
Ich muss sagen, dass ich mit äußerst hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen bin. An vielen Stellen wurden diese Erwartungen leider enttäuscht, was nicht heißt, dass das Buch nicht auch seine Lichtblicke hatte.

Was mir gefiel und was ich erwartet hatte
Im Grunde sagt mir die Grundtendenz des Buches durchaus zu. Tullian versucht, das Evangelium von Tod und Auferstehung Jesu ins Zentrum seines Dienstes und seines Weltbildes zu stellen. Das Evangelium soll nicht etwas sein, dass man als Christ mit zunehmendem Reifegrad ablegt.
Er schreibt:
I was realizing in a fresh way the now-power of the gospel – that the gospel doesn't simply rescue us from the past and rescue us for the future; it also rescues us in the present from being enslaved to things like fear, insecurity, anger, self-reliance, bitterness, entitlement, and insignificance“ (S.23)
Diese Idee ist durchaus wichtig, und Tullian setzt sie in dem Buch auch sehr konsequent durch. An vielen Stellen, und sehr passend, streut er Anekdoten ein, in denen seine eigene schwierige Situation ihm neue, tiefere Dimensionen vom Evangelium deutlich gemacht hat.
Das Inhaltsverzeichnis des Buches lässt schon großes Erahnen. In einer, wie ich finde, sehr kreativen Art ordnet er die Kapitel um Jesus herum an, sodass zuerst 'Everything' steht, darauf 'Nothing' folgt, in der Mitte 'Jesus' steht, und darauf wieder 'Nothing' und zum Schluss 'Everything' folgen. Die Anordnung hat mir so gut gefallen, dass ich erwartete, ein kreatives Buch zu finden, in der nicht stringent, sondern in Schneckenhausform um das Evangelium herumgetanzt wird – wo tanzen doch die richtige Reaktion auf die gute Nachricht scheint.
Bei einem profilierten Autor und Pastor wie Tullian habe ich auch erwartet, dass er die intellektuelle Weite hat, zu sehen, dass das Evangelium im Neuen Testament weit größere Dimensionen hat als den buchhalterischen Austausch von Sündenschuld.
Leider wurde ich enttäuscht.

Wie ich enttäuscht wurde und was ich mitgenommen habe
Das Buch ist leider fast vollkommen auf die 'fröhlicher Wechsel' Dimension des Evangeliums ausgerichtet – unsere Schuld auf Jesus, Jesu Gerechtigkeit auf uns übertragen. Vom Christus Victor liest man leider herzlich wenig, auch von anderen Bildern, außerhalb der Gerichtssaalmetaphorik von Paulus, ist nur wenig die Sprache.
Mehr noch aber störte mich an dem Buch, dass es sich ständig zu wiederholen schien. Im Grunde hätte man das Buch auf einen Satz beschränken können: Ich dachte, ich hätte alles, aber dann wurde mir alles genommen, und ich habe Jesus neu als Schatz kennengelernt.
Punkt.
Viel mehr Inhalt ist nicht vorhanden.
Die immer wieder eingestreuten Anekdoten schienen mir auch eher dem voyeuristischen Herzen vieler Menschen geschuldet zu sein („Ach, wirklich, die Gemeinde? Und wer war das? Hast du keine Namen?“) als einem wirklichen informativen Zweck. Ich gebe zu, dass das nicht wirklich dem Autor anzulasten ist, sondern eher meinem eigenen sündigen Herzen, aber dennoch ist es mir sauer aufgestoßen. Opposition in der Gemeinde kommt immer wieder vor, daraus eine ganze Predigtreihe in genau der Gemeinde zu machen scheint mir unnötig provokativ.
Es ist nicht, dass ich diesem Buch gar nichts abgewinnen konnte. Ich bin sicher, dass es vielen Leuten eine große Hilfe sein kann, das Evangelium noch ein wenig tiefer zu verstehen und es auch auf mehr anzuwenden als „das Freifahrtschein in den Himmel, wenn ich gestorben bin“. Dieses Buch hat mir aber einmal mehr beigebracht, dass die Erwartungen an einen Mega-Pastor und solchen A-Promi in evangelikalen Kreisen gar nicht erfüllt werden können; da liegt der Fehler wohl auch eher bei mir als bei Tullian.

Fazit
Das Buch ist nicht wirklich schlecht, weswegen ich ihm auch nicht nur einen Stern gebe. Es ist nur wesentlich weniger als ich erwartet hatte, und das hat mich enttäuscht.
Scot McKnight nennt den Ansatz von Tullian (und andere wie ihn) „Sotarian Gospel“ (in Scots Buch The King Jesus Gospel) und trifft damit einen Nerv. Die alleinige Fokussierung auf ein schlichtes Bild des Neuen Testaments wird der horizontsprengenden Dimension des Evangeliums nicht gerecht.
Mir scheint dieses Buch nicht unbedingt nötig gewesen zu sein – ähnliche Darstellungen findet man in dem, wesentlich schmaleren, „Was ist das Evangelium“ von Greg Gilbert oder in Brian Chapels Kapitel in „The Gospel as Center“ (das dann auch noch in spannender Weise das Evangelium in viele verschieden Dimensionen des Lebens und Dienstes importiert).
Ganzheitlichere Ansätze, was eine Definition des Evangeliums angeht, scheinen mir Darrell Bocks großartiges Büchlein „Recovering the Real Lost Gospel“, Scot McKnights „The King Jesus Gospel“ oder auch „Counterfeit Gospels“ von Trevin Wax zu sein.

God Bless,
Restless Evangelical


→ 2 von 5 Sterne

Mittwoch, 27. August 2014

Häppchen-Weise #22

In seiner kurzen Einführung in den Anglikanismus schreibt der britische Kirchengeschichtler Mark Chapman:

„Bischof J.C. Ryle schrieb im Jahr 1989 das eine 'zentrale Eingenart der evangelikalen Spiritualität die wichtige Rolle ist, die dem Heiligen Geist im Herzen des Menschen zugesprochen wird ... es kann keine wirkliche Umkehr zu Gott, keine neue Schöpfung in Christus, keine neue Geburt des Geistes geben, wenn man innen nichts davon spürt.' Es ist nicht überraschend, dass Evangelikalismus eine Religion wurde, die von den kraftvollen Herzen großer Persönlichkeiten angetrieben wurde.“ (Chapman, Mark, Anglicanism. A Very Short Introduction (AVSI 149), Oxford: Oxford University Press 2006, S.59; deutsch durch mich)

In Marks Bewertung nach dem Zitat von Ryle wird deutlich, wie wichtig ist, zu erkennen: Wir Menschen sind sehr manipulierbar. Zu Unterscheiden, wo der Geist Gottes unsere Herzen bewegt hat, oder 'nur' die emotionale Atmosphäre, oder vielleicht beides, ist sehr schwer zu trennen. Weder das Eine noch das Andere scheint eine ausreichende Erklärung für das Phänomen 'Evangelikalismus' zu sein.
Daraus folgen für mich die Fragen:
Wie kann ich verhindern, dass ich meine Zuhörer emotional manipuliere?
Wie kann ich fördern, dass ich und meine Zuhörer bewusst darauf achten, wodurch wir bewegt werden?
Kann man Kennzeichen festlegen, an denen wir erkenne, wo eine Bewegung vom Geist Gottes geleitet war, und wo sie 'nur' emotional veranlagt war?

Scheint mir, als wäre das einen ganzen Artikel wert.


Genießt den Tag,
Restless Evangelical


P.S. Das Originalzitat: „Bishop J.C. Ryle wrote in 1898 that a 'leading feature of Evangelical religion is the high place which is assigned to the Holy Spirit in the heart of man ... there can be no real conversion to God, no new creation in Christ, no new birth of the spirit, where there is nothing felt within.' Not surprisingly, Evangelicalism became a religion of the powerful hearts of big personalities.“

Dienstag, 26. August 2014

Häppchen-Weise #21

Mein Professor und Vorbild Armin Baum hat einen beachtenswerten Artikel in der aktuellen Ausgabe vom Journal of the Evangelical Theological Society veröffentlich, bei dem er sich mit der Frage beschäftigt, ob Irrtumslosigkeit ein neutestamentliches Konzept ist.
Seine Antwort – mit einigen Begriffsdefinitionen, und einer wohltuenden Herzensoffenheit – ist Ja.
An einer Stelle fasst er zusammen, welchen Unterschied das macht.

Wenn die Schriften des Neuen Testament behaupten, dass Jesus leiblich und historisch von den Toten auferstanden ist, dann wiegt diese Aussage mehr als die alternativen Überzeugungen, dass Jesus nur geistlich auferstanden ist – ohne seinen Körper – oder dass seine Auferstehung überhaupt kein historisches Ereignis war. Die Kritik von David Hume, David Friedrich Strauß und vielen Anderen, dass ein solches Wunder aus philosophischen Gründen unmöglich ist, muss beachtet werden – aber diejenigen, die an die Irrtumslosigkeit des Neuen Testaments glauben, werden dieser Überzeugung mit einer gewissen Skepsis begegnen, und erwarten, dass sie sich als überzogen und unhaltbar erweisen wird, wenn man die Argumente und Gegenargumente genau geprüft hat.“ (Baum, Armin, Is New Testament Inerrancy a New Testament Concept?, in: JETS 57.2 (2014), S. 273; Hervorhebung und deutsch durch mich)

Damit ist Irrtumslosigkeit zuerst einmal eine Herzenshaltung, ein tiefes Vertrauen darin, dass die Bibel in dem, was sie bekennt, vollkommen fehlerlos ist, und sich das auch zeigen wird.
Wenn die Wahrheit ans Licht kommt.

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Das Originalzitat: „If the NT Scriptures maintain a historical and bodily resurrection of Jesus from the dead, this assertion outweighs the alternative convictions that Jesus was raised only spiritually without his body or that his resurrection was not a historical event at all. The objection by David Hume, David Friedrich Strauß, and many others that such a miracle is impossible for philosophical reasons must be dealt with – but those who believe in the inerrancy of the NT regard this position with a certain amout of skepticism and will expect that after careful consideration of the counterarguments they will turn out to be overdrawn and unsustainable.“

Montag, 25. August 2014

Häppchen-Weise #20


C.S. Lewis schreibt:

„Die Bücher oder die Musik, in denen wir die Schönheit vermuten, werden uns verraten, wenn wir unser Vertrauen in sie setzen; sie ist nicht in ihnen, sie kam nur durch sie, und was durch sie kam, was Sehnsucht. Diese Dinge – die Schönheit und die Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit – sind gute Bilder für das, was wir wirklich wünschen; aber wenn wir sie für die Sache selbst halten, werden sie zu stummen Götzen, die die Herzen ihrer Verehrer brechen. Denn sie sind nicht die Sache selbst; sie sind nur der Duft einer Blume, die wir noch nicht gefunden, das Echo einer Melodie, die wir noch nicht gehört, Berichte von einem fernen Land, das wir noch nie besucht haben.
Glauben sie, ich versuche, einen Bann zu weben? Vielleicht tue ich es; aber erinnern sie sich einmal an die Märchengeschichten, die sie gehört haben. Ein Bann kann genauso gut dazu gebraucht werden, einen Fluch zu brechen wie ihn auszusprechen. Und Sie und ich brauchen den stärksten Bann, um uns aus der bösen Verzauberung der Weltlichkeit zu wecken, die seit fast hundert Jahren auf uns liegt. Fast unsere gesamte Erziehung war darauf ausgerichtet, diese scheue innere Stimme zum Schweigen zu bringen, fast alle unsere modernen Philosophien wurden dazu ersonnen, uns zu überzeugen, daß das Wohl des Menschen auf dieser Erde zu finden sei.“ (C.S. Lewis, Das Gewicht der Herrlichkeit, Gießen: Brunnen 1982, S.97)

Schönheit finden wir nicht in Kunstwerken, Büchern, Lieder, Menschen,
sondern durch sie,
mit dem Verweis an die höchste Schönheit.

Beeindruckend.

God Bless,

Restless Evangelical

Sonntag, 24. August 2014

Vier Plus 1 am Sonntag – 24.08.2014



A. Vielleicht sind viele Filme gar nicht schlecht, sondern unser schlechtes Urteil darüber als Christen hat etwas damit zutun, dass wir Kunst nicht wirklich verstehen. Samuel schreibt einen aufenöffnenden Artikel über zu wenig Verständnis und zu wenig Christen an den Kunst- und Literaturfakultäten. Prädikat lesenswert.

B. Andrew Wilson schreibt über biblische Irrtumslosigkeit und antwortet auf manche Fragen, die auf Pete Enns' Blog aufgeworfen wurden. Aber selbst ohne dieses Brouhaha zu kennen ist der Artikel von Wilson extrem hilfreich, wenn es um die Frage geht: Wie wichtig ist Irrtumslosigkeit für den Glauben? Und wie zerstörerisch für akademische Freiheit?

C. Drüben bei Spritual Friendship schreibt Ron Belgau eine sensible, wunderbare Reaktion auf Thabiti Anyabwiles verstörende Anmerkung zum 'Ekel Effekt' in der Debatte um Geleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe. Ich habe vor, selbst eine Entgegnung zu Anyabwile zu schreiben, aber bis ich die Zeit dazu finde, sei euch Ron Belgau ans Herz gelegt (wie überhaupt die Seite Spiritual Friendship von großem Wert ist).

D. Mein Freund Denis schreibt über das Paradoxe im Glaubensleben und findet Antwort auf sein Ringen damit bei Chesterton (wahrscheinlich nicht der schlechteste Platz, um danach zu suchen). Das Mysteriöse im Glauben zu feiern, nicht wegzuerklären, scheint mir ein äußerst wichtiger Schritt zu sein, um das Staunen über die 'er-staunliche' Gnade nicht zu verlieren. Wenn deine Reaktion auf eine Glaubensaussage immer nur „Weiß ich schon...“ ist und nie „Das ist so umwerfend, immer wieder...“ dann ist, denke ich, wirklich etwas schief gelaufen.


Und einen zum Schluss: Spaceman Spiff ist ein Liedermacher aus Hamburg und auch wenn seine Lieder oft sehr melancholisch sind, gefallen sie mir außerordentlich gut. Er ist der einzige (soweit ich weiß) Liedermacher, der von einem Buchverlag verlegt wird, und seine Texte haben außerordentliche liedermacherische Qualität, wie ich finde.

God Bless,
Restless Evangelical

Freitag, 22. August 2014

Und plötzlich schaust du bist zum lieben Gott

Der Zusammenhang von Ehrfurcht und Schönheit

Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Gruppe junger Erwachsener zusammen, und wir unterhielten uns über den Begriff 'Ehrfurcht' und in wie weit er beschreibt, wie wir uns Gott nähern. Interessanterweise hat niemand angezweifelt, dass der Begriff biblisch ist, dass er in einer Weise beschreibt, wie Menschen sich in der Bibel Gott näherten.
Aber zwischen einem biblischen Befund und der Realität in unserem Leben liegt oft eine erschreckende Kluft, wie jeder bezeugen kann, der schon einmal versucht hat, Paulus' Aufforderung nachzukommen, sich selbst für der Sünde gestorben zu betrachten (Röm 6,11; und warum scheint sie dann so lebendig in mir?).
Seit dem Abend mit diesen großartigen jungen Menschen, die versuchen zu ergründen, was es bedeutet diesem Jesus eigentlich zu folgen, lässt mich die Frage nicht mehr los, in wie weit Ehrfurcht eigentlich in unser Bild von Nachfolge passt.
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Ich habe schon einmal über Ehrfurcht geschrieben, und für den Artikel viele Rückmeldungen bekommen. Manche von euch fanden es hilfreich, wenn wir Ehrfurcht in den Kontext von Gnade stellen und dadurch erkennen, dass unser Gott einer ist, der uns in Staunen versetzt – nicht so sehr durch unglaubliche Gerichtstaten, sondern durch eine unüberschaubare Masse von Gnade, die er über Sündern ausschüttet. Andere von euch hatten den Eindruck, dass Ehrfurcht und Gnade eigentlich nichts miteinander zu tun haben und der ganze Zusammenhang konstruiert ist. Ehrfurcht, haben manche gedacht, können wir nur vor einem Gott bekommen, der straft und tötet, weil unser Herz uns bei Gnade immer dazu verleitet, sie auszunutzen.
Ich fand die Reaktion deswegen interessant, weil es eine scharfe Linie zieht zwischen Schönheit auf der einen Seite – was in unseren Köpfen irgendwie das weiche, kuschelige, nicht kantige und auf keinen Fall furchterregende ist – und Heiligkeit (Andersartigkeit) auf der anderen Seite – was alles zu tun hat mit Feuer, und schmerzhafter Reinigung und undurchdringlichem Licht, Gerechtigkeit.
Aber C.S. Lewis (und sag du jetzt mal was gegen C.S. Lewis) sah das ganz offensichtlich anders. Drüben auf dem C.S. Lewis Blog habe ich vor kurzem folgende Zusammenfassung gelesen:
Lewis felt that the children (and adults) of his day had lost what he liked to call (after Rudolph Otto) a sense of the numinous: a sense of awe or dread that mingles terror with beauty and that makes one feel small and insignificant (but not repulsive or suicidal) in the face of a transcendent force.“ (aus: https://www.cslewis.com/blog/the- good-guys-and-the-bad-guys/)


Ist es nicht interessant, dass es für einen der wichtigsten Denker des letzten Jahrhunderts, ein Literat par excellence und – auch wenn er sich selbst immer als Nicht-Theologe bezeichnet hat – vielleicht wichtigsten Gedankengeber eines intellektuell redlichen Christentums, gar keinen Unterschied zwischen Furcht (Terror!) und Schönheit gibt?
Schönheit, für Lewis, hat immer etwas mit staunenerregender Größe zu tun. Das Problem ist, dass wir Schönheit heute lieber anhand von H&M Plakaten und Fernseh-Fleischbeschau definieren als an dem Gefühl, das es uns vermittelt, von Unwichtigkeit, und gleichzeitig Herzlichkeit.
In Hosea 4,5 beschreibt der Prophet das Ende der Zeiten, wenn die Völker – oder zumindest Gottes eigenes Volk – zu ihm zurückkehren. Wir stellen uns diese Rückkehr zu Gott als Christen oft gerne ganz beschaulich vor, wie eine große Feier, in der man sich schick gemacht hat und auf die man sich einfach freut. Und Jesus selbst benutzt das Bild der Feier, an sich ist da also nichts falsches dran.
Aber Hosea sieht eine ganz andere Dimension bei der Rückkehr in die Gegenwart dieses Gottes, der Himmel und Erde in seiner Hand hält. Da ist nicht nur Tanzen und Reigen. „Am Ende der Zeit werden sie zitternd zu Jahwe kommen und seine Güte suchen.“ (NeÜ).
Seht, was hier passiert: Die Menschen flüchten sich zu Jahwe, mit zittern und sich der Unendlichkeit bewusst, die sie im Begriff sind, zu umarmen. Sie rennen nicht einfach auf ihn zu, wie auf einen Freund, den sie lange nicht gesehen haben. Sie nähern sich ihm, zitternd, weil sie sich ihrer eigenen Schuld bewusst sind.
Und gleichzeitig suchen sie seine Güte.
Sie vertrauen darauf, dass dieser Gott gut ist; zutiefst, und unveränderbar, gut!
Wenn die Ehrfurcht zu Zittern und Terror überschlägt, man sich auf einmal bewusst wird, das man gar nichts zu suchen hat, als kleiner Sünder, in der Gegenwart dieses großen Gottes, bleibt nur noch, sich auf die Aussage zurückzuwerfen: Gott ist gut! Immer, und überall!
In dem Roman, den ich gerade versuche, fertig zu stellen, gibt es eine Szene, wo die beiden Protagonisten vor einem Bild von Caspar David Friedrich stehen und sich Gedanken darüber machen, wieso es so mächtig auf sie wirkt, wobei es so einfach ist.
Sophia sagt:
„Ich glaube, dass Schönheit nicht wirklich um Auge des Betrachters liegt.“, sagt sie dann, mit der Nachdrücklichkeit einer leisen Sommerbrise, nonchalant, ohne dass es aus ihrem Ton deutlich würde, dass sie gerade eine gesellschaftsweit akkzeptierte Konvention in Frage gestellt hat. „Ich glaube, dass sie tiefer liegt, in einem Gefühl, das sie uns gibt. Und was dieses Gefühl hervorruft, mag im Auge des Betrachters liegen. Aber es ist dieses Gefühl von Selbstvergessenheit, wenn sich unsere Seele in Ergebenheit erhebt, erkennt, dass wir nichts bedeuten und gleichzeitig Welten mit unseren Händen bewegen. Und wenn wir uns verbunden fühlen mit allem und nichts – und irgendwo dazwischen. Wenn wir bis zum lieben Gott sehen, und er uns anlächelt. Das ist Schönheit, oder nicht.““ (aus: Rhabarbarmarmelade auf Vollkornbrot, unveröffentlich)

Dann ist Schönheit also nicht irgendetwas weiches, rundes, sondern ein Gefühl der Selbstvergessenheit. Und plötzlich schaust du bist zum lieben Gott – und da, in diesem Moment, in dem man sich seiner eigenen Winzigkeit bewusst wird, ist Schönheit.
Und Ehrfurcht.
Weil beide nicht zu trennen sind.

God Bless,
Restless Evangelical

Donnerstag, 21. August 2014

gelesen & geschätzt #5

Nicht noch ein Gemeinde(wachstums-)modell

Rezension zu Rainer, Thom & Eric Geiger, Simple Church. Returning to God's Process for Making Disciples, Nashville: B&H Publishing 2011

Ein Gemeindewachstumsmodell zu finden ist dieser Tage nicht schwer; die Auswahl ist groß und die Versprechungen größer.
Mit Simple Church melden sich in diesem Buch zwei Statistiker (resp. Pastoren) zu Wort, das erklärte Ziel verfolgend, „not […] another church modell“ (S.3; alle Seitenangabe beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe) vorzustellen. Das ist erfrischend, weil es den Druck vom Leser nimmt, einen weiteren neuen Ansatz in das sowieso schon überladenen Bücherregal mit Gemeindemodellen zu integrieren.
Vielmehr versuchen die Autoren, statistische Erhebungen aus dem Jahr 2007 in einer Anzahl unterschiedlicher Gemeinden auszuwerten und auf ihre Aussage abzuklopfen.
Das Ergebnis ist so überraschend wie einfach: Eine Gemeinde ist dann am gesündesten, wenn sie am einfachsten ist.

  1. Überzeugender Aufbau
Das Buch überzeugt mit einem einfachen Aufbau; die aufeinander aufbauenden Kapitel machen es einfach, dem Gedankenfluss der Autoren zu folgen und unsinnige Wiederholungen werden vermieden (was entweder auf gute Autoren, oder bessere Redaktoren schließen lässt; als versierter Leser ein herzliches Dankeschön!). Auch bleiben im Verlauf des Buches keine wichtigen Fragen auf der Strecke.
Wenn man das große Bild betrachtet, ist das Buch in zwei Teile aufgeteilt: Teil 1 Beschäftigt sich mit der sog. „Simple Revolution“ (S.3 u.A.) in Kirche und Gesellschaft, während Teil 2 der Frage nachgeht, auf welche Weise eine Gemeinde zu einer „Simple Church“ (S. 107 u.A.) werden kann
Der erste Teil beginnt mit einen groben Überblick über den gesellschaftlichen Trend hin zu mehr Einfachheit aus der Komplexität des Alltags heraus (Kapitel 1) und stellt zwei reale Gemeinden vor, von der eine der 'Simple Revolution' folgt und die andere einem eher komplexen Ansatz im Dienst nachgeht (Kapitel 2). Kapitel 3 macht dem Leser deutlich, dass der Weg zu einer 'Simple Church' einer Grundrenovierung unseres Ansatzes zu Gemeindeaufbau entspricht und Kapitel 4 zeigt und die Geschichte dreier 'Simple Churches' in den USA, an denen der Ansatz deutlich gemacht werden kann.
Part 2 gliedert sich in die vier zentralen Worte 'Clarity' (Kapitel 5), 'Movement' (Kapitel 6), 'Alignment' (Kapitel 7) und 'Focus' (Kapitel 8) und präsentiert bzw. interpretiert die statistischen Ergebnisse für den nicht-statistisch geschulten Leser.
Besonders interessant ist in der Version auch das Nachwort, in dem die Autoren fünf Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung von 'Simple Church' darüber reflektieren, wie der Ansatz im US-amerikanischen Gemeindekontext gefruchtet hat.
Nett ist auch die Illustration des Ansatzes durch die Geschichte des, fiktiven und teilweise vielleicht etwas unscharfen bzw. stereotypen „Pastor Rush“ (S.4 u.A.), an dem man dennoch die Sehnsucht nach einer vereinfachten Form von Gemeindeaufbau erkennen kann.

  1. Interessanter Ansatz
Der Ansatz von Rainer und Geiger ist interessant. Ihren Ergebnissen zufolge ist es für eine Gemeinde von besonderem Interesse, den Jüngerschaftsprozess („a simple process that moves people through stages of spiritual growth“ [S.26]) zu vereinfachen und die mit Angeboten und Nachfragen zu überladen.
Die vorgestellten Gemeinden haben meistens einen Drei- oder Vier-Schritt-Plan entwickelt, durch den sie Menschen vom Standpunkt 'Außenstehend' zu 'Gemeindemitglied' schleusen. Dieser Weg wird als Jüngerschaftsprozess verstanden, von einem Nicht-Christen zum reifen Christen.
Zu diesem Zweck ist es wichtig, dass sie Gemeindeleiter nicht länger als 'Verwalter' verstehen, sondern als 'Designer'. Während Verwalter die verschiedenen Dienste in der Gemeinde am Laufen halten (vgl. S.26), versuchen Designer alle Dienste auf den einfachen Prozess anzupassen, der für die Gemeinde entwickelt wurde und gegebenenfalls auch unnötige und energie-fressende Dienste zu streichen (Vgl. ebd.). Das bedeutet auch, dass der Prozess für eine Gemeinde nicht kopflos zusammen geworfen wurde, sondern mit viel Nachdenken und kreativer Energie zu einem Kunstwerk geformt wurde (vgl. S.61)
Die Ergebnisse der Autoren sprechen für sich, und die Sehnsucht von Pastoren und Gesellschaft nach Einfachheit spricht für sie. Dass es sich dabei nicht im ein weiteres Modell für Gemeindeaufbau handelt, ist schwierig zu verstehen; mir scheint es eher ein neues Modell zu sein, wobei es in diesem allerdings eher darum geht, den Prozess zu vereinfachen, als neue Module hinzuzufügen.

  1. Persönliche Anfragen
Etwas Schwierigkeiten hatte ich mit der theologischen Engführung, die in dem Buch teilweise deutlich wird und auch schon im Untertitel („God's Process for Making Disciples“) angedeutet wird.
Dabei ist der Ansatz der Autoren, dass sie nicht nur eine statistisch signifikante Entwicklung im Jüngerschaftsprozess verschiedener Gemeinden entdeckt haben, sondern auch zum 'biblischen' Modell für Jüngerschaft zurückgekehrt sind (so unscharf dieser Begriff auch sein mag).
Das wird auch in folgendem Zitat deutlich:

„We also are not saying that churches should have a simple process just for pragmatic reasons (though it is working). More importantly, there is a theological and philosophical fundation on which a simple process stands. […] While God never changes, He has chosen to work through a divine process.“ (S.15; kursiv durch mich)

Die Schwierigkeit für mich liegt nicht nur darin, dass dieser Aussage eine grundsätzliche Skepsis dem Pragmatismus gegenüber zugrunde liegt, die ich weder theologisch noch weltanschaulich nachvollziehen kann; es geht mehr noch darum, dass dadurch eine bestimmte Form des Jüngerschaftsprozesses Gott zugeschrieben wird, während die Grundlage dafür etwas dürftig ist.
Um nicht missverstanden zu werden, ich denke, dass biblisch-theologisch nichts gegen einen einfachen Prozess in Jüngerschaft spricht. Aber genauso wenig würde ich mich auf die Aussage versteifen, dass es sich bei diesem einfachen Ansatz um Gottes eigenen Ansatz handelt.
Diese Aussage scheint mir der Bibel mit ihrer Vielfalt und kreativen Einzigartigkeit nicht gerecht zu werden.

  1. Fazit
Bei 'Simple Church' handelt es sich um ein wirklich hilfreiches Buch, das einem Gemeindegründer, -bauer und -leiter (in Personalunion, oder auch nicht), viele Gedankenanstöße geben kann, die fruchtbar sein können, und hilfreich beim Entwickeln eines stadt- und millieau-spezifischen Jüngerschaftsprozesses, der nicht nur den Gaben der gemeindeeigenen Leitern entspricht, sondern auch der entsprechenden Zielgruppe gerecht wird.
Vorsichtig sollten wir damit sein, bestimmte Modelle als 'biblisch' und somit exklusiv zu bezeichnen. Eine bunte Vielfalt in der Einheit des Evangeliums scheint mir da angemessener zu sein.

Erstaunlich ist auch, wie flüssig und verständlich sich das Buch liest, handelt es sich doch im Kern um eine statistische Erhebung. Nicht nur geschulte Leiter sondern auch Laien werden von diesem Buch profitieren können.

Dienstag, 19. August 2014

Häppchen-Weise #19

Häppchen-Weise #19

Adelaide Mena & Caitlin Seery La Ruffa haben einen erstaunlichen, mutigen und gleichzeitig augen-öffnenden Artikel über die 'Hook Up Culture' an US-Amerikanischen Unis geschrieben.
Das Problem sehen sie vor allem darin, dass es eine zu geringschätzige Sicht auf Sex gibt.
Sie schreiben:

[Eine] Sexualethik, die sich nur im das Streben nach Befriedigung und persönliche Freude dreht, und die Bedeutung des Sexualaktes auf die eines Scrabble-Spieles reduziert – einfache Entspannung – sagt uns eigentlich, dass Personen nur ein Mittel zum Zweck sind.“

Und Später:

Der selbstsüchtige Individualismus, den wir von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen erwarten, sagt uns, dass wir ein 'Nein' als Antwort nicht akzeptieren können. Respekt für die Idee von sexueller Integrität – das Verständnis, dass Sex von Natur aus mehr ist als nur ein Spiel – wurde aus dem Fenster geschmissen. Und mit ihm flog auch der Respekt vor den Grenzen des Anderen heraus.“ (Quelle: http://www.thepublicdiscourse.com/2014/07/13505/; deutsch durch mich)

Seit meinem Blogpost am 1.August lässt mich die Frage nicht mehr los, wie man Sex definieren kann, und wie stark er eigentlich ist, was er zu tragen im Stande ist.
Die Hinweise verdichten sich, dass ein zu lascher – wie auch ein zu repressiver – Umgang damit schädlich ist; nicht nur für uns selbst, sondern auch für den Anderen und für unsere Gesellschaft.

God Bless,

Restless Evangelical


P.S.: Das erste Zitat als Original: „[A] sexual ethic that centers on the pursuit of pleasure and personal gratification and reduces the significance of a sexual act to that of a scrabble game – mere recreation – teaches that persons are means to an end.“


P.P.S. Das zweite Zitat als Original: „The selfish individualism expected among adolescents and young adults tells us not to take 'no' for an answer. Respect for ideas of sexual integrity – the concept that sex might by its nature mean something more then a game – has gone out the window. With it went respect for the very concept of boundaries.“

Montag, 18. August 2014

Häppchen-Weise #18

Princeton-Professor Robert George schreibt in seinem neuen Buch „Conscience and it Enemies“ über die intellektuelle Freiheit an höheren Bildungseinrichtungen.
Darin kommt er zu einem spannenden Schluss, warum man für diese Freiheit kämpfen sollte:

Es ist nicht – oder nicht nur – eine Leidenschaft für Freiheit an sich. Wer wollen, dass die junge Generation und diejenigen, die für ihre Ausbildung verantwortlich sind, frei sind von Unterdrückung und gehässiger Diskriminierung, aber wir sollten für diese Freiheiten kämpfen, weil wir dafür einen Grund haben, der bedeutender Weise weiter über dieser Freiheit hinausgeht. Wir sollten für Freiheit an unseren Universitäten sein, weil wir glauben, dass akademische Freiheit eine Freiheit zu etwas wirkliche Bedeutendem ist – nämlich die Form von intellektueller Exzellenz, die wirkliche Selbstbestimmtheit erst möglich macht.“ (Quelle: http://www.intercollegiatereview.com/index.php/2014/05/19/why-academic-freedom-matters-now-more-than-ever; deutsch durch mich)

Solange wir nicht gelernt haben – und gelehrt bekommen haben – selbst zu denken, können wir auch kein selbstbestimmtes Leben führen.
Es gehört zur Ironie des Lebens, dass mit dem Maß an Wissen auch die Erkenntnis wächst, dass man nie vollkommen Unabhängig von Anderen ist.
Und – ist das so schlecht?

God Bless,

Restless Evangelical

P.S. Originalzitat: „It is not – or not merely – a passion for freedom for its own sake. We want our young people and those responsible for teaching them to be free from repression or invidious discrimination, but we should fight for these freedoms for a reason that goes significantly beyond them. We should for freedom from oppression on our campuses because we believe that academic freedom is freedom for something, something profoundly important – namely, the intellectual excellence that makes self-mastery possible.“

Sonntag, 17. August 2014

Vier Plus 1 am Sonntag - 17.08.2014

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Vier plus 1 am Sonntag – 17.08.2014

A. Kevin Vanhoozer hat nicht nur den wahrscheinlich coolsten Namen, der in der akademischen Theologie gerade herumschwebt (sagt es mal laut, mit Betonung auf hoooooz!) sondern auch einiges zu sagen zur Frage, was biblische Irrtumslosigkeit ist und nicht ist. Und warum sie wichtig ist.

B. Matt Chandler mag vielleicht keinen so hammer-mäßigen Namen haben wir Vanhooooozer, aber er darf sich offiziell „der berühmteste Pastor den niemand kennt“ nennen. TheBlaze ist sonst nicht meine bevorzugte Adresse was allgemeine Berichterstattung angeht, aber dieses Portrait ist wunderbar.

C. Toby Faiy schreibt über die Gemeinde die ein Ort ist, wo sich Loser und solche, die es nicht alleine packen, zusammenfinden, und denkt, dass das eigentlich eine gute Zusammenfassung ist. Ich war bewegt von der Begebenheit, die er hier nacherzählt, und der Wahrheit dahinter, die so Gegen-Kulturell ist, aber trotzdem (oder vielleicht: deswegen) so schön.

D. Die bekannte CCM Sängerin Vicky Beeching bekennt sich offen zu ihrer Homosexualität. Das ist zu erst einmal ein sehr mutiger Schritt, zweitens bin ich beeindruckt davon, dass sie Kirche nicht aufgeben will. Vor allem aber hat es mir beigebracht, dass wir, gerade als Gemeinden mit einer traditionellen Position zur Homosexualität, dafür kämpfen müssen, eine Kultur zu schaffen, in der dieses Bekenntnis möglich ist, einfacher ist, und nicht schamvoll.


Und zum Schluss freue ich mich euch auf den Blog meines guten Freundes Denis aufmerksam zu machen. Schaut bei Gelegenheit vorbei, ihr werdet es sicher nicht bereuen (sobald er die Zeit findest, wirklich etwas zu schreiben!).

Donnerstag, 14. August 2014

gelesen & geschätzt #4

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Das hier steht vielleicht für das da.


Rezension zu Bell, Rob, Sex God. Exploring the Endless Connections Between Sexuality and Spirituality, Grand Rapids: Zondervan 2007

Es ist kein Geheimnis, dass mich eine gewisse unheilige Faszination für Rob Bell treibt. Ich konnte seiner Art, zu kommunizieren, und auch zu schreiben, von Anfang an etwas abgewinnen und ich halte ihn – auch weiterhin – für einen der innovativsten Redner, den das große Zelt 'Christentum' momentan zu bieten hat.
Nun ist es mir auch bewusst, dass es einiges an seinen Büchern zu kritisieren gibt (ich habe an dieser Stelle auch schon seine Bücher Das Letzte Wort hat die Liebe und What we Talk about when we Talk about God rezensiert)
Weil ich mich in der letzten Zeit mit der Frage beschäftigt habe, was Sex eigentlich ist (vielleicht eine merkwürdige Frage, aber das sei mal dahin gestellt), habe ich mich nun endlich auch an das letzte Buch gemacht, das Bell geschrieben hat, ich aber noch nie gelesen habe.
In Sex God macht Rob Bell auf die ihn so charakterisierende Art genau das, was der Untertitel sagt: Er sucht nach Verbindungen zwischen der spirituellen Welt und der körperlichen; herunter gebrochen bedeutet das: Er sucht nach dem, was uns Sex über Gott sagt.

Dies ist vielleicht Das.
Dabei zieht Bell die Parallele nicht einfach stumpf von A nach B, als würde er beim Malen nach Zahlen einen Strich von Punkt 62 nach 63 ziehen und endlich sehen, dass das die Nase von dem großen Bison ist (wer erinnert sich noch daran, in YPS Und Micky Maus Heften?). Bell macht scharfsinnig darauf aufmerksam, dass viele Dinge als Repräsentanten zu verstehen sind – sie stehen eigentlich für etwas anderes; auch in der Bibel.
Die Erinnerungssteine in Josua, zB.
Oder der Altar von Jakob an der Himmelleiter.
Oder dieses Foto am Eifelturm, mit deiner ersten Freundin. Ihr ward so verliebt.
Oder dieser selbstgetöpferte Becher, den dein Sohn dir aus der Grundschule mitgebracht hat.
This physical thing – this picture, trophy, artifact, gift – is actually about that relationship, that truth, that reality, that moment in time.“ (S.13)

Und so ist es auch mit Sexualität, würde Bell sagen. Sie steht für etwas viel größeres, viel schöneres, als nur dieser eine Moment des Kopulierens.

Guter und schlechter Sex.
Das Buch ist keines über verschiedene Sexpraktiken, oder wie man sein Ehebett aufmöbelt. Es ist ein zutiefst spirituelles Buch, das die Frage stellt, wie wir auf eine gute, vielleicht ein wenig mystische Art mit unserer Sexualität umgehen – wie wir mit ihr umgehen können in solchen Situationen, in denen sie die nötigen Rahmenbedingungen hat (für Bell: eine verantwortungsvolle, langzeitige Beziehung), und solche, in denen diese Rahmenbedingungen nicht vorhanden sind.
Rob Bell schöpft dabei aus einem reichen Fundus an Geschichten, die er selbst miterlebt hat als Pastor der Mars Hill Bible Church in Grand Rapids. Er zeigt auf, dass sexuelle Ausbeutung zu erst den anderen 'Ent-Menschlicht' und auch uns selbst.
Er zeigt auch, dass wir weder Tiere noch Engel sind – weder unseren Trieben sklavisch dienen müssen, noch ihnen völlig entsagen, als wären wir (An-)triebslos.

Sex ist soviel mehr.
Vor allem aber zeigt Bell in seinem Buch, dass Sexualität so viel mehr ist als nur der Trieb, dem wir nachgeben. Und dass wir Menschen so viel mehr sind als Penis und Vagina.
For many, sexuality is simply what happens between two people involving physical pleasure. But that's only a small percentage of what sexuality is. Our sexuality is all the ways we strive to reconnect with our world, with each other, and with God.“ (S.42)

In diesem Sinne geht es in dem Buch um eine sehr hohe Sicht auf Sexualität; vielleicht eine zu hohe, vielleicht eine zu mystische, aber zu mindest eine, die nicht nur unsere Triebe anspricht, und Blut in unseren Unterleib schießt, sondern auch unsere Seele zum schwingen bringt und uns ein größeres Bild malt.

Rob Bells un-kontroversestes Buch
Bell mag eine kontroverse Figur sein, und alleine durch diese Rezension könnte ich wieder ein paar Leser verlieren – und ein paar andere gewinnen – aber dieses Buch ist vielleicht sein unkontroversestes. Überhaupt ist mir, als relativ konservativer Leser, nur die Passage aufgefallen, in der er die Frage stellt, ob eine Hochzeit notwendig ist, um eine auf langzeit ausgerichtete, verantwortungsvolle Beziehung zu leben.
Er würde die Frage wohl anders beantworten als ich.
Man muss Bells teils mystische Dimension nicht mögen, aber sie kann uns trotzdem dazu stimulieren, in unserer Sexualität mehr zu sehen, als einen reinen Fortpflanzungsakt. Und auch mehr als ein Spaßfaktor, um den man sich nicht viel kümmern muss.
Er hilft uns, die Zerbrechlichkeit der Sexualität zu sehen und das Potential, das darin liegt, wenn man sich um sie kümmert, sie hegt und pflegt; wie bei einem kleinen Setzling, der zu einem starken, großen Baum heranwachsen kann.

God Bless
Restless Evangelical.

5 von 5 Sternen.

Mittwoch, 13. August 2014

Häppchen-Weise #17

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Eine ernüchternde Erinnerung – in einer ermutigenden Art und Weise.

Charles Marsh schreibt über die Zeit der Bürgerrechtsbewegung in den USA:

Ein konservativer, weißer Pastor kann auf der Kanzel von jeder beliebigen Baptistengemeinde in irgendeinem Sprengel des tiefsten Südens stehen und aus Paulus Brief an die Korinther predigen, dass Jesus Christus alle Menschen mit Gott versöhnt und miteinander, und es kann keinen Zweifel daran geben, dass er ein lautes und leidenschaftliches „Amen“ als Antwort von der Gemeinde bekommen hätte; wäre aber dieser Prediger weitergegangen und hätte erklärt, dass diese Gute Nachricht auch bedeutet, dass man mit den 'Schwarzen' Gemeinschaft pflegen, und Gerechtigkeit und Gnade ihnen gegenüber zeigen soll, wäre er noch vor Sonnenuntergang aus der Stadt gejagt worden.“ (Marsh, Charles, God's Long Summer. Stories of Faith and Civil Rights, Princeton: Princeton University Press 1997, S.6; deutsch durch mich)

Wenn wir von den Verbrechen des Christentums in der Vergangenheit hören, damit konfrontiert werden, sind wir schnell bei der Hand, dogmatische Fehler dafür verantwortlich zu machen.
Marsh erinnert uns daran, das viel öfter das Problem darin lag,
die richtige Botschaft
mit der adäquaten Handlung zu verbinden.
Wie bei uns, so oft.

God Bless,
Restless Evangelical

P.S.: Das Originalzitat:
A white conservative minister could stand at the pulpit of any Baptist church in any hamlet of the deep South and preach from Paul's letter to the Corinthians that Jesus Christ reconciles all people to God and each other, and he would undoubtedly receive an enthusiastic chorus of 'Amen' from the congregation; yet, if the minister proceeded to explain that the Gospel message requires brotherhood with black people, and justice and mercy toward them, he would be run out of town by sunset.“

Dienstag, 12. August 2014

Häppchen-Weise #16

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Don Carson schreibt über das eine Thema, das die ganze Bibel als Offenbarung zusammenhält:

Ob wir auf den einzelnen Gläubigen sehen oder die Bundesgemeinschaft des Volkes Gottes, ob wir entsetzt sind über die zeitweisen Gerichte, die über Jerusalem ausgeschüttet werden, oder entrückt die Herrlichkeit des neuen Himmels und der neuen Erde erwarten, die Grundlage, die die ganze Geschichte zusammenhält, ist Sünde, und wir Gott – der reich ist an Gnade – mit Sündern und Sünde umgeht, zu seiner eigenen Ehre und zum Wohl seines Volkes.“ (Carson, Donald A., Sin's Contemporary Significance, in: Morgan, Christopher W. & Robert A. Peterson, Fallen. A Theology of Sin, Wheaton: Crossway 2013, S.23; deutsch durch mich)

Es hat mich wieder erinnert, dass wir die Sünde der Menschheit nicht kleinreden sollten,
dass sie real ist, auch und vor allem für unsere Verkündigung.
Aber gleichzeitig, dass die Gnade Gottes ebenso zentral in die Heils-Geschichte, die Geschichte Gottes mit dieser Erde, eingegraben ist.
Untrennbar.

God Bless,
Restless Evangelical


P.S. Das Originalzitat:

[W]hether we focus on individual believers or on the covenantal identitiy of the people of God, whether on stands aghast at the temporal judgements poured out on Jerusalem or stands in rapt anticipation of the glories of the new heaven and the new earth, the substratum that holds the entire account together is sin and how God, rich in mercy, deals with sin and sinners for his own glory and for his peoples good.“

Montag, 11. August 2014

Häppchen-Weise #15


Heute etwas humorvolles von Christopher J.H. Wright:

Ein Historiker, der verschiedene Gesetzessysteme in Europa analysiert hat, wurde einmal gefragt, was die großen Unterschiede seien, die ihm bei seinem Vergleich aufgefallen sind; wie unterscheiden sich die verschiedenen Kulturen, wenn es um Moral und Gesetz geht? „Das ist ganz einfach,“, hat er geantwortet. „In Deutschland ist alles verboten, es sei denn, es wurde ausdrücklich erlaubt. In Frankreich ist alles erlaubt, es sei denn, es wurde ausdrücklich verboten. In Russland ist alles verboten, auch wenn es ausdrücklich erlaubt wurde. Und in Italien ist alles erlaubt, selbst wenn es ausdrücklich verboten wurde.“ (aus: Wright, Christopher J.H., Old Testament Ethics for the People of God, Downers Grove: IVP 2004, S.23; deutsch durch mich)

In diesem Sinn,
lasst euch heute einfach mal alles das schmecken,
was nicht verboten ist.
Es ist ein Luxus hier :)

God Bless,
Restless Evangelical

P.S. Das Original:

An historian of comparative legal systems in Europe was once asked to summarize the essential differences he had observed in different national cultures in their approach to law an ethics. 'It´s simple,' he said. 'In Germany, everything is prohibited, except that which is permitted. In France, everything is permitted, except that which is prohibited. In Russia, everything is prohibited, including that which is permitted. And in Italy everything is permitted, including that which is prohibited.“

Sonntag, 10. August 2014

Vier Plus 1 am Sonntag – 10.08.2014


A. Sexual Assault on Campus. Zwei Princeton-Absolventinnen schreiben über die Norm auf Uni-Campussen, am Wochenende jemanden 'abzuschleppen' und wie das den Weg bereitet hat/haben könnte, dass sexuelle Übergriffe immer mehr um sich greifen. Prophetisch auf eine Weise, mutig auf eine andere, und lesenwert in jedem Fall.

B. Hasst Gott Schalentiere? Dieser Artikel ist vielleicht das beste Beispiel für 'den Spieß umdrehen', den ich seit langem gelesen habe. Egal auf welcher Seite der 'Schwulenrechtsbewegung' man steht, das hier gibt einem einiges zu denken.

C. Rückmeldung nach einer Predigt. Diese 10 Minuten für das Video sind sicher hervorragend investierte Zeit, nicht nur für solche, die regelmäßig predigen, sondern auch solche, die regelmäßig predigten hören und dann gerne mit dem Prediger reden. Manche Rückmeldung ist einfach nicht hilfreich, während andere viel zu wenig kommt.

D. J.R. Daniel Kirk – Ist deine Kirche wirklich 'missional'? Kirks Artikel geht direkt zur Wurzel, und die Fragen die er stellt sind nicht nur für Gemeinden geeignet, sondern auch für den Einzelnen. Nicht, dass 'missional' sein alles ist, was eine Gemeinde ausmacht; aber wenn sie nicht teilnimmt an der Mission Gottes, ist es fraglich, ob sie 'an Christi statt' unterwegs sind, wie Paulus es ausdrückt.

Und einen zum Schluss: Wenn irgendwer von euch sich berufen fühlt, einen Morgen zu versüßen, dann solltet ihr euch diesen Link ansehen. Solltet ihr auch, wenn ihr nur euer eigener Morgen Verstärkung braucht.


God Bless,
Restless Evangelical

Freitag, 8. August 2014

Brauchen wir eine bessere Geschichte?

Warum wir das Konzept Sünde brauchen, und das Evangelium die beste Geschichte aller Zeiten ist.

Vorbemerkung: Ich habe euch letzte Woche versprochen, heute eine Definition von Sex und Liebe zu schreiben; aber dafür brauche ich noch mehr Zeit, ich hoffe, dass ich nächste Woche damit auftrumpfen kann. Bis dahin habe ich euch ein paar Gedanken über die Notwendigkeit von Sünde in unserer Vorstellung vom Evangelium aufgeschrieben.

Vor Kurzem habe ich mich gefragt – herausgefordert durch ein Gespräch: „Was ist eigentlich so besonders am Evangelium?“ – was das Besondere, Scheinende, Glitzernde an der christlichen Botschaft ist, dass ich es nicht nur studiere und mir von allen Seiten ansehe, sondern auch von Herzen gerne verkündige, dass ich es allen erzählen will, und dass nichts mein Herz so sehr zum überfließen bringt wie die Botschaft vom gekreuzigten Gottessohn.
Weil, Butter bei die Fische, es ist schon irgendwie ekelig.
Und es ist auch nicht unbedingt zeitgemäß, denkt man.
Heute reden wir viel lieber von Selbstbewusstsein, als von Erlösung; wir fühlen uns eigentlich nicht wirklich erlösungsbedürftig. Das schreibt auch der Philosoph Kurt Flasch:
Ich bin kein Christ, denn ich finde mich zwar fehlerhaft und meine Existenz prekär, aber nicht erlösungsbedürftig. Wahrscheinlich geht es den meisten Menschen in Westeuropa ähnlich. Der Erlösungsreligion Christentum entspricht kein Bedürfnis mehr. Sie wird spannungslos, sie wird ein Verein zur Verbreitung von Lebenszuversicht.“ (Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation, München: C.H.Beck 2013, S.198)
Aber dann denke ich auch an Will Campbell, einen Vorreiter der Bürgerrechtsbewegung in den USA, Absolvent der Yale Divinity School, Studentenpastor an der University of Mississippi. Herausgefordert von einem atheistischen Freund, ihm die christliche Botschaft in nur 10 Wörtern zu sagen, antwortete er:
„Wir sind alle Arschlöcher, aber Gott liebt uns trotzdem.“ Worauf der Fragende antwortete: „Ich habe dir eine Grenze von zehn Wörtern gesetzt. Willst du es noch einmal versuchen, das waren noch nicht zehn.“ und Campbell resümiert: „Ich habe es nicht noch einmal versucht, aber er hat mich noch oft daran erinnert, was ich an diesem Tag gesagt hatte.“ (aus: Yancey, Philip. What's so Amazing about Grace?, Grand Rapids: Zondervan 1997, S.142; deutsch durch mich)
Irgendwie beeindruckend.
Aber haben wir nicht eine bessere Geschichte zu erzählen?

    Eine bessere Geschichte?
Weil manchmal scheint es so. Das Problem ist, dass dieses Verständnis von Sünde - „Wir sind alle Arschlöcher“ - nicht die beste Werbung ist, die wir machen können. Stellen wir uns vor, Schokopudding würde in Zukunft beworben werden mit: „Ihr habt eh alle keinen Geschmack, aber dieser Pudding schmeckt euch trotzdem großartig.“ Oder der Reiseveranstalter wirbt für den Sommer mit: „Wir hassen es, Touristenbomber nach Mallorca zu schicken, aber wir fliegen euch trotzdem hin.“
Jippi.
Was für ein Geschenk.
Aber mit der christlichen Botschaft scheint mir mehr los zu sein, als nur die Werbung für ein Produkt. Zu erkennen, festzustellen, dass wir Menschen Sünder sind, hat nicht wirklich etwas mit Beleidigung zu tun. Die beiden fiktiven Beispiele oben sind von einer Position auf Andere herab gesprochen: es ist die negative Bewertung anderer aus einem überheblichen Selbstbild heraus.
Aber Menschen als Sünder zu bezeichnen, schließt mich ein. Und weil ich mich selbst natürlich am Besten kenne, kann ich mich auch als den größten Sünder bezeichnen – und damit einen Chor mit Paulus bilden.
Tatsächlich ist es so, dass ich in meinem Leben viele unglaubliche, wunderbare Menschen kennen gelernt habe. Menschen, die Kunstwerke sehen, und dir ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit geben, nur weil sie mit dir reden und diesen einen Moment ihre ganze Aufmerksamkeit auf dich richten. Solche Begegnungen kratzen an meinem Verständnis, dass Menschen Sünder sind – aber sie haben es nie zerstört.
Weil ich in allem Wunderbaren, was ich erlebe, die Handschrift eines gnädigen Gottes sehe. Es sind die gleichen Menschen, die mich zwei Tage später wieder verletzen können, ohne dass sie es beabsichtigen. Ich erkenne, dass niemand in der Lage wäre, heilsames zu tun, wenn es nicht durch einen Gott bewirkt wäre, der in allem und durch alles seinen Plan zur Wiederherstellung der Schöpfung hervorbringt.
Durch die Dunkelheit der Sünde – der Verständnis von Sünde und ihrer fiesen Auswirkung – scheint das Licht der Gnade heller.
Cornelius Plantinga schreibt:
„Was so zerstörerisch daran ist, wenn wir kein Ohr für die falschen Töne in unserem Leben haben, ist, dass wir keine richtigen spielen können, oder sie auch nur erkennen, wenn wir im Leben von anderen gespielten werden. Das führt dazu, dass wir am Ende so unmusikalisch für die Religion werden, dass wir sowohl die Vorstellung als auch die Wiederholung der großen Melodien verpassen, die Gott im Leben von Menschen spielt.“ (Cornelius Plantinga, Not the Way It's Supposed to Be. A Breviary of Sin, Grand Rapids: Eerdmans 1995, xiii; deutsch durch mich)
Wenn Plantinga hier recht hat, dann machen wir uns durch eine zu niedrige Sicht auf Sünde unfähig, Schönheit zu sehen, die Gott im Leben von Menschen schafft; wir werden Kulturbanausen, die eine Cantate von Bach hören und denken, dass es einfach zu laut ist, und Katy Perry sowieso bessere Texte hat.
Was irgendwie nicht ist, wo ich landen will.
Vielleicht ist die uralte Geschichte vom gestorbenen Gottessohn, der Sünder rettet, doch noch immer die beste Geschichte, die wir zu erzählen haben.

Wie Martin Hengel, der große Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen geschrieben hat:
„Was ich meine ist, dass kein größerer Gedanke jemals gedacht worden ist, als dass er eine Gott, zur Erlösung von allen, ein Mensch wurde in Jesus von Nazareth und sein Leben für alle gab.“ (Zitat aus: Roland Deines, Martin Hengel. A Life in the Service of Christology, in: TynB 58.1 (2007), S.25-42; deutsch durch mich)
God Bless,
Restless Evangelical

P.S. Originalzitat Campbell: „'We're all bastards, but God loves us anyway.' He didn't comment on what he thought about the summary except to say, after he had counted the nuber of words on his fingers, 'I gave you a ten-word limit. If you want to try it again you have two words left.' I didn't try again but he often reminded me of what I said that day.“

P.P.S Originalzitat Plantinga: „What's devestating about it is that when we lack an ear for wrong notes in our lives, we cannot play right ones or even recognize them in the performance of others. Eventually we make ourselves religiously so unmusical that we miss both the exposition and the recapitulation of the main themes God plays in human life.“


P.P.P.S. Originalzitat Hengel: „What I mean, however, is that no greater thought has been conceived than that of the one God, who, for the savation of all, became a human being in Jesus of Nazareth and who gave his life for all.“