Donnerstag, 7. August 2014

gelesen & geschätzt #3

Auch auf dem Weg.

Rezension zu: Barack Obama, Dreams of my Father. A Story of Race and Inheritance, Edinburgh: Canongate 2007 (Kindle Edition)

Wenn ich ein Buch sehr mag, dann gucke ich meistens, ob der Autor schon andere Bücher geschrieben hat. Ich war zwar noch nie einer der Leser, der das komplette Lebenswerk eines Autors gelesen haben wollte (außer Walter Moers, aber der spielt ja sowieso in einer anderen Liga als ungefähr alle anderen), aber trotzdem ist es unheimlich aufschlussreich, ein erfolgreichen Bestseller mit weniger erfolgreichen Vorgängern zu vergleichen:
Was hat sich geändert?
Was ist gleich geblieben?
Gefällt mir das 'Alte' genauso wie das 'Neue'?
Was ist besser an dem Einen als an dem Anderen?

Diese Gefühle, Faszination und Verständnis, haben mich ergriffen, als ich nun endlich Barack Obamas Memoiren gelesen habe. Dreams of my Father erschien schon vor Obamas erster Präsidentschaftskandidatur, sogar vor seiner Senatorenlaufbahn, und hatte den Auslöser, dass er zum ersten afro-amerikanischen Vorsitzenden des Harvard Law Review gewählt wurde.

Der Inhalt
Der Inhalt des Buches ist relativ schnell erzählt. Barack rekapituliert seine Kindheit, Jugendjahre und Adoleszenz bis zum Beginn seines (Zweit-)Studiums in Harvard. Darin enthalten sind die Höhen und Tiefen die sich ergeben, wenn man als Afroamerikaner in den USA aufwächst. Die Geschichte Baracks führt in von Hawaii nach Indonesien, zurück nach Hawaii, auf College, nach New York City, nach Chicago und bis nach Kenia auf den Spuren seines Vaters. Es erzählt von Verlorenheit und Entfremdung, von Licht und Gefunden-werden, von Reisen und Ankommen, von Einsamkeit und Familie und Freunden, von Hoffnung und Enttäuschung und mitten drin wundert man sich nicht mehr, wieso vor mittlerweile 7 Jahren dieser junge Senator aus Illinois so sehr gepusht wurde in den Medien, dass ihn eine große Schar von jungen Erstwählern in den Präsidentenstuhl gehoben haben: Hoffnung auf und Faszination für einen Mann mit einer Vision.

Die Faszination
Dia Faszination des Buches liegt, denke ich, in der Unabgeschlossenheit, die es mit sich bringt. In diesem Buch schreibt kein ausgedienter, lebens-weiser Politikveteran über die Lektionen, die er auf dem Weg gelernt hat, sondern ein relativ junger Idealist über die Träume, die zerbrechen mussten, damit Neue entstehen, und die Hoffnung, die er sich in allem behalten hat.
Und vor allem beschreibt es eine Reise, die nicht abgeschlossen ist.
In diesem Sinne ist das Buch ein Fragment eines Lebens, und nicht mehr. Es zu lesen führt uns näher heran an das Herz des Mannes, der das (noch) mächtigste Land der Welt führt, und es zeigt uns seine eigene Perspektiven.
Ich glaube, mit diesem Allen entspricht Obama einem Lebensgefühl, das meine Generation zutiefst antreibt, und mir die solideste Definition des post-modernen Lebensgefühl gibt: „Ich bin noch nicht angekommen – weder bei mir, noch Zuhause (was auch immer das ist), noch bei einer festen Moral oder einem Verständnis von irgendwas. Und uns geht es allen so. Deswegen höre ich jetzt auf, alleine zu suchen, mich alleine verstehen zu wollen, und begebe mich in die Gemeinschaft mit Anderen, denen es genauso geht.“
Oder, wie Obama es selbst ausdrückt:

„I remembered the stories that my mother and her parents told me as a child, the stories of a family trying to explain itself.“ (Pos. 112)

Versuchen, nicht gelingen. Erklären mit Geschichten, nicht mit Formeln.
Mit diesem Gefühl, das auch das Buch vermittelt, hat Obama einen Nerv bei der 'jungen Generation' getroffen und ihnen das Gefühl vermittelt, dass sich jemand als Leiter des Landes anbietet, der sie nicht nur versteht als eine abstrakte Größe im Land, sondern der sie von innen heraus versteht, weil er einer von ihnen ist.

Die Bewertung
Mein Professor hat uns relativ früh beigebracht, dass man die Weltanschauung eines Menschen nie verstehen wird, wenn man seine Biographie nicht kennt.
In diesem Sinne hilft das Buch, einen Mann zu verstehen, der nicht nur ein Land, sondern die ganze westliche Hemisphäre bewegt hat – mit Jubel und mit Zähneknirschen – der aber auch an den Realien der Politik gescheitert ist, wie jeder andere Idealist vorher.
Das sollte uns nicht davon abhalten, Idealisten zu sein, aber realistischer machen, was die Möglichkeiten zum Verändern sind.
Es ist fraglich, ob es annähernd so faszinierend und unterhaltsam wäre, wenn es ein Niemand geschrieben hätte, und nicht der spätere Präsident der USA. Dagegen spricht auch, dass das Buch eher ein Ladenhüter war, bevor Barack seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gegeben hat.
Das Buch gibt keine Antworten, und keine politischen Programme. Es erklärt nichts, sondern beschreibt einen Weg, und im Zusammenhang mit einem offenen Auge für das Zeitgeschehen ergibt es Sinn. Aber wer nach Antworten sucht, nach einem politischen Programm, oder auch nach Thesen, die man zerreißen kann, der ist mit diesem Buch schlecht beraten.

„That's the problem with booze and drugs, isn't it? At some point they couldn't stop that ticking sound, the sound of certain emptiness. And that, I suppose, is what I'd been trying to tell my mother that day: hat her faith in justice and rationality was misplaced, that we couldn't overcome after all, that all the education and good intentions in the world couldn't help plug up the holes in the universe or give you the power to change its blind, mindless course.“ (Pos.96)

Er hat, auf dem Weg, seine Hoffnung, seinen Glauben an Gerechtigkeit und Bildung wiedergewonnen. Und nimmt uns mit, auf den Weg.
Faszinierend.

God Bless,
Restless Evangelical


4 von 5 Sternen

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