Donnerstag, 4. September 2014

gelesen & geschätzt #7

Merkwürdig zwiespältig.

Rezension zu: Wilmer, Heiner, Gott ist nicht nett. Ein Priester fragt nach seinem Glauben, Freiburg: Herder 2013

Ich gebe zu, dass die römisch-katholische Seite des globalen Christentums in meiner Spiritualität nicht die größte Bedeutung hat. Das ist weder besonders gut, noch besonders schlecht, denke ich. Ein Mensch ist begrenzt, auch in den Kapazitäten, wo man sich überall Inspiration holt.
Und dennoch spielt der Katholizismus in Deutschland immer noch eine entscheidende Rolle. Nicht zuletzt durch einen Papst, der aktuell alle linken Zeitungen und Satiremagazine in den Wahnsinn treibt, weil er wirklich sympathisch ist; kein kalter Dogmatiker, sondern ein ehemaliger Kardinal, der mit dem Bus zu seinem Arbeitsplatz in Buenos Aires gefahren ist.
Deswegen war ich gespannt, als mir vor einigen Wochen Heiner Wilmers Buch 'Gott ist nicht nett' in die Hände gefallen war. Ich hatte noch nie ein Buch von einem Priester gelesen (bis auf Henri Nouwen, aber wir wollen ehrlich sein, Nouwen ist über alle Grenzen hinweg ein beeindruckender Mann! Das zählt nicht.)
Wilmer ist Provinzial der Herz-Jesu Priester in Deutschland. Was das genau bedeutet, weiß ich tatsächlich nicht, weil ich von den verschiedenen Amtsbezeichnungen schon in der evangelischen Kirche nicht viel anfangen kann. Als Provinzial, soviel habe ich aber verstanden, ist man aber Aufseher über einige andere Priester, muss viel reisen, und vor allem immer ein Glaubensvorbild sein.
Wie geht man als Glaubensvorbild damit um, wenn man an seinem eigenen Glauben verzweifelt?
Wie ermutigt man andere, Jesus zu predigen, wenn man an diesem Jesus gerade gar nichts zu schätzen weiß?
Wie kann man andere dazu anleiten, in ihrer Spiritualität zu florieren, wenn die eigene Geistlichkeit gerade trocken und leer wirkt?
Heiner Wilmer schreibt darüber, und hat mich dabei sehr berührt.

So überzeugend ehrlich
Was mich an Wilmers Buch überzeugt hat, war seine Ehrlichkeit. Es ist schwer, ein Buch zu finden, in dem ein geistlicher Leiter ganz offen über seine Schwierigkeiten mit dem Glauben schreibt, und er dabei nicht in der Vergangenheit schreibt.
Meistens sind die Zeugnisse über die eigenen Zweifel und Kämpfe immer Geschichten der Überwindung: „Ich hatte auch mal Zweifel, aber dann habe ich das Buch gelesen/den Prediger gehört/mich an dieses Bekenntnis erinnert/dieses Lied gesungen, und seitdem habe ich keine Zweifel mehr.“
Das Merkwürdige mit den Zweifeln als 'gestandener' Christ ist, dass sie zwar sehr real sind, aber man oft auch weiß, dass sie einen nicht wirklich von Jesus abbringen werden. Zuviel hat man mit ihm erlebt, zu überzeugt ist man schon gewesen, zu eng verwoben ist das eigene Leben mit der jahrhunderte-alten Spiritualität, dass man ihn einfach aufgeben könnte. Wie eine gesunde, jahre-alte Ehe, in der es einmal krieselt. Man gibt es nicht einfach auf.
Weil irgendwas an Jesus eben immer noch reizvoll ist; und sei es nur die Erinnerung, dass er einmal reizvoll war.
Wilmer:
„Anstrengend ist das. Deutsch kann man abwählen. Meinen Glauben an Gott nicht. Ich muss und will mit und über Jesus sprechen. Ich habe Sehnsucht danach, eine Sehnsucht nach Gott zu haben.“ (S.16)

Manchmal singt das, was wir wollen, und das, was wir fühlen, nicht das gleiche Lied. Und es fühlt sich an, als würden wir in einer völligen Dysharmonie leben.
Da müssen wir uns überlegen, auf welche Melodie wir achten, welche Töne wir durchlassen.

In der Erinnerung liegt erlösung. Wenn ich Gott im Leid und im Jetzt nicht spüren kann, wenn alles trüb ist und ich die Gegenwart nur verschwommen wahrnehmen kann – dann muss ich mich auf das Verlassen, was ich schon einmal wusste.“ (S.69)

So verstörend undeutlich
Und trotzdem hat das Buch mich nicht restlos überzeugt. Wilmer gliedert das Buch in 17 Kapitel, in denen er anhand eines alten römisch-katholischen Gebetes entlang geht und versucht, dieses Gebet neu zu beten. Zeile für Zeile hangelt er sich daran entlang und versucht, herauszufinden, was die jeweilige Zeile für jemanden bedeuten kann, der gar nicht genau weiß, ob er gerade beten will.
Nur, der Gebet gibt ihm schon echte Steilvorlagen, die er oft nicht annimmt.
Als er zum Beispiel beten will „In deinen Wunden berge mich“, wie stark könnte er dabei von der tröstenden Funktion des gekreuzigten Jesus sprechen? Wie deutlich wäre es möglich, zu zeigen, dass gerade in der Verwundung Jesu das Ereignis liegt, das mit Hoffnung gibt, in dem ich mich bergen kann, wenn die Welt zusammenbricht, weil ich weiß: „Die Sünde und die Zerstörung hat nicht das letzte Wort! Da ist einer, der für mich gebüßt hat, und dort kann ich mich bergen.“
Stattdessen schreibt er über seine eigenen Wunden, was merkwürdig ist, weil im Gebet nichts davon steht, dass Jesus uns 'vor meinen Sünden' bergen soll, oder etwas ähnliches.
Exemplarisch ist dieses Kapitel dafür, was ich oft gedacht habe. „Das war eine Steilvorlage, Heiner, um ein klares Bekenntnis zum historischen christlichen Glauben abzulegen; aber du schlitterst irgendwie haarscharf daran vorbei.“

So erfrischend anders
Wilmers Buch würde ich nicht empfehlen, wenn es um eine Darstellung christlicher Spiritualität geht, denn dafür fehlen mir darin zu viele zentrale Wahrheiten des Glaubens. Und dennoch, das Buch hat mich berührt, weil es so ehrlich war. Und weil darin ein Mensch von seinem eigenen Weg berichtet, auf dem er noch immer ist, den er noch nicht abgeschlossen hat.
Ich kann nicht sagen, dass ich das Buch empfehlen würde, weil ich etwas anderes erwartet habe.
Aber ich kann auch nicht sagen, dass ich davon abraten würde, denn dafür habe ich zu viel dadurch gelernt, bin herausgefordert und berührt worden.
Für die Ehrlichkeit gibt es 5 Sterne,
für die Uneindeutigkeit 2.
Das macht rechnerisch 3,5;
und das sind, aufgerundet, 4!

God Bless,

Restless Evangelical

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