Freitag, 22. August 2014

Und plötzlich schaust du bist zum lieben Gott

Der Zusammenhang von Ehrfurcht und Schönheit

Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Gruppe junger Erwachsener zusammen, und wir unterhielten uns über den Begriff 'Ehrfurcht' und in wie weit er beschreibt, wie wir uns Gott nähern. Interessanterweise hat niemand angezweifelt, dass der Begriff biblisch ist, dass er in einer Weise beschreibt, wie Menschen sich in der Bibel Gott näherten.
Aber zwischen einem biblischen Befund und der Realität in unserem Leben liegt oft eine erschreckende Kluft, wie jeder bezeugen kann, der schon einmal versucht hat, Paulus' Aufforderung nachzukommen, sich selbst für der Sünde gestorben zu betrachten (Röm 6,11; und warum scheint sie dann so lebendig in mir?).
Seit dem Abend mit diesen großartigen jungen Menschen, die versuchen zu ergründen, was es bedeutet diesem Jesus eigentlich zu folgen, lässt mich die Frage nicht mehr los, in wie weit Ehrfurcht eigentlich in unser Bild von Nachfolge passt.
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Ich habe schon einmal über Ehrfurcht geschrieben, und für den Artikel viele Rückmeldungen bekommen. Manche von euch fanden es hilfreich, wenn wir Ehrfurcht in den Kontext von Gnade stellen und dadurch erkennen, dass unser Gott einer ist, der uns in Staunen versetzt – nicht so sehr durch unglaubliche Gerichtstaten, sondern durch eine unüberschaubare Masse von Gnade, die er über Sündern ausschüttet. Andere von euch hatten den Eindruck, dass Ehrfurcht und Gnade eigentlich nichts miteinander zu tun haben und der ganze Zusammenhang konstruiert ist. Ehrfurcht, haben manche gedacht, können wir nur vor einem Gott bekommen, der straft und tötet, weil unser Herz uns bei Gnade immer dazu verleitet, sie auszunutzen.
Ich fand die Reaktion deswegen interessant, weil es eine scharfe Linie zieht zwischen Schönheit auf der einen Seite – was in unseren Köpfen irgendwie das weiche, kuschelige, nicht kantige und auf keinen Fall furchterregende ist – und Heiligkeit (Andersartigkeit) auf der anderen Seite – was alles zu tun hat mit Feuer, und schmerzhafter Reinigung und undurchdringlichem Licht, Gerechtigkeit.
Aber C.S. Lewis (und sag du jetzt mal was gegen C.S. Lewis) sah das ganz offensichtlich anders. Drüben auf dem C.S. Lewis Blog habe ich vor kurzem folgende Zusammenfassung gelesen:
Lewis felt that the children (and adults) of his day had lost what he liked to call (after Rudolph Otto) a sense of the numinous: a sense of awe or dread that mingles terror with beauty and that makes one feel small and insignificant (but not repulsive or suicidal) in the face of a transcendent force.“ (aus: https://www.cslewis.com/blog/the- good-guys-and-the-bad-guys/)


Ist es nicht interessant, dass es für einen der wichtigsten Denker des letzten Jahrhunderts, ein Literat par excellence und – auch wenn er sich selbst immer als Nicht-Theologe bezeichnet hat – vielleicht wichtigsten Gedankengeber eines intellektuell redlichen Christentums, gar keinen Unterschied zwischen Furcht (Terror!) und Schönheit gibt?
Schönheit, für Lewis, hat immer etwas mit staunenerregender Größe zu tun. Das Problem ist, dass wir Schönheit heute lieber anhand von H&M Plakaten und Fernseh-Fleischbeschau definieren als an dem Gefühl, das es uns vermittelt, von Unwichtigkeit, und gleichzeitig Herzlichkeit.
In Hosea 4,5 beschreibt der Prophet das Ende der Zeiten, wenn die Völker – oder zumindest Gottes eigenes Volk – zu ihm zurückkehren. Wir stellen uns diese Rückkehr zu Gott als Christen oft gerne ganz beschaulich vor, wie eine große Feier, in der man sich schick gemacht hat und auf die man sich einfach freut. Und Jesus selbst benutzt das Bild der Feier, an sich ist da also nichts falsches dran.
Aber Hosea sieht eine ganz andere Dimension bei der Rückkehr in die Gegenwart dieses Gottes, der Himmel und Erde in seiner Hand hält. Da ist nicht nur Tanzen und Reigen. „Am Ende der Zeit werden sie zitternd zu Jahwe kommen und seine Güte suchen.“ (NeÜ).
Seht, was hier passiert: Die Menschen flüchten sich zu Jahwe, mit zittern und sich der Unendlichkeit bewusst, die sie im Begriff sind, zu umarmen. Sie rennen nicht einfach auf ihn zu, wie auf einen Freund, den sie lange nicht gesehen haben. Sie nähern sich ihm, zitternd, weil sie sich ihrer eigenen Schuld bewusst sind.
Und gleichzeitig suchen sie seine Güte.
Sie vertrauen darauf, dass dieser Gott gut ist; zutiefst, und unveränderbar, gut!
Wenn die Ehrfurcht zu Zittern und Terror überschlägt, man sich auf einmal bewusst wird, das man gar nichts zu suchen hat, als kleiner Sünder, in der Gegenwart dieses großen Gottes, bleibt nur noch, sich auf die Aussage zurückzuwerfen: Gott ist gut! Immer, und überall!
In dem Roman, den ich gerade versuche, fertig zu stellen, gibt es eine Szene, wo die beiden Protagonisten vor einem Bild von Caspar David Friedrich stehen und sich Gedanken darüber machen, wieso es so mächtig auf sie wirkt, wobei es so einfach ist.
Sophia sagt:
„Ich glaube, dass Schönheit nicht wirklich um Auge des Betrachters liegt.“, sagt sie dann, mit der Nachdrücklichkeit einer leisen Sommerbrise, nonchalant, ohne dass es aus ihrem Ton deutlich würde, dass sie gerade eine gesellschaftsweit akkzeptierte Konvention in Frage gestellt hat. „Ich glaube, dass sie tiefer liegt, in einem Gefühl, das sie uns gibt. Und was dieses Gefühl hervorruft, mag im Auge des Betrachters liegen. Aber es ist dieses Gefühl von Selbstvergessenheit, wenn sich unsere Seele in Ergebenheit erhebt, erkennt, dass wir nichts bedeuten und gleichzeitig Welten mit unseren Händen bewegen. Und wenn wir uns verbunden fühlen mit allem und nichts – und irgendwo dazwischen. Wenn wir bis zum lieben Gott sehen, und er uns anlächelt. Das ist Schönheit, oder nicht.““ (aus: Rhabarbarmarmelade auf Vollkornbrot, unveröffentlich)

Dann ist Schönheit also nicht irgendetwas weiches, rundes, sondern ein Gefühl der Selbstvergessenheit. Und plötzlich schaust du bist zum lieben Gott – und da, in diesem Moment, in dem man sich seiner eigenen Winzigkeit bewusst wird, ist Schönheit.
Und Ehrfurcht.
Weil beide nicht zu trennen sind.

God Bless,
Restless Evangelical

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