Freitag, 1. August 2014

Und was bleibt mir dann noch?

Kann Sex Liebe und Persönlichkeit definieren? Ist er dafür stark genug?

Sex spielt eine immer wichtigere Rolle in unserem Leben. Vor allem hier im Westen, aber auch in der Mehrheitswelt wird er freizügiger, einfacher zugänglich und überhaupt fangen Menschen immer früher in ihrem Leben damit an.
Gestern Abend habe ich eine Serie gesehen, die zwar nicht besonders gut ist, aber dennoch merkwürdig unterhaltsam. Darin sagte die Protagonistin an einer Stelle: „Ich bin vielleicht der einzige Mensch in New York, der noch keinen One Night Stand hatte.“ Und ihre Gesprächpartnerin antwortete: „Und, ist das schlecht?“
Irgendwie scheint es uns schlecht zu sein, keinen Sex zu haben. Er ist so zentral ins öffentliche Leben gerückt, und die Filme erklären uns am laufenden Band, dass eine Beziehung eigentlich erst dann beginnt, wenn man miteinander geschlafen hat; man hat irgendwie den Eindruck, nicht ganz zu sein, wenn man noch keine Bekanntschaft mit ihm gemacht hat. „Habt ihr schon miteinander geschlafen?“, klingt das Gegurre, wenn aus dem Murmeln hinter vorgehaltener Hand die Gewissheit um eine neue Liebschaft im Freundeskreis wurde.
Oder Elke Naters, die schreibt:
Gemessen an der Zeit, die wir miteinander verbringen, ist Sex ein Bruchteil davon, und trotzdem hat er die größte Bedeutung. Das ist doch lächerlich. Die ganze Welt ist so aufgesext [nur nebenbei: großartige Wortschöpfung!], dass man sich ganz krank und kaputt fühlt, wenn man es nicht ist.“ (Nater, Elke & Sven Lager, Was wir von der Liebe verstehen, München: btb 2008, S.74)

Zwei wichtige Felder.
Mir scheint Sex vor allem in zwei Bereichen für uns eine Rolle zu spielen, in beiden Bereichen scheint er mir zum entscheidenden Element geworden zu sein, dem Maßstab an dem wir diese Bereiche eigentlich definieren.
Vor ein paar Tagen habe ich ein bisschen in Madame Bovary von Flaubert gestöbert. Da ist mir eine Passage aufgefallen:
Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam sich wie verklärt vor. Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen Geliebten!« Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen Höhen, lag der Alltag.“ (Kap. 18; Quelle; unterstrichen durch mich)

Nun ist es klar, das Flaubert ein Meister der Beschreibung war, und mir scheint er hier eine Realität sehr gut zusammenzufassen. Emma hat – endlich, will man als Leser fast sagen – ihren Karl bekommen, sie hatten – und wieder kann ich mir das 'endlich' nur fast verkneifen – Sex mit ihm und aus ihr wird ein neuer Mensch. Oder, vielleicht noch passender, aus ihr wird endlich ein Mensch, befreit von allen Zwängen und dem gesellschaftlichen Druck der auf ihr lastete.
Für Emma wird der Sex das, was sie als Mensch definiert, was aus ihr eine Person macht. Und was zur Flauberts Zeiten noch zu einer Anzeige gegen Emmas Schöpfer führte, scheint mir heute eine sehr realistische Einschätzung zu sein.
Wir definieren uns, als Menschen, immer mehr über den Sex, den wir haben oder gerne hätten, der in unseren Köpfen existiert oder in unseren Betten.
Barney Stinson ist unsere Messlatte – daran messen wir, wer sich gefunden hat, und wer nicht.
Und dann ist da, natürlich, die ganze Frage, wo die Grenze liegt zwischen einer Freundschaft und einer Beziehung. Wo fängt eine Beziehung an, und wo hört eine Freundschaft auf?
Für die meisten, denke ich, ist die Grenzlinie der Sex – oder auch nur die Möglichkeit desselben.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit einem befreundeten Pärchen zusammensaß und sie sagte, dass es sie schon stören würde, wenn er eine 'beste Freundin' hätte. „Ist es die Angst, dass sie dann auch miteinander schlafen?“, habe ich sie gefragt. „Nein“, beteuerte sie. Ich war verwundert. „Hast du dann auch eine Schwierigkeit damit, wenn er einen besten Freund hat?“, wollte ich wissen. „Nein, das ist ja normal.“, kam die Antwort.
Und es ist nicht nur das. In der ganzen Debatte um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften wird immer wieder das Argument bemüht: „Aber ich will doch lieben dürfen.“ Und bitte bedenkt: Ich schreibe hier nicht über Homosexualität oder was ich zu eben jener Gleichstellung denke. Ich schreibe über die dahinter liegende Logik dieses Argumentes. Mir ist klar, dass durch diesen Satz vor allem ein sehr tiefliegendes Bedürfnis nach Individualität ausgedrückt wird; aber vor allem zeigt die Wortwahl etwas über ein gesellschaftliches Phänomen, das mich immer wieder aufhorchen lässt, und das bei weitem nicht nur auf die LGBT-Gemeinschaft beschränkt ist.
Ich will lieben dürfen.“, heißt in diesem Fall nämlich eigentlich: „Ich will mit meinem Lebenspartner schlafen dürfen, ohne dass jemand etwas sagt.“
Dieser Wunsch mag gerechtfertigt sein. Die Wortwahl drückt aber eine interessante Gleichung aus:
Sex ist gleich Liebe.
Oder: Liebe ist gleich Sex.
Liebe scheint nicht von Sex zu trennen zu sein.
Kann man lieben, ohne Sex zu haben?
Wohl eher nicht.

Und was bleibt mir dann noch?
Ich habe mich nur gefragt: Was bleibt mir dann noch?
Immerhin ist es so, dass ich noch nie Sex hatte, und es auch gerade nicht so aussieht, als würde sich das bald ändern. Mehr noch – ich habe noch nie eine Frau geküsst, ich meine, so richtig. Und ich frage mich: Wenn Sex so wichtig ist, um zu definieren, dass ich einen Menschen liebe, und wer ich überhaupt bin, womit lässt mich das zurück.
Heißt das, dass ich noch nie geliebt habe?
Es hat sich nämlich verdammt noch mal anders angefühlt in den letzten Jahren.
Heißt das, dass ich noch gar nicht zu mir selbst gefunden habe?
Ich bin ja bereit, das zuzugestehen, dass ich auf dem Weg bin, dass ich noch nach 'Zuhause' suche. Aber ich bezweifle entschieden, dass Sex mir bei dieser Suche hilft. Vielmehr brauche ich dazu Gott und Geschichten und alles dazwischen.
Sex, scheint mir, spielt bei dieser Suche nur sehr bedingt eine Rolle.
Sollte ich also geliebt haben in den letzten Jahren, und auch heute, sowohl auf romantische Art, als auch sehr platonisch, aber trotzdem von ganzem Herzen, dann scheint mir Liebe viel mehr zu sein als Sex.
Vor allem scheint mir Sex ein viel zu schwaches Mittel zu sein, um zu definieren, was Liebe ist, und wer wir sind.
Dafür ist er zu zerbrechlich, zu heilig und zu sehr bedürftig, dass wir uns um ihn sorgen, um ihn kümmern, und ihn nicht verkümmern lassen.
Unsere Definition von Liebe und uns selbst darauf zu bauen, ob und mit wem wir schlafen, ist mir einfach zu unstetig. Eher vergleichbar damit, eine Kerze im Sturm anzuzünden – so romantisch das klingen mag, ein wenig praktikables Unterfangen.
Dafür ist Liebe einfach ein zu großes Konzept,
und wir zu verwirrende, faszinierende, komplizierte Wesen,
und Sex zu dichterisch und zerbrechlich.

Ist das alles?
C.S. Lewis hat einmal gesagt:
„Wir wissen eigentlich nichts darüber, zu lieben, bevor wir von der Liebe selbst berührt wurden.“ (in englisch, wesentlich schöner: touched by Love himself.)

Während er, gleichzeitig, sehr scharfsinnig feststellt:
„Wir benutzen eine sehr missliche Phrase, wenn wir über einen lüsternen Mann sagen, der durch die Straßen streicht, dass er „eine Frau will“. Klar ausgedrückt: Eine Frau ist ziemlich exakt, was er nicht will. Er möchte eine Befriedigung, für die eine Frau zufällig das nötige Mittel ist.“

Und wir – über das Finden von uns Selbst will ich hier gar nicht anfangen.
Sex, allerdings, dürfte kein Weg zu diesem Ziel sein.

God Bless,
no offense.

Restless Evangelical

P.S. Kommt nächsten Freitag wieder, wenn ich versuche, ein paar Gedanken darüber zu schreiben, wie wir denn beginnen können 'uns' zu finden und Liebe zu definieren. Beide Fragen lagen, für heute, außerhalb meines Fokus.

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