Freitag, 8. August 2014

Brauchen wir eine bessere Geschichte?

Warum wir das Konzept Sünde brauchen, und das Evangelium die beste Geschichte aller Zeiten ist.

Vorbemerkung: Ich habe euch letzte Woche versprochen, heute eine Definition von Sex und Liebe zu schreiben; aber dafür brauche ich noch mehr Zeit, ich hoffe, dass ich nächste Woche damit auftrumpfen kann. Bis dahin habe ich euch ein paar Gedanken über die Notwendigkeit von Sünde in unserer Vorstellung vom Evangelium aufgeschrieben.

Vor Kurzem habe ich mich gefragt – herausgefordert durch ein Gespräch: „Was ist eigentlich so besonders am Evangelium?“ – was das Besondere, Scheinende, Glitzernde an der christlichen Botschaft ist, dass ich es nicht nur studiere und mir von allen Seiten ansehe, sondern auch von Herzen gerne verkündige, dass ich es allen erzählen will, und dass nichts mein Herz so sehr zum überfließen bringt wie die Botschaft vom gekreuzigten Gottessohn.
Weil, Butter bei die Fische, es ist schon irgendwie ekelig.
Und es ist auch nicht unbedingt zeitgemäß, denkt man.
Heute reden wir viel lieber von Selbstbewusstsein, als von Erlösung; wir fühlen uns eigentlich nicht wirklich erlösungsbedürftig. Das schreibt auch der Philosoph Kurt Flasch:
Ich bin kein Christ, denn ich finde mich zwar fehlerhaft und meine Existenz prekär, aber nicht erlösungsbedürftig. Wahrscheinlich geht es den meisten Menschen in Westeuropa ähnlich. Der Erlösungsreligion Christentum entspricht kein Bedürfnis mehr. Sie wird spannungslos, sie wird ein Verein zur Verbreitung von Lebenszuversicht.“ (Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation, München: C.H.Beck 2013, S.198)
Aber dann denke ich auch an Will Campbell, einen Vorreiter der Bürgerrechtsbewegung in den USA, Absolvent der Yale Divinity School, Studentenpastor an der University of Mississippi. Herausgefordert von einem atheistischen Freund, ihm die christliche Botschaft in nur 10 Wörtern zu sagen, antwortete er:
„Wir sind alle Arschlöcher, aber Gott liebt uns trotzdem.“ Worauf der Fragende antwortete: „Ich habe dir eine Grenze von zehn Wörtern gesetzt. Willst du es noch einmal versuchen, das waren noch nicht zehn.“ und Campbell resümiert: „Ich habe es nicht noch einmal versucht, aber er hat mich noch oft daran erinnert, was ich an diesem Tag gesagt hatte.“ (aus: Yancey, Philip. What's so Amazing about Grace?, Grand Rapids: Zondervan 1997, S.142; deutsch durch mich)
Irgendwie beeindruckend.
Aber haben wir nicht eine bessere Geschichte zu erzählen?

    Eine bessere Geschichte?
Weil manchmal scheint es so. Das Problem ist, dass dieses Verständnis von Sünde - „Wir sind alle Arschlöcher“ - nicht die beste Werbung ist, die wir machen können. Stellen wir uns vor, Schokopudding würde in Zukunft beworben werden mit: „Ihr habt eh alle keinen Geschmack, aber dieser Pudding schmeckt euch trotzdem großartig.“ Oder der Reiseveranstalter wirbt für den Sommer mit: „Wir hassen es, Touristenbomber nach Mallorca zu schicken, aber wir fliegen euch trotzdem hin.“
Jippi.
Was für ein Geschenk.
Aber mit der christlichen Botschaft scheint mir mehr los zu sein, als nur die Werbung für ein Produkt. Zu erkennen, festzustellen, dass wir Menschen Sünder sind, hat nicht wirklich etwas mit Beleidigung zu tun. Die beiden fiktiven Beispiele oben sind von einer Position auf Andere herab gesprochen: es ist die negative Bewertung anderer aus einem überheblichen Selbstbild heraus.
Aber Menschen als Sünder zu bezeichnen, schließt mich ein. Und weil ich mich selbst natürlich am Besten kenne, kann ich mich auch als den größten Sünder bezeichnen – und damit einen Chor mit Paulus bilden.
Tatsächlich ist es so, dass ich in meinem Leben viele unglaubliche, wunderbare Menschen kennen gelernt habe. Menschen, die Kunstwerke sehen, und dir ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit geben, nur weil sie mit dir reden und diesen einen Moment ihre ganze Aufmerksamkeit auf dich richten. Solche Begegnungen kratzen an meinem Verständnis, dass Menschen Sünder sind – aber sie haben es nie zerstört.
Weil ich in allem Wunderbaren, was ich erlebe, die Handschrift eines gnädigen Gottes sehe. Es sind die gleichen Menschen, die mich zwei Tage später wieder verletzen können, ohne dass sie es beabsichtigen. Ich erkenne, dass niemand in der Lage wäre, heilsames zu tun, wenn es nicht durch einen Gott bewirkt wäre, der in allem und durch alles seinen Plan zur Wiederherstellung der Schöpfung hervorbringt.
Durch die Dunkelheit der Sünde – der Verständnis von Sünde und ihrer fiesen Auswirkung – scheint das Licht der Gnade heller.
Cornelius Plantinga schreibt:
„Was so zerstörerisch daran ist, wenn wir kein Ohr für die falschen Töne in unserem Leben haben, ist, dass wir keine richtigen spielen können, oder sie auch nur erkennen, wenn wir im Leben von anderen gespielten werden. Das führt dazu, dass wir am Ende so unmusikalisch für die Religion werden, dass wir sowohl die Vorstellung als auch die Wiederholung der großen Melodien verpassen, die Gott im Leben von Menschen spielt.“ (Cornelius Plantinga, Not the Way It's Supposed to Be. A Breviary of Sin, Grand Rapids: Eerdmans 1995, xiii; deutsch durch mich)
Wenn Plantinga hier recht hat, dann machen wir uns durch eine zu niedrige Sicht auf Sünde unfähig, Schönheit zu sehen, die Gott im Leben von Menschen schafft; wir werden Kulturbanausen, die eine Cantate von Bach hören und denken, dass es einfach zu laut ist, und Katy Perry sowieso bessere Texte hat.
Was irgendwie nicht ist, wo ich landen will.
Vielleicht ist die uralte Geschichte vom gestorbenen Gottessohn, der Sünder rettet, doch noch immer die beste Geschichte, die wir zu erzählen haben.

Wie Martin Hengel, der große Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen geschrieben hat:
„Was ich meine ist, dass kein größerer Gedanke jemals gedacht worden ist, als dass er eine Gott, zur Erlösung von allen, ein Mensch wurde in Jesus von Nazareth und sein Leben für alle gab.“ (Zitat aus: Roland Deines, Martin Hengel. A Life in the Service of Christology, in: TynB 58.1 (2007), S.25-42; deutsch durch mich)
God Bless,
Restless Evangelical

P.S. Originalzitat Campbell: „'We're all bastards, but God loves us anyway.' He didn't comment on what he thought about the summary except to say, after he had counted the nuber of words on his fingers, 'I gave you a ten-word limit. If you want to try it again you have two words left.' I didn't try again but he often reminded me of what I said that day.“

P.P.S Originalzitat Plantinga: „What's devestating about it is that when we lack an ear for wrong notes in our lives, we cannot play right ones or even recognize them in the performance of others. Eventually we make ourselves religiously so unmusical that we miss both the exposition and the recapitulation of the main themes God plays in human life.“


P.P.P.S. Originalzitat Hengel: „What I mean, however, is that no greater thought has been conceived than that of the one God, who, for the savation of all, became a human being in Jesus of Nazareth and who gave his life for all.“

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