Donnerstag, 28. August 2014

gelesen & geschätzt #6

Wenn das alles ist...
Rezension zu: Tchividjian, Tullian, Jesus + Nothing = Everything, Wheaton: Crossway 2011

Ich nenne mich lieber evangelisch – oder evangelikal – als protestantisch. Der Zweitere drückt schon von seiner Wortbedeutung aus, dass die Bewegung etwas aufständisches hat. Fast klingt es so, als würde sie dagegen sein, nur, um etwas beizutragen. „Ich sag es noch einmal, ich bin dagegen! Warum ist doch egal.“, haben die Ärzte mal gesungen.
Die evangelische Bewegung – und mit ihr die wesentlich jüngere Evangelikale – ist aber keine Bewegung, die sich einfach nur von etwas abgrenzt – anders ist – sondern etwas betonen will, zur Not auch gegen die Stromlinie. „Wir stehen für das Evangelium.“, sagt schon der Name.
Doch damit das gelingt, müssen wir wissen, was das Evangelium eigentlich ist; um uns um etwas herum zu sammeln, müssen wir es genau sehen.
Die letzten Jahre haben eine Unzahl von Büchern gesehen, die eine andere Nuance des Evangeliums betonen, und immer sagen: „Ist nicht eigentlich das hier das Evangelium?“, ohne dabei oft zu sehen (oder zu betonen), dass das Neue Testament viele verschiedene Bilder benutzt, um zu beschreiben, was durch den Tod und die Auferstehung Jesu für uns passiert ist.
In diese Sparte schlägt auch Tullians Buch „Jesus + Nothing = Everything“, das auf einer Predigtreihe basiert, die er vor einigen Jahren gehalten hat und mehr oder weniger eng mit der schwierigen Situation zusammenhing, die sich ihm entgegenstellte, als er seine lebendige, junge Gemeinde(gründung) mit einer ebenso lebendigen, aber älter-eingesessenen Gemeinde in Florida zusammenführte.
Ich muss sagen, dass ich mit äußerst hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen bin. An vielen Stellen wurden diese Erwartungen leider enttäuscht, was nicht heißt, dass das Buch nicht auch seine Lichtblicke hatte.

Was mir gefiel und was ich erwartet hatte
Im Grunde sagt mir die Grundtendenz des Buches durchaus zu. Tullian versucht, das Evangelium von Tod und Auferstehung Jesu ins Zentrum seines Dienstes und seines Weltbildes zu stellen. Das Evangelium soll nicht etwas sein, dass man als Christ mit zunehmendem Reifegrad ablegt.
Er schreibt:
I was realizing in a fresh way the now-power of the gospel – that the gospel doesn't simply rescue us from the past and rescue us for the future; it also rescues us in the present from being enslaved to things like fear, insecurity, anger, self-reliance, bitterness, entitlement, and insignificance“ (S.23)
Diese Idee ist durchaus wichtig, und Tullian setzt sie in dem Buch auch sehr konsequent durch. An vielen Stellen, und sehr passend, streut er Anekdoten ein, in denen seine eigene schwierige Situation ihm neue, tiefere Dimensionen vom Evangelium deutlich gemacht hat.
Das Inhaltsverzeichnis des Buches lässt schon großes Erahnen. In einer, wie ich finde, sehr kreativen Art ordnet er die Kapitel um Jesus herum an, sodass zuerst 'Everything' steht, darauf 'Nothing' folgt, in der Mitte 'Jesus' steht, und darauf wieder 'Nothing' und zum Schluss 'Everything' folgen. Die Anordnung hat mir so gut gefallen, dass ich erwartete, ein kreatives Buch zu finden, in der nicht stringent, sondern in Schneckenhausform um das Evangelium herumgetanzt wird – wo tanzen doch die richtige Reaktion auf die gute Nachricht scheint.
Bei einem profilierten Autor und Pastor wie Tullian habe ich auch erwartet, dass er die intellektuelle Weite hat, zu sehen, dass das Evangelium im Neuen Testament weit größere Dimensionen hat als den buchhalterischen Austausch von Sündenschuld.
Leider wurde ich enttäuscht.

Wie ich enttäuscht wurde und was ich mitgenommen habe
Das Buch ist leider fast vollkommen auf die 'fröhlicher Wechsel' Dimension des Evangeliums ausgerichtet – unsere Schuld auf Jesus, Jesu Gerechtigkeit auf uns übertragen. Vom Christus Victor liest man leider herzlich wenig, auch von anderen Bildern, außerhalb der Gerichtssaalmetaphorik von Paulus, ist nur wenig die Sprache.
Mehr noch aber störte mich an dem Buch, dass es sich ständig zu wiederholen schien. Im Grunde hätte man das Buch auf einen Satz beschränken können: Ich dachte, ich hätte alles, aber dann wurde mir alles genommen, und ich habe Jesus neu als Schatz kennengelernt.
Punkt.
Viel mehr Inhalt ist nicht vorhanden.
Die immer wieder eingestreuten Anekdoten schienen mir auch eher dem voyeuristischen Herzen vieler Menschen geschuldet zu sein („Ach, wirklich, die Gemeinde? Und wer war das? Hast du keine Namen?“) als einem wirklichen informativen Zweck. Ich gebe zu, dass das nicht wirklich dem Autor anzulasten ist, sondern eher meinem eigenen sündigen Herzen, aber dennoch ist es mir sauer aufgestoßen. Opposition in der Gemeinde kommt immer wieder vor, daraus eine ganze Predigtreihe in genau der Gemeinde zu machen scheint mir unnötig provokativ.
Es ist nicht, dass ich diesem Buch gar nichts abgewinnen konnte. Ich bin sicher, dass es vielen Leuten eine große Hilfe sein kann, das Evangelium noch ein wenig tiefer zu verstehen und es auch auf mehr anzuwenden als „das Freifahrtschein in den Himmel, wenn ich gestorben bin“. Dieses Buch hat mir aber einmal mehr beigebracht, dass die Erwartungen an einen Mega-Pastor und solchen A-Promi in evangelikalen Kreisen gar nicht erfüllt werden können; da liegt der Fehler wohl auch eher bei mir als bei Tullian.

Fazit
Das Buch ist nicht wirklich schlecht, weswegen ich ihm auch nicht nur einen Stern gebe. Es ist nur wesentlich weniger als ich erwartet hatte, und das hat mich enttäuscht.
Scot McKnight nennt den Ansatz von Tullian (und andere wie ihn) „Sotarian Gospel“ (in Scots Buch The King Jesus Gospel) und trifft damit einen Nerv. Die alleinige Fokussierung auf ein schlichtes Bild des Neuen Testaments wird der horizontsprengenden Dimension des Evangeliums nicht gerecht.
Mir scheint dieses Buch nicht unbedingt nötig gewesen zu sein – ähnliche Darstellungen findet man in dem, wesentlich schmaleren, „Was ist das Evangelium“ von Greg Gilbert oder in Brian Chapels Kapitel in „The Gospel as Center“ (das dann auch noch in spannender Weise das Evangelium in viele verschieden Dimensionen des Lebens und Dienstes importiert).
Ganzheitlichere Ansätze, was eine Definition des Evangeliums angeht, scheinen mir Darrell Bocks großartiges Büchlein „Recovering the Real Lost Gospel“, Scot McKnights „The King Jesus Gospel“ oder auch „Counterfeit Gospels“ von Trevin Wax zu sein.

God Bless,
Restless Evangelical


→ 2 von 5 Sterne

Kommentare:

  1. Danke für diese Rezension. Du bestätigst hiermit meine Vermutung zu dem Buch. Du erwähnst einen Artikel von Brian Chapel. In welchem Buch ist er enthalten?

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    1. Der Artikel heißt, wenn ich mich richtig erinnere: "What is the Gospel`" und ist in enthalten in: Keller, Tim & D.A. Carson et. al. (Ed.), The Gospel as Center. Renewing Our Faith and Reforming our Ministry Practice, Wheaton: Crossway 2012. Chapels Stil gefällt mir wesentlich besser (was an seiner Reife und seinem Alter liegen mag) und es ist überschaulicher im Umfang!

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  2. Meister,
    ich stimme dir da voll zu ;-)
    Scot McKnight und Trevin Wax formulieren es angemessener.

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    1. Hast du Bock's Buch gelesen. Es scheint mir das Beste zu sein, das ich bis jetzt dazu gelesen habe.
      Außerdem ist es fast immer so, dass Trevin Wax es besser formuliert :)

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