Donnerstag, 21. August 2014

gelesen & geschätzt #5

Nicht noch ein Gemeinde(wachstums-)modell

Rezension zu Rainer, Thom & Eric Geiger, Simple Church. Returning to God's Process for Making Disciples, Nashville: B&H Publishing 2011

Ein Gemeindewachstumsmodell zu finden ist dieser Tage nicht schwer; die Auswahl ist groß und die Versprechungen größer.
Mit Simple Church melden sich in diesem Buch zwei Statistiker (resp. Pastoren) zu Wort, das erklärte Ziel verfolgend, „not […] another church modell“ (S.3; alle Seitenangabe beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe) vorzustellen. Das ist erfrischend, weil es den Druck vom Leser nimmt, einen weiteren neuen Ansatz in das sowieso schon überladenen Bücherregal mit Gemeindemodellen zu integrieren.
Vielmehr versuchen die Autoren, statistische Erhebungen aus dem Jahr 2007 in einer Anzahl unterschiedlicher Gemeinden auszuwerten und auf ihre Aussage abzuklopfen.
Das Ergebnis ist so überraschend wie einfach: Eine Gemeinde ist dann am gesündesten, wenn sie am einfachsten ist.

  1. Überzeugender Aufbau
Das Buch überzeugt mit einem einfachen Aufbau; die aufeinander aufbauenden Kapitel machen es einfach, dem Gedankenfluss der Autoren zu folgen und unsinnige Wiederholungen werden vermieden (was entweder auf gute Autoren, oder bessere Redaktoren schließen lässt; als versierter Leser ein herzliches Dankeschön!). Auch bleiben im Verlauf des Buches keine wichtigen Fragen auf der Strecke.
Wenn man das große Bild betrachtet, ist das Buch in zwei Teile aufgeteilt: Teil 1 Beschäftigt sich mit der sog. „Simple Revolution“ (S.3 u.A.) in Kirche und Gesellschaft, während Teil 2 der Frage nachgeht, auf welche Weise eine Gemeinde zu einer „Simple Church“ (S. 107 u.A.) werden kann
Der erste Teil beginnt mit einen groben Überblick über den gesellschaftlichen Trend hin zu mehr Einfachheit aus der Komplexität des Alltags heraus (Kapitel 1) und stellt zwei reale Gemeinden vor, von der eine der 'Simple Revolution' folgt und die andere einem eher komplexen Ansatz im Dienst nachgeht (Kapitel 2). Kapitel 3 macht dem Leser deutlich, dass der Weg zu einer 'Simple Church' einer Grundrenovierung unseres Ansatzes zu Gemeindeaufbau entspricht und Kapitel 4 zeigt und die Geschichte dreier 'Simple Churches' in den USA, an denen der Ansatz deutlich gemacht werden kann.
Part 2 gliedert sich in die vier zentralen Worte 'Clarity' (Kapitel 5), 'Movement' (Kapitel 6), 'Alignment' (Kapitel 7) und 'Focus' (Kapitel 8) und präsentiert bzw. interpretiert die statistischen Ergebnisse für den nicht-statistisch geschulten Leser.
Besonders interessant ist in der Version auch das Nachwort, in dem die Autoren fünf Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung von 'Simple Church' darüber reflektieren, wie der Ansatz im US-amerikanischen Gemeindekontext gefruchtet hat.
Nett ist auch die Illustration des Ansatzes durch die Geschichte des, fiktiven und teilweise vielleicht etwas unscharfen bzw. stereotypen „Pastor Rush“ (S.4 u.A.), an dem man dennoch die Sehnsucht nach einer vereinfachten Form von Gemeindeaufbau erkennen kann.

  1. Interessanter Ansatz
Der Ansatz von Rainer und Geiger ist interessant. Ihren Ergebnissen zufolge ist es für eine Gemeinde von besonderem Interesse, den Jüngerschaftsprozess („a simple process that moves people through stages of spiritual growth“ [S.26]) zu vereinfachen und die mit Angeboten und Nachfragen zu überladen.
Die vorgestellten Gemeinden haben meistens einen Drei- oder Vier-Schritt-Plan entwickelt, durch den sie Menschen vom Standpunkt 'Außenstehend' zu 'Gemeindemitglied' schleusen. Dieser Weg wird als Jüngerschaftsprozess verstanden, von einem Nicht-Christen zum reifen Christen.
Zu diesem Zweck ist es wichtig, dass sie Gemeindeleiter nicht länger als 'Verwalter' verstehen, sondern als 'Designer'. Während Verwalter die verschiedenen Dienste in der Gemeinde am Laufen halten (vgl. S.26), versuchen Designer alle Dienste auf den einfachen Prozess anzupassen, der für die Gemeinde entwickelt wurde und gegebenenfalls auch unnötige und energie-fressende Dienste zu streichen (Vgl. ebd.). Das bedeutet auch, dass der Prozess für eine Gemeinde nicht kopflos zusammen geworfen wurde, sondern mit viel Nachdenken und kreativer Energie zu einem Kunstwerk geformt wurde (vgl. S.61)
Die Ergebnisse der Autoren sprechen für sich, und die Sehnsucht von Pastoren und Gesellschaft nach Einfachheit spricht für sie. Dass es sich dabei nicht im ein weiteres Modell für Gemeindeaufbau handelt, ist schwierig zu verstehen; mir scheint es eher ein neues Modell zu sein, wobei es in diesem allerdings eher darum geht, den Prozess zu vereinfachen, als neue Module hinzuzufügen.

  1. Persönliche Anfragen
Etwas Schwierigkeiten hatte ich mit der theologischen Engführung, die in dem Buch teilweise deutlich wird und auch schon im Untertitel („God's Process for Making Disciples“) angedeutet wird.
Dabei ist der Ansatz der Autoren, dass sie nicht nur eine statistisch signifikante Entwicklung im Jüngerschaftsprozess verschiedener Gemeinden entdeckt haben, sondern auch zum 'biblischen' Modell für Jüngerschaft zurückgekehrt sind (so unscharf dieser Begriff auch sein mag).
Das wird auch in folgendem Zitat deutlich:

„We also are not saying that churches should have a simple process just for pragmatic reasons (though it is working). More importantly, there is a theological and philosophical fundation on which a simple process stands. […] While God never changes, He has chosen to work through a divine process.“ (S.15; kursiv durch mich)

Die Schwierigkeit für mich liegt nicht nur darin, dass dieser Aussage eine grundsätzliche Skepsis dem Pragmatismus gegenüber zugrunde liegt, die ich weder theologisch noch weltanschaulich nachvollziehen kann; es geht mehr noch darum, dass dadurch eine bestimmte Form des Jüngerschaftsprozesses Gott zugeschrieben wird, während die Grundlage dafür etwas dürftig ist.
Um nicht missverstanden zu werden, ich denke, dass biblisch-theologisch nichts gegen einen einfachen Prozess in Jüngerschaft spricht. Aber genauso wenig würde ich mich auf die Aussage versteifen, dass es sich bei diesem einfachen Ansatz um Gottes eigenen Ansatz handelt.
Diese Aussage scheint mir der Bibel mit ihrer Vielfalt und kreativen Einzigartigkeit nicht gerecht zu werden.

  1. Fazit
Bei 'Simple Church' handelt es sich um ein wirklich hilfreiches Buch, das einem Gemeindegründer, -bauer und -leiter (in Personalunion, oder auch nicht), viele Gedankenanstöße geben kann, die fruchtbar sein können, und hilfreich beim Entwickeln eines stadt- und millieau-spezifischen Jüngerschaftsprozesses, der nicht nur den Gaben der gemeindeeigenen Leitern entspricht, sondern auch der entsprechenden Zielgruppe gerecht wird.
Vorsichtig sollten wir damit sein, bestimmte Modelle als 'biblisch' und somit exklusiv zu bezeichnen. Eine bunte Vielfalt in der Einheit des Evangeliums scheint mir da angemessener zu sein.

Erstaunlich ist auch, wie flüssig und verständlich sich das Buch liest, handelt es sich doch im Kern um eine statistische Erhebung. Nicht nur geschulte Leiter sondern auch Laien werden von diesem Buch profitieren können.

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