Donnerstag, 14. August 2014

gelesen & geschätzt #4

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Das hier steht vielleicht für das da.


Rezension zu Bell, Rob, Sex God. Exploring the Endless Connections Between Sexuality and Spirituality, Grand Rapids: Zondervan 2007

Es ist kein Geheimnis, dass mich eine gewisse unheilige Faszination für Rob Bell treibt. Ich konnte seiner Art, zu kommunizieren, und auch zu schreiben, von Anfang an etwas abgewinnen und ich halte ihn – auch weiterhin – für einen der innovativsten Redner, den das große Zelt 'Christentum' momentan zu bieten hat.
Nun ist es mir auch bewusst, dass es einiges an seinen Büchern zu kritisieren gibt (ich habe an dieser Stelle auch schon seine Bücher Das Letzte Wort hat die Liebe und What we Talk about when we Talk about God rezensiert)
Weil ich mich in der letzten Zeit mit der Frage beschäftigt habe, was Sex eigentlich ist (vielleicht eine merkwürdige Frage, aber das sei mal dahin gestellt), habe ich mich nun endlich auch an das letzte Buch gemacht, das Bell geschrieben hat, ich aber noch nie gelesen habe.
In Sex God macht Rob Bell auf die ihn so charakterisierende Art genau das, was der Untertitel sagt: Er sucht nach Verbindungen zwischen der spirituellen Welt und der körperlichen; herunter gebrochen bedeutet das: Er sucht nach dem, was uns Sex über Gott sagt.

Dies ist vielleicht Das.
Dabei zieht Bell die Parallele nicht einfach stumpf von A nach B, als würde er beim Malen nach Zahlen einen Strich von Punkt 62 nach 63 ziehen und endlich sehen, dass das die Nase von dem großen Bison ist (wer erinnert sich noch daran, in YPS Und Micky Maus Heften?). Bell macht scharfsinnig darauf aufmerksam, dass viele Dinge als Repräsentanten zu verstehen sind – sie stehen eigentlich für etwas anderes; auch in der Bibel.
Die Erinnerungssteine in Josua, zB.
Oder der Altar von Jakob an der Himmelleiter.
Oder dieses Foto am Eifelturm, mit deiner ersten Freundin. Ihr ward so verliebt.
Oder dieser selbstgetöpferte Becher, den dein Sohn dir aus der Grundschule mitgebracht hat.
This physical thing – this picture, trophy, artifact, gift – is actually about that relationship, that truth, that reality, that moment in time.“ (S.13)

Und so ist es auch mit Sexualität, würde Bell sagen. Sie steht für etwas viel größeres, viel schöneres, als nur dieser eine Moment des Kopulierens.

Guter und schlechter Sex.
Das Buch ist keines über verschiedene Sexpraktiken, oder wie man sein Ehebett aufmöbelt. Es ist ein zutiefst spirituelles Buch, das die Frage stellt, wie wir auf eine gute, vielleicht ein wenig mystische Art mit unserer Sexualität umgehen – wie wir mit ihr umgehen können in solchen Situationen, in denen sie die nötigen Rahmenbedingungen hat (für Bell: eine verantwortungsvolle, langzeitige Beziehung), und solche, in denen diese Rahmenbedingungen nicht vorhanden sind.
Rob Bell schöpft dabei aus einem reichen Fundus an Geschichten, die er selbst miterlebt hat als Pastor der Mars Hill Bible Church in Grand Rapids. Er zeigt auf, dass sexuelle Ausbeutung zu erst den anderen 'Ent-Menschlicht' und auch uns selbst.
Er zeigt auch, dass wir weder Tiere noch Engel sind – weder unseren Trieben sklavisch dienen müssen, noch ihnen völlig entsagen, als wären wir (An-)triebslos.

Sex ist soviel mehr.
Vor allem aber zeigt Bell in seinem Buch, dass Sexualität so viel mehr ist als nur der Trieb, dem wir nachgeben. Und dass wir Menschen so viel mehr sind als Penis und Vagina.
For many, sexuality is simply what happens between two people involving physical pleasure. But that's only a small percentage of what sexuality is. Our sexuality is all the ways we strive to reconnect with our world, with each other, and with God.“ (S.42)

In diesem Sinne geht es in dem Buch um eine sehr hohe Sicht auf Sexualität; vielleicht eine zu hohe, vielleicht eine zu mystische, aber zu mindest eine, die nicht nur unsere Triebe anspricht, und Blut in unseren Unterleib schießt, sondern auch unsere Seele zum schwingen bringt und uns ein größeres Bild malt.

Rob Bells un-kontroversestes Buch
Bell mag eine kontroverse Figur sein, und alleine durch diese Rezension könnte ich wieder ein paar Leser verlieren – und ein paar andere gewinnen – aber dieses Buch ist vielleicht sein unkontroversestes. Überhaupt ist mir, als relativ konservativer Leser, nur die Passage aufgefallen, in der er die Frage stellt, ob eine Hochzeit notwendig ist, um eine auf langzeit ausgerichtete, verantwortungsvolle Beziehung zu leben.
Er würde die Frage wohl anders beantworten als ich.
Man muss Bells teils mystische Dimension nicht mögen, aber sie kann uns trotzdem dazu stimulieren, in unserer Sexualität mehr zu sehen, als einen reinen Fortpflanzungsakt. Und auch mehr als ein Spaßfaktor, um den man sich nicht viel kümmern muss.
Er hilft uns, die Zerbrechlichkeit der Sexualität zu sehen und das Potential, das darin liegt, wenn man sich um sie kümmert, sie hegt und pflegt; wie bei einem kleinen Setzling, der zu einem starken, großen Baum heranwachsen kann.

God Bless
Restless Evangelical.

5 von 5 Sternen.

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