Donnerstag, 25. September 2014

gelesen & geschätzt #10

Gott muss doch eine Antwort haben!

Rezension zu: Ehrman, Bart D., God's Problem. How the Bible fails to answer our most important question – Why We Suffer., San Francisco: HarperOne 2008

Bart Ehrmans Büchers sind eine Herausforderung, soviel ist klar. Als Evangelikaler aufgewachsen, im Moody Bible Institute auf die Irrtumslosigkeit der Bibel eingeschworen, am Wheaton College vielleicht die qualitativ hochwertigste Ausbildung in (speziell: evangelikaler) Bibelwissenschaft erhalten, am Princeton Theological Seminary begonnen, an den Antworten seiner Kindheit zu zweifeln, hat ihn die Frage nach dem Leid in der Welt zu einem Agnostiker werden lassen.
Einen, der die evangelikale Bewegung von innen kennt, und ihre Antworten auf die großen Frage einmal auswendig kannte.
Einen, der gleichzeitig einer der angesehensten Bibelwissenschaftler der USA ist, der besonders in der Frage der Textkritik seine Sporen verdient hat.
Wenn so jemand ein Buch schreibt, in dem er sich mit den biblischen Antworten auf die Theodize Frage (die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts all des Leides auf der Welt), sollte man besser genau hinhören. Dabei ist zu betonen: Das Buch will tatsächlich genau das tun – analysieren, was die Autoren der Bibel zu dieser Frage zu sagen haben, es will nicht mit den aktuellen philosophischen Debatten interagieren!
Nachdem ich mich noch durch das Buch gewühlt habe (manchmal passt leider nur dieses Wort für den Zustand der Bücher, die ich gerade konsumiert habe), muss ich sagen, dass ich es (wie die anderen Ehrman Bücher, die ich bis jetzt gelesen habe) als eine Herausforderung betrachtet habe.
Allerdings auf andere Weise, als ich erwartet hatte.

1. Geschichtenerzähler?
Frustrierend empfand ich bei dem Buch, dass es zu einem sehr großen Teil aus Nacherzählungen des biblischen Stoffes bestand. Das Buch hat in 278 Seiten, aber den inhaltlichen Ertrag des Buches hätte man auf 100 schrumpfen können. Fast über die ganze Länge des Buches schreibt Ehrman wenig erhellenderes als eine Inhaltsangabe verschiedener biblischer Bücher.
Man könnte jetzt argumentieren, er tue dies, um den großen, erzählerischen Kontext des Buches auszuleuchten, den man ja – Grundkurs Hermeneutik – braucht, um ein Buch oder einen Text oder einen Vers richtig zu verstehen.
Über Strecken schien der Sinn aber weniger darin zu liegen, die darauf folgenden exegetischen Stellen einzuordnen (so sie denn überhaupt folgten), als mehr, das erzählerische Talent des Autors zu unterstreichen. Das man ihm auch nicht absprechen will. Es ist dennoch frustrierend, wenn man mehr als ein Geschichtenbuch lesen will.
An einer Stelle erzählt der Autor – nahezu ausschweifend – die Geschichte von Josef und seinen Brüdern nach, um zu dem Ergebnis zu kommen: der Autor der Geschichte denkt, dass Gott Gutes aus Bösem hervorzubringen in der Lage ist.
Wirklich? Erstaunlich. Besonders angesichts solcher Verse wie 1Mo 50,20.

2. Denker?
Noch frustrierender als die stellenweise quasi-epischen Erzählstränge fand ich allerdings das Problem, das dem Buch eher generell zu Grunde liegt. Das Autor ist auf der Suche nach der Antwort, die die Bibel auf die Theodizee-Frage geben will, und kommt am Ende jeden Kapitels zu dem Ergebnis, das diese Antwort (Gott bestraft Sünde, Menschen schaden anderen Menschen, Gott wird alles am Ende gut machen, Es ist ein Mysterium, es hat keinen Sinn, es sind böse Mächte am Werk usw.) nicht alles Leid erklären kann. Fair enough.
Aber was ihm dabei nie in den Sinn kommt ist die Möglichkeit, dass es vielleicht gerade deswegen mehr als eine Antwort in der Bibel gibt, weil es nicht eine Antwort auf eine so komplexe und zutiefst emotionale Frage wie die nach dem Leid gibt.
Ehrman scheint nicht wirklich auf der Suche nach einer Erklärung für das Leid zu sein, als viel mehr nach einer Erklärung für das Leid. Er will eine allumfassende Antwort finden. Und weil er diese nicht findet – zumindest nicht in der Bibel – kommt er zu dem gleichen Ergebnis wie Ivan in den Brüdern Karamasov (den er im Schlusskapitel auch zitiert), dass es keine allumfassende Antwort geben kann, und wenn es sie gäbe, das Leid zu furchtbar wäre, als das ein Gott – sollte es ihn denn geben – dadurch vom Harken gelassen werden könnte.
Aber vielleicht ist gerade das die Antwort. Vielleicht ist es eine viel zu sterile Herangehensweise an ein solches Thema, nach einer Antwort zu suchen, und wenn es diese nicht gibt, alles als sinnlos zu bezeichnen.
Vielleicht gibt es viele Ursachen für das Leid, das wir in unserem Leben erleben, und das wir in allen Spalten der Zeitungen lesen. Wenn man nämlich am Ende alle Antworten zusammen nimmt, die der Autor aus der Bibel herausfiltert (wenn man sich durch die Erzählungen gewühlt hat), dann scheint man dadurch schon eine ganze Menge des Leides mit einem liebenden Gott in Einklang bringen (wenn auch nicht erklären, aber eine Erklärung ist auch nicht, was eine trauernde Ehefrau braucht, die ihren Ehemann in einem Hurricane verloren hat). Aber für Ehrman ist es nicht die eine Antwort. Und deswegen ist es keine Ausreichende.

3. Bibelwissenschaftler!
An dem Buch bleiben die Ergebnisse eines begabten Bibelwissenschaftlers. Besonders die Kapitel über das Neue Testament (Ehrmans Heimatgebiet) sind durchaus aufschlussreich und stellen Fragen, denen es nachzugehen sich sicher lohnen würde. Die immer wieder explizit aufgeschriebenen Spitzen gegen seine evangelikale Erziehung scheinen mir unnötig, weil man nach dem ersten 50 Seiten als Leser irgendwann verstanden hat, dass er die Antworten seiner Kindheit nicht mehr hilfreich findet. An den (wenigen) Stellen, in denen der Autor eine wirkliche Betrachtung des Textes macht und exegetisch vorgeht, kann man aus dem Buch tatsächlich einiges Potential schlagen, über das sich nachzudenken lohnt,
und es kann dem Leser auch dabei helfen, die Antworten der biblischen Autoren auf die Frage des Leides ein wenig besser zu verstehen.

4. Fazit.
Es fällt mir schwer, das Buch wirklich zu bewerten. Die Abschnitte, die nicht Nacherzählung waren, waren teilweise exegetisch hervorragend, teilweise gespickt mit Theorien, die als Tatsachen hingestellt wurden (zwei Autoren des Hiobbuches, historischer Jesus, der sich nicht als Menschensohn gesehen haben soll etc.) die zwar nicht unhaltbar sind, aber dennoch umstritten.
Ich gebe dem Buch dennoch zwei Sterne, weil die Rosinen des Buches tatsächlich von hervorragender Qualität sind. Und weil Ehrman auch ein wirklich guter Autor ist; seine Bücher zu lesen ist eigentlich nie trocken.

God Bless,

Restless Evangelical.

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